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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 01.11.2012

Leben hinterm Grenzzaun

Im Niemandsland zwischen den USA und Mexiko

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US-amerikanische Grenzpolizei am Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko in der Nähe von San Diego. (AP)
US-amerikanische Grenzpolizei am Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko in der Nähe von San Diego. (AP)

Sie sagen, sie wissen nicht, ob sie eigentlich noch in den USA sind oder schon in Mexiko - jene Amerikaner, die sich plötzlich hinter dem langen Zaun wiederfanden, den die USA entlang der Grenze aufstellten, um illegale Einwanderer und Drogenhändler abzuschrecken. Noch ist der Zaun durchlässig - er hat in unregelmäßigen Abständen Lücken - aber bleibt das so?

Es ist idyllisch in Pamela Taylors Garten in Brownsville, einem kleinen Ort am südlichsten Zipfel von Texas: Vögel zwitschern, Zikaden zirpen, die üppigen Bougainvillea-Büsche sind übersät mit pinken Blüten und verbreiten süßen Duft. Pamela Taylor, 84, rüstig und braungebrannt, sitzt mit Familie und Freunden um einen wackligen Gartentisch. Die alte Dame lacht ihr kehliges Lachen - und dann zieht sie lässig einen Taser aus ihrer Hosentasche.

Das knackende Geräusch der 2000 Volt starken Elektroschockpistole durchbricht die Vorabendstille - damit wird sich keiner anlegen wollen, sind sich alle in der Runde einig. Aber die Rentnerin hat noch andere Tricks auf Lager, um potentielle Eindringliche abzuwehren:

Sie empfiehlt Wespenspray, denn mit dem kleinen Sprühaufsatz könne man es gut und gerne 8 bis 10 Meter weit spritzen. Bis vor ein paar Jahren hat Pamela Taylor wenig über solche Dinge nachgedacht. Natürlich, Mexiko mit seinen Drogen- und Menschenschmugglern war schon immer nah dran, aber der Rio Grande, der 100 Meter hinter ihrem kleinen Haus vorbeifließt und die natürliche Grenze zwischen den USA und Mexiko bildet, war breit und schnell, da kam niemand so einfach rüber. Aber dann gab es die großen Dürren, das Wasser ging zurück, der Fluss wurde schmaler und Mexiko kam näher. Und dann wurde 2009 der Grenzzaun gebaut.

Pamela spricht vom Niemandsland, in dem sie lebt. Ihr Haus, in dem sie seit mehr als 60 Jahren lebt, steht zwischen dem Fluss und dem großen Zaun, der gut 400 Meter landeinwärts gebaut wurde. Der Weg durch Pamelas Vorgarten ist eine beliebte Route für illegale Einwanderer oder Drogenschmuggler aus Mexiko, die durch den Fluss gewatet sind und jetzt zur nächstgelegenen Lücke im Grenzzaun wollen - die ist genau am Ende der kleinen Straße, die zu Pamelas Haus führt.

Es kommen mehr Menschen, seit der Zaun steht, beobachten Pamela und ihre Familie - 14 größere Gruppen waren es allein im letzten Monat. Die 84-Jährige kann haarsträubende Geschichten erzählen: Von 40 Kilo Marihuana unter ihren Bougainvillea-Büschen, davon, wie sie einmal nachts aufwachte, weil vor dem Fliegengitter an ihrer Schlafzimmertür ein Mann stand.

"Ich bin aufgestanden und habe gesagt: Ich spreche kein Spanisch. Das ist OK, antwortete er, ich spreche Englisch. Dann kam noch eine Frau dazu, die ebenfalls akzentfrei Englisch sprach. Das müssen 'coyotes' gewesen sein - Menschenschmuggler. Dann wollten die beiden telefonieren, eine Nummer in Mexiko. Wahrscheinlich war irgendetwas bei ihrer Schmuggelaktion schief gelaufen und sie wollten nachhören, was los ist."

Als die Grenzschutzbeamten eintrafen, die Pamelas Schwiegersohn gerufen hatte, waren der Mann und die Frau längst weg.

Pamela Taylor und ihre Familie haben die typisch texanische Gastfreundschaft bewiesen und mich zum Abendessen eingeladen. Als Tortillas, Fleisch, gebackene Bohnen und Guacamole verzehrt sind, ist es dämmrig geworden. Jetzt können wir nicht mehr an den Fluss, sagen alle, es ist zu gefährlich.

