Lebendige Radiogeschichte

Von Nina Pauler · 11.04.2008
Insgesamt besitzt das Fürther Rundfunkmuseum 3000 Radiogeräte aus der Zeit von 1923 bis heute. Darunter befindet sich das erste Radio zum selber basteln, das Max Grundig direkt nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt brachte, oder ein rosafarbener Ghetto-Blaster in einer Barbiepuppenstube aus den 80er Jahren.
Telefunkenwerbespot aus den 50er Jahren: "Ihr Radio wird wieder klangschön durch neue Telefunkenröhren. (Musik) Und jetzt wird Rundfunkhören wieder ein Genuss."

Karin Falkenberg: "Es ist das schönste Museum, das es überhaupt gibt. Weil es lebensnah ist."

Karin Falkenberg ist stellvertretende Leiterin des Rundfunkmuseums. Das geräumige, fünfstöckige Haus liegt zentral zwischen der Stadtgrenze zu Nürnberg und dem Fürther Stadtpark. Früher war hier die Direktion von Grundig, in den 50er Jahren der größte Rundfunkgerätehersteller Europas.

Karin Falkenberg: "Es ist ein Alltagsmuseum und man spürt an den Besuchern, dass sie sich wohlfühlen. Dass sie nicht mit angezogener Handbremse durchs Museum laufen, sondern mit Begeisterung auf Entdeckungstour gehen."

Eine Entdeckungstour lohnt sich. Zwölf große Räume erzählen Radiogeschichte. So kann man zum Beispiel das erste Modell des "Heinzelmann" bewundern, das erste Radiogerät zum selberbasteln, das Max Grundig direkt nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt brachte.

Karin Falkenberg: "Hier, wo wir jetzt stehen, wo man Kaffee trinken kann, oder Capuccino oder Kuchen essen kann, da saß früher Max Grundig mit seiner Sekretärin. Hier treffen sich alle Besucher, wenn sie sich stärken wollen vorher oder nachher.” "

In dem Café sieht es aus wie in einer Milchbar nach amerikanischem Vorbild in den 50er Jahren. Rot-weiße Fliesen, Elvis Poster und natürlich eine bunte Musikbox.

Karin Falkenberg: " "Alle unsere Musikboxen funktionieren. Wir haben insgesamt 13 Stück, die älteste ist von 1930, eine amerikanische, die funktioniert noch mit Shellackplatten."

Vom Café aus geht es direkt weiter in die zwanziger Jahre zum Beginn des Unterhaltungsrundfunks in Deutschland. Hier kann man die ersten Radiogeräte bestaunen: die sogenannten Komponentenapparate, die eher aussehen wie Insekten. Mitte Ende der zwanziger Jahre waren die Radios bereits sehr viel edler und eleganter. Das hatte seinen Preis. 120 Reichsmark musste man für so ein Gerät hinlegen, in Arbeiterkreisen war das ein Monatslohn.
Karin Falkenberg: '' "Die Radioapparate sind aus ganz verschiedenen Materialien. Bakelit, das ist eine Vorform von Plastik, Holz als klassisches Gehäusematerial, aber Sie haben hier auch Metall (klopft auf das Material) und sogar ein Radio, das mit Leder bezogen ist. Man hat experimentiert und versucht rauszukriegen, was klingt am besten.” ''

Beim Volksempfänger war der Klang nicht wichtig. Das Gerät musste billig sein, damit es sich jeder leisten konnte. Der Volksempfänger war das Propagandainstrument.

Rundfunkreportage 21. März 1933, Potsdam, Garnisonskirche: "Die Abgeordneten nehmen ihre Plätze ein und harren jenes großen Staatsaktes, der der Welt beweisen soll, dass Deutschland stark ist und unbesiegbar ist."

Karin Falkenberg: "Interessant daran ist, dass die Idee dieser Radios keine nationalsozialistische ist. Die Idee kam schon auf in den zwanziger Jahren in Arbeiterradiokreisen. Die Arbeiter haben gesagt: Wir können nie Universitäten besuchen, die finanziellen Möglichkeiten haben wir gar nicht. Aber wenn wir ein preiswertes Radio hätten, könnten wir an den Wissensendungen teilnehmen und uns fortbilden. Diese Idee wurde aufgegriffen von den Nationalsozialisten und die haben es sich dann ans Revers geheftet und gesagt: unsere Erfindung. (...) Hier haben wir ein Gerät, ein österreichisches. "Ingelen" - das ist eines meiner Lieblingsgeräte. Wenn man das anmacht, hat man in der Mitte die Europakarte und je nach dem, wenn ich einen Sender verstelle, leuchtet jeweils das Lämpchen auf, wo sich der Sender befindet. Stuttgart sendet noch auf der gleichen Frequenz wie damals. Schauen wir mal, ob wir Stuttgart finden.” "

Erinnerungen werden wach, wenn man an den Knöpfen der alten Radios dreht. Für manche älteren Besucher sehr schmerzhafte:

Original-Ton: " Achtung, Achtung: hier ist der Befehlsstand der ersten Flakdivision Berlins! Die gemeldeten Bomberverbände befinden sich im Raum Hannover-Braunschweig! Wir kommen wieder!"

Karin Falkenberg: " "Wir sind im Luftschutzkeller und man sieht hier auch mal wie eng das alles war. Das waren Bretter, es waren einfache Betten, auf die man dann die Kinder mit einer Decke gelegt hat."

Eine Etage höher: ein Wohnzimmer der 50er Jahre mit einem Originalmusikschrank. Darin sind neben einer Hausbar ein Plattenspieler und natürlich ein todschickes Radio eingebaut.

Insgesamt besitzt das Rundfunkmuseum der Stadt Fürth 3000 Radiogeräte aus der Zeit von 1923 bis heute. Ausgestellt ist aus Platzgründen nur ein Teil. Aber immer wird Radiogeschichte lebendig, selbst in kleinen Spielzeugen wie einem rosafarbenen Ghetto-Blaster in einer Barbiepuppenstube aus den 80er Jahren.

Wenn man einmal durch das ganze Museum gelaufen ist, möchte man eigentlich gleich wieder von vorne anfangen. Doch vielleicht sollte man zunächst eine kleine Pause in der Milchbar einlegen und sich noch einen Klassiker aus der Musikbox gönnen.

In Kooperation mit dem Deutschen Museumsbund stellt Deutschlandradio Kultur im Radiofeuilleton jeden Freitag gegen 10:50 Uhr im "Profil" ein deutsches Regionalmuseum vor. In dieser Reihe wollen wir zeigen, dass auch und gerade die kleineren und mittleren Museen Deutschlands unerwartete Schätze haben, die es sicht lohnt, überregional bekannt zu machen und natürlich auch zu besuchen.