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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 04.04.2011

Leiden für Olympia 2014

Wie in Sotschi die Umwelt zerstört wird

Von Stefan Laack, ARD Moskau

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Baustelle eines Hotels im Kaukasus-Gebirge nahe Sotschi (dpa)
Baustelle eines Hotels im Kaukasus-Gebirge nahe Sotschi (dpa)

Der Kurort am Schwarzen Meer verliert durch die Veränderungen für die Olympischen Winterspiele seinen Charme und Erholungswert. Nicht nur Umweltschützer sind über die brachialen Baumaßnahmen entsetzt.

Erfahrene Sotschi-Touristen wissen es zu schätzen − seit September vergangenen Jahres ist das neue Flughafen-Terminal der Olympiastadt in Betrieb. Es gibt moderne Anzeigentafeln, großzügig gestaltete Warteräume und für die, die abfliegen, einen vernünftigen Check-in. Sotschi, der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 ist zumindest flughafentechnisch im Hier und Jetzt angekommen. Ende des Jahres soll der Flughafenbahnhof in Betrieb genommen werden, von wo aus die Besucher der Schwarzmeerstadt schnell und bequem nach Sotschi Zentrum fahren können.

Noch führt jedoch an Marschrutkas – überfüllten Kleinbussen – oder an überteuerten Taxen kein Weg vorbei. Die Straße vom Flughafen ins Zentrum ist noch nicht ausgebaut, lange Staus und Benzingestank erinnern an das Verkehrschaos in Moskau. Doch als Entschädigung bietet sich immer wieder der freie Blick auf das Schwarze Meer. In den Parkanlagen alter Sowjet-Sanatorien im neoklassizistischen Stil stehen hochgewachsene Palmen, es blühen Mimosen, während die Gipfel des nahen Kaukasus noch schneebedeckt sind.

Reiseleiter Vitalij Arbusow ist Überzeugungstäter – seit Jahrzehnten präsentiert er seine Heimatstadt Touristen aus dem In- und Ausland:

"Diese Region ist einmalig, die Berge schützen unsere Gegend vor kalten Winden aus dem Norden. Nur in unserer Gegend werden Mandarinen, Kiwis, Datteln und Tee angebaut. Vor zwei Tagen habe ich Delfine im Meer gesehen."

Den meisten Touristen hingegen werden wahrscheinlich lediglich die verstaubten Delfin-Drahtgestelle auf den Verkehrsinseln der Stadt auffallen. Von einem Schwarzmeerparadies, wie es Arbusow schildert, ist Sotschi weit entfernt. Die Olympiastadt gleicht einer riesigen Baustelle. Überall entstehen neue Hoteltürme. Alleen mit altem Baumbestand müssen breiteren Strassen weichen. Neue Stromleitungen werden quer durch das Zentrum gezogen.

Die Journalistin Swetlana Kravtschenko von der örtlichen Zeitung Tschernomorskaja Sdrawniza beobachtet die Veränderungen mit großem Unbehagen:

"Die Stadt verliert an Attraktivität. Das ist kein Kurort mehr. Es gibt hier Stellen, an denen Hochspannungsleitungen nur wenige Zentimeter an Wohnhäusern vorbeiführen. Wir, die Einwohner, und unsere Gäste brauchen keine riesigen Straßen. Das ist doch ein Erholungsort! Hier sollte man Fahrrad fahren, frische Luft atmen und Sport treiben. Statt Kinderspielplätze zu bauen, errichtet man Wolkenkratzer."

Kravtschenko glaubt den Versprechen der Regierung nicht, dass sich mit den Baumaßnahmen für die Olympischen Spiele die Infrastruktur für alle Bürger der Stadt verbessern werde:

"Im Stadtteil Krasnaja Poljana wurde ein neues Krankenhaus gebaut. Absolut wunderbar und schick. Aber wenn sie in das zweite städtische Krankenhaus fahren, sehen Sie, unter welchen Bedingungen die Menschen dort behandelt werden. Keiner wird in das neue Krankenhaus gebracht – alle nur in das alte. Das ist doch pure Augenwischerei. Das Gleiche gilt doch für Autobahnen oder Kläranlagen. Dass es Putin gut geht, daran haben wir keinen Zweifel, aber uns geht es schlecht!"

Sergej Below ist Chefredakteur der Tschernomorskaja Sdrawniza, eine der wenigen unabhängigen Zeitungen in der Region. Below ist selbst begeisterter Skifahrer. Jedoch hält er das Vorhaben, nahezu alle Objekte für die Olympischen Winterspiele in Sotschi aus dem Boden zu stampfen, für unverantwortlich. Die Zukunft des Kurortes würde aufs Spiel gesetzt:

"Zur Sowjetzeit gab es die Anordnung, dass es in den Städten 18 Quadratmeter Grünfläche pro Kopf geben müsse. Sotschi konnte früher 28 Quadratmeter Grünfläche vorweisen – heute entfallen auf jeden Einwohner nur noch 3,4 Quadratmeter. Das ist ja wie in der Wüste. Sogar in Chicago sieht es viel besser aus."

Sorge macht ihm auch, dass in kurzer Zeit eine große Zahl von 20- bis 30-stöckigen Hochhäusern gebaut wurden. Dies verschandele nicht nur das Stadtbild, es sei auch gefährlich:

"Sotschi liegt in einer seismisch aktiven Zone. Dies muss beim Bau der Häuser berücksichtigt werden. Die Erde bebt ständig. Ein Beben der Stärke 3 auf der Richterskala merken sie gar nicht. Inzwischen sind viele Hochhäuser auf Karstgrund errichtet worden. Sollte es zu einem stärkeren Beben kommen, werden diese Häuser wie Kartenhäuser zusammenfallen. Nicht von ungefähr durften früher alle Gebäude nicht mehr als fünf Etagen haben."

Zumindest die olympischen Sportstätten und Einrichtungen würden erdbebensicher gebaut, versichern die Organisatoren. Was allerdings auch dazu beigetragen hat, dass die Baukosten noch einmal in die Höhe geschossen sind. Auf 24 Milliarden Euro sollen sie sich nach Schätzungen belaufen. Allerdings dürfte auch die weit verbreitete Korruption ein Grund für die Kostenexplosion sein. Erst kürzlich ordnete Russlands Präsident Medwedew deswegen eine Untersuchung an. Ermittler gehen bereits Korruptionsvorwürfen beim staatlichen Sportanlagen-Bauer Olimpstroi nach. Anfang des Jahres wurde zum dritten Mal innerhalb von drei Jahren die Führung bei Olimpstroi ausgewechselt. Dort verweist man jedoch lieber auf die bislang erzielten Fortschritte beim Bau der Sportstätten. Umweltproblematik oder Korruptionsvorwürfe hin oder her.

In der Imeritinskaja Bucht, zirka 35 Kilometer vom Zentrum Sotschis entfernt, entsteht eines von zwei Olympia-Zentren. Von dem ehemaligen Feuchtgebiet, einer einst wichtigen Zwischenstation für Zugvögel, ist nicht mehr viel geblieben. Einen Steinwurf vom Strand des Schwarzen Meeres entfernt ragen Baukräne und Betongerippe in den Himmel. Sechs Stadien, kreisförmig angeordnet und in fußläufiger Entfernung zueinander, sind in ihren Konturen bereits zu erkennen.

Die große Eishockey-Arena mit 12.000 Sitzplätzen erhält derzeit ihre Dachkonstruktion. Für Alexandra Kasterena, Pressesprecherin von Olimpstroi, ist das Stadion eines der Prunkstücke des Olympiaparks:

"Das große Eisstadion wird auch Fabergé-Arena genannt. In der Kuppel werden Leuchtdioden installiert. Nachts wird die Glaskuppel dann so beleuchtet, dass verschiedene Bilder und Muster zu sehen sind, unter anderem die der bekannten Fabergé-Eier."

Mitte Februar stattet IOC-Mitglied Jean Claude Killy Sotschi einen Kontrollbesuch ab. Mit Bauarbeiterhelm und Sicherheitsschuhen ausgestattet, stellt er nach einem Rundgang zufrieden fest:

"Wir kommen mittlerweile fast jeden Monat hierhin und sehen hier Fortschritte, die unglaublich sind. Vize-Regierungschef Kosak hat mir mitgeteilt, dass 40 Prozent aller Bauprojekte abgeschlossen sind. Ende des Jahres werden es 75 Prozent oder sogar mehr sein. Es ist das größte Vorhaben in der Geschichte der modernen Olympischen Spiele. Wir haben die Spiele einem Land gegeben, in dem 80 bis 85 Prozent aller Einrichtungen neu gebaut werden müssen."

Angesprochen auf die Klagen vieler Umweltschützer, das UNESCO-Weltnaturerbe Westkaukasus würde durch die olympischen Spiele in Teilen zerstört, versucht Killy zu beschwichtigen:

"Russland entwickelt Produktionsstandards, die besser und besser werden. Das hängt natürlich auch mit den Winterspielen zusammen, die hier veranstaltet werden. Natürlich ist nichts perfekt – nirgends. Man kann nicht absolut zufrieden sein, jedem hier ist die Problematik bekannt. Ich habe mich persönlich hier mit vielen Umweltschützern getroffen, alle von uns machen große Fortschritte. Wir kennen das von den Winterspielen 1992 in Frankreich. Alles was du tust; macht zunächst einen schlechten Eindruck, wenn du solche Spiele organisiert. Aber irgendwann sieht dann alles viel besser aus."

Den Glauben daran hatte die Umweltschutzorganisation WWF schon im vergangenen Jahr verloren. Sie kündigte Ihre Zusammenarbeit mit Olimpstroi auf, da ihre Vorschläge zu einem gewissen Maß an Umweltverträglichkeit, in den Wind geschlagen worden seien. Wladimir Krewer vom WWF führt dies rückblickend auf den großen Zeitdruck zurück, unter dem Olimpstroi steht:

"Es gibt Standards für Bauarbeiten an ökologisch sensiblen Orten. Diese werden aber nicht eingehalten. Da die olympischen Sportstätten in nur drei bis fünf Jahren gebaut werden müssen, ist es fast unmöglich, alle gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren zu befolgen."

Von der Imeritinskaja Bucht, dem Olympiapark mit seinen Stadien, sind es noch einmal 45 Kilometer zum zweiten Schauplatz Krasnaja Poljana in den Bergen. Noch führt lediglich eine enge zweispurige Straße durch das gewundene Tal dorthin, wo 2014 alpine Skiwettbewerbe, die nordischen Disziplinen oder Bob- und Rodelwettkämpfe stattfinden sollen.

Schwer beladene Lastwagen quälen sich die Strecke hinauf. Die Fahrt führt vorbei an unzähligen provisorischen Containerbehausungen, in denen Tausende von Arbeitern untergebracht sind. Mit Hochdruck bauen sie auf der gegenüberliegenden Seite des Tals neue Tunnel. Aus dem Kiesbett des Bergflusses Msymta ragen Betonpfeiler heraus. Teilstücke der neuen Autobahn- und Eisenbahntrasse sind schon fertig. Für die Besucher der olympischen Wettbewerbe soll es eine kurze und bequeme Anfahrt nach Krasnaja Poljana werden. Doch das Argument, Spiele der kurzen Wege mit umweltfreundlichem Nahverkehr zu veranstalten, zählt für Dmitri Kopziow von der örtlichen Umweltschutzorganisation Ökologische Wacht Nordkaukasus nicht viel:

"Man spricht von grünen Spielen und baut gleichzeitig in einem Naturschutzgebiet. Zum Beispiel an diesem Fluss, über den die Stadt mit Wasser versorgt wird. Früher kamen Lachse aus dem Meer zum Laichen hierhin – das gibt es nun nicht mehr. Die Wasserqualität verschlechtert sich. Der Fluss ist so gut wie vernichtet."

So seien beispielsweise bei Tunnelarbeiten, für die auch chemische Stoffe verwendet würden, giftige Abwässer in Zuflüsse der Msymta geleitet worden. Kopzow hält dies für eine der größten Umweltsünden der jüngsten Zeit, auf die bereits die Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEP) aufmerksam gemacht wurde:

"Noch sind die Schäden lokal begrenzt. Aber wenn Abwasser und Abfälle weiterhin in großem Stil in den Fluss geleitet werden, kann sich das zu einer Katastrophe entwickeln. Die Msymta ist eine der wichtigsten Trinkwasserressourcen für die gesamte Stadt."

