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Profil / Archiv | Beitrag vom 14.08.2012

LausitzMit Kultur und Umweltschutz gegen die Abwanderung

Thomas Zschornack und die Bildhauersymposien von Nebelschütz

Von Mirko Schwanitz

Nebelschütz ist ein Dorf in der Lausitz. Zwei Radfahrer fahren durch eine Dorfstraße vor Fachwerkhäusern ( dpa picture alliance/ Jürgen Lösel)
Die Juroren erklärten Nebelschütz zum schönsten sächsischen Dorf und vergaben auch Bestnoten ( dpa picture alliance/ Jürgen Lösel)

Thomas Zschornack wurde mit 26 Jahren der jüngste Bürgermeister Deutschlands. Heute, 21 Jahre später, ist er immer noch im Amt und hat ein kleines Wunder vollbracht: In Nebelschütz in der Lausitz wandern die Einwohner nicht ab, sondern zu. Auch dank viel Kultur in der Natur.

Thomas Zschornack wurde mit 26 Jahren der jüngste Bürgermeister Deutschlands. Heute, 21 Jahre später, ist er immer noch im Amt und hat ein kleines Wunder vollbracht: In Nebelschütz in der Lausitz wandern die Einwohner nicht ab, sondern zu. Auch dank viel Kultur in der Natur.

Musik (immer Hans Eckhardt Wenzel):„Ich möchte eine kleine Wirtschaft führen
Am Rand der Stadt schon, wo im Gartensand
 die Bäume nicht den Staub er Straße führen
für junge Leute frisch und braungebrannt."

Zschornack:"Mein Name ist Thomas Zschornack. Bin jetzt 21 Jahre Bürgermeister der kleinen Gemeinde Nebelschütz. Nebelschütz kommt aus dem Slawischen: Vom Himmel … Vom Himmel geküsst, das ist auch das, was wir sind."

Musik:„Es würde mittags kleine Braten geben
 Auf Wunsch und alles ganz bescheiden sein 
Am Abend aber müsste immer Leben 
in unsrer Stube und im Garten sein"

Zschornack: Ich bin geboren in einer sorbischen Familie, wo nur sorbisch gesprochen wurde. Was bei uns eine ganz große Rolle spielt,  ist die Familie.  Also im Schnitt haben unsere Familien vier Kinder und im täglichen Leben zeigt man hier Solidarität, man unterstützt sich gegenseitig und das ist, glaub ich, was uns auszeichnet hier in den sorbischen Dörfern. Diese Zusammengehörigkeit, gemeinsam Probleme zu lösen, aber auch gemeinsam in die Zukunft zu denken

Musik:"Man könnte kommen wie man ist, vom Stanzen
 und vom Büro ist sauber nur der Zwilch
Und könnte Tango und auch Walzer tanzen
Bei einem Sturzen Wein und auch bei Milch."

In die Zukunft denken. Das ist es, was die Leute Thomas Zschornack noch immer zutrauen. Damals, als sie ihn mit 26 Jahren zum jüngsten Bürgermeister Deutschlands wählten, glaubten nur wenige an die Zukunft von Nebelschütz.

Zschornack:"Nebelschütz hatte so gut wie keine Lebensqualität, weil wir sehr von der industriellen Landwirtschaft abhängig waren. Und da war es eine große Herausforderung, dass die Menschen vor Ort bleiben."

Seine drei Kinder sollten die Welt sehen. Aber: Sie sollten auch zurückkommen – in ihre Heimat. Deshalb hat er den zu Großagrariern mutierten LPG-Vorsitzenden die Stirn gezeigt, hat überackerte Wege zwischen den Orten wieder herstellen lassen, Auen renaturiert, einstige Kuhställe zu Wiedereingliederungs-Werkstätten für Langzeitarbeitslose umgebