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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 28.07.2016

LebensmittelindustrieJunkfood und Mangelernährung in Südafrika

Von Thomas Kruchem

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Ein Viertel aller südafrikanischen Kinder leiden unter Mangelernährung.  (picture alliance / Nic Bothma)
Ein Viertel aller südafrikanischen Kinder leiden unter Mangelernährung. (picture alliance / Nic Bothma)

Viele arme Menschen in Südafrika ernähren sich von billigem Junkfood: Keksen, Chips und Maisbrei. Auch weil Nahrungsmittelkonzerne einheimische Lebensmittelproduzenten verdrängt haben.

Nachdenklich blickt Anna Matsidisu auf den blau-gelben Nahverkehrszug, der die öde Hochlandsteppe durchquert. Eisiger Wind fegt über die Steppe; und Anna – eine vielleicht 40jährige, sehr korpulente Frau – trägt einen schwarzen Umhang über dem grünen T-Shirt und eine Wollmütze. Gemeinsam mit Jacob, ihrem schmächtig und schüchtern wirkenden Mann, füllt sie zwei Mal zwei Meter große Kunststoffsäcke mit kaputten Plastikflaschen.

"Wir haben die Flaschen nach ihrem Wert sortiert – in den Sack die Cola-Flaschen zu zwei Rand das Kilo, in den braunen die Saftflaschen zu 50 Cent. Dazu kommen ein Haufen Fischdosen zu einem Rand 50 das Kilo und etwas Aluminium, für das sie uns vier Rand geben. Macht insgesamt rund 2.000 Rand diesen Monat, 110 Euro. Das muss reichen für meinen Mann und mich; für meine beiden Töchter, die noch zur Schule gehen, und für meinen Sohn, der nur rumsitzt, weil er keine Arbeit findet. Maismehl und Zwiebeln kaufe ich von dem Geld, ab und zu etwas Dosenfisch, Seife und Paraffin zum Kochen."

Kliptown, ein Armenviertel der Township Soweto in Südafrika. Rostige Wellblechfetzen. Wasser kommt aus einem öffentlichen Hahn.

Den Eimer im Kunststoffklo draußen leert die Stadtverwaltung einmal pro Woche. Überall liegt Müll.

100 Euro Sozialhilfe für acht Personen

Zwei Schritte hinter einer braunen Eisentür – eine andere Welt. Musik umfängt den Besucher und der Duft von Kernseife. Die Morgensonne taucht den Eichenlaminat-Fußboden in warmes Orange, Steppdecken auf zwei Betten in verspieltem Bunt. Und Mama Melo sitzt zwar in einem Sessel, aus dessen weinrotem Plüsch der Schaumstoff quillt; doch ihre helltürkis-weiß gestreifte Bluse und ihr hell-lila Rock leuchten in der Sonne und ihr markant geschnittenes Gesicht strahlt Würde aus, Freundlichkeit und Wärme. – Mühsam erhebt sich die fast 80-Jährige, serviert Tee und erzählt von einem Leben, das ihr oft den Schlaf raubt.

"Meine beiden Töchter sind tot. Deshalb versorge jetzt ich meine sieben Enkel – mit 1.800 Rand Sozialhilfe im Monat, einhundert Euro. Maismehl, Reis und Zucker hole ich in fünf Kilo-Packs im Supermarkt; Tee und Gemüse im "tuck shop" dort drüben. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie hungrig die Kinder sind, wenn sie von der Schule kommen. Ich gebe Ihnen dann 'mealie papp', Maisbrei, mit Spinat oder Bohnen; zum Frühstück kann ich leider nur eine Suppe mit etwas Maisbrei auf den Tisch stellen."

Südafrika, 53 Millionen Einwohner, das wirtschaftlich mit Abstand stärkste Land Afrikas. Dennoch ein Land mit viel Armut und Mangelernährung: 26,5 Prozent der Kinder sind "stunted", chronisch mangelernährt. Sie sind in ihrem Wachstum zurückgeblieben und werden zeitlebens unter körperlichen und geistigen Einschränkungen leiden.

