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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.09.2011

"Leichte Sprache hat nicht den Anspruch, schön zu sein"

Leichte-Sprache-Expertin lobt die Übersetzungen der Berliner Wahlprogramme

Annette Flegel im Gespräch mit Dieter Kassel

Viele Menschen können Texte, die zum Alltag dazugehören, nicht verstehen, erläutert Annette Flegel. (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)
Viele Menschen können Texte, die zum Alltag dazugehören, nicht verstehen, erläutert Annette Flegel. (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

Die Sozialpädagogin Annette Flegel hat das Netzwerk Leichte Sprache im Jahr 2003 mitgegründet. Ziel sei es, dass die Menschen, die Probleme haben, Texte zu verstehen, besser am Leben teilhaben und eben auch wählen gehen können. Die Übersetzungen der Berliner Parteiprogramme hält sie für gelungen.

Dieter Kassel: Rainer Brandes mit Ausschnitten aus den Wahlprogrammen der Parteien Die Linke, die Grünen und der SPD in Berlin. Für die Parteien und für ihre Wähler mag das relativ neu sein, Texte in Leichter Sprache zu verfassen, für Annette Flegel ist es das nicht. Die Sozialpädagogin aus Frankfurt am Main übersetzt bereits seit 2003 regelmäßig schwierige Sprache in Leichte Sprache, und sie hat zusammen mit anderen das Netzwerk Leichte Sprache aufgebaut. Jetzt sitzt sie für uns in Frankfurt im Studio. Schönen guten Tag, Frau Flegel!

Annette Flegel: Guten Tag!

Kassel: Waren das jetzt gerade gelungene Beispiele für eine Übersetzung in leichte Sprache, was wir da gehört haben, so vom ersten Eindruck her, oder würden Sie schon wieder sagen, na ja, gut gemeint, aber nicht gut gemacht?

Flegel: Nein, also vom ersten Eindruck her würde ich sagen, dass die gelungen sind.

Kassel: Was für Regeln gibt es denn, wenn man auch als Laie etwas übersetzen will in Leichte Sprache?

Flegel: Ganz wichtig ist, dass man kurze Sätze macht, also wenn es geht, ein Gedanke pro Satz, keine Schachtelsätze macht, dass man Fremdwörter erklärt und Abkürzungen und am besten sowieso vermeidet. Aber ich sag mal, wenn sie sich nicht vermeiden lassen, dann sollte man sie erklären. Das hat man ja auch bei dem Wahlprogramm der SPD gesehen, da wurde SPD als Abkürzung noch mal erklärt.

Kassel: Muss es wirklich so, wenn wir gerade dabei bleiben, so einfach werden, dass die SPD zum Beispiel sagt, wir sind eine Partei, weil da frage ich mich, wo ist die Grenze zwischen Leichter Sprache und Kindersprache?

Flegel: Da gibt es auf alle Fälle eine Grenze zwischen leichter Sprache und Kindersprache. Leichte Sprache soll auf keinen Fall Kindersprache sein, sondern sich an erwachsene Menschen richten. Nichtsdestotrotz denke ich, ist es für manche, die gerade beginnen, sich für Politik zu interessieren, durchaus wichtig, noch mal zu erklären, dass die SPD eine Partei ist.

Kassel: Aber wie kriege ich es zum Beispiel hin, wenn ich für Menschen – wir werden gleich darüber reden, welche Menschen das alles sein können – für Menschen, die auf Leichte Sprache auch angewiesen sind, etwas formuliere, wie kriege ich das hin, dass ich dabei nicht herablassend, arrogant wirke? Ich kann mir vorstellen, das ist so ein ganz schmaler Grad, dass man sich nicht hinsetzt und sagt, du, jetzt hör mal zu, jetzt mach ich’s für dich mal ganz leicht.

Flegel: Ja, da muss man einfach aufpassen, man muss vor allen Dingen im Gespräch sein mit den Leuten. Das ist uns ja auch besonders wichtig, dass ich jetzt nicht hier sitze und einen Text schreibe und sage, so, das ist jetzt leicht, sondern dass ich mich mit den Menschen, der Zielgruppe austausche, was ja in der Regel Menschen mit Behinderung sind, also Menschen mit Lernschwierigkeiten, die man früher geistig behindert genannt hat. Denn das werden die Menschen dann anmerken, wenn sie es herablassend finden.

Kassel: Ist denn die Leichte Sprache vor allen Dingen entwickelt worden für Menschen mit geistigen Behinderungen, mit Lernbehinderungen, für wen?

Flegel: Ja, in erster Linie kommt es daher. Genau. Weil man einfach festgestellt hat, dass sehr viele Texte, die zum Alltag dazugehören, nicht verstehen können, damit auch nicht teilhaben können an ganz normalen Vorgängen der Gesellschaft, wie eben wählen gehen, ja. Und daraus hat sich das abgeleitet, dass man sagt, man möchte auch für Menschen mit diesen Behinderungen ein Recht auf eine Leichte Sprache haben, so wie blinde Menschen ein Recht auf Blindenschrift haben oder gehörlose Menschen ein Recht auf Gebärdensprache.

