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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.02.2006

Leben in Israel und Schreiben auf Deutsch

Zwei deutsch-israelische Schriftsteller über ihre beiden Heimaten

Rezensiert von Bettina von Clausewitz

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Die Fahnen von Deutschland und Israel (AP)
Die Fahnen von Deutschland und Israel (AP)

"Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel" ist der Titel eines gerade erschienenen Buches der deutsch-israelischen Schriftsteller Lea Fleischmann und Chaim Noll. "Woanders" - das ist für die beiden gebürtigen Deutschen mittlerweile ihr ehemaliges Heimatland Deutschland, denn beide sind seit ihrer Emigration mit dem Herzen in Israel zu Hause.

"Es war so, dass ich in Israel dann merkte, dass ich natürlich die Sprache nicht zurückgeben kann, die deutsche Sprache ist ein Teil meines Wesens und ich hab’ sozusagen mit mir dann mit diesem Teil Frieden geschlossen. Ich bin nun mal in Deutschland groß geworden, ich habe hier studiert. Die deutsche Sprache ist die einzige Sprache, in der ich mich ausdrücken kann, in der ich schreiben kann ..."

... und so blieb Lea Fleischmann dem Land ihrer Kindheit wie mit einer Nabelschnur verbunden. Dem Land, das sie 1979 als 32-Jährige wütend und frustriert verlassen hatte, um in Israel zu leben. Sie kündigte ihren sicheren Job als beamtete Studienrätin und gab den Pass zurück. "Dies ist nicht mein Land" war der Titel ihres ersten aufrüttelnden Buches, durch das die Jüdin und Tochter von Holocaust-Überlebenden damals bekannt wurde. Mit harscher Kritik am deutschen Untertanengeist.

Bis heute sind es biografische Elemente, die in ihrem Schreiben immer wieder auftauchen und das Lesen spannend machen. Zusammen mit einer ungewöhnlichen Beobachtungsgabe. "Die unbeantworteten Fragen meiner Kindheit" etwa, so hat Lea Fleischmann das erste Kapitel ihres neuen Buches überschrieben. Darin beschreibt sie ihr Leben in Armut mit den traumatisierten Eltern:

"Wie kamen meine Eltern nach Ulm? Ich habe keinen blassen Schimmer. Wo haben sie sich kennen gelernt? Fragen über Fragen türmen sich auf. Fragen, die nie gestellt und nie beantwortet wurden. In unserer sprachlosen Familie herrschte ein dumpfes Schweigen zwischen den Eltern und Kindern. Die Sprachlosigkeit war typisch für viele jüdische Familien der Nachkriegszeit. Die Eltern wollten die Kinder nicht mit ihren Erlebnissen belasten, und wir Kinder wagten nicht zu fragen."

Leben in Israel und Schreiben auf Deutsch, diese und viele andere Erfahrungen teilt Lea Fleischmann mit ihrem Schriftsteller-Kollegen Chaim Noll. Auch wenn sie aus dem Westen und er aus dem Osten stammt, sie aus einer verfolgten Familie und er aus einer Familie überzeugter Kommunisten in der DDR. Beide sind nach Israel ausgewandert und haben dort im religiösen Judentum eine neue Heimat gefunden.

Mit wechselnden Kapiteln in ihrem gemeinsamen Buch "Meine Sprache wohnt woanders" reflektieren sie die Vergangenheit und analysieren die Gegenwart der beiden Heimatländer. So entsteht ein persönliches Zeitdokument im Erzählstil. Viele Beobachtungen von Lea Fleischmann gehen zurück auf ihre wochenlangen Lesereisen.

"Ich denke, das ist ein Problem in Deutschland, dass die religiösen Werte einfach nicht verteidigt werden. Wenn Sie beobachten, wie hier der Sonntag ausgehöhlt wurde im Laufe der Jahre. Als ich nach Israel ging, gab es keine verkaufsoffenen Sonntage. Kinder wissen hier gar nicht, was ein Sonntagskleid ist, sie wissen gar nicht, wie man diesen Tag unterscheiden kann von all den anderen Tagen - das ist ganz sicherlich auch ’ne Kritik an der Kirche."

Gemeint als konstruktive Kritik, denn die Schriftstellerin versteht sich als "Vermittlerin" zwischen Israel und Deutschland. Und sie möchte an die jüdischen Wurzeln des Christentums erinnern. So sind ihre Texte zeitweilig wie ein Spiegel, der unbequeme Wahrheiten preisgibt. Das Psychogramm einer Gesellschaft, der kaum noch etwas heilig ist.

Lea Fleischmann selbst hat die Religion erst in Israel für sich entdeckt. Mit der hebräischen Sprache lernte sie die Thora kennen und begann den Schabbat zu feiern: einen Tag in der Woche, an dem der Alltag ruht. Hier hat die 58-Jährige nach langer Odyssee innerlich Frieden gefunden, während äußerlich Krieg herrscht. An beidem lässt sie ihre Leser teilhaben:

"Es kann nur einen Frieden geben, wenn ein demokratisches Palästina neben einem demokratischen Israel existieren wird, und in einem demokratischen Palästina müssten auch jüdische Siedlungen erlaubt sein, genau so wie es in Israel arabische Dörfer gibt. Das Wesen der Demokratie ist, dass Minderheiten in ihr leben können, und zwar geschützt leben können, und das müsste meiner Meinung nach der politische Weg sein."

Politisch, religiös und gesellschaftlich – kaum jemand wird Lea Fleischmann und Chaim Noll beim Lesen in allem zustimmen. Aber das ist auch nicht der Zweck ihres Buches. Sie erzählen von den beiden Welten, in denen sie leben, nachdenklich, selbst Suchende und damit verletzlich. Ihre Stärke liegt in ihrem Gottvertrauen und darin, dass sie eine Berufung gefunden haben, in einem Land, das andere meiden. Lea Fleischmann schreibt.

"Dem permanenten Kampf um das Land Israel kann sich kein Mensch entziehen. Ich besitze kein Auto, sondern fahre jeden Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Tatsache, dass ich, eine Stunde nachdem sich ein Selbstmörder in einem Jerusalemer Autobus in die Luft gesprengt hat, an der Haltestelle warte und gemeinsam mit anderen in einen Linienbus einsteige, macht mich zur Kämpferin. Ich kämpfe wie der Busfahrer, der mir ungerührt den Fahrschein verkauft, .... Wir lassen uns vom Terror nicht brechen."


Lea Fleischmann/ Chaim Noll: Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel.
Scherz Verlag Frankfurt/Main
256 Seiten, 17,90 Euro.

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