Missernte angesichts der historischen Dürre in Südafrika.  (Deutschlandradio / Leonie March)Missernte angesichts der historischen Dürre in Südafrika. (Deutschlandradio / Leonie March)

Wichtige Ursachen: Südafrika hat die wohl höchste Einkommensungleichheit weltweit. 40 Prozent der Südafrikaner sind arbeitslos, 15 Millionen leben von Sozialhilfe. Und weil die Apartheid ihnen fast alles Land raubte, produzieren nur wenige schwarze Südafrikaner Nahrungsmittel. Hinzu kommt: Die Apartheid und die HIV-Pandemie haben das Lebensmodell der traditionellen Familie untergraben. Viele Kinder wachsen bei einer Großmutter auf; nur 7,5 Prozent der Babys werden in den ersten sechs Monaten gestillt.

Immer weniger Milch, Fleisch, Gemüse

Viele essen stattdessen Junkfood, meint Julie Smith. Sie leitet in der Stadt Pietermaritzburg eine Organisation, die die Preise von Nahrungsmitteln verfolgt. Der durchschnittliche Monatslohn liege bei 3.000 Rand, sagt Julie, bei 170 Euro. Ein Zwei-Liter-Karton Milch koste aber schon 26 Rand.

"Wir stellen fest, dass die Menschen in den Townships immer weniger Geld für Essen ausgeben. Sie kaufen zunehmend billigere und weniger nahrhafte Lebensmittel. Milch, Fleisch und Gemüse stehen immer seltener auf dem Einkaufszettel, stattdessen stärkehaltige Nahrungsmittel. Denn die füllen den Bauch."

Nährstoffarme Kekse, Margarine und ölhaltige Chips sind für Arme Südafrikaner die Mittel der Wahl, um zu überleben. Aber sogar deren Preise steigen weit schneller als die Einkommen der Menschen. Der wichtigste Grund: Die Lebensmittelproduktion und der Handel werden von wenigen Unternehmen kontrolliert: Den Löwenanteil der Rohstoffe wie Mais, Weizen und Zucker sowie Saatgut und Dünger produzieren wenige große Agrarunternehmen, berichtet am Telefon, David Sanders, Professor für öffentliche Gesundheit an der Universität Kapstadt.

"Premier produziert das 'Blue Ribbon'-Brot, Premier Foods 'Sasco'-Brot, Tiger Brands 'Albany'-Brot. Diese drei Firmen haben einen Marktanteil von 50 bis 60 Prozent beim Grundnahrungsmittel Brot. Ihnen gehören auch die Mühlen, von denen das Mehl kommt."

Ideale Bedingungen für Preisabsprachen, die nur selten aufgedeckt werden. Schließlich: 60 Prozent des Lebensmittelhandels in Südafrika kontrollieren vier Supermarktketten – Pickn‘ Pay, Shoprite, Woolworth und Spar. Diese Ketten bestimmen das Angebot. Und das sieht im Armenviertel Kliptown ganz anders aus als im reichen Sandton.

Weniger Auswahl, mehr Junkfood in den Supermärkten der Townships

Während der hell beleuchtete Shoprite Sandton in langen Kühlregalen Frischfleisch, Fisch, Obst, Gemüse und Milchprodukte anbietet, stehen im trüben Licht des Shoprite Kliptown Paletten voller Mais-und Weizensäcke, voller Zwei-Kilo-Würfel Margarine, Back- und Kochfett. Daneben lange Reihen von Zwei-Liter-Flaschen Cola und ein schmales Angebot ungekühlt haltbaren Joghurts.

"Unsere Supermarktketten bieten in den Townships eine deutlich geringere Auswahl an Lebensmitteln an als in den Wohngegenden der Mittelschicht; weniger Frischwaren, dafür mehr hoch verarbeitete und kalorienreiche, aber nährstoffarme Nahrungsmittel. Das Angebot an Proteinen und Mikronährstoffen ist sehr begrenzt."

Eine Alternative zum Einkauf haben Anna und Jacob Matsidisu und Mama Melo nur im kioskähnlichen Tuck Shop um die Ecke. Inhaberin Anna Ngcobo verkauft dort Zigaretten, Bonbons und Kekse auch einzeln.

"50 Cent, drei Euro-Cent, kann jeder ab und zu mal ausgeben für einen Keks. Eine Packung dieser Chips hier kostet drei Rand. Die und die Kekse mögen die Kinder am liebsten. Bei den Getränken ist natürlich Coca-Cola die Luxusmarke – sechs Rand die kleine Flasche. Ich habe aber auch billigere Getränke, "Cooee Iron Brew", zum Beispiel; die Flasche zu zwei Rand."

