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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.03.2014

Legendär-linkslastigDer Wagenbach Verlag wird 50

Geschäftsführende Verlegerin über die Erfolgsstrategien ihres Hauses

Susanne Schüssler im Gespräch mit Katrin Heise

Messebesucher lesen an den Bücherregalen der Leipziger Literaturmeile auf der Buchmesse Leipzig. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Messebesucher lesen an den Bücherregalen der Leipziger Literaturmeile auf der Buchmesse Leipzig. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Der Verkauf einer Wiese machte es möglich: Mit 100.000 D-Mark gründete Klaus Wagenbach vor 50 Jahren seinen Verlag. Inzwischen hat er große Teile des legendär-linkslastigen Hauses an seine Frau Susanne Schüssler verschenkt. Mit ihr haben wir über das Büchermachen im digitalen Zeitalter, die Förderung junger Autoren und über die Frage gesprochen, warum es bei Wagenbach das "Konsenslektorat" und eine "Herzklausel" gibt.

Katrin Heise: Der unabhängige Verlag für wilde Leser, der Wagenbach-Verlag wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Zunächst galt er ja als so eine Art rotes Gespenst. Der Wagenbach-Verlag war mit der 68er-Bewegung eng verbunden, mit Autoren wie auch Ulrike Meinhof, Wolf Biermann, Erich Fried. Heute haben Bücher aus und über Italien einen sehr hohen Stellenwert, aber natürlich nicht nur sie. Über die Geschichte des Verlages, über Erfolge, Misserfolge, über das Büchermachen im digitalen Zeitalter möchte ich jetzt gleich sprechen mit Susanne Schüssler. Sie ist die geschäftsführende Verlegerin, und zwar seit zwölf Jahren mit Klaus Wagenbach verheiratet. Ich grüße Sie!

Susanne Schüssler: Guten Tag!

Heise: Nein, es sind auch schon mehr als zwölf Jahre, es sind 14 Jahre inzwischen.

Schüssler: Ja, ja, das wird immer mehr.

Heise: Genau. Nee, zwölf. Jetzt verrechne ich mich gerade, ich war jetzt schon im Jahr 2016. Freuen Sie sich eigentlich, Frau Schüssler, bei diesen Jubiläumsfeiern auf das ewige Zurückblicken oder werfen Sie lieber einen Blick nach vorn?

Schüssler: Na ja, das ist so ein bisschen zweischneidig. Auf der einen Seite ist unser Verlag ja doch ein Verlag mit einer Geschichte, und zwar einer ziemlich wilden Geschichte auch. Es gab Polizeibesetzungen des Verlags, es gab Gerichtsverfahren, es gab Auseinandersetzungen intern und so weiter. All das kann man natürlich nicht einfach in den Mülleimer werfen. Ganz im Gegenteil, man muss aus diesen Auseinandersetzungen ja auch was mitnehmen. Die Geschichte des Verlags ist auch deshalb wichtig, weil wir sehr langfristige Programmpolitik machen. Das heißt, wir sind sehr skrupulös in unseren Entscheidungen. Das heißt, wenn ich heute was entscheide, dann sollte das eine Entscheidung sein, die auch in zehn Jahren noch gültig ist. Also, wenn wir 1987 etwas entschieden haben oder 1995, ist es schön, dass wir irgendwie eine vielleicht einigermaßen überlegte Entscheidung getroffen haben, und diese Titel heute immer noch lieferbar sind. Also wir leben auch mit unserer Vergangenheit, wir leben mit den Autoren, die wir entschieden haben, wir versuchen Sie langfristig im Verlag zu halten.

