Lebensmittel in Ruanda

    Kleinbauern statt Industrie?

    24:22 Minuten
    Jean Claude Niyibizi, ein Dreizehnjähriger, mit einem Sack voll geschnittenem Gras in einem Sack, den er auf dem Kopf trägt. Ruanda, 2020.
    Die meisten Menschen in Ruanda arbeiten auf dem Land und müssen sich ihre Lebensmittel selbst anbauen. Auch Kinder und Jugendliche müssen dabei helfen. © AFP / Simon Wohlfahrt
    Von Thomas Kruchem · 11.10.2021
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    Am 16. Oktober ist Welternährungstag. So wollen die Vereinten Nationen bis 2030 den Hunger weltweit überwinden. Nur wie? Mit der Förderung von Kleinbauern oder von Nahrungsmittelkonzernen? In Ruanda lassen sich beide Strategien beobachten.
    Nemba, ein Dorf aus Lehm- und Ziegelhütten im Osten Ruandas. Bäuerin Irene Itirize hackt in brütend feuchter Hitze das Gemüsebeet hinter ihrem Haus, während ihr Mann Emanuel Kisten voller Tomaten auf den Pick-up eines Markthändlers lädt.
    Zu Besuch ist Nachbar Diogene Habihirwa: Ein kräftiger Mann in Gummistiefeln, der stolz auf einen Hang am Rande des Dorfs deutet. Dort ist eine Kombination aus lichtem Wald und Maisfeld zu sehen.
    "Ich habe 700 Bäume auf meinem Land gepflanzt, neun verschiedene Arten. Und jetzt wird mein Ackerboden nicht mehr ins Tal gespült. Die Wurzeln halten den Boden und speichern das Wasser. Und die herabfallenden Blätter düngen mein Land so gut, dass ich nun, statt einer Tonne, sechs Tonnen Mais ernte. Und die Schoten einiger Baumarten kann ich sogar an mein Vieh verfüttern. Außerdem habe ich jetzt genug Holz – für Pfosten, mit denen ich meine Bananenstauden und Tomaten stütze. Und für die Reparatur meiner Stallungen. Und meine Töchter müssen nicht mehr von weit her Brennholz herbeischleppen."

    In dieser Folge des Weltzeit-Podcasts hören Sie auch ein Interview mit Rafaël Schneider von der Welthungerhilfe. Der Agrarpolitik-Experte sagt ganz klar: Um den Hunger auf der Welt zu überwinden bis 2030, wie es sich die Vereinten Nationen vorgenommen haben, müssten die 500 Millionen Kleinbauern im globalen Süden politisch gefördert werden. Das sei der Schlüssel.

    Rafaël Schneider steht draußen - vor Bäumen. Helles Hemd, Brille. Dunkle Strickjacke.
    © Welthungerhilfe
    Diogene Habihirwa ist sichtlich begeistert von den Bäumen auf seinem Acker. Und damit ist er nicht allein in Nemba. Das Dorf wird seit einigen Jahren unterstützt von Providence Mujawamariya. Sie arbeitet für die internationale Forschungseinrichtung "World Agroforestry Centre" - mit Hauptsitz in Kenia. Providence zeigt Bauern in Ost-Ruanda, wie sie mit Bäumen ihre an Steilhängen liegenden Äcker und Gärten stabilisieren und ertragreicher machen. Inzwischen wüssten die Bauern von Nemba genau, wie viele Bäume welcher Arten sie pflanzen wollen auf ihren Feldern.
    "Zum Beispiel Glirisidia Sepium, ein Baum, der aus Mittelamerika stammt, ist sehr beliebt in der Ostprovinz Ruandas. Dieser Baum liefert viel kompostierbare Biomasse voller wertvoller Nährstoffe: Stickstoff, Phosphor, Kalcium und sogar Kalium. Bauern, die sich auf diesen Baum eingelassen haben, brauchen kaum noch Mineraldünger und erzielen trotzdem höhere Erträge als früher."

    Unkrautkolonne für die Mischkulturen

    Diogene Habihirwa, der Nachbar in Gummistiefeln, ist einer der versierten und erfahrenen Bauern in Nemba. Ein sogenannter Champion Farmer, der sein Wissen an alle Interessierten im Dorf weitergibt.
    Davon profitieren auch die Itirizes. Ehemann Emanuel zeigt lächelnd die Mango-, Avocado- und Papayabäume in seinem Garten. Besonders stolz ist er auf seine Mischkultur aus Mais, Buschbohnen und 2500 Tomatenbäumen auf dem angrenzenden Acker.
    "Auf diesem Feld, das rund einen Hektar groß ist, habe ich letzte Saison drei Tonnen Mais geerntet. Und 2,5 Tonnen beste Buschbohnen haben mir richtig Geld eingebracht. Und dazu 14 Tonnen Tomaten, die die Markthändler gleich hier am Feld auf ihre Pick-ups geladen haben. Mein Nachbar dort drüben hat, in seiner Monokultur, nur sieben Tonnen Mais pro Hektar geerntet. Unterm Strich habe also ich mehr verdient."
    Bauer Emanuel Itirize steht zwischen Tomatenbäumen. Er trägt extra einen Anzug mit Hemd.
    Bauer Emanuel Itirize zwischen Tomatenbäumen. Er baut Mischkulturen an.© Thomas Kruchem / Deutschlandradio
    Wobei aber Mischkulturen arbeitsintensiver sind. Das Unkrautjäten von Hand ist mühsamer als auf einem reinen Maisfeld. Ich frage, ob das die Kinder morgens vor der Schule machen? "Nein, nein", sagt energisch Emanuels Frau Irene, an deren Kleid die zwei jüngsten Töchter hängen.
    "Meine Kinder gehen morgens zur Schule. Vorher sammeln sie höchstens noch etwas Gras für die Ziegen. Herbizide benutzt in unserem Dorf übrigens niemand. Dafür haben wir Unkraut-Jätkolonnen organisiert: Leute, die sich ein Zubrot verdienen. Nur gegen den Herbst-Heerwurm, einen schlimmen Maisschädling, müssen wir Rocket sprühen – ein Insektizid. Unsere Agrarberater sagen, wir sollten mal die Heilpflanze Desmodium anpflanzen. Dieses sogenannte Bettlerkraut locke den Heerwurm weg von unserem Mais. Und wir bräuchten kein Gift. Aber das ist schon ziemlich riskant. Ein Fehler und unser ganzer Mais ist beim Teufel."
    Die Agrarberaterin Providence Mujawamariya ist sich sicher: Ruandas Kleinbauern können mit Mischkulturen, Forstwirtschaft und weitgehend chemiefreiem Ackerbau überleben und ihre Gemeinschaften ernähren. Wenn sie mehr Kapital, besseren Marktzugang und vor allem Wissen bekommen.

    Mais- und Sojapulver mit chemischen Zusätzen

    Derweil besitzt das Gegenmodell rein kommerziell betriebener Monokulturen große Anziehungskraft und mächtige Förderer auf der Welt. So finanziert die Gates-Stiftung die sogenannte Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika, kurz AGRA. AGRA fordert Bauern auf, sich zu spezialisieren auf ertragreiche Pflanzen wie Mais, Soja und Maniok, die sie an die Industrie liefern. Die Bauern sollen mit chemischen Inputs wie Hybridsaatgut, Mineraldünger und Pestiziden ihre Erträge maximieren. Afrikas Regierungen sollen Agrarchemie subventionieren und die Produktion von Fertignahrung aus Mehl fördern.
    Was das bedeutet, sehe ich in den Supermärkten der ruandischen Hauptstadt Kigali. Dort stapeln sich Produkte des niederländischen Konzerns DSM: In Alufolie verpackte Mais- und Sojapulver mit schönen Namen wie "Nutri Toto" oder "Nutri Family". Fertig zum Anrühren mit Wasser zum in Afrika so beliebten Ugali.
    Die DSM-Fabrik steht am Stadtrand. "Africa Improved Foods" – heißt sie – also verbesserte afrikanische Nahrungsmittel. Verbessert bedeutet in dem Fall: sngereichert mit chemischen Zusätzen.
    Marc Mugenzi – ein junger Vorarbeiter – zeigt mir die Hallen voller blau, grau, türkis verkleideter Maschinen, Trichter und Behälter; ein Gewirr von Rohren und Kabeln. Es dröhnt und zischt. Aber kein Stäubchen bedeckt den hellbeige glänzenden Boden; und kaum ein Arbeiter ist zu sehen. Alles vollautomatisch.
    "Hier werden aus den Silos strömender Mais und Soja gemahlen", sagt Mugenzi. Und hier würden Mikronährstoffe zugesetzt. Dort würden sie verpackt.

    Arbeiter befüllen Karton um Karton, Palette um Palette. Mais und Soja – angereichert mit synthetischen Vitaminen und Mineralien aus den Niederlanden, erklärt mir der Chef der Fabrik: Prosper Ndayiragije, ein Mann um die 40, mit goldener Uhr und energischer Gestik.
    "Als wir 2014 mit diesem Projekt begannen, waren in Ruanda 38 Prozent der Kinder unter fünf Jahren chronisch mangelernährt. Heute sind es noch 32 Prozent. Die Mangelernährung hat also deutlich abgenommen."
    Verantwortlich für die Abnahme der Mangelernährung, die manche Experten bezweifeln, seien von DSM produzierte Mikronährstoffe, sagt Ndayiragije. Die importiere sein Unternehmen aus den Niederlanden und füge sie den Maismehl- und Sojamehlprodukten zu.
    "Es handelt sich um eine Mischung von rund 15 Vitaminen, Mineralien und anderen Mikronährstoffen, die wir je nach Produkt unterschiedlich gestalten. Schwangere Frauen oder stillende Mütter haben ja einen ganz anderen Nährstoffbedarf als Kinder oder Familien."

    Obst, Gemüse, und Fleisch sind Luxus

    Mit seinen Produkten beliefert Prosper Ndayiragije auch das Welternährungsprogramm und ein staatliches Programm für die Ärmsten in Ruanda. All die kalorienreichen und mit künstlichen Vitaminen aufgepeppten Pulver, von "Africa Improved Foods" seien letztlich aber nur ein Notbehelf, gibt der Fabrikchef achselzuckend zu. Obst, Gemüse, und Fleisch, die natürliche Nährstoffe liefern, seien leider Luxus in Ruanda, vor allem in den Städten.
    Von "Africa Improved Foods" allerdings leben mehrere Tausend Bauern in Ruanda: "Wir kaufen unsere Rohstoffe, so weit wie eben möglich, in Ruanda. Unser wichtigster Partner dabei sind 160 Kooperativen, in denen rund 45.000 Bauern organisiert sind. Diesen Bauern helfen wir, ihre Produktion zu verbessern – und insbesondere auch die Trocknung und Lagerung der Produkte nach der Ernte."
    Africa Improved Foods lege Wert auf höchste Qualität der Rohstoffe, betont der Manager: kein Mais mit über 14 Prozent Feuchtigkeit, kein Schädlingsbefall, keine Aflatoxine - also Pilzgifte. Dazu hohe Produktionsmengen und bestes Saatgut. Hohe Anforderungen, die nur kommerziell arbeitende Profibauern erfüllten – organisiert zumeist in Kooperativen. Leider gebe es zu wenig Bauern in Ruanda, die seine Kriterien erfüllen, klagt Prosper Ndayiragije:
    "Dieses Jahr beziehen wir nur 73 Prozent unseres Maisbedarfs aus Ruanda. Soja, unser zweites Hauptprodukt, importieren wir komplett, weil Ruandas Bauern nur wenig Soja produzieren. Wir versuchen, sie dazu zu motivieren, aber die Produktion ist bis heute sehr gering."

    Kein Land für Traktoren und Mähdrescher

    Dass die meisten Bauern in Ruanda überhaupt sehr wenig produzieren, habe auch mit den natürlichen Gegebenheiten zu tun, erzählt Marc Schut. Der niederländische Agrarwissenschaftler war bis vor kurzem Leiter des Internationalen Instituts für tropische Landwirtschaft, das in Ruanda zu Maniok und Bananen forscht.
    "Ruanda ist das Land der tausend Hügel, was große Auswirkungen hat auf die Landwirtschaft. So ist es, zum Beispiel, schwer, die Landwirtschaft hier zu mechanisieren. Auf ihren Feldern an steilen Hängen können die Bauern weder Traktoren noch Mähdrescher einsetzen. Landwirtschaft hier wird also auch in Zukunft viel menschliche Arbeitskraft benötigen. Hinzu kommt das Problem der Bodenerosion: Mineraldünger, Mist – alles was der Bauer auf sein Feld aufbringt, wird beim nächsten Unwetter den Hang hinuntergespült."
    Man sieht viele grüne Hügel mit kleinen Ackerflächen, auf denen immer wieder Bäume stehen.
    Auf der hügeligen Landschaft im Osten Ruandas wird Agro-Forstwirtschaft betrieben.© Thomas Kruchem / Deutschlandradio
    Jahr für Jahr werden 1,4 Millionen Tonnen Ackerboden in die Flüsse Ruandas gespült. Es gibt nur einige fruchtbare Täler, in denen wenige Großbetriebe Reis und Süßkartoffeln anbauen. Oder in den Bergen Tee und Kaffee für den Export. In Millionen Kleinstbetrieben aber rackern sich Familien auf einem halben Hektar ab und produzieren kleinste Mengen Mais, Maniok, Bohnen, Tomaten, Bananen.
    "70 Prozent der Ruander arbeiten in der Landwirtschaft, die meisten als Subsistenzbauern: Sie bauen auf kleinsten Feldern Getreide, Obst und Gemüse an, halten ein wenig Vieh und ernähren so ihre Familie. Und wenn sie mal ein wenig Überschuss produzieren, verkaufen sie den auf dem Markt – um Sachen für den Haushalt, Schulgebühren und die Krankenversicherung bezahlen zu können."
    Und misslingt mal eine Ernte, muss die Familie nicht selten hungern oder über Abwanderung in die Armenviertel der Städte nachdenken, um dort Geld zu verdienen. Kurz, Kleinbauern in Ruanda müssen innovativ natürliche Ressourcen mobilisieren, um ihren Familien eine Lebensgrundlage zu sichern – so wie die Familie Itirize mit den Bäumen auf ihrem Acker oder die Familie Sengyunwe mit einer ganz anderen Idee.

    Maniokschalen werden vom Abfall zur Ressource

    Im Dorf Mbayaya in der Südprovinz Ruandas treffe ich eine Ex-Kollegin von Marc Schut. Speciose Kantengwa leitet ein Projekt des Internationalen Instituts für tropische Landwirtschaft, dass ungenutzte organische Abfälle in wertvolle Rohstoffe verwandelt. Konkret werden hier in einem Betonschuppen Maniokschalen in den Trichter eines Häckslers geworfen. Die stark blausäurehaltigen Schalen sind zuvor mehrfach gewässert, in einer hydraulischen Presse entwässert und getrocknet worden. Draußen auf dem Hof wird das Häckselgut endgetrocknet, bis es nur noch zwölf Prozent Feuchtigkeit enthält.
    "Maniokschalen waren bislang immer ein Problem bei uns. Bauern konnten die Schalen nicht nutzen. Sie belasteten – im Gegenteil – die Umwelt, weil sie nicht kompostierbar sind, sondern die Böden nur sauer machen. Auch die meisten Tiere vertragen keine unbehandelten Maniokschalen – außer Schweine. Und bei denen muss der Bauer aufpassen, dass er den Schalen genug anderes Futter beigemischt."
    Im Dorf Mbayaya hat Speciose die Unternehmerin Alice Sengyunwe angesprochen. Deren Tochter Liliane, eine 20-jährige Ingenieurstudentin, leitet jetzt die Firma mit ihren 40 Mitarbeitern.
    "Meine Mutter verarbeitet in ihrem Unternehmen schon lange Maniokknollen zu Mehl. Die Schalen waren da immer nur lästiger Abfall. Als uns nun die Fachleute vom Institut sagten, dass man mit Maniokschalen Geld verdienen kann, waren wir sofort Feuer und Flamme: An die Schalen kommen wir, weil wir in der Branche arbeiten, leicht heran. Mit den Maschinen kennen wir uns aus. Das fertige Mehl verkaufen wir nun an Tierfutterhändler. Die kombinieren es mit anderen Zutaten zu Schweine-, Rinder-, Ziegen- und Hühnerfutter. Alles kein Problem mehr. Es ist so gut wie keine Blausäure mehr in den Maniokschalen."
    Unternehmerin Liliane Sengyunwe und ein Mitarbeiter. Sie stehen draußen vor blauem Himmel und tragen eine Maske.
    Unternehmerin Liliane Sengyunwe und ein Mitarbeiter. Ihr Betrieb in Ruanda macht aus Maniok-Schalen Tierfutter.© Thomas Kruchem / Deutschlandradio
    Draußen im Hof, wo auf blauen Planen der in Futter verwandelte Abfall trocknet, warten zwei Bauern mit prall gefüllten Schubkarren: "Ich habe meine Maniokschalen früher einfach auf einen Haufen geworfen und verrotten lassen. Jetzt fahre ich sie mit der Schubkarre hierher und kriege sogar etwas Geld dafür."
    Verwandlung von Abfall in Ressourcen. Gerade in bitterarmen Gesellschaften diene das keineswegs nur dem Umweltschutz, sagt Beraterin Speciose Kantengwa. Nein, auch die Ernährungssituation der Menschen könne sich so verbessern.
    "Bei Mais haben wir einen Wettbewerb zwischen der Nutzung als Tierfutter und der für den menschlichen Konsum. Ersetzen nun billige Maniokschalen, zumindest teilweise, Mais als Tierfutter, dann sinken die Preise – sowohl für Tierfutter als auch für Mais. Mit der Nutzung der Maniokschalen bekämpfen wir also letztlich Mangelernährung in unseren Kleinbauernfamilien."
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