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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.09.2011

Leben im Ungewissen

Marlene Streeruwitz: "Die Schmerzmacherin", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 399 Seiten

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Streeruwitz erhielt unter anderem den Hermann-Hesse-Literaturpreis (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Streeruwitz erhielt unter anderem den Hermann-Hesse-Literaturpreis (picture alliance / dpa / Uli Deck)

In ihrem neuen Roman erzählt die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz die Geschichte der Mittzwanzigerin Amy, deren Leben von Brutalität und Unsicherheit geprägt ist. Im Zentrum steht eine Nacht, an die Amy keine Erinnerung mehr hat - sie wurde vergewaltigt.

"Die Schmerzmacherin", der neue Roman von Marlene Streeruwitz, ist ein Angriff auf die Nerven der Leser. Die bekannte österreichische Schriftstellerin benutzt dafür genretypische, jedoch um die Hoffnung kupierte Versatzstücke: Kein Kommissar kümmert sich um Leichen und Verschwundene; Eingesperrte, Zusammengeschlagene und Vergewaltigte haben keine Hilfe, nicht einmal Mitleid zu erwarten. Die feministische und politisch engagierte Streeruwitz erzählt von einer brutalisierten, unsicheren Welt. Es ist, das zeigen Hinweise auf Dominique Strauss-Kahn und Heidi Klum, unsere Gegenwart.

Amalie Schreiber, genannt Amy und Mitte 20, wird in einer privaten Sicherheitsfirma ausgebildet. Die Tochter einer drogensüchtigen Mutter, die sie nie kennenlernte, wuchs bei Pflegeeltern auf, trinkt unmäßig, schätzt Sex, weil dann immerhin Sicherheit herrscht über die zu erwartenden Handlungen, und stößt auch in der Sicherheitsfirma nur auf Gegner. Amy ist schön, desillusioniert, haltlos, isoliert – und damit sehr deutlich als Element einer Versuchsanordnung, nicht als psychologisch glaubwürdige Figur charakterisiert. In Kapiteln, die nach Monaten benannt sind und ein knappes Jahr umspannen, erlebt sie bedrohliche, oft rätselhafte Situationen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, in England und der österreichischen Provinz.

Im Zentrum steht eine Nacht, an die Amy wegen des Alkohols keine Erinnerung mehr hat. Ihr Freund, der auch zu sexuellen Dienstleistungen bereite Animateur Gino, wurde in dieser Nacht schwer verletzt, und sie, wie sie erst Monate später durch eine Fehlgeburt erfährt, vergewaltigt. Mit Hilfe eines DNA-Tests ermittelt Amy Gregory als Täter, ihren Vorgesetzten in der Sicherheitsfirma, der sowohl väterlich wie auf undurchsichtige Weise vertraut mit Amys Tante ist. Diese Tante will Amy zu einer Unterschrift unter ein Restitutionsbegehren der offenbar jüdischen Familie gegen den österreichischen Staat zwingen und mutmaßt, der unbekannte Vater ihrer Nichte sei ein Nazi gewesen. Am Ende liegt Gregory tot auf einem Konferenztisch.

Wer hier nicht mehr folgen kann, erwartet vom Rezensenten mehr Übersichtlichkeit, als Streeruwitz bieten will. In ihrer undurchsichtigen Welt sorgt die Amy ausbildende Sicherheitsfirma gezielt für Unsicherheit, indem sie den Krieg aller gegen alle trainiert. Amy bewegt sich wie im Blindflug, erlangt aber schließlich ein Bewusstsein ihrer selbst, als sie am Bett der krebskranken Pflegemutter um ihr bisheriges Leben trauert.

Nicht nur die Hauptperson ist heillos überdeterminiert, auch der Roman. Er gleicht gar einer Parodie, wenn am Ende der Laokoon-Mythos mit dem Märchen von Hänsel und Gretel verschnitten wird. Streeruwitz scheut Halbheiten. Für ihr düsteres Bild einer Gegenwart, in der sich die Verbrechen der Nationalsozialisten zu denen der Privatwirtschaft gesellen, schwingt sie lieber die Axt als das Skalpell – manchmal vorhersehbar, aber immer kraftvoll, bissig und geschickt. Getragen wird das Buch von der Nähe des Erzählers zu Amy, deren beängstigende Ungewissheit über alles und jedes hautnah mitzuerleben ist. Und von einer Sprache, die anfangs arg reduziert wirkt, bis die vielen Punkte, die die Sätze in Teile zerlegen, als Mittel einer überzeugenden Rhythmisierung erkennbar werden. Ein beklemmendes Buch.

Besprochen von Jörg Plath

Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
399 Seiten, 19,95 Euro

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