Heise: Das ist ja auch ein Image, mit dem man eben …

"Schwierige Autoren durchzusetzen, macht uns Spaß"

Schüssler: Das ist ein Image und das ist ein Kapital. Das ist ja auch beides. Also, wenn man viel Umsatz aus der Backlist bezieht, aus eben diesen skrupulösen Entscheidungen, dann ist der Verlag natürlich sehr viel, steht auf sehr viel gesünderen Beinen. Trotz allem ist unser Blick eigentlich immer der nach vorne, weil es ist unser großes Vergnügen, immer wieder neue Autoren zu finden, neue Autoren auch durchzusetzen, das ist sehr wichtig. Und ich glaube, als kleiner Verlag, der Schwerpunkte setzt und der ein klares Profil hat, wie das bei uns der Fall ist, kann man sehr viel leichter schwierige Autoren auch durchsetzen, und das macht uns am meisten Spaß.

Heise: Weil man auch dann wiederum seinem Image auch da verbunden bleibt, nämlich sich da nicht durch Äußerlichkeiten irgendwie gleich Angst einjagen zu lassen, dass vielleicht jemand schwerer vermittelbar ist. Sie haben von den skrupulösen Verlagsentscheidungen gesprochen, Verlagsentscheidungen, von denen man jetzt immer wieder liest oder immer wieder erfahren hat, dass sie zum Teil im Konsens gefällt wurden.

Schüssler: Nicht nur zum Teil, sondern das ganze Lektorat basiert auf diesen Konsensentscheidungen.

Heise: Ist das nach wie vor so?

Schüssler: Das ist nach wie vor so. Und das hat natürlich furchtbare Nachteile. Wir sind manchmal ganz langsam, und bis wir uns entscheiden, und es ist mühsam, wir diskutieren alle, müssen lesen. Deswegen sind wir im Übrigen auch auf fünf Sprachen beschränkt. Bei uns gibt es nur deutsche, italienische, spanische, französische und natürlich auch englische Autoren. Mehr können wir nicht lesen, also mehr schaffen wir nicht, mehr können wir nicht leisten. Aber wir lesen alle gemeinsam eben diese Autoren.

Es ist immer so, es gibt eine diktatorische Entscheidung, die ist die einsame des Lektors, ob er etwas vorschlagen will oder nicht. In dem Moment, wo es aber mal in der Runde ist, müssen alle ran. Und dann dauert es ein bisschen, ist mühsam, ist anstrengend, aber es hat enorme Vorteile. Es hat den Vorteil, dass man sich in der größeren Runde weniger leicht irrt. Also man macht es sich sehr viel schwerer, und man irrt sich dann hoffentlich weniger häufig. Und wenn fünf oder sechs hinter einem Titel stehen, mit Überzeugung, dann – und das ist sehr wichtig für uns als kleinen Verlag, kann man diese Überzeugung auch leichter nach außen tragen. Das heißt, sowohl innerhalb des Vertrags, in den Vertrieb, in die Presse und so weiter, als auch zu den Vertretern und dann eben auch in Buchhandlung und Presse.

Also diese große Überzeugung, die wir mitbringen, dieses Engagement, diese Begeisterung für Autoren, die macht es uns möglich als kleinem Verlag, macht es uns möglich, diese Begeisterung eben auch weiterzutragen, und, wie gesagt, es ist manchmal für uns als kleinen Verlag leichter, diese Autoren durchzusetzen als für einen großen Verlag, der eine riesige Marketingmaschine hat, der aber nicht dieses Engagement mitbringt.

Heise: Wenn Sie aber dieses Engagement, Sie haben es ja auch beschrieben in dem, was es voraussetzt, nämlich, dass alle sich dieser Arbeit eben auch stellen und auch keiner sein Spezialgebiet irgendwie nur beackert oder nicht nach rechts oder links schauen kann – wobei wir das jetzt anderen Verlagen auch nicht unterstellen wollen, aber es ist natürlich ein großer, hoher Anspruch, in den schnell, immer schneller werdenden digitalen Zeiten denke ich mir, dass das aber auch immer schwerer tatsächlich zu leben ist.

Schüssler: Na ja – wir können schon auch mal schnell sein, das ist nicht der Punkt. Aber es ist anstrengend oder aufwändiger. Es gibt dann noch bei uns so kleine Nebenzweige. Es ist die Herzklausel, also, es ist ja auch so, dass manchmal Mehrheiten irren, oder man muss davon ausgehen, dass auch Mehrheiten irren können. Leider mussten wir das ja immer wieder mal erfahren, dass Mehrheiten irren.

