Laute, mit denen man die Welt erfährt

Von Blanca Weber |
Geboren in Bratislava, geflüchtet nach Palästina, Gedichte auf Hebräisch und Deutsch: Der 88-jährige Schriftsteller Tuvia Rübner sucht das Paradoxe im Leben und Schönheit in der Sprache. Die Konrad-Adenauer-Stiftung verleiht ihm ihren diesjährigen Literaturpreis.
"Das Leben ist eben viel vielfältiger, als es den Anschein hat und je älter man wird, desto mehr erkennt man das."

Tuvia Rübner, 88 Jahre jung, sitzt in einem Weimarer Hotel: schütteres helles Haar, ein kleiner Bart am Kinn, wache Augen inmitten eines Gesichtes, das wie Pergament schimmert. Morgen, sagt er, möchte er über das Paradoxe reden – und darüber, dass es im Gegensätzlichen Gemeinschaft gibt:

"Es gibt Gegensätze, die erbaulich sind, wie Unterhaltungen – vom Spruch und Widerspruch. Und es gibt Gegensätzliches, das peinigend ist wie Mensch und Unmensch."

Den "Unmensch" hat er als Jugendlicher kennen gelernt. Kurt Rübner, wie er damals noch heißt, wächst im früheren Preßburg – heute Bratislava – auf. Zuhause wird deutsch gesprochen, seine Familie ist jüdisch. 17 Jahre ist er, als Eltern und Schwester nach Polen deportiert werden. Er wird sie nie wieder sehen. Im letzten Augenblick gelingt es ihm, mit einer Gruppe, legal, wie er sagt, nach Palästina auszuwandern:

"Wir haben in Budapest Zertifikate bekommen, die der englische Konsul hinterlassen hat, weil England schon damals im Krieg mit Ungarn war. Aber die Zertifikate haben auf uns gewartet. Wir sind einfach eingeteilt worden im Kibbuz Merchawia und dann ist man dort geblieben."

Kurt Rübner, der sich in Palästina Tuvia Ribner nennt, baut sich in Israel ein neues Leben auf. Er lebt im Kibbuz, arbeitet in der Landwirtschaft und hütet Schafe. Die Zeit auf der Weide, sagt der Mann im tiefgrünen Seidenhemd, war fast die schönste, auch wenn man von Schafen nichts lernen kann außer Geduld:

"Von der Landschaft, in der man ist, wenn man auf der Weide ist, da ist man ganz nahe, wie es so schön heißt, Mutter Natur. Das ist etwas Besonderes und dieses Kauen der Schafe – da ist man so drinnen. Und man besucht nicht die Natur. Denn wenn man auf Ausflüge geht, dann ist man ja immer nur ein Besucher, aber wenn man auf der Weide ist, ist man da."

Tuvia Rübner liebt Sprache und die Vielfalt der Wörtern, mit denen er spielen kann. Bis in die 50er-Jahre schreibt er Gedichte in deutscher Sprache, später kommen hebräische hinzu. Unter dem Titel "Wüstenginster" erscheint 1990 eine Auswahl davon auf Deutsch.

"Ich habe immer in meiner Welt gelebt", sagt der Lyriker heute. Obwohl er nur neun Jahre zur Schule gehe konnte, hat er es doch bis zur Uni geschafft. Er lacht. Sogar bis zum Professor für Literaturwissenschaft:

"Meine Sprache ist das Hebräische, aber auch das Deutsche – das Deutsche als Muttersprache ist unvergesslich. Was Muttersprache ist, das sind die Laute, mit denen man die Welt erfahren hat."

Es ist wieder solch ein Satz, ein lyrischer und tiefsinniger – gesprochen von einem Mann, der seine Familie verloren hat, später den Tod seiner ersten Ehefrau verkraften muss und mit seiner kleinen Tochter allein da steht. Es kann sein, sagt er nachdenklich, dass man durch diese Lebensarmut erst den Gegenpol, das Schöne, richtig sieht, doch es sei kein Plädoyer für das Leid, fügt er lächelnd hinzu:

"Alles, was ich möchte, ist, dass die Menschen freundlicher zueinander werden – aber das ist keine Botschaft. Ich hab’ keine Botschaft."

Den Literaturpreis morgen wird er in Weimar gerne entgegen nehmen, über Politik – die deutsche und die israelische möchte er nicht reden, zuviel habe er sich schon geärgert. Stattdessen redet Tuvia Rübner über das Paradoxe im Leben und die Schönheit der Sprache; denn Schönheit sei das, was innen – in der Sprache – vorgeht. Und noch etwas:

"Das schönste im Deutschen ist der Satz: Ich liebe dich. Und warum? Weil da in dem Dich – das Ich aufgefangen ist. Das Ich verwandelt sich durch die Liebe. Das ist doch eine wunderschöne Spracherkenntnis, nicht?"

Informationen der Konrad-Adenauer-Stiftung über Tuvia Rübner