Lebenslange Jagd nach Anerkennung

Kein Sänger hatte mehr Nummer-Eins-Hits in Deutschland als Freddy Quinn. © AP
21.10.2011
Mit "Freddy Quinn" hat Elmar Kraushaar die schwer zu ergründende Lebensgeschichte eines Popstars der Bundesrepublik geschrieben. Der Leser schwankt zwischen Mitleid und Unverständnis, warum der heute 80-jährige so verkrampft mit seinem unglaublichen Erfolg umging.
Lachend blickt Freddy Quinn einen vom Schutzeinband der Biografie "Freddy Quinn. Ein unwahrscheinliches Leben" an. Nach der Lektüre dürfte er allerdings nicht mehr gelacht haben, so viele seltsame und fragwürdige Geschichten hat Autor Elmar Kraushaar über einen der erfolgreichsten Sänger Deutschlands hier zusammengetragen.

"Ein unwahrscheinliches Leben" ist keine offizielle Biografie. Kraushaar, Journalist und Auskenner in Sachen Schlager, recherchierte seinem Objekt jahrelang hinterher. Im letzten Telefonat der beiden droht Quinn mit dem Anwalt und schreit: "Ich will nicht, dass Sie über mich schreiben."

Elmar Kraushaar hat es doch getan, zum Glück, und dabei mehr als nur die schwer zu ergründende Lebensgeschichte Freddy Quinns zusammengetragen. Diese Biografie ist gleichzeitig ein Buch über die Geschichte des deutschen Schlagers, über die Nachkriegszeit, über das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland in ihren ersten Jahrzehnten. Im Mittelpunkt steht natürlich dennoch Quinn. Kein Sänger hatte mehr Nummer-Eins-Hits in Deutschland, noch immer kennt fast das ganze Land seinen Namen.

Doch von dem Menschen selbst war nie viel bekannt, woran, das arbeitet Kraushaar mit sehr viel Mühe und journalistisch-hartnäckig heraus, Freddy Quinn selbst und seine engsten Berater schuld sind und waren. Von Anfang an erzählte der Sänger immer wieder andere Geschichten über seine Herkunft, seine Heimat, seinen Vater. Die erste offizielle Biografie aus dem Jahr 1960: Offenbar eine einzige Aneinanderreihung von erfundenen und aufgebauschten Geschichten, die nur ein Ziel hatte - Freddy Quinn als Star aufzubauen und zum Kauf seiner Platten zu animieren.

Kraushaar geht nicht streng kontinuierlich vor, sondern hat seine Rechercheergebnisse in thematischen Kapiteln gebündelt: Es geht um den unbekannten Vater, um die Anfänge der Karriere in Hamburg-St. Pauli, um Ausflüge zum Film oder auf die Bühne; um Freddys jahrzehntelang geheim gehaltene Lebenspartnerin - und um die Frage, warum sich so hartnäckig das Gerücht hält, der Sänger sei schwul.

Eins jedenfalls wird am Ende dieser Biografie klar: Freddy Quinn, der letzten Monat 80 Jahre alt geworden ist, sehnte sich zeit seines Lebens nach Anerkennung; die Jagd danach bestimmte sein Leben, seine Lügen und sein Versteckspiel. Als Leser schwankt man zwischen Mitleid und Unverständnis; man wünschte sich, er wäre lockerer mit seinem Erfolg umgegangen und hätte weniger dünnhäutig auf Neider und Medien reagiert. Und noch etwas bleibt: Das Gefühl, dass Elmar Kraushaar noch viel mehr hätte aufschreiben können, wenn nicht die juristische Keule gedroht hätte.

Besprochen von Martin Böttcher

Elmar Kraushaar: Freddy Quinn – Ein unwahrscheinliches Leben
Biografie
Atrium Verlag, Hamburg 2011
368 Seiten. 19,90 Euro