Kassel: Das heißt, in einer perfekten Welt gäbe es jeden Text, den es überhaupt gibt, auch in Leichter Sprache?

Flegel: Also das kann ich jetzt so nicht sagen, ob man jeden medizinischen Fachtext, den ein Professor für seine Studierenden schreibt, ob man den jetzt auch in Leichte Sprache übersetzen müsste, aber es wäre natürlich wünschenswert, dass sehr viele Texte, die zum Alltag dazugehören, eben auch in Leichter Sprache zugänglich sind. Und wenn eben ein Mensch zum Arzt geht, und eine Diagnose bekommt von dem Arzt und möchte die gerne erklärt haben in einer Sprache, die er auch versteht, dann sollte er ein Recht darauf haben.

Kassel: Aber werfen wir hier jetzt nicht gerade – das ist mir schon vorher aufgefallen, auch bei Informationen des Netzwerks – zwei Dinge in einen Topf? Das eine sind Geistig- oder Lernbehinderte oder zum Beispiel, haben wir noch gar nicht drüber gesprochen, auch Menschen, für die Deutsch eine Fremdsprache ist, die sie noch nicht besonders gut beherrschen – das ist eine Gruppe, da gibt es unterschiedliche Statistiken in Deutschland, irgendwas zwischen 20 Prozent und einem Drittel, die das betrifft. Dann gibt es aber uns alle. Sie und ich, wir haben ja bestimmt auch schon mal einen Text von unserem Arzt nicht verstanden, wir haben schon mal unsere Steuererklärung nicht verstanden, wir haben schon mal irgendwas, was uns ein Anwalt erklären wollte, nicht verstanden. Sind das nicht zwei völlig verschiedene Dinge, Fachchinesisch und normales Deutsch?

Flegel: Nein, sind es nicht unbedingt. Ich würde mal sagen, für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten sind eben Texte, die andere Menschen wie wir jetzt zum Beispiel verstehen, trotzdem einfach zu schwer geschrieben, dass sie sie eben nicht verstehen können. Es gibt ja auch die moderne Amtssprache zum Beispiel oder verständliche Verwaltungssprache, indem man in Ämtern schon Sachen leichter schreibt. Aber das ist immer noch nicht die Leichte Sprache, so wie das Netzwerk Leichte Sprache sie versteht – die ist einfach wirklich noch ein Schritt leichter.

Kassel: Wir reden heute Nachmittag gerade – und jetzt lachen wir auch noch gerade – im Deutschlandradio Kultur mit Annette Flegel. Sie ist eigentlich Sozialarbeiterin, Onlineredakteurin und Mitbegründerin des Netzwerks Leichte Sprache, und über diese Leichte Sprache sprechen wir.

Und ich würde gerne, Frau Flegel, noch mal über ein paar Regeln reden und dann mit Ihnen auch darüber reden, wo vielleicht manchmal, auch wenn Sie konkret übersetzen, Probleme entstehen. Es gibt zum Beispiel eine, wie man mit Zahlen umgehen sollte. Da gibt es ein Beispiel, man soll zum Beispiel nicht sagen 14.997, sondern sagen viele. Das ist nun aber doch manchmal ein bisschen uneindeutig. Nehmen wir mal an, diese knapp 15.000 wären die Menschen in Deutschland, die was bestimmtes machen – das ist von 82 Millionen natürlich nicht viele.

Flegel: Das stimmt. Ich muss sagen, dass ich dieses Beispiel jetzt auch wirklich gerade nicht sehr gelungen finde, das ist wirklich das von den Regeln, was ich am schlechtesten finde, und ich hätte in dem Fall eher genommen, man sagt nicht 1123 Menschen, sondern über 1000.

Kassel: Das heißt, da gibt es auch Diskussion, aber …

Flegel: Ja!

Kassel: Ich finde aber, diese Eindeutigkeit – jetzt ärgere ich Sie, weil ich bin mir jetzt schon sicher, die Regel, mit der ich jetzt komme, da sagen Sie auch, na ja! Denn wenn wir zum Beispiel nehmen, ein anderer Hinweis ist der Umgang mit Jahreszahlen, wenn das Ganze schon relativ lang zurückliegt. Da steht dann wieder – Sie ahnen es jetzt schon: 867 sagt man nicht, man sagt vor langer Zeit. 867 oder 300 Jahre vor Christus ist auch ein Unterschied. Muss man manchmal – Sie arbeiten ja konkret als Übersetzerin – diese Kompromisse machen, zu sagen, an sich stimmt es nicht mehr genau, aber so ist es am leichtesten zu verstehen?

