Leben im Wohnwagen

Letzte Rettung Campingplatz

32:02 Minuten
Mehrer Wohnmobile stehen bei Herbstwetter auf einem Campingplatz.
Für viele ist Campen im Wohnwagen Urlaub und eine Auszeit vom Alltag. Für andere ist das Leben im Wohnmobil mit die letzte feste Wohnmöglichkeit. © Deutschlandradio / Lena Gilhaus
Von Lena Gilhaus · 17.10.2021
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Immer mehr Menschen können sich die hohen Mieten nicht mehr leisten und ziehen auf den Campingplatz. Erlaubt ist das in der Regel nicht. Manche Platzbetreiber drücken trotzdem ein Auge zu und nehmen Menschen in Not auf. Aber nur so lange nichts passiert.
Auf einer Wiese im Rhein-Sieg Kreis flattern platschnasse tibetische Gebetsfähnchen müde im Wind. Ein Bach fließt hinter Bäumen. Es ist November 2019 und Corona ist noch kein Thema auf dem kleinen Campingplatz nahe einer großen Autobahn. Auf einer matschigen Wiese ziehen sich mehrere Reihen mit Wohnwagenparzellen entlang. Satellitenschüsseln auf den Dächern, abgedeckte Grills, keine Menschenseele. Aber in einem Wohnmobil brennt Licht, Wolfgang und Ursula winken schon am Fenster.
"Wir sind glücklich und zufrieden hier", versichert Ursula und schenkt Kaffee ein. "Es gibt keine Schattenseiten. Überhaupt nicht," fügt Wolfgang hinzu.

Schuften für die Miete war keine Option

Seit 2012 leben die beiden im Wohnmobil, 80.000 Euro haben sie investiert in ihr 14-Quadratmeter-Reich. Ursula hat ihren Sitzplatz auf dem eingedrehten Beifahrersitz, Wolfgang auf der Bank am ausklappbaren Tisch. Herzchen, Lichterketten, Porzellangeschirr – es ist kitschig-gemütlich hier.
"Ich hatte einen sehr langweiligen Mann", erzählt Ursula – und Wolfgang lacht. Beide sind jeweils aus einer langjährigen Ehe geflohen, die nicht mehr funktioniert hat. Ursula wollte mit 45 Jahren noch was erleben. Da hat sie Wolfgang kennengelernt. Der war gerade mit einem Start-up Pleite gegangen, musste sein Haus verkaufen und war verschuldet.

Seine Ehe ging darüber endgültig in die Brüche. Als sich Ursula und Wolfgang schließlich 2012 finden, beschließen die beiden neu anzufangen: Weniger Arbeit, mehr Freizeit, viel Reisen – das war ihr Traum. Realisieren ließ sich der aber nur durch die Reduzierung der Lebenshaltungskosten. Und so kamen die beiden zum Wohnmobil und auf den Campingplatz.

Hier zahlen sie 300 Euro Standgebühr und Nebenkosten, den Sprit und 20 Euro für eine Gasflasche. Das Wochenende verlängern sie gerne und ziehen durch die Lande. Zuletzt waren sie an der Mosel. Unter der Woche sind sie auf dem Campingplatz und arbeiten Teilzeit. Wolfgang als Finanzberater und Ursula als Erzieherin in einem Kindergarten der Umgebung.
Ganz legal ist ihr Lebensmodell nicht. Das dauerhafte Wohnen auf dem Campingplatz ist nicht erlaubt. Deshalb sind die beiden bei Wolfgangs Mutter offiziell angemeldet. Auch die Kolleginnen und Kollegen wissen nicht Bescheid. Denn Ursula hat die Erfahrung gemacht, dass ihre Lebensentscheidung im Freundeskreis nicht toleriert wird. "Da hätte ich mir mehr erwartet, viele lehnen das ab." Wolfgang formuliert es härter: "Man gilt als gescheitert. So als würde man unter der Brücke schlafen."