Anscheinend hat die Kritik etwas bewirkt. Auf Druck der UNEP verpflichteten sich die an dem Bauprojekt beteiligten Parteien, das Ökosystem des Flusses Msymta wiederherzustellen. Dmitri Tschernischenko, Präsident des Organisationskomitees, nannte die Empfehlungen unabhängiger internationaler Umweltexperten eine wichtige Bereicherung. Schließlich hätte Russland erst kürzlich grüne Standards eingeführt – da seien solche Ratschläge unglaublich wichtig.

Doch für wichtige Bereiche des Nationalparks Westkaukasus kommt diese Erkenntnis reichlich spät. Die Bauarbeiten sind weit vorangeschritten. In einst unberührte Wälder wurden Trassen für Skipisten geschlagen. Die Bewohnern von Krasnaja Poljana sind die Veränderungen in ihrem Ort nicht entgangen. Der Mittdreißiger Andrej ist hier aufgewachsen. In den 70er-Jahren entdeckte er das Skifahren. Seine ersten Bretter waren noch aus Holz und stammten aus polnischer Produktion. Die kurzen Skipisten präparierte er mit seinen Kumpels selbst. Heute gibt es in Krasnaja Poljana vier Skigebiete, teils mit modernsten Gondeln ausgestattet. Dafür sind längst viele Tierarten, die hier früher anzutreffen waren, verschwunden.

Andrej: "Es gab Hirsche, Gemsen und Bergziegen. Ich habe noch alte Fotos davon. Ab und zu waren auch Bären zu sehen. Oberhalb der heutigen Gazpromtrasse gibt es das sogenannte Bärentor, weil man sie dort häufiger treffen konnte. Jetzt gehört das Gebiet zum Reich von Gazprom."

Waren es früher hauptsächlich Erholungssuchende, Naturliebhaber und Wanderer, die hier Urlaub machten, so hat sich das Bild der Touristen verändert. Diejenigen, die jetzt kommen – drei Jahre vor den Olympischen Spielen – wollen hauptsächlich Sotschis zukünftige Olympiapisten vorab testen.

"Die Infrastruktur ist schon gut entwickelt. Natürlich muss daran noch gearbeitet werden. Die Bauarbeiten sind im Gange. Alles entwickelt sich – Service, Infrastruktur, Hotels. Man gibt sich Mühe, russische und ausländische Gäste freundlich und mit guter Laune zu empfangen", meint etwa ein Urlauber aus dem nicht weit entfernten Krasnodar.

Doch überteuerte Hotelzimmer, Dauerbeschallung mit lauter Popmusik und ein kulinarisches Angebot, dass oftmals nur russische Hausmannskost zu bieten hat, sind für westliche Touristen gewöhnungsbedürftig. Für einen Ort, der in der obersten Liga europäischer Ski-Resorts mitspielen will, ist das zu wenig. Dennoch glaubt der Präsident des Organisationskomitees Tschernischenko daran, dass Sotschi auch für Urlauber aus dem Westen attraktiv sein wird. Schließlich werden in der Schwarzmeerstadt zukünftig auch noch Formel-1-Rennen und Spiele der Fußball-WM 2018 ausgetragen:

"Wenn wir derartige Attraktionen in der Region haben, werden Fluggesellschaften ihre Verbindungen nach Sotschi ausweiten. Die Situation bei den Unterkünften ist noch nicht ganz stimmig – es entstehen noch so viele Hotels. Es ist eine große Herausforderung, noch 22.000 Gästezimmer in verschiedenen Kategorien zu bauen. Das wird auf jeden Fall die Zahl der Gäste erhöhen. Bei größerem Angebot werden dann auch die Preise sinken."

Doch Dmitri Kopzow von der Ökologischen Wacht hat seine Zweifel:

"Natürlich wird sich die Region auch nach den Spielen entwickeln, zumindest in den ersten Jahren danach. Aber selbst Sportfachleute werden sich 2020 nur mühsam daran erinnern, dass es hier olympische Spiele gab. Ich als Ökologe hätte eine behutsame Entwicklung des Kurortes befürwortet. Durch die Anhäufung riesiger Sportanlagen will man doch nur maximalen Profit erzielen. Dies führt dazu, dass die Natur letztlich ruiniert wird. Die Menschen, die sich hier früher Häuser gekauft haben, verlassen die Gegend. Damit büßt Krasnaja Poljana seine Attraktivität ein. Es ist ja heute schon der Fall."

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