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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 24.12.2014

Leben mit BeeinträchtigungenNeele und Sarah-Lea suchen eine Wohnung

Von Franziska Rattei

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Die Bronzeplastik der "Bremer Stadtmusikanten" des Bildhauers Gerhard Marcks, am Rathaus von Bremen (picture alliance / dpa  / Ingo Wagner)
Irgendwo in Bremen soll Neeles und Sarah-Leas neue Wohnung sein - am Besten nah am Zentrum. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Neele ist 23 und kann noch keine Schleife binden. Sarah-Lea ist 25 und kann die Uhr noch nicht lesen. Beide Frauen leben mit Beeinträchtigungen, wollen aber endlich von zu Hause ausziehen - in eine gemischte WG. Vorher sind aber noch einige Hürden zu überwinden.

Neele Buchholz steht am elterlichen Küchentisch. Es duftet nach Lebkuchengewürz. Nachdem die junge Frau den braunen Plätzchenteig ausgerollt hat, sucht sie nach passenden Ausstechern.

"Herz, Engel, oh Tannenbaum…"

Die 23-Jährige hat rote Wangen, an ihrer Stirn klebt etwas Mehl. Ihre Freundin Sarah-Lea Binnewies-Freund steht neben ihr. Die beiden haben sich bei einem Bremer Freizeit-Treff kennengelernt und sich gleich gut verstanden. Deshalb wollen sie jetzt zusammenziehen, mit sechs weiteren jungen Menschen: vier mit, vier ohne Beeinträchtigung.

Eine richtige WG soll es werden  - ohne Eltern, meint die 25-jährige Sarah-Lea. Neeles Freund, Adrian, soll auch mit einziehen. Aber er liegt heute mit Grippe im Bett. Zwei junge Mitbewohner ohne Beeinträchtigung stehen auch schon fest: Lennart, der heute arbeiten muss. Und Nicoletta Sack, eine 20-jährige Studentin.  Sie hantiert mit den Müttern von Neele und Sarah-Lea im Hintergrund mit Backblechen, Deko-Streuseln und einem Makronenteig herum, während der Plätzchenteig am Küchentisch schon fast ganz verarbeitet ist. Plätzchen backen kann Neele Buchholz fast ganz alleine, und auch im Alltag braucht sie kaum Hilfe.

"Ich bin selbständig, Haushalt zu machen. Das mach ich auch ganz alleine. Außer zwei Sachen, das kann ich nicht. Einmal die Wäsche und Kochen, das kann ich nicht."

In Norddeutschland sucht man solche Projekte bisher vergeblich

Ihr Leben lang war Daniela Buchholz‘ Tochter Teil der Gesellschaft: in der Krabbelgruppe, im Kindergarten, in der Schule.

"Und das soll einfach im Erwachsenenalter fortgesetzt werden. Also warum da auf einmal wieder nur mit Behinderten zusammenwohnen oder Beeinträchtigten. Und ich hab diese Idee ja eben im Fernsehen gesehen, und fand das total gut, und Neele findet das, glaub ich, auch sehr gut."

Die Idee, von der Daniela Buchholz spricht, ist eigentlich denkbar einfach. Junge Menschen mit Beeinträchtigung wohnen zusammen mit jungen Menschen ohne Beeinträchtigung. Es gibt solche Projekte in Deutschland: in Potsdam zum Beispiel oder in Friedrichshafen. In Norddeutschland sucht man da bislang vergebens.

Ein kleiner Haushaltsunfall. Neele hat sich den Ellenbogen an der Tischkante gestoßen und sich erschrocken.

"Das ist gemein, immer dieser Musikantenknochen, das zieht richtig in den ganzen Arm, ne? Wird schon langsam bisschen besser, Neele? Oder wird’s langsam ein bisschen besser?"

Nicoletta Sack kümmert sich und streicht ihrer zukünftigen Mitbewohnerin über den Rücken. Die Stuttgarterin ist erst vor Kurzem nach Bremen gezogen, in eine Wohngemeinschaft im Studentenwohnheim. Für die angehende Grundschullehrerin eine Zwischenlösung. Ihr fehlt das Miteinander, der familiäre Umgang. Als sie übers Internet von der geplanten inklusiven WG erfahren hat, wollte sie direkt mitmachen. Ihre beeinträchtigten Mitbewohner werden ab und zu mal Hilfe brauchen, aber das macht ihr nichts aus. Im Gegenteil. Sie begreift Gemeinschaft als Bereicherung. Alltagsbeispiel: Wäsche.

"Man muss ja selbst auch waschen. Und dann wäscht man halt zusammen. Es ist ja jetzt nicht so, dass man jetzt die ganze Zeit nur der eine dem anderen was gibt, sondern es ist was Gegenseitiges, und man macht die Sachen einfach zusammen. Und dann macht mir Wäsche waschen vielleicht auch mehr Spaß, wenn man es dann zusammen macht. Und zusammen kocht."

Das geeignete Haus fehlt noch

Eigentlich soll es eine ganz normale WG werden, nur, dass man sich ein bisschen mehr umeinander kümmert. Neele Buchholz kann zum Beispiel noch keine Schleifen binden, Sarah-Lea Binnewies-Freund die Uhr noch nicht lesen. Ihre Mutter Doris holt gerade das nächste Blech Plätzchen aus dem Backofen.

"Ja, ja, die sind ganz empfindlich diese Teile…"

Die Mitbewohner ohne Beeinträchtigung sollten wirklich nur aushelfen, meint sie. Für alles andere gebe es ja nach wie vor die Hilfe vom Sozialamt .

Doris Binnewies-Freund: "Erstens finde ich, sind die Studenten dann zu sehr belastet. Die müssen ja studieren und ihrer Arbeit nachgehen oder so. Ich denke, wenn die überfordert sind, dann geht so ein Projekt ja auch schnell kaputt, ne. Weil die brauchen ja auch ihre Freizeit und ihre Entspannung und ihre Luft neben alldem, was sie tun haben."

Nur eines fehlt dem inklusiven WG-Projekt noch: das geeignete Haus. Es soll zentrumsnah liegen. Alle acht Mitbewohner sollen ein eigenes Zimmer bekommen. Und es darf nicht allzu teuer sein. Mehr als 6,50 Euro pro Quadratmeter sind nicht drin.

Als die kleine Gruppe nach dem Backen Plastiktüten mit Plätzchen füllt, besprechen Eltern und Jugendliche, wie sie weiter vorgehen. Einen Makler beauftragen? Einen Investor suchen? Oder einen Verein bitten, ein Haus zu kaufen und dann zu vermieten? Das ist noch offen, aber eines steht fest: Im nächsten Jahr sollen die Weihnachtsplätzchen in der WG-Küche gebacken werden.

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