Beim Gang über den Platz entdecke ich hinter Bäumen weitere Wohnwagen, die im regnerischen Spätherbst nicht aussehen, als wären sie aus touristischen Gründen hier geparkt. Ein junger Mann öffnet, spricht kein Deutsch, kein Englisch. Im Wohnwagen nebenan lehnt ein kräftiger Camper freundlich ein Interview ab.
In einem Wohnmobil ist ein Kaffeetisch gedeckt.
"Viele lehnen das ab." – Wohlfühlatmosphäre im Wohnmobil von Ursula und Wolfgang.© Deutschlandradio / Lena Gilhaus

Entweder obdachlos oder Leben im Wohnwagen

An den Waschbecken vor dem Sanitärgebäude spült ein Mann mit langem, grauem Bart und weißen Haaren sein Geschirr ab. Er ist schon zwei Monate auf dem Platz, erzählt er.
"Ich bin offiziell obdachlos. Vorher war ich ein ganz normaler Bürger und habe gewohnt, wie sich das gehört. Da das Jobcenter nicht bereit war, meine Kosten auftrags- und gesetzmäßig zu übernehmen, wurde ich rausgeklagt und geräumt und unter diesen Umständen in diesen Zeiten irgendwo eine Wohnung zu finden, gerade auch als Arbeitsloser, ist so gut wie aussichtslos."
Klaus hat vorher bei seiner Mutter gewohnt, sie zehn Jahre lang gepflegt. Nach ihrem Tod vor zweieinhalb Jahren fehlte das Geld für die Miete. Er wurde geräumt. Eine neue Wohnung hat er nicht gefunden für den Preis, den das Jobcenter bereit war zu zahlen. Aber im Internet einen Wohnwagen. Seine Lage ist prekär.


"Ich habe keine Möglichkeit, mich hier zu melden, deshalb ist mein Status ungesichert, wenn nicht gar illegal. Angeblich hat die Stadt was dagegen, dass wir hier wohnen. Es gibt also ganz erhebliche Beschränkungen. Sogar die Wasserversorgung wird eingestellt, damit die Leitungen nicht platzen, wenn es wirklich mal kalt wird."
Ein Holzbett steht in einem Wohnwagen.
Klaus konnte sich eine Wohnung alleine nicht leisten, jetzt steht sein Bett im Wohnwagen. © Deutschlandradio / Lena Gilhaus
Klaus trägt die Wanne mit dem Geschirr über den Platz in sein neues Zuhause. Er hat mal Philosophie studiert, Geschichte, Literaturwissenschaft, aber nichts abgeschlossen, erzählt er. Dann betritt er den Wohnwagen, es ist dunkel und karg hier drin, die Sitzecke abgewetzt, eine leere Suppendose auf dem Herd. Auf dem Tisch ein voller Aschenbecher.
"Ich bin gerade eher in einer depressiven Phase", entschuldigt er sich.

"Ich könnte jeden Tag jemanden aufnehmen"

Klaus gehört zu den Wohnungslosen in Deutschland, er ist irgendwie hineingeraten in diese Gruppe Menschen, die immer größer wird. Offiziell geschätzt wurden die Wohnungslosen zuletzt im Jahr 2018 - 678.000 waren es damals, Dunkelziffer unbekannt, so die Studie der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Das ist ein Anstieg um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Grund: Mangel an bezahlbarem Wohnraum für Menschen mit niedrigerem Einkommen.
Das Wohnen auf dem Campingplatz ist für Klaus eine Notlösung, aber nicht die schlechteste. Theoretisch könnten angesichts der steigenden Zahlen von Wohnungslosen solche Lösungen Schule machen, zumindest vorübergehend. Aber die Option "Letzte Rettung Campingplatz" findet bei den meisten Betreibern wenig Zuspruch. Sie wollen Urlaubsgäste auf ihren Plätzen, keine wohnungslosen Dauercamper.
Aber es gibt Ausnahmen. Gabi Müller betreibt den Platz, auf dem Klaus, Wolfgang und Ursula leben. Für einen Dauercamper-Wohnwagen bekommt sie 150 Euro mehr Monatsmiete als für einen Jahresstellplatz für Sommergäste. Das ist lukrativ, aber auch riskant: Die Behörden haben ihren Platz inzwischen ins Visier genommen. Deshalb ist auch ihr Name erfunden.
"Ich habe das anders gemacht, weil ich einfach ein Herz habe für Menschen in Not und immer wieder Menschen auf mich zugekommen sind, die plötzlich unverschuldet wohnungslos geworden sind. Da ist ein Rentner, der im Wald geschlafen hat. Da ist ein kranker Mensch mit Hund, der keine Wohnung gefunden hat oder eine junge Frau, die irgendwie auf der Straße gelandet ist. Ich habe eigentlich alle paar Tage eine Anfrage, ich könnte immer weiter Leute aufnehmen. Da es nicht erlaubt ist, auf einem Campingplatz dauerhaft zu wohnen, halte ich da so ein bisschen die Hand drauf und sehe zu, dass ich maximal zehn Leute aufnehme."