Flegel: Also man muss ganz sicherlich Kompromisse machen, aber man ist auf alle Fälle ja auch immer in Kontakt mit den Auftraggebern, und letztlich sind die das, die das entscheiden. Und wenn die sagen, das ist mir zu ungenau, wird man in dem Fall eben sagen, ja, das war ungefähr 800 vor Christus.

Kassel: Aber es gibt natürlich auch die Kritik, und die wollen wir jetzt nicht weglassen. Wenn man so Beispiele nimmt, wie - wieder eine Regel, aber ich glaube, gegen die haben Sie vermutlich nichts: Eine Regel ist, möglichst nicht den Genetiv zu verwenden, sondern den Dativ, also das einfachste Beispiel, nicht zu sagen, das Haus des Lehrers, sondern das Haus vom Lehrer. Und dann kommt natürlich manch einer an und sagt, oh, das klingt überhaupt nicht schön, da geht Sprache kaputt.

Flegel: Ich denke, meistens kann man es umschreiben, dass man auch auf dieses vom noch verzichtet, wenn man es jetzt wirklich gar nicht mag, aber grundsätzlich gilt trotzdem, Leichte Sprache hat nicht den Anspruch, schön zu sein. Sie hat den Anspruch, verständlich zu sein und so viele Menschen wie möglich zu erreichen, und das ist das Kriterium. Dass wir dann manchmal auch Wörter anders schreiben, zum Beispiel dass wir Wörter trennen, die nach deutscher Rechtschreibung zusammengeschrieben werden, das ist eben so. Wenn wir in der Prüfungsgruppe rausfinden, dass die Menschen, wenn das Wort Eingliederungshilfe zum Beispiel getrennt ist, in zwei Wörter, wenn die das dann besser lesen können, dann schreibe ich das getrennt, denn das ist mein Kriterium.

Kassel: Trotzdem zu dieser Frage, die uns, glaube ich, leicht durch den Kopf gehen kann, wir hatten das schon, als wir auch darüber geredet haben, wann man vielleicht nicht ganz exakt sein kann, wenn man in Leichter Sprache schreibt. Das ist eine Funktionssprache, also auch Sie plädieren nicht dafür, irgendwann mal nur noch Leichte Sprache anzuwenden, also Gedichte in Leichter Sprache zu schreiben oder Romane?

Flegel: Also ich finde es schön, wenn es das als Angebot zusätzlich gibt. Es gibt zum Beispiel das Tagebuch der Anne Frank, gibt es auch in einer Fassung in leichter Sprache, und ich finde es sehr schön, wenn sich Menschen, die mit dem Originaltext überfordert wären, einfach auch einen einfacheren Text dazu anschauen können und dann da auch mitreden können und sich mit diesem wichtigen Thema befassen können.

Kassel: Aber das ist ganz wichtig, es soll, zumindest in solchen Bereichen – Belletristik, andere Dinge –, immer ein Zusatzangebot bleiben. Sie werden jetzt nicht irgendwie den Schriftstellern sagen, lasst es bleiben, schreibt von Anfang an in Leichter Sprache – ich stelle Sie mir gerade vor in der Diskussion mit Günter Grass.

Flegel: Nein, das wäre ja auch völlig absurd, und man möchte ja auch nicht Menschen, die das nicht brauchen, die Leichte Sprache überstülpen, also darum soll es gar nicht gehen. Es soll einfach darum gehen, dass die Menschen, die bisher keine Chance hatten, Texte zu verstehen, dass die eben auch Texte verstehen können.

Kassel: Merken Sie persönlich manchmal, nachdem Sie so lange schon mit Leichter Sprache umgehen, wenn Sie Briefe schreiben, in denen das nicht erforderlich ist, Leichte Sprache zu benutzen, merken Sie manchmal, ich hab es aber auch gar nicht nötig, schwierige zu benutzen, es geht ja auch klar und deutlich?

Flegel: Ja, das merke ich schon. Also ich denke, Briefe, wenn ich jetzt offizielle Briefe schreibe, dann schreibe ich die eher nicht in leichter Sprache, das würde man dann eher verständliche Verwaltungssprache nennen oder so. Aber es ist wirklich so, dass man auch viele Fremdwörter und vor allem auf solche Schachtelsätze verzichten kann.

Kassel: Schon wieder ein Grund zu lachen. Das ist jetzt der letzte für heute. Ich danke Ihnen sehr! Annette Flegel war das, Sozialarbeiterin, Onlineredakteurin und Mitbegründerin des Netzwerks leichte Sprache. Und unter der Internetadresse dieses Netzwerks, das ist einfach die absolut simple Adresse leichtesprache.org. Im Internet bekommt man weitere Informationen. Frau Flegel, vielen Dank, und ich werde versuchen, mir Ihren indirekten Hinweis gerade eben zu Herzen zu nehmen!

Flegel: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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