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Interview | Beitrag vom 24.06.2019

Lebensmittel und Künstliche Intelligenz Wenn der Salatkopf vom Online-Händler kommt

Antonio Krüger im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Auf einer Tischplatte steht das Miniaturmodell eines Einkaufswagens. Im Hintergrund, in der Unschärfe, ein Laptop. (EyeEm / I am Nikom)
Einkaufen vom Rechner aus könnte den Lebensmittel-Einkauf für einige Kunden erleichtern. (EyeEm / I am Nikom)

Der Online-Handel mit Lebensmitteln lebt von Vertrauen, sagt der KI-Experte Antonio Krüger. Der Verbraucher müsse sicher sein, dass gute Ware im Einkaufskorb landet. Ökologisch ist das Liefern von Lebensmitteln nicht - KI-Algorithmen könnten aber helfen, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren.

Liane von Billerbeck: Von der schönen Insel geht es jetzt zurück in den ganz banalen Alltag, der da manchmal heißt: der Kühlschrank ist leer. Man braucht etwas zu essen, und dann geht man ja am liebsten zum Bäcker, zum Fleischer, zum Gemüseladen, hält einen Schwatz und kauft das ein, was man so braucht, aber es kann auch sein, dass man das alles künftig online bestellt.

Okay, wir sind noch nicht so richtig soweit, aber heute befasst sich mit diesem Thema Lebensmittel über das Netz bestellen eine internationale Konferenz, an der die Bundeslandwirtschaftsministerin teilnimmt, Vertreter von Google, Amazon, dm und Foodwatch sind da auch, und in der Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag geht es um Künstliche Intelligenz, und auch da befasst man sich mit diesem Thema. Einer der führenden KI-Experten hält dort einen Vortrag:  Antonio Krüger, Institutsdirektor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken und Professor für Informatik an der dortigen Uni. Schönen guten Morgen!

Antonio Krüger: Einen schönen guten Morgen!

Billerbeck: Herr Krüger, welche Lebensmittel bestellen Sie denn schon online?

Krüger: Das sind tatsächlich nicht so schrecklich viele. Also ab und zu mal gewisse Spezialitäten, die häufig, sagen wir mal, in haltbarer Form kommt, zum Beispiel Wein bestelle ich tatsächlich online. Das ist eine typische Sache, da ist es mir einfach zu anstrengend, die vielen Flaschen zu schleppen. Es gibt auch viele Leute, die gerne zum Beispiel Wasser und nichtalkoholische Getränke online bestellen. Aber das ist es im Wesentlichen. Alles andere kaufe ich tatsächlich noch im stationären Handel.

Logistische Herausforderungen

Billerbeck: Das liegt ja vermutlich daran, dass es mit dem Lebensmitteleinkauf im Internet noch recht kompliziert ist. Also man muss sich durch einen Warenbestand klicken, muss sich weit vor der Lieferung entscheiden, was man denn eigentlich will oder braucht, dann gibt es auch nicht alles, und meistens ist das auch nur in großen Städten gut, weil das mit dem Transport auch nicht so richtig klappt, oder?

Krüger: Ja, ganz genau so ist das. Das hat also viele Gründe. Einer ist tatsächlich die flächendeckende Verfügbarkeit. Das ist ein Phänomen, das haben wir bei vielen Internetdiensten. Wenn diese nicht flächendeckend verfügbar sind, dann sinkt auch das Interesse, sie dauerhaft zu nutzen. Wenn Sie zum Beispiel nur in Berlin online bestellen können, dann aber irgendwo im Urlaub sind oder zu Besuch sind und dann plötzlich wieder auf den stationären Handel zurückgreifen müssen, ist das nicht so sehr attraktiv.

Das ist der eine Grund, und der andere Grund ist tatsächlich, sind die vielen logistischen Herausforderungen, sowohl was die Lieferung angeht, die korrekte Lieferung – frische Lebensmittel insbesondere müssen ja auch häufig gekühlt werden oder müssen besonders sorgfältig behandelt werden –, andererseits ist es aber auch so, dass man dann vor Ort sein muss. Das heißt, die Sachen müssen einen erreichen, und zwar auch zeitnah erreichen, genau aus den genannten Gründen, damit die Qualität der Lebensmittel sich nicht verschlechtert, während sie zum Beispiel in der heißen Sonne vor der Tür stehen.

Eine junge Frau beim Online-Einkauf.  (Frank May/picture alliance)Gemüse- und Früchte im Online-Verkauf (Frank May/picture alliance)

Billerbeck: Wenn man nicht einen Garagenvertrag hat, wie es den mancherorts gibt, und eine gekühlte Garage, wo man die Kisten hinstellen kann. Nun gibt es ja schon so Abo-Modelle, die sind aber auch nicht für jeden was, weil man auch nicht immer das gleiche haben möchte, denkt man nur an die Gemüsekisten. Wann sind wir denn so weit, dass das alles etwas dynamischer gestaltet wird?

Krüger: Wir bewegen uns da schon darauf zu durch die doch umfassendere Datensammlung von Kundendaten. Insbesondere online ist das ja besonders leicht möglich, weil, die großen Internethändler machen das ja auch schon für keine Lebensmittel, sondern für den gesamten Bereich Elektronik zum Beispiel bis hin zu Textilien. Man  kann schon jetzt besser vorhersagen, was der jeweilige Bedarf sein wird.

Wenn man das kann, dann kann man natürlich intelligente Abo-Dienste anbieten, die, wenn sie nicht direkt automatisch bestellen – das halte ich für fragwürdig, ob Leute das wirklich machen würden –, aber zumindest mal eine informierte elektronische Einkaufsliste anbieten können, die man vielleicht mit zwei Klicks editiert, dann auf den Bestellbutton drückt und dann tatsächlich am nächsten Tag oder vielleicht sogar am Tag selber die Waren ins Haus geliefert bekommt. Also wir bewegen uns da hin, ja.

Wichtige Qualitätssicherung

Billerbeck: Nun sind wir ja aber bekanntermaßen, was das betrifft, ein sehr skeptisches Land. Viele Deutsche wollen die Kontrolle behalten und auch die Produkte, gerade bei Obst und Gemüse, in die Hand nehmen und angucken. Was tut denn der Onlinehandel, um uns Skeptiker zu überzeugen?

Krüger: Na ja, der Handel tut das, was er auch im traditionellen Handel macht, er versucht, Vertrauen aufzubauen. Sie haben natürlich völlig recht, es ist nicht so einfach, die Ware online zu inspizieren. Man muss da dem Händler vertrauen, dass er vernünftige Sachen in den Einkaufskorb legt, den er einem da schickt. Da bemühen sich die Händler tatsächlich noch mal bei der Qualitätssicherung, besonders gut aufzupassen. Der Bio-Bauer zum Beispiel, der Ihnen die Kiste lokal schickt, der hat das gleiche Problem, der muss auch dafür sorgen, dass der Salatkopf frisch ist. Wenn Sie den dreimal reklamieren, bestellen Sie danach die Kiste ab. Also das ist tatsächlich eine Bringschuld des Händlers an dieser Stelle.

Der Slogan vom Pilotprojekt "Bahnhofsbox", "Online Einkaufen. Hier abholen." steht am Hauptbahnhof in Stuttgart. Bei der Bahnhofsbox wird über einen Shop im Internet bestellt, nach Auswahl eines Zeitfensters wird die Bestellung dann an ein Fach im Bahnhof geliefert. (Lino Mirgeler/dpa/picture alliance  )Im Pilotprojekt "Bahnhofsbox" bietet der Hauptbahnhof Stuttgart bereits eine zentrale Abholmöglichkeit an. (Lino Mirgeler/dpa/picture alliance )

Billerbeck: Aber wenn man sich das überlegt, was das für ein ökologischer Wahnsinn schon jetzt ist, was wir alles über das Netz bestellen, soll man das eigentlich gutheißen, dass noch mehr Leute noch gedankenloser dann auch online Lebensmittel bestellen und die Äpfel dann aus Neuseeland prinzipiell nehmen, weil die schicker aussehen?

Krüger: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Ich selber sehe das auch verhältnismäßig kritisch. Allerdings ist es so, dass auch hier KI-Algorithmen helfen können, die Ressourcen, den Ressourcenverbrauch, der bei solchen Lieferungen entsteht, zu reduzieren. Ein Beispiel ist, dass Algorithmen Lieferungen logistisch zusammensammeln können und dann erst im letzten Moment verteilen.

Eine andere Möglichkeit ist es, dass den Kunden tatsächlich Abholmöglichkeiten in der Nähe angeboten werden, zum Beispiel an Tankstellen oder an gekühlten Abholstationen, die es auch gibt, um einfach diesen Wahnsinn der letzten Meile, diese logistische Ressourcenverschwendung auf der letzten Meile, tatsächlich in den Griff zu bekommen, weil gut skalieren tut das tatsächlich nicht.

Attraktiver für das platte Land

Billerbeck: Aber mit Verlaub, dann kann ich in den Laden gehen und mir das Zeug selber kaufen.

Krüger: Ja, das ist was dran, insbesondere in Deutschland, weil wir in Deutschland ein sehr dichtes Filialnetz haben. Sie können in Deutschland im Prinzip, wenn Sie nicht gerade auf dem ganz platten Land leben, aus der Haustür stiefeln und dann im Prinzip in fünf Minuten, zehn Minuten eine Filiale eines Lebensmittelhändlers erreichen. Deswegen tun wir uns in Deutschland damit auch schwer.

In anderen Ländern ist das anders. Dort ist die Struktur so, dass Supermärkte auf der grünen Wiese nur existieren oder zumindest mal vorwiegend existieren. Dann müssen sowieso immer das Auto nehmen, und dann lohnt sich so eine Abholstation, die man vielleicht fußläufig erreichen kann, tatsächlich mehr als in Deutschland.

Billerbeck: Welches Lebensmittel werden Sie denn, der Sie Experte für KI sind und sich mit diesem Thema auch befassen, künftig auf jeden Fall noch im Laden kaufen?

Krüger: Ich persönlich denke, dass viele frische Produkte – jedenfalls gilt das für mich, und das gilt sicherlich auch für viele Frischeprodukte, die man nicht ganz regelmäßig kauft –, wie zum Beispiel, ich mache mal ein Beispiel: Fisch.  Wenn ich Fisch kaufe, dann ist das so, dass ich mir den gerne doch vor Ort angucke, bevor ich ihn einpacke. Das ist sicherlich eins der Lebensmittel, was ich weiterhin auch im Markt einkaufen werde.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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