Im schäbigen Regal des Shops stehen kleinste Tütchen: selbst abgepacktes Fett, Zucker und Mehl; der Preis auf dem ersten Blick niedrig, pro Gewichtseinheit jedoch sehr hoch. Die Ärmsten zahlen mehr; und oft soll es sich bei Tuck Shop-Ware um abgelaufene Supermarkt-Bestände handeln. Aber wen stört's, solange er bei Anna Ngcobo Kredit hat.

Kochen? Zu viel Arbeit

Im Tal der tausend Hügel der halbtropischen Provinz KwaZulu-Natal arbeiten 20 fröhlich schwatzende Frauen in einem kommunalen Garten; gießen Tomaten, Salatköpfe, Bohnen. Der 30 mal 50 Meter große Garten wirkt wie eine Insel der Seligen in einer Region, die ansonsten fast ausschließlich mit Busch bestanden ist. Nur da und dort gedeiht zwischen verstreut stehenden Rundhütten ein wenig Mais.

Den kommunalen Garten finanziert derzeit die lokale Hilfsorganisation "The Valley Trust". Wie lange er Bestand hat, bleibt abzuwarten. Noch eine halbe Stunde, sagt eine korpulente junge Frau, dann sei Feierabend. Dann kaufe sie ein beim Shoprite jenseits des nächsten Hügels; und morgen gehe es ins Fastfood-Restaurant, zu KFC oder zum "Hungry Lion" – mit der ganzen Familie. Am Wochenende auch noch kochen, das sei ein bisschen viel der Arbeit. S’bongiseni Vilakazi, der drahtige, fast dürre Leiter der Hilfsorganisation, blickt skeptisch.

"Es gibt Menschen ein gewisses Statusgefühl, wenn sie ihrer Familie ein paar Mal im Monat eine KFC-Box mitbringen können. Und sie glauben ihre Kinder zu verwöhnen, wenn sie sie in ein Fastfood-Restaurant einladen. Dies auch deshalb, weil solche Restaurants und die Getränkehersteller ihre Produkte als gesund anpreisen. Viele Menschen hier glauben das, und sie glauben, mit dem Fastfood-Konsum sich und ihren Kindern etwas Gutes zu tun."

Südafrikaner im Townsip Masiphumelele in Kapstadt (dpa / picture alliance / Nic Bothma)Südafrikaner im Townsip Masiphumelele in Kapstadt (dpa / picture alliance / Nic Bothma)

Von verführten Opfern eines aufgezwungenen Ernährungswandels hat der Kapstädter Gesundheitsexperte David Sanders gesprochen. Die großen Nahrungsmittelunternehmen, Supermarkt- und Fastfood-Ketten ließen den Menschen keine Wahl, als Junkfood zu konsumieren.

"Dies ist meiner Meinung nach die wichtigste Ursache für das Doppelproblem aus chronischer Mangelernährung und rapide wachsendem Übergewicht in unseren Townships. Fettleibigkeit tritt neuerdings immer früher im Leben der Menschen auf – und insbesondere in armen Bevölkerungsschichten. Wir verzeichnen dort eine starke Zunahme von Erkrankungen wie Diabetes, Herzproblemen und hohem Blutdruck."

Ähnlich besorgt hat sich in Kliptown Nokutula Mhene gezeigt, eine Ernährungsexpertin, die für Oxfam Südafrika arbeitet.

"42 Prozent der erwachsenen Frauen Südafrikas sind fettleibig. Viele Kinder sind zurückgeblieben im Wachstum und dick. Um die gesundheitlichen Folgen falschen Essens kümmert sich kaum jemand. Für manche ist Fettleibigkeit sogar ein Zeichen von Wohlstand: Man kann sich viel Essen leisten. Und wenn jemand, der dick ist, abnimmt, fragen die Leute: 'Ist der vielleicht HIV-positiv?' Angesichts dessen ziehen es viele Übergewichtige vor, dick zu bleiben."

Seit 1990 habe sich die Diabetesrate in Teilen der Bevölkerung verdreifacht, sagt die Ernährungsexpertin. Auch bei Kindern sei Diabetes auf dem Vormarsch. Besonders tragisch: Menschen, die in früher Kindheit mangelernährt sind, haben ein besonders hohes Risiko, später übergewichtig zu werden und an Bluthochdruck zu erkranken, an Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes. Dies deshalb, weil sich der Körper eines als Kind schlecht ernährten Menschen anpasst.

