Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

    Das Fremde als Bereicherung erkennen

    07:03 Minuten
    Porträts von László Földényi und Johny Pitts.
    Die zwei Preisträger des Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung: Der Ungar László Földényi (li.) und der Brite Johny Pitts © imago / gezett / Suhrkamp Verlag / Penguin / Jamie Stoker
    Von Alexander Moritz · 26.05.2021
    Audio herunterladen
    Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung hat zwei Preisträger: Johny Pitts wird für seinen Bericht über schwarze Communities in Europa geehrt, László Földényi erhält den Preis für 2020, weil die Verleihung ausfallen musste.
    Dankesworte nach einem Jahr Stillstand. Die Preisverleihung in der Leipziger Nikolaikirche ist ein Hoffnungszeichen für die Buchbranche – umso mehr, da gleich zwei Autoren mit dem Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung geehrt wurden.

    Preisverleihung im Livestream

    In diesem Jahr geht er an den britischen Essayisten Johny Pitts. 2020 schon wurde der ungarische Kunsttheoretiker und Übersetzer László Földényi ausgezeichnet. Wegen Corona wurde die Verleihung erst jetzt nachgeholt.
    Die fand im Livestream statt. In der Leipziger Nikolaikirche anwesend war nur ein kleines Publikum, darunter Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Preisträger Pitts konnte nur per Video zugeschaltet werden, da Großbritannien kürzlich erneut zum Virusmutationsgebiet erklärt worden war.
    Pandemie und Brexit – mit diesen zwei Herausforderungen für das Zusammengehörigkeitsgefühl Europas hätte Pitts beim Schreiben des nun preisgekrönten Buches noch nicht gerechnet.

    "Afropäisch" aus eigener Erfahrung

    Ausgezeichnet wurde der britische Essayist für den Reisebericht "Afropäisch. Eine Reise durch das schwarze Europa". Darin durchkämmt er als Backpacker europäische Großstädte und zeigt die Vielfalt des schwarzen Lebens zwischen Stockholm und Lissabon. Reisend reflektiert er auch die eigene Identität, seine Mutter ist eine weiße Arbeiterin aus der englischen Industriestadt Sheffield, sein Vater schwarzer Soul-Sänger aus New York – und er selbst schwarzer Brite mit europäischem Selbstverständnis.
    Pitts spricht mit Geflüchteten, die im Elendslager des sogenannten "Dschungel von Calais" gestrandet sind, und mit schwarzen Arbeitern, die in Paris im Eurostar-Hochgeschwindigkeitszug den Müll wegräumen, den reiche weiße Geschäftsleute hinterlassen haben. Es sind Unsichtbare, viele arm und prekär – und dabei ein selbstverständlicher Teil Europas.

    Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft

    In ihrer Laudatio würdigte die Verlegerin Elisabeth Ruge die präzisen Beobachtungen, mit denen der Autor das eigene romantische Bild "afropäischer" Identität zunächst in Frage stellt. "Und dennoch ist sein Bericht Voraussetzung für das, worauf wir hoffen müssen: eine gerechtere Gesellschaft, die sich auf ihre menschlichen Werte besinnt, die das Fremde als Bereicherung sieht, die - angereichert durch das melancholisch-utopische Werk von Johny Pitts - politisch in Aktion tritt."
    Pitts Werk widerspricht dem nationalistischen Mythos eines ethnisch homogenen Volkes. Indem er die Schwarzen Europas zu Wort kommen lässt, schafft er Raum für Empathie. Das tut er auch zum Ende seiner übersetzten Dankesrede:
    "Ich möchte diesen Preis auch im Namen aller schwarzen deutschen Schriftsteller und Denker annehmen, die in ihren Gemeinschaften kämpfen - die Jugendarbeiter, Mütter, Eltern, Betreuer, die keinen Preis bekommen und die trotzdem für die menschliche Verständigung kämpfen, die dieser Preis so wertschätzt."

    Melancholie als Mahnung

    Ausgezeichnet wurde auch der ungarische Kunsttheoretiker László Földényi für sein Buch "Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften", eine philosophisch anspruchsvolle Betrachtung über die Melancholie als Mahnung, ewiger Zweifel und dadurch Motor für gesellschaftlichen Fortschritt.
    "Sie hift uns zu erkennen, dass es etwas gibt, das über uns hinausgeht", sagt Földényi, "dass wir nicht allmächtig sind, dass wir trotz unserer Errungenschaften von etwas abhängig sind, auf das wir keinen Einfluss haben. Lob der Melancholie? Ja! Man kann sie gar nicht genug loben." Den mit 20.000 Euro dotieren Preis sieht der Autor als "Insel" für diejenigen, die menschliche Werte aufrechterhalten wollen.
    Die Preisverleihung bildet traditionell den Auftakt zur Leipziger Buchmesse. Die findet in diesem Jahr nur eingeschränkt statt. Zum zweiten Mal in Folge bleiben die Messehallen leer. Statt über 3000 Veranstaltungen umfasst das Rahmenprogramm "Leipzig liest" nur rund 400 Veranstaltungen, Diskussionen und Buchvorstellungen finden größtenteils online statt - ein Buchfest in klein. Immerhin 100 Lesungen gibt es dank der gesunkenen Inzidenz aber auch vor Publikum: im Freien, in Leipziger Hinterhöfen und Biergärten, auf Parkbühnen und sogar in der Tropenhalle des Leipziger Zoos.

    Buchmesse mit Neuanfang

    Für den Buchhandel ist das ein wichtiges Signal. Im ersten Quartal dieses Jahres verkauften die Buchhandlungen um ein Drittel weniger. Auch wenn man den Onlineversand einbezieht, bleibt ein Minus von 8%.
    Die Buchmesse könne nun ein Neuanfang sein, hofft die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friederichs. "Ich sehe Leipzig als Silberstreif am Horizont, als Licht am Ende des Tunnels: Jetzt geht's los, dieses Gefühl ist, glaube ich, da."
    Eines haben die Buchmessebeteiligten zum Auftakt immer wieder beschworen: Die nächste Buchmesse im März 2022 soll wieder mit echten Ständen in den Messehallen stattfinden.
    Mehr zum Thema