Pamelas Tochter Michelle fährt am nächsten Nachmittag mit mir hin - natürlich nicht ohne ihren "Freund", einen kleinen Revolver:

"Wenn man sein ganzes Leben hier verbracht hat, ist man nicht wirklich ängstlich, aber man muss wachsam sein. Ich sage immer, ich fühle mich hier wie eine Gefangene."

Sie traut sich kaum, mal länger als ein, zwei Tage in den Urlaub zu fahren, weil sie Angst hat, dass Mexikaner über den Fluss kommen und ihrer Mutter das Haus wegnehmen:

Aus der Sicherheit ihres Pick-up-Trucks heraus zeigt die laute, redselige Frau auf die Flussböschung - hier liegen oft Kleidung und Schwimmringe von den Überquerungen. Michelle lacht nur hohl, als ich sie darauf anspreche, dass die US-Regierung sagt, der Grenzzaun helfe sehr gut dabei, illegale Einwanderung und Drogenschmuggel zu kontrollieren. Nicht weil er die Grenzüberquerer stoppt, sondern weil er sie zu den wenigen Lücken im Zaun schleust, wo Amerikas Grenzschützer besser zuschlagen können.

Die Probleme an der Grenze mit diesem Zaun lösen zu wollen, sagt Michelle, das ist so, als würde man ein Pflaster auf eine Schussverletzung kleben. Das kann nicht funktionieren.

Wir kommen bei unserer Fahrt durchs Niemandsland mehrfach an Fahrzeugen mit Grenzpatrouillen vorbei, Michelle begrüßt sie jedes Mal freundlich. Die Taylors pflegen ein gutes Verhältnis zu den Grenzschützern.

Pamela Taylor hat immer eine Kühlbox voller Getränke an der Einfahrt stehen, damit sich die Grenzschützer bedienen können. Die machen ja nur ihren Job, sagt sie. Aber auf die Regierung in Washington sind Pamela Taylor und ihre Familie ganz schlecht zu sprechen. Der Zaun wurde uns einfach vor die Nase gesetzt, die Regierung hat sich einen Dreck um uns geschert, schimpft Pamelas Schwiegersohn Mario. Er erzählt, wie er zu einem der Bürgertreffen gegangen ist, bei denen die Regierung über den Zaun informieren wollte:

"Sie hatten große Luftbilder von der Gegend und ich habe mich einfach dumm gestellt und einen Mann gefragt: Was, wenn jemand hinter dem Zaun lebt, wie kommt er da raus? Er antwortete: Da lebt niemand. Wir sind dort überall gewesen und haben mit allen gesprochen. Ich fragte: Sind sie sicher? Ja, war die Antwort. Dann habe ich auf einen kleinen silbernen Fleck auf dem Bild gezeigt: das da ist ein Blechdach an einem Haus - an unserem Haus. Er hat dann nochmal gesagt, dass dort niemand lebt."

2.800 Kilometer weiter nordöstlich sitzt Loren Flossman in einem fensterlosen Konferenzraum im Washingtoner Hauptquartier von "Customs und Border Protection", der amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbehörde. Der große, schwere Mann mit dem jovialen Gesicht kennt sich mit dem Grenzzaun aus wie kaum ein zweiter, denn er und sein Team haben ihn entworfen und konstruiert:

Flossman kann heute drei Grundarten von Grenzbefestigungen anbieten: manche höher, manche etwas niedriger, einige mit breiteren, andere mit engeren Stäben - je nachdem, welche Anforderungen die Grenzschützer in dem jeweiligen Gebiet haben.

Gut 1.000 Kilometer Grenzzaun sind gebaut, 180 davon in Texas - damit ist etwa ein Drittel der langen amerikanischen Grenze zu Mexiko gesichert. Der Rest sind Wüste oder Berge, Gelände, das so unwegsam ist, dass es nach Meinung der US-Regierung nicht noch zusätzlich abgeriegelt werden muss. Loren Flossman ist es wichtig zu betonen, dass er vor dem Bau selbst unten in Texas war, um mit den Menschen im Rio Grande Valley zu sprechen:

"Wir haben die Gemeinden dort sehr eingebunden, haben auf Bürgerversammlungen und bei öffentlichen Anhörungen bestimmt mit tausend Leuten darüber gesprochen, was wir vorhaben und wie wir die Folgen für sie abmildern können."