Schlüsselfaktor beim Übergewicht: Armut

Er programmiert sich darauf, später Nahrung optimal zu verwerten. Und die relativ wenigen Kalorien, um Übergewicht anzusetzen, sind mit Junkfood schnell konsumiert. Die Folge: eine doppelte Last der Fehlernährung in armen Familien und Bevölkerungsgruppen. Schlecht ernährte Kinder können ihr körperliches und geistiges Potenzial nicht entwickeln. Erwachsene derselben Familien werden Opfer von Fettleibigkeit und deren Folgeerkrankungen. In einem Artikel der in den USA erscheinenden medizinischen Fachzeitschrift PLOS Medicine heißt es lakonisch:

"Paradoxerweise legen Forschungsergebnisse nahe, dass Armut und nicht Wohlstand ein Schlüssel-Risikofaktor ist beim Konsum ungesunde Nahrungsmittel."

Zum Gesundheitsrisiko kommt das Kostenrisiko. Die Behandlung von zum Beispiel Diabetes ist extrem teuer. Die großen südafrikanischen und internationalen Nahrungsmittelkonzerne scheren sich wenig darum. Über die Hälfte der Fernsehwerbung in Südafrika preist aggressiv Junkfood an – Frühstückszerealien, Süßigkeiten, Softdrinks. Die wichtigste Zielgruppe: Kinder.

Da bestehen in einem Spot zehnjährige Jungen wilde Abenteuer, bevor sie aus bunt bedruckten Plastikbechern zuckrigen Glibber in Bonbonfarben schlürfen dürfen. In anderen Spots weinen magere und schmächtige Kinder, weil ihnen ein Getränkepulver verweigert wird. Und dann tritt das hübsche Super-Kind auf: fröhlich, clever, energiegeladen – weil ihm die liebevolle Mama das Glas mit genau diesem Pulver füllt. Solche Werbung, die Kindern Gesundheitsvorteile durch Junkfood verspricht, wäre hierzulande kaum erlaubt. In Südafrika jedoch darf sie bei den schwächsten und wehrlosesten Mitgliedern der Gesellschaft eine fatale Sogwirkung entfalten – beklagt in Soweto Monowabisi Mcophela, ein protestantischer Pfarrer.

"Wir haben eine Kultur entwickelt, unsere Kinder zu bestechen, indem wir ihnen Schokolade oder andere Süßigkeiten geben. Das zeigt sich besonders in unseren Kindergärten: Täglich bekommen dort die Kinder süße Snacks von den Kindergärtnerinnen. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung mit meinen acht- und vierjährigen Söhnen, von denen der jüngere noch den Kindergarten besucht. Hat unser Kind Geburtstag, müssen wir Eltern dort ein Paket abliefern – voller Junkfood, dessen Zusammensetzung der Kindergarten detailliert vorschreibt: ein Päckchen für jedes Kind mit Chips, ein Saftgetränk, ein süßer Riegel und Kuchen. Für vielleicht hundert Kinder des Kindergartens musst du dann hundert Päckchen packen."

Schon im Kindergarten gibt es Junkfood

Mbulelo Mnyamana meint, in den Kindergärten Südafrikas würden die Kinder mit Junkfood vollgestopft – auch an den Schulen. Das von der Regierung bezahlte Mittagessen dort habe eigentlich die Funktion eines Sicherheitsnetzes, erklärt der Leiter einer Bürgerinitiative mit dem Namen "Besorgte Bürger Sowetos". Es solle garantieren, dass die Kinder mindestens eine richtige Mahlzeit täglich bekommen. Das Problem: die Belieferung der Schulkantinen wird an Privatunternehmen vergeben.

"Wer auch immer die Ausschreibung gewinnt, will einen möglichst hohen Gewinn machen. Deshalb gibt er für Nahrungsmittel so wenig Geld aus wie möglich. Oft bekommen die Kinder nur zwei Scheiben Brot und ein kleines Stück Gemüse zu ihrem Teller 'Mealie Papp'. Das ganze Ausschreibungs- und Vergabesystem ist zutiefst korrupt, und am Ende leiden die afrikanischen Kinder.

Dazu kommt das Problem der Kioske auf den Schulhöfen. Niemand kontrolliert, welche Nahrungsmittel dort zubereitet und verkauft werden. Sehr beliebt ist 'Kota' – Brot, gefüllt mit vor Fett triefenden Fritten, mit 'Achar', in Öl eingelegtes Gemüse, und mit 'Polouni', fette Wurst. 'Kota'" ist der Renner auf den Schulhöfen und überall in den Townships. Den Kindern schmeckt das Zeug so gut, dass manche einen Mord dafür begehen würden."

Peggy Sonti ist eine fröhliche junge Frau. An diesem sonnigen Morgen verkauft sie an einer Straße der Township Ivory Park bei Johannesburg in Öl gebackene Küchlein aus Maismehl und Zucker. Wenn die Küchlein alle sind, besucht Peggy Nachbarinnen – mit einem attraktiven Produkt zum Einführungspreis: ein Porridge aus Maispulver, angereichert mit 17 Vitaminen und Mineralstoffen, erhältlich in drei Geschmacksrichtungen Vanille, Banane und Erdbeere. Ein Porridge, das wenig Arbeit macht: der Inhalt eines Portionsbeutel wird mit kochendem Wasser vermischt - fertig. Es gibt keine Kocherei und keine Reste, über die sich die hier so zahlreichen Ratten her machen können. Peggy Sonti ist begeistert von ihrem Mix-Me-Porridge.

"Mix Me" - mit synthetischen Nährstoffen gegen Mangelernährung

Und für Kinder hat sie zusätzlich ein Mix-Me-Getränkepulver im Angebot: 30 Gramm Zucker, Geschmacks- und Farbstoffe, Vitamine, Mineralstoffe – portionsweise verpackt in Aluminiumfolie

"Einen Monat lang hat uns die Firma ausgebildet und gezeigt, wie man so ein Geschäft aufzieht. Dann bekamen wir eine kostenlose Erstausstattung an Produkten. Damit gingen die von Haustür zu Haustür und ließen die Leute probieren. Und was sag' ich? Die meisten lieben das 'Mix me'-Porridge und die 'Mix me'-Getränke. Viele Leute besuchen wir inzwischen regelmäßig. Und immer wieder sagen wir ihnen: 'Unser Porridge ist besonders gut für eure Kinder und eure alten Leute.' Und es schmeckt den Menschen bis heute."

Die Firma heißt DSM. Das niederländische Unternehmen ist der größte Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln weltweit. Die  Südafrika-Filiale liegt nicht weit vom Johannesburger Flughafen, eingebettet in eine Parklandschaft. Heidi-Lee Robertson, die junge Marketing-Chefin dort, sieht ihr Unternehmen auf einem Kreuzzug – gegen Mangelernährung weltweit. Die Waffe: synthetische Vitamine und Mineralstoffe, die nährstoffarmen Nahrungsmitteln beigemischt werden. Folgerichtig kämpft DSM dafür, dass die Nahrungsmittelindustrie Junkfood anreichert und dass Regierungen die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln gesetzlich vorschreiben – auch Südafrikas Regierung, die sich sonst ungern in den freien Markt einmischt.

"Ende der 90er-Jahre initiierten wir in Südafrika Konferenzen, an denen Wissenschaftler und Regierungsfunktionäre teilnahmen, Vertreter von Mühlenunternehmen und wir. Nach einigen Treffen sah dann die Regierung genügend gute Gründe, ein Gesetz zur Anreicherung von Grundnahrungsmitteln im Parlament einzubringen. Heute müssen Mais- und Weizenmehl mit einem Cocktail von Vitaminen und Mineralstoffen angereichert sein, die wichtig sind für die öffentliche Gesundheit insgesamt und insbesondere für Südafrikas Kinder."

Aber nach mehr als einem Jahrzehnt indes zeigen sich keine positiven Auswirkungen des Cocktails synthetischer Vitamine und Mineralstoffe auf die Mangelernährung in Südafrika. Heidi-Lee Robertson jedoch zeigt sich unverdrossen. Es sei zwar ein schöner Traum, sagt sie, dass sich Südafrikas Arme nicht mehr von Junkfood ernährten, sondern gesund und ausgewogen – von Gemüse, Obst, Milchprodukten und Eiern. Aber auf absehbare Zeit gebe es keine Alternative zu solchen angereicherten Nahrungsmitteln.

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