Bildungspolitik

Ideen gegen den Lehrermangel

04:25 Minuten
Autos fahren an einem Plakatmotiv der Thüringer Lehrergewinnungskampagne vorbei.
Sie fehlen vor allem an Grundschulen, aber auch in Berufskollegs und Gymnasien: Lehrerinnen und Lehrer. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild / Martin Schutt
Ein Kommentar von Michael Felten · 19.01.2022
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Das Problem ist nicht neu und die Entwicklung wurde vorhergesagt. Dennoch gibt es derzeit viel zu wenige Lehrkräfte an Schulen. Ex-Lehrer und Bildungsaktivist Michael Felten kennt die Gründe genau. Er weiß aber auch, wie man dem Mangel entgegenwirken könnte.
Eigentlich weiß es jeder: Deutschland braucht mehr Lehrer. Genauer gesagt: sehr viel mehr! Sie fehlen vor allem an Grundschulen, auch in Berufskollegs, in Gymnasien zumindest in einzelnen Fächern.
Alleine in Nordrhein-Westfalen waren schon vor Jahresfrist 4000 Lehrerstellen unbesetzt, trotz Medienkampagnen, Aktivierung von Pensionären oder Delegation junger Studienräte an Grundschulen. Und die geburtenstarken Jahrgänge nähern sich weiterhin dem Ruhestand, der Mangel wird sich noch verstärken. Fast schon zynisch die Stellungnahme des Schulministeriums in Düsseldorf: „Sehr gute Beschäftigungsaussichten für Lehrkräfte“.

Ob die Kultusbehörden es einfach verschlafen haben, dass die Geburtenraten schon lange stiegen? Oder ob sie kaltblütig darauf hofften, unter der Digitalisierung brauche man schlichtweg weniger Lehrkräfte? Es ist jedenfalls nicht mehr zu ändern. Man müsste kurzfristig und kreativ Abhilfe schaffen. Aber die Sache scheint komplex, ja schier verhext: Jede Maßnahme, die hier Besserung bringt, tut dort jemandem weh, lässt ihn aufheulen und abwehren.

Grundschullehrer aufwerten - mit Geld und Prestige!

Ganz klar: Würde man Lehrkräfte an Grundschulen nicht lebenslang mit der niedrigsten Gehaltsstufe abspeisen und der höchsten Wochenarbeitszeit belasten, wäre der Beruf schon mal attraktiver. In Japan heißen Grundschullehrer "Professor" und werden auch als solche bezahlt, weil sie die ersten Weichen stellen; zudem müssen sie nur 17 Wochenstunden unterrichten.
Gäbe das hierzulande eine Lehrerschwemme! Das Geld dafür wäre ja vorhanden. Allerdings müssten Finanzminister ihre Schwerpunkte anders setzen, zumal in NRW, das pro Kind nur 70 Prozent des Bundesdurchschnitts für Bildung aufwendet.

Auch kann es doch nicht so schwer sein, das Nadelöhr Studium und Ausbildung zu weiten. Warum gibt es so wenig Studienplätze fürs Lehramt? Warum vergrault man interessierte Abiturienten durch übertriebenen Numerus clausus? Warum müssen sich Studenten für die Primarstufe mit hochabstraktem Mathestoff herumschlagen, was nicht wenige vorzeitig scheitern lässt? Und warum vermittelt die Referendarszeit nicht effektiver, wie man schwierige Klassen meistern und unruhigen Kindern helfen kann - so dass Junglehrer seltener das Handtuch schmeißen?

Der Quereinstieg ist besser als sein Ruf

Ein weiteres kurzfristiges Handlungsfeld: stärker für den "Quereinstieg" ins Lehramt werben, denn dieser ist besser als sein Ruf. Nach einer Studie der Uni Potsdam von 2020 schneiden Seiteneinsteiger im Sekundarbereich zumindest fachlich im Vergleich mit traditionell ausgebildeten Lehrern keineswegs schlechter ab. Sie sind sogar stressresistenter.

Und warum nicht - zumindest vorübergehend - mehr Zusatzkräfte rekrutieren? Die gemeinnützige Bildungsinitiative "Teach First Deutschland" etwa setzt Hochschulabsolventen für zwei Jahre an Schulen in sozialen Brennpunkten ein. Diese unterstützen Schüler gezielt bei Übergängen und Abschlüssen. Das entlastet unterbesetzte Schulen, weil diese Fellows - quasi Lehrer im Gesellenstatus - erfolgreich Aufgaben übernehmen, zu denen sonst die Zeit fehlt.

Schluss mit übertriebener Bürokratie!

Es muss bald etwas passieren, und zwar eigentlich mehreres gleichzeitig. Weil es nicht um ein Luxusproblem geht, sondern um das Entwicklungswohl unserer Kinder heute. Und damit auch um die Zukunft der Gesellschaft als ganzer morgen. Sie fehlen uns nämlich, immer stärker, überall - im Handwerk, im Ingenieurswesen, in der Pflege: kundige, einsatzfreudige, belastbare junge Menschen.

Viel mehr Lehrer braucht das Land, und sie sollten in Ruhe unterrichten können. Verschonen wir sie mit unnötigen Beschwerden, unausgegorenen Reformen und übertriebener Bürokratie. Würde etwa NRW seine Schulinspektion QA - ohnehin als wirkungsarm umstritten - abspecken, also auf freiwilliges Schulfeedback à la Schleswig-Holstein umstellen, würden bis zu 500 Lehrkräfte für die reguläre Unterrichtsversorgung frei. Um ein altes Sprichwort abzuwandeln: In der Misere funktioniert Schule auch mit weniger Papieren.

Michael Felten, geboren 1951, hat 35 Jahre Mathematik und Kunst an einem Gymnasium in Köln unterrichtet. Er publiziert zu Bildungsfragen und arbeitet weiterhin in der Lehrerausbildung sowie als freier Schulberater. Er ist Mitbegründer der aktuellen Initiative Bildung NRW - da geht doch mehr!.

Michael Felten
© privat

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