Auf die Frage, wie viele Menschen denn eigentlich hinterm Zaun leben, hat Flossman keine Antwort. Genau wie auf viele andere Fragen.

Da bin ich nicht der richtige Ansprechpartner, sagt er oft. Insgesamt verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass die Grenzschutzbehörde nicht besonders auskunftsfreudig ist, wenn es um die Problematik der Menschen hinterm Zaun geht. So hat es allein zwei Monate gedauert, bis dieses Interview überhaupt zustande kam. Die US-Grenzschutzbehörde weist den Vorwurf zurück, der Grenzzaun sei nur deshalb so weit landeinwärts gesetzt worden, weil die Regierung zu faul und zu geizig war, ihn entlang des mäandernden Rio Grande zu bauen:

Zaun-Architekt Flossman betont, es habe in Brownsville keinen anderen Ort für diesen Zaun gegeben, denn internationale Verträge zwischen den USA und Mexiko regelten, dass im Überflutungsbereich des Rio Grande nicht gebaut werden darf. Man merkt Flossman an, dass er die Kritik am Zaun für völlig übertrieben hält - der habe das Leben der Bürger dort unten doch praktisch nicht verändert:

"Die Menschen bewegen sich durch die Öffnungen im Zaun wie eh und je von Nord nach Süd. Sie betreiben hinter dem Zaun weiter Landwirtschaft, picknicken und gehen jagen. Soweit ich das sehen kann, haben wir ihr Verhalten überhaupt nicht beeinträchtigt."

Bob Lucio sieht die Sache etwas anders, wie die meisten, die hinterm Grenzzaun leben und arbeiten:

Lucio steht auf seinem 18-Loch-Golfplatz im Südwesten von Brownsville, ein heißer Wind pfeift über die mehr braunen als grünen Rasenflächen und Lucio gestikuliert wild: im Osten ist Mexiko, im Westen ist Mexiko, im Süden ist Mexiko - überall. Sein Golfplatz liegt in einer der Flussbiegungen des Rio Grande, wo sich US-Gebiet wie ein Daumen ins Nachbarland hinein streckt:

Die Stadt Matamoros auf der anderen Flussseite ist so nah, dass Lucio eine Zeitlang ein Warnschild am 16. Loch stehen hatte: "Keine Golfbälle nach Mexiko schlagen - Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt”. Das gab diplomatischen Ärger, seitdem lehnt das Schild im bescheidenen Clubhaus an der Wand:

Wer zum ersten Mal zu Bob Lucios idyllisch gelegenem Golfplatz fährt, der merkt vielleicht gar nicht, dass er sich plötzlich hinterm Grenzzaun befindet. Man fährt einen kleinen Hügel hinauf, rechts und links stehen zwei weiße, hübsch geschwungene Pfeiler und der grüne Gitterzaun, der sich daran anschließt, ist recht niedrig - er gehört zu der Uni, an die der Golfplatz grenzt. Aber ein paar dutzend Meter weiter beginnt der für Brownsville typische rostbraune, sechs Meter hohe Metallzaun mit den dicken, vertikalen Stäben:

"Es ist einfach traurig und ich bin jedes Mal berührt, wenn ich diesen Zaun sehe, der mitten in unserem Ort steht."

Bob Lucio hat tiefe Wurzeln in dieser Gegend, er wurde hier geboren und betreibt diesen Golfplatz seit 25 Jahren.

"Als der Grenzzaun gebaut wurde, haben viele Golfer ihre Mitgliedsverträge nicht verlängert. Ich kann das verstehen, es gab so viel Unsicherheit, was weiter passiert. Etwa 40 Prozent der Mitglieder waren weg - das war ein schwerer Schlag."

Statt früher 16 Angestellte hat Bob Lucio jetzt nur noch zehn. Er fordert, es müsse irgendeine Form von Entschädigung geben für die Menschen hinterm Zaun. Als ich Loren Flossman von der Grenzschutzbehörde in Washington danach frage, antwortet er nur: es kann viele Gründe geben, warum ein Geschäft nicht mehr gut läuft.