So, und wenn es jetzt einen gibt von uns, der von einer Sache sehr, sehr überzeugt ist und alle anderen sich nicht so gut überzeugen lassen, dann muss er einen Moment still sein und muss sagen – einmal tief durchatmen – ich will es aber trotzdem. Das heißt, er zieht die Herzklausel, also mein Herz hängt an diesem Buch, und dann wird das Buch trotzdem gemacht, und es sind meistens sehr interessante Bücher, weil, wie gesagt, Mehrheiten können sich irren, und wenn jemand es wagt, sich gegen alle zu stellen, dann hat er gute Gründe.

Heise: Aus dem Verlagsalltag berichtet Susanne Schüssler. Sie leitet den Wagenbach-Verlag und ist zu Gast im Radiofeuilleton. Frau Schüssler, können Sie sich an Ihr erstes Wagenbach-Buch erinnern, als Leserin?

Schüssler: Ich glaube, das war "Vaterland, Muttersprache", und das ist insofern besonders schön, weil ich später dann an der Fortschreibung von "Vaterland, Muttersprache" selbst mitgearbeitet habe und die letzten zehn Jahre noch ergänzt habe. Das ist ein wunderbares Buch, was Aussagen deutscher Schriftsteller über ihren Staat sammelt, und zwar west- und ostdeutscher Schriftsteller.

Heise: Der Wagenbach-Verlag trägt nicht nur den Namen, sondern auch die Prägung von Klaus Wagenbach, Ihrem Mann. Wie war eigentlich der Übergang von ihm zu Ihnen als Geschäftsführerin? Das stelle ich mir relativ schwierig vor.

"Wagenbach hat eine richtige Ausbildung gehabt"

Schüssler: Nein, das war überhaupt nicht schwierig, weil ich war ja schon lange im Verlag. Und es ist ja auch so, dass wir zuerst zusammengearbeitet haben, und dann sind wir privat zusammengekommen. Also uns hat die Leidenschaft für die Bücher und das Büchermachen verbunden, für die Inhalte und das schöne Buch, also auch das handwerklich sehr sorgfältig gemachte Buch. Das ist uns sehr wichtig, ist uns beiden sehr wichtig. Klaus Wagenbach hat angefangen als Hersteller, hat eine richtige Ausbildung gehabt. Und ich habe das auch von der Pike auf gelernt. Mein Vater war Leiter in einem medizinischen Fachverlag. Also, ich habe auch noch Klebeumbruch gelernt. Das heißt, es ist was, was uns auch beide immer so interessiert hat und verbunden hat.

Na ja, und ich war schon eine Weile im Verlag und habe auch, glaube ich, da schon einige Veränderungen durchgesetzt, bevor es überhaupt dazu gekommen ist, sodass da nie ein Bruch sichtbar war. Möglicherweise ist das eine sehr weibliche Herangehensweise, dass man nicht kommt und sagt, hopps, jetzt bin ich hier, hoppteropp, und jetzt wird alles anders – das ist so, glaube ich, ein bisschen eher eine männliche Herangehensweise.

Ich habe mir überlegt, ich möchte nicht, dass ein Bruch sichtbar wird. Ich möchte natürlich Dinge verändern, aber man kann Dinge auch sehr gut in langen Zeiträumen verändern, und es ist sehr viel schöner, sie langsam zu verändern, als so von heute auf morgen alles neu zu machen. Weil, man hat Leser, die den Verlag mögen, so wie er ist, und die muss man auch halten, und die sind, finde ich, sehr wichtige Leser. Und man muss dann immer wieder neue dazugewinnen.

Heise: Man muss immer wieder neue dazugewinnen, und Sie haben auch eben gerade noch mal dieses – man spürte quasi das Buch in der Hand, wie Sie es eben beschrieben haben, wie Sie es auch selber noch gelernt haben mit dem Klebeumbruch. Inzwischen sind es immer wieder digitale Bücher. Dieser Spagat, dieses …

Schüssler: Ja, es gibt natürlich bei uns auch E-Books, und es gibt dann manchmal auch E-Books, die recht erfolgreich sind im Verhältnis zu dem gedruckten Buch, aber es gibt auch andere Reihen, wie die Reihe Salto, für die der Verlag bekannt ist, die rote, wunderbare, schöne Leinenreihe – das Leinen lassen wir extra für uns einfärben, farbiges Vorsatzpapier, Fadenheftung und all diese schönen Dinge, die man eben selten findet. Oder manchmal findet man schöne Dinge, und dann sind sie so überzogen, dass es zum Kunsthandwerk herabkommt, das muss man auch sagen. Und das ist einfach eine Reihe, die ist so schön, dass wir auch entschieden haben, die wird es nicht als E-Books geben.

Heise: Hätte man ja auch eigentlich nichts davon, also, wenn sie sich ja –

Schüssler: Man könnte Alan Bennett natürlich auch als E-Book verkaufen. Alan Bennett finden Sie auf dem deutschen Markt nicht als E-Book, und all die anderen Titel, die in dieser Reihe sind, ob das nun ein französisches Kochbuch ist, was gerade herausgekommen ist – was auch immer.

Heise: Ihnen lag noch sehr am Herzen, auf etwas hinzuweisen, was Ihrem Verlag eben auch sehr wichtig ist, nämlich Lesungen – die jetzt natürlich nicht nur im Rahmen der 50-Jahr-Feier, da gibt es eine Ausstellung, gibt es wahnsinnig viele Lesungen –  aber generell am Herzen liegen.

Schüssler: Ja, generell ist es so, dass wir, das hatte ich ja schon ein bisschen angedeutet, versuchen, viele junge neue Autoren vorzustellen. Und wenn Sie Autoren, die unbekannt sind, auch durchsetzen wollen, dann müssen Sie mit denen auch was machen, dann müssen die reisen, dann müssen die sich präsentieren, dann müssen die auch ein Interview geben und so weiter. Und wir haben jetzt in diesem Programm einen ganz grandiosen Autor, der ursprünglich aus Afrika kommt, aus Benin, in Kanada aber lebt und eine Geschichte geschrieben hat über Afrika. Sie ist nicht in einem bestimmten Land angesiedelt, sie könnte überall sein, von Kindern, jugendlichen Menschen, die sich kennenlernen, die sich wieder verlieren. Und er beschreibt deren zum Teil wirklich brutales Schicksal, muss man sagen. Die Kinder werden verkauft, sie müssen als Sklaven arbeiten, sie werden geschlagen, misshandelt, und helfen sich aber auch gegenseitig. Es gibt auch eine Liebesgeschichte. Und diese Geschichte, die endet damit, dass einer in ein Boot nach Europa steigt. Das heißt, wir erfahren die Vorgeschichte von dem, was wir täglich in den Medien wahrnehmen müssen.

Und diese Empathie, mit der diese Geschichte erzählt wird, vermittelt natürlich sehr viel mehr als jedes Sachbuch. Und, ja, Ryad Assani-Razaki heißt der Autor, und er kommt auch nach Berlin. Er ist morgen Abend im "Heimathafen", und das Buch heißt "Iman" und ist sehr hart, sage ich. Aber wenn Sie 20 Seiten gelesen haben, können Sie nicht mehr aufhören. Das ist das Schrecklich daran.

Heise: Unser Rezensent hier hat es auch sehr ans Herz gelegt. Also, in Berlin zu hören, der Autor selber, in Leipzig liest er auch auf der Buchmesse. Vielen Dank auch für diesen Ausblick, vielen Dank, Susanne Schüssler, für Blicke in Vergangenheit und Zukunft. Sie leitet den Wagenbach-Verlag, und dort feiert man dieses Jahr 50. Verlagsjubiläum. Schönen Tag wünsche ich Ihnen und viel Spaß bei den Feierlichkeiten!

Schüssler: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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