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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 29.11.2019

Lea Fleischmann in IsraelAuf der Suche nach dem religiösen Geist

Von Peter Kaiser

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Lea Fleischmann (Arie Rosen)
Fand in Israel zum jüdischen Glauben: die Autorin Lea Fleischmann. (Arie Rosen)

Vor 40 Jahren zog Lea Fleischmann nach Israel. Ihre Kritik an Deutschland schrieb sie in einem Bestseller nieder: "Dies ist nicht mein Land". In Jerusalem wurde sie gläubig, widmete sich biblischen Texten und initiierte später etliche Kultur-Projekte.

Man fährt mit dem 480er Bus von Tel Aviv nach Jerusalem, nimmt von dort die Stadtbahn in Richtung Herzlberg, an der dritten Station Kikar Denia steigt man aus. Da gibt es die Eisdiele Kazefet. Hier kann man Lea Fleischmann treffen, die heute 72-jährige Studienrätin a.D., erfolgreiche Schriftstellerin und gläubige Jüdin. Doch gläubig war Lea Fleischmann nicht immer.   

"Religion hat mich nicht interessiert. Ich habe den Schabbat nicht eingehalten, das koschere Essen hat mich nicht interessiert. Die Bibel, das waren für mich irgendwelche Märchen, was hatte ich damit zu tun als moderner Mensch?"

Hebräisch als Weltsprache

1979 wanderte die in Ulm geborene Tochter von Holocaust-Überlebenden nach Israel aus. Hier begann sie, sich mit den Texten der Heiligen Bücher zu beschäftigen.

"Wenn sie da in Hebräisch, die Tora lesen, den Tanach, das Alte Testament, in der Originalsprache, wenn sie da einsteigen, das ist ja eine fantastische Welt, ein solcher Reichtum, das ist ja kein Wunder, dass dieses Land sich über Jahrtausende erhalten hat. Wie viele Bücher gibt es noch, die sich erhalten haben, weltweit, und die über 3000 Jahre alt sind? Und die noch an Kraft zunehmen, gewinnen, also es ist etwas Fantastisches. Und ich bin fest davon überzeugt, Hebräisch wird eines Tages Weltsprache werden. Immer mehr Menschen werden ergründen wollen, was trägt sie? Was ist eigentlich diese Sprache, und was ist eigentlich dieses Werk? Und so habe ich diese Lebensform immer mehr angenommen."

Das Foto zeigt die Yaffo Road in Jerusalem, durch die eine Straßenbahn fährt. (dpa / picture alliance / Juergen Schwenkenbecher)Jerusalem: In den Straßencafes kann man Lea Fleischmann antreffen - beim Eis essen. (dpa / picture alliance / Juergen Schwenkenbecher)

Doch wie ist es heute? Welches Gefühl hat sie, wenn sie heute von Israel nach Deutschland, nach Frankreich oder anderswo hin blickt? Nicht nur hinsichtlich der antisemitischen Übergriffe, sondern weiter, tiefer. Welches Gefühl hat sie, die das Buch "Dies ist nicht mein Land" verfasste, ein Bestseller, in dem sie ihre Auswanderungsgeschichte nach Israel beschrieb.

Bundesverdienstkreuz für Kulturarbeit

"Es ist nicht der Geist, den Sie dort finden, den religiösen Geist, den finden Sie dort nicht. Wenn jemand nach Israel kommt, dann sucht er hier natürlich nicht die tollen Kaufhäuser, er sucht hier etwas anderes. Was soll ich sagen: Geist? Vielleicht auch religiöse Lebensformen."

Lea Fleischmann gründete die "Kulturelle Begegnungsstätte", eine Bildungsinstitution für deutsche Israelbesucher. Zugleich ist sie oft für Schulveranstaltungen in der Bundesrepublik unterwegs. Dialog, Vermittlung, Gespräche, Information - das sind alles Begriffe, die sie direkt umsetzt. Dafür hat sie am 8. Januar dieses Jahres das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen.

"Ich habe verschiedene Schülerprojekte gemacht, etwa 'Schabbat-Sonntag-Ruhetag'. Es geht darum, dass die Schüler lernen, dass ihr Sonntag eine Schabbat-Wurzel hat, immerhin war ich ja mal Lehrerin, und letzten Endes bin ich zu meinem Beruf zurückgekehrt."

In Jerusalem fügt sich alles zusammen

In ihrem mit dem Schriftsteller Chaim Noll verfassten Buch "Meine Sprache wohnt woanders" schreibt sie:

"In Jerusalem fügten sich die Brüche in meinem Leben zu einer Einheit zusammen. Ich erkannte, dass es keine Zufälle gibt, sondern dass unser Leben in ein göttliches Konzept eingebunden ist."   

"Das Leben liegt nicht in unserer Hand, es gibt eine andere Kraft, und irgendwo muss ich dieser Kraft vertrauen. Und ich würde sagen, dieses Gottvertrauen, das habe ich eigentlich erst hier gelernt. In Israel."

Bettpfannen auch für Israelis

Auf die Frage, ob sie sich vorstellen kann, Israel wieder zu verlassen, lächelt Lea Fleischmann, und zitiert die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff, die ebenfalls in Israel lange Zeit lebte, und dann im hohen Alter nach Deutschland zurückkehrte.

"Man hat sie mal gefragt, die Angelika Schrobsdorff, warum sie nach Deutschland geht, als ältere kranke Dame, und da antwortete sie, das Wort Bettpfanne kann sie nicht in Hebräisch aussprechen - also ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen."

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