Bob Lucio und die Familie von Pamela Taylor reden gerne und viel über das, was sie am Grenzzaun erleben, aber nicht alle hier unten in Texas sind so gesprächig.

Das hier ist Debbie Loop und sie hat Angst, ihre Familie in Gefahr zu bringen, wenn sie bei einem so heiklen Thema zu viel redet. Die 75-Jährige lebt seit fast 50 Jahren auf einer Zitrus-Farm außerhalb von Brownsville, die sie gemeinsam mit ihrem Mann bewirtschaftet. Ihr Farmhaus steht auf der amerikanischen Seite des Grenzzauns, Teile ihrer Orangen- und Pampelmusen-Haine liegen auf der anderen Seite. Die Familien eines Sohnes und eines Neffen leben hinterm Zaun. Debbie deutet an, dass sie viele Geschichten erzählen könnte von Menschen- und Drogenschmuggel - nachts und am helllichten Tag - aber aus Vorsicht tut sie es nicht. Allerdings erklärt sich die blonde Frau mit dem wettergegerbten Gesicht bereit, mich ein bisschen herumzufahren:

Auf einer Schotterstraße passieren wir eine vielleicht sechs Meter breite Öffnung im Grenzzaun und Debbie sagt: Es fühlt sich anders an hier drüben auf der mexikanischen Seite. Wir sind gleichzeitig eingezäunt und ausgezäunt. Man versteht das nur, wenn es man es selbst erlebt.

Der Zaun hat unsere Stadt, unseren Landkreis und Texas für immer verändert, meint die Farmerin. Vor allem eine Frage treibt sie um.

Garantiert uns die Regierung, dass sie uns beschützt, wenn wir hinterm Zaun unterwegs sind? Wenn unsere Enkelkinder dort unterwegs sind? Golfplatzbesitzer Bob Lucio erzählt empört, dass er mal gesehen hat, wie es in Matamoros eine Schießerei gab, Kugeln über den Fluss hinweg flogen und die Grenzschützer auf der Nordseite des Zauns blieben:

"Es sah nicht so aus, als ob sie sich um uns kümmern wollten, weil wir auf dieser Seite des Zauns waren. Soweit ich weiß, sind wir hier noch in Amerika, ich muss Steuern zahlen wie jeder andere auch, aber werde ich auch genauso beschützt wie jeder andere? Mal rechtlich gesehen: Wo sind wir hier? Wir sind definitiv in einem Niemandsland."

Bob, Debbie und Pamela leben in der ständigen Angst, dass der Grenzzaun bald nicht mehr so durchlässig sein wird wie bisher, dass die Öffnungen mit Toren versehen werden. Im angrenzenden Landkreis laufen dazu gerade Tests:

"Es macht die Sache viel bedrohlicher, wenn sie ein Tor installieren und man einen Zahlencode eingeben muss. Das würde mir richtig Angst machen. Man wäre eingezäunt und steckte dort fest und wenn man dann raus will, könnte das ein großes Problem sein für unsere Farmarbeiter und für unsere Familien."

Und, sagt Debbie, wer würde den geheimen Zahlencode wohl nicht rausgeben, wenn ihm jemand eine Waffe an den Kopf hält? Für Bob Lucio ist klar: Wenn der Eingang zu seinem Golfplatz ein Tor kriegt, wäre das eine Katastrophe:

"Wenn das passiert, ist es für mich aus, dann verliere ich auch noch meine letzten Mitglieder."

Lucio sieht Methode hinter der Überlegung der Regierung, die Lücken im Zaun um Brownsville zu schließen:

"Sie wollen uns loswerden wie Unkraut. Einen nach dem anderen, weil sie nicht wollen, dass irgendjemand hinter dem Zaun lebt und arbeitet."

Die Menschen im Niemandsland seien der Regierung lästig, meint er, die wolle das Gebiet einfach leer haben. Aber die Amerikaner hinter dem Zaun schwören: Sie werden sich nicht wegjäten lassen und sie werden sich auch nicht von der Angst das Leben diktieren lassen, sagt die 84-jährige Rentnerin Pamela Taylor:

"Mein Leben ist zu kurz und ich habe zu viel zu tun, um ständig in Angst zu leben. Aber ich will mich auch nicht zu sicher fühlen, denn das wäre mein Verderben."

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