"Leichensammler"

Rezensiert von Helmut Böttiger |
Im Jahre 1950 schuf ein weithin unbekannter Autor namens Juan Carlos Onetti aus Montevideo die moderne Literatur Lateinamerikas. Die Stadt, die er in seinen Romanen am Ufer eines riesigen Stroms gründete, heißt Santa Maria und liegt an einem ungewissen, schwebenden Ort, der seine Ausrichtung ständig verändern kann.
Sie hat manchmal die Dimensionen einer Großstadt, durch die nachts die Straßenbahnen fahren, und manchmal schnurrt sie zusammen zu einer kleinen, engen Welt, die nur von wenigen Figuren bevölkert wird.

Onetti weist seine Figuren immer sofort als literarische Entwürfe aus. Sie können zum Teil selbst als Autor des Romans fungieren. Dadurch stellt sich ein spezifischer Spannungszustand her, etwas nie richtig Greifbares zwischen Traum und Wirklichkeit. Der größte Unterschied zu seinem Schüler, dem Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez, ist, dass in Onettis Welt nichts vordergründig "phantastisch" wird, da erhebt sich niemand in die Lüfte und es tauchen nirgends Fabel- oder Märchenwesen auf. Onettis Welt ist auf den ersten Blick ganz real und konkret. Onettis magischer Realismus ist deshalb magisch, weil er die menschliche Wahrnehmung in allen Einzelheiten auslotet und dadurch eine Welt umreißt, die zunächst vertraut erscheint, aber allmählich immer diffuser und rätselhafter wird.

Die Hauptfigur der beiden Romane, mit denen der Suhrkamp-Verlag seine große Werkausgabe von Juan Carlos Onetti beginnt, heißt Larsen, mit dem Spitznamen "Leichensammler", weil er seine Karriere als Zuhälter mit alten, abgehalfterten Huren angefangen hat. Der erste Roman erzählt die Geschichte von Larsens Bordell in Santa Maria, von den triumphalen ersten Wochen bis zur erzwungenen Schließung. Zwischen der Bordellgeschichte taucht immer wieder die Gestalt des einsamen Arztes Diaz Grey auf, der wie der Geist des Erzählers agiert, eine undurchschaubare Identifikationsfigur, die die Künstlichkeit alles Wirklichen bloßstellt.

Onetti ist ein Meister in der Inszenierung von Zwischenwelten. Der Roman folgt der Logik des Traums, und als solcher ist er glasklar. Die Figuren sind getrieben von unbestimmbaren Sehnsüchten, von einem nicht zu kontrollierenden Geschick. Santa Maria ist durchdrungen von Schwüle, von einem morbiden, lastenden Klima und einer trägen Sinnlichkeit, der die einzelnen Figuren hilflos ausgesetzt zu sein scheinen. Der Leichensammler aber erhält durch die Besessenheit und Vergeblichkeit seines Tuns wie von selbst eine künstlerische Dimension.

Der zweite Roman mit dem Titel "Die Werft" wirkt wie ein Satyrspiel zu der vorangegangenen Bordellgeschichte. Larsen kommt fünf Jahre, nachdem er Santa Maria als Gescheiterter verlassen hat, wieder in die Stadt und gerät in den Bannkreis des abgetakelten Werftbesitzers Petrus. Obwohl das Unternehmen eindeutig bankrott ist und keine Arbeiter mehr beschäftigt, heuert Larsen dort als fiktiver "Hauptgeschäftsführer" an. Dass Larsen hier untergehen muss, steht fest. "Die Werft" ist eine gewaltige, schwarze Vision, die den Leser durch die grotesken, ungeheuren und verzerrten Momente der Handlung in ihren Bann zieht.

Juan Carlos Onetti: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band 3: Leichensammler
Roman. Deutsch von Anneliese Botond.
Die Werft. Roman. Deutsch von Curt Meyer-Clason
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
530 Seiten, 29,90 Euro