Die Gemeinden haben Spielraum

Manche Wohnungslose hat ihr Manuela Gardeweg vermittelt, die in einer riesigen Lagerhalle arbeitet. Die gehört einer Initiative, die sich für Obdachlose und Brandopfer einsetzt. Die Regale sind bis zur Decke voll mit Kleider- und Hausrat-Spenden. Gardeweg schiebt gerade eine Fuhre Mäntel rein. Hier sammelt sie manchmal auch Wohnwagenerstausstattungen zusammen. Oft für Jugendliche ohne Schulabschluss, Einwanderer oder Rentner.
"Jetzt erfrieren wieder Obdachlose. Ich kann nicht ohne Zwischenschritt jemanden unter einer Brücke rausholen und davon ausgehen, dass ich den sofort in eine Wohnung bringe. Der Staat ist hier ganz klar in der Pflicht, hier mitzuwirken, und der Anfang ist immer die Gemeinde und der Kreis!"

Der soziale Wohnungsbau ist seit Jahren rückläufig. 630.000 Sozialwohnungen fehlen deutschlandweit. Die Gemeinden haben durchaus Spielraum. In manchen Fällen können sogenannte Erholungssondergebiete auch zum Wohnen genutzt werden. Eine EU-Richtlinie macht das möglich – wenn es denn gewünscht wird.
Eine Frau mit dunklen Haaren steht in einem Lagerhaus mit Kleidung und Kisten.
"Jetzt erfrieren wieder Obdachlose", sagt Manuela Gardeweg, die sich mit einer Initiative für wohnungslose Menschen einsetzt.© Deutschlandradio / Lena Gilhaus
Dagegen spricht, dass sich manche Camper recht häuslich in ihrem Provisorium niederlassen und Rettungswege zubauen, feste Anbauten anbringen und die Wagen im Notfall nicht mehr bewegt werden können. Feuer oder Hochwasser können dann lebensgefährlich werden.

Carlo baut sich sein Paradies

Carlo Jung schreckt das nicht. Er lebt genauso wie Ursula und Wolfgang und der arbeitslose Klaus quasi "illegal" auf dem Campingplatz von Gabi Müller. Versteckt hinter einem Baum, direkt am Flussufer steht Carlo Jung vor dem Tor zu seiner Wohnwagenparzelle. "Vorher war das Brachgelände, ich habe dann die Wege und die Terrasse angelegt. Einfach schön! Gucken Sie sich doch mal hier um, hier kann man sich nur wohlfühlen."

Wie zum Beweis steht "Mein Paradies" auf dem Nummernschild über dem Wohnwagenfenster. Die Terrasse ist betoniert, ein Kiesweg führt durch den Garten, ein grüner Zaun begrenzt ihn, am Ende ein Geräteschuppen mit 1. FC Köln Wimpel. Alles selbst gebaut, obwohl er das eigentlich gar nicht darf.
Im Wohnwagen eine gemütliche Sitzecke mit Bücherregal darüber. Eine Schüssel Orangen auf dem Tisch. Hund Charly springt auf die Sitzbank, Carlo setzt sich dazu und erzählt, dass er mit seiner Partnerin früher in einem Haus gelebt hat. Dann sei er an Depressionen und einer Angststörung erkrankt. Sozialphobie, sagt er. Er bekam Panik, wenn er unter Menschen war. Er hat schon vier Therapien hinter sich.
"So weit wie hier auf dem Campingplatz bin ich noch nie gekommen. Es geht mir besser damit. Ich mache meine Tür zu und bin für mich und kann dann Kraft sammeln, um wieder rauszugehen und das wieder mit den Menschen durchzumachen. So gut wie hier ging es mir noch nie."


Im August 2017 kam Carlo hierher, nachdem seine Partnerin ihn aus dem gemeinsamen Haus geworfen hat, erzählt er. Manuela Gardeweg von der Obdachlosen-Initiative hat Carlo damals diesen Wohnwagen vermittelt. Nach Jahren der Isolation hat er hier wieder Anschluss gefunden, inzwischen geht er sogar rüber in die Gaststätte und traut sich an den Stammtisch.
Ein Zelt vor einem Wohnwagen auf einem Campingplatz.
"Es geht mir besser damit." – Carlo Jung hat sich sein eigenes kleines „Paradies“ auf einem Zeltplatz geschaffen.© Deutschlandradio / Lena Gilhaus
"Da wohnt keiner auf dem Campingplatz. Sind alles gestandene Leute, wir haben Ingenieure, und die akzeptieren mich alle so, wie ich bin. Ich habe immer wieder Besuch und als ich Geburtstag hatte und 63 wurde, da haben die heimlich eine Party für mich organisiert. Es war so schön!"
Oberhalb von Carlos Paradies jagt der Verkehr über die Autobahnbrücke, der Fluss könnte seine Behausung jederzeit überschwemmen. Für jedes Zähneputzen, jeden Toilettengang muss er jetzt – im Winter 2019 – über den ganzen Platz.

Mit Corona kommt der Ausnahmezustand

Mein nächster Besuch auf dem Campingplatz ist im Sommer 2020. Die Corona-Pandemie hält Deutschland in Atem. Auf dem Campingplatz ist alles grün und warm, der Bach plätschert, Ferienidylle. Aber das täuscht, erzählt Wolfgang, der in Badehose vor seinem 14 qm-Wohnmobil sitzt, während seine Ursula drinnen putzt. Es herrscht Ausnahmezustand auf Deutschlands Campingplätzen.
"Wir fahren den Rhein lang, aber da heißt es: geschlossen. Komplett geschlossen. Ein Stück weiter oben probieren wir`s wieder. Platz komplett geschlossen. Und irgendwann haben wir uns einfach auf einen Parkplatz zum Übernachten gestellt. Aber dann überschlugen sich die Meldungen und wir hatten Sorgen, wirklich zu stranden."
Das Dauercamperpaar hatte Glück und durfte im März zurück auf ihren angestammten Platz. Für Touristen blieb der Platz - wie überall – wegen der Pandemie geschlossen. Klaus, der wohnungslose Hartz-IV-Empfänger, will lieber nichts mehr ins Mikro sagen, aber er erzählt mir, dass er jetzt beim Sozialdienst Katholischer Männer eine Postanschrift hat und staatliche Unterstützung beziehen kann.


Carlo Jung steht vor anderen Herausforderungen. Auf seiner Parzelle liegen Bretter herum, Bauschrott, eine Plane. Ende Januar gab es eine Begehung vom Amt. Den Platzbetreibern droht ein Verfahren, falls die festen Anbauten an einigen Wohnwagen nicht entfernt werden. Carlo muss zurückbauen.

"Gut, ich kann mir vielleicht auch vorwerfen lassen, dass mir von Anfang an gesagt wurde, Du darfst hier keine Hütten bauen. Aber es wurde auch drei Jahre geduldet. Jetzt mit einmal Tabula rasa und nach dem Motto: Alles raus, alles weg! Dann habe ich nur noch so einen nackten Wohnwagen stehen und jeder kann mir alles wegnehmen, was ich hier so habe."

Ohne die Anbauten will er hier nicht bleiben. Er ist inzwischen auf Wohnungssuche, bislang erfolglos.
Ein Wohnwagen mit einem Schild, auf dem "Paradies" steht.
Für Carlo Jung waren Wohnwagen, Zelt und angelegter Gehweg sein „Paradies“, für die Behörden nicht genehmigt.© Deutschlandradio / Lena Gilhaus

Die Flut spült alle weg

Es ist Juli 2021. Ich bin gerade im Urlaub in Spanien und höre von der Flutkatastrophe in Deutschland und dass auch der Rhein-Sieg Kreis stark betroffen ist. Sofort denke ich an den kleinen Campingplatz am Bach. Ich erkundige mich bei der Campingplatzbetreiberin nach der Lage. Sie schreibt, dass der gesamte Platz unter Wasser stand. Mehrere Wohnwagen hingen im Bachbett und in den Bäumen. Aus der Not habe sie allen Dauercampern gekündigt, weil die Stadt drohe, ihr die Genehmigung zu entziehen und den Platz zu schließen.
Ich kontaktiere Carlo Jung, der mit seinem Hund Charly direkt am Bachufer gewohnt hat. Er antwortet mir per WhatsApp: "Ich habe es heil überstanden, aber ich stehe vor dem absoluten Nichts."


Er sei gerade bei Freunden, suche händeringend nach einer Wohnung. Wir verabreden uns nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub.
Ich schreibe auch Wolfgang und Ursula, dem Dauercamper-Pärchen mit Wohnmobil. Keine Antwort. Und auch Klaus, der arbeitslose Wohnwagen-Camper, ist wie vom Erdboden verschwunden.
Nach einem Hochwasser Verwüstungen auf einem Zeltplatz.
„Mein persönlicher Tsunami." – Carlo Jungs zerstörtes Zelt und der verwüstete Wohnwagen nach dem Hochwasser im Sommer 2021.© Deutschlandradio / Lena Gilhaus
Nach meinem Urlaub mache ich mich auf den Weg nach Siegburg: Auf der Zufahrtsstraße im Norden der Stadt drängen sich links und rechts schmale Wohnhäuser. Ich halte auf einem Restaurantparkplatz und klingele an einem beigefarbenen Altbau. Carlo Jung und Charly begrüßen mich begeistert an der Wohnungstür im ersten Stock, ihrem neuen Zuhause.

"Das ist mein Reich!", ruft Carlo. "Ich habe festgestellt, ich bin nicht für das Leben im Wohnwagen gemacht, irgendwie bin ich da durch Beziehungsstress reingeraten."
Ich werde durch eine schicke Zweizimmerwohnung geführt. Eine bunte XXL-Malerei von Venedig prangt über dem Bett, im Wohnzimmer blickt Audrey Hepburn überm Sofa auf die Fernseh- und Schreibtischecke. Carlo ist happy. "Gucken Sie sich die Helligkeit an, dagegen mein dunkler Wohnwagen. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Deshalb fühl ich mich hier sauwohl. Es war alles komplett, alles möbliert."

"Letzte Rettung Campingplatz" – das war einmal

Carlo serviert Kaffee in der großen Wohnküche vor taubenblauer Wand und erzählt von der Flut, die seine kleine Campingwelt weggespült hat.

"Mein persönlicher Tsunami. Von meinem Wohnwagen war noch zehn Zentimeter zu sehen, der Rest war komplett unter Wasser, wirklich komplett. Morgens um zehn ging das los. Und dann habe ich mir erst einmal nichts bei gedacht. Dann um 11 hatte ich 20 Zentimeter vor dem Vorzelt, na dann stellste mal ein paar Sachen hoch. Und dann bin ich erst mal raus. Und dann ging das innerhalb von anderthalb Stunden, da war mit einmal ein Meter Wasser im Wohnwagen. Dann kam das Ordnungsamt und wir müssen den Platz evakuieren. Das soll noch schlimmer werden. Ich hatte alles noch drin. Da konnte ich nicht mehr rein. Ich hatte ein paar Badelatschen, eine Jogginghose, ein T-Shirt, Unterhose und das war es. Mein Hund war auch dabei."


Aller Besitz, Fotos, Videos seiner Tochter, seine CD-Sammlung – seine Anbauten, seine Wege: Zerstört. Carlo hat es am schlimmsten getroffen auf dem Platz, weil er so tief und direkt am Flussufer stand. Sein Wagen ließ sich nicht mehr fortbewegen. Auf dem Platz gab es am Ende Ärger.

Aber froh ist er über die Hilfe von Fremden. Nachdem er einen Onlinehilferuf ausgesendet hatte, kamen 700 Euro Spenden zusammen und schließlich dies: Es meldete sich eine Frau, die ihm die vollmöblierte Wohnung der Tochter angeboten hat, die ausgewandert ist. Bei 720 Warmmiete bleiben Carlo monatlich 500 Euro zum Leben. Im nächsten Frühling bekommt er etwas mehr Altersrente.

"... und dann geht es auch wieder aufwärts." Da ist er sich sicher. "Diese acht Monate, die muss ich jetzt überbrücken. Ich sage mal 'With a little help from my friends' klappt das alles."
Ein Mann und ein Hund sitzen in einem Wohnzimmer auf einem Sofa.
"Ein Unterschied wie Tag und Nacht." – Carlo Jung mit Hund Charly in seiner neuen Wohnung.© Deutschlandradio / Lena Gilhaus
Seit er wieder eine Wohnung hat, ist er auch psychisch stabiler. "Ich kann unter Leute gehen, ohne auch nur irgendwelche Beklemmungen zu bekommen. Vielleicht liegt es wirklich daran, dass man merkt, man wird nicht alleine gelassen. Ich bin einfach nur froh, jetzt hier zu sein. Und dafür war es vielleicht gut, dass es so kam."
Und so ist Carlo Jung sogar so etwas wie ein Gewinner der Flutkatastrophe. Andere müssen mit den Konsequenzen leben. Letzte Rettung Campingplatz – das war einmal. Der anonyme Campingplatz, von dem die letzte halbe Stunde hier die Rede war, nimmt keine Wohnungslosen mehr auf.
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