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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.10.2010

Lebenschronik eines Weltberühmten

Thomas Mann: "Die Tagebücher 1918 – 1955", gelesen von Hanns Zischler, Hörverlag, München 2010, 12 CDs, 945 Minuten

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Lübeck, die Geburtsstadt Thomas Manns (AP Archiv)
Lübeck, die Geburtsstadt Thomas Manns (AP Archiv)

Thomas Mann hat bis kurz vor seinen Tod am 12. August 1955 Tagebuch geschrieben. Hier hat er festgehalten, wie es um seine Gefühlswelt bestellt war und gibt Einblicke in eine Zeit voller politischer Umbrüche und Zäsuren. Hanns Zischler hat eine Auswahl der Notizen für den Hörverlag eingelesen.

"Mittwoch 11.9. 1918. Seit vorgestern von Tegernsee zurück. Das Haus noch in ungeputztem Zustande, ohne Teppiche. Nasser Spaziergang mit Bauschan. Mittagessen auf der oberen Diele."

Mit diesem Eintrag aus dem Jahre 1918 beginnen Thomas Manns Tagebücher. Der "Zauberer" ist dreiundvierzig Jahre alt und seit 1905 mit Katja Mann verheiratet. Sie haben vier Kinder und wohnen herrschaftlich in einer Münchner Villa. Thomas Mann ist ein überaus erfolgreicher Autor. Das Leben meint es gut mit ihm.

Gut hat es die Geschichte zunächst auch mit einer Lübecker Kaufmannsfamilie gemeint, von deren Verfall Thomas Mann in den "Buddenbrooks" erzählt. Die 1901 erschienene Familiesaga begründet seinen Weltruhm. Er wird ein angesehener Autor – 1955, einen Monat vor seinem Tod, wird er von der Königin der Niederlande zu einem Empfang eingeladen.

"Noordwijk den 10.7.1955. (...) Montag, vormittags, 11:00 Uhr bei der Königin. (...) Mit ihr im Garten. Kaffee. Ausbleiben ihres Zeichens zum Aufbruch, so daß wir plaudernd 5 1/4 Stunden saßen. Ihr Benehmen schlicht und würdig."

Zwischen dem Mittagessen, das die Manns 1918 im ungeputzten Haus einnehmen und dem gemeinsamen Kaffee, zu dem sie 1955 bei Königin Juliana geladen sind, liegen fast 40 Jahre. Es sind ereignisreiche, unruhige von Zäsuren geprägte Jahre.

Wie Thomas Mann sie erlebt hat, kann man sich jetzt von Hanns Zischler vorlesen lassen. Ruhig, besonnen und sehr sachlich trägt er vor, was Thomas Mann in sein Tagebuch geschrieben hat. Fast ein wenig unterkühlt liest er die berichtenden und kommentierenden Passagen. Gestattet Thomas Mann jedoch Einblicke in sein Gefühlsleben, dann erweist sich Zischler als wohltuender Minimalist der Betonung, dem jeder Hang zur Stilisierung fremd ist.

Die Auswahl aus dem Tagebuch hat der Thomas-Mann-Kenner Hermann Kurzke vorgenommen. In seinem mehr als zweistündigen Feature, das Einblicke in das Leben und das Werk Thomas Manns vermittelt, und das zum Tagebuch hinführt, ist auch die Stimme des 1875 in Lübeck geborenen Autors zu hören:

"Es ist aus mit dem Künstler, so bald er Mensch wird und zu empfinden beginnt."

Dem Tagebuch vertraut der Mensch Thomas Mann durchaus an, wie es um seine Gefühlswelt bestellt ist und selbst Intimstes wird notiert. Das ist nicht ohne Reiz, doch bleiben die Kommentare des Citoyens zu seiner Zeit nachhaltiger in Erinnerung. Von den insgesamt zehn CDs, die die Jahre zwischen 1918 und 1955 kommentieren, sind drei der Spanne zwischen 1918 und 1919 vorbehalten. Natürlich äußert sich Thomas Mann auch zu den Münchner Ereignissen von 1918:

"Ich war nie Republikaner, aber ich habe nichts gegen (...} den Fall der Dynastie und des Kaisertums."

Hingegen erfahren wir aus dem Hörbuch nicht, was Thomas Mann ins Tagebuch schrieb, als ihn 1929 die Nachricht über die Verleihung des Literaturnobelpreises erreichte. Denn die Auswahl spart die Jahre zwischen 1919 und 1933 aus. Diese Lücke mag man bedauern, aber dadurch wird umso deutlicher betont, was die Zäsur von 1933 für Thomas Mann und seine Familie bedeutet hat. Am 15. März 1933, wenige Tage nach Hitlers Machtergreifung, heißt es:

"Heute morgen bin ich – übrigens meistens am Morgen – frei von dem krankhaften Grauen, das mich seit zehn Tagen stundenweise bei überreizten und ermüdeten Nerven beherrscht. Es ist eine Art von angsthaft gesteigerter Wehmut, die mir in gelinderem Grade von vielen Abschiedserlebnissen vertraut ist. Der Charakter dieser Erregung (...) beweist, dass es sich dabei um Schmerzen der Trennung von einem altgewohnten Zustand handelt: Um die Erkenntnis, dass eine Lebensepoche abgeschlossen ist, und das es gilt, mein Dasein auf eine neue Basis zu stellen."

Eigentlich wollte Thomas Mann aus seiner Münchner Villa nie wieder ausziehen, doch es kam anders. Zunächst emigrierte er in die Schweiz und später in die USA, wo er das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte.

"Pacific Palisades, Montag, den 7.5.45. Kapitulation Deutschlands erklärt. (...) Ist dies nun der Tag, korrespondierend mit dem 15. März 1933, als ich diese Serie von täglichen Aufzeichnungen begann? Also ein Tag feierlichster Art? Es ist nicht gerade Hochstimmung, was ich empfinde. Eine gewisse Genugtuung ist das physische Überleben. Überleben hieß siegen. Es ist ein Sieg."

Die Tagebücher Thomas Manns sind seine Lebenschronik. Er hat darin seine Besuche bei Präsident Roosevelt ebenso festgehalten wie die Privataudienz beim Papst. Aufgeschrieben hat er aber auch, wie es um sein Wohlbefinden bestellt war und notiert, wenn ihn junge Männer irritierten. Bewegendes steht neben Alltäglichem, Öffentliches hat seinen Platz neben Privatem. Doch wie Thomas Mann den Alltag beschreibt und mit welcher Verachtung er Niederträchtiges kommentiert, das lässt das Hörbuch zu einem Ereignis werden.

Besprochen von Michael Opitz

Thomas Mann: Die Tagebücher 1918 – 1955
Gelesen von Hanns Zischler, Der Hörverlag, München 2010
12 CDs, 945 Minuten, 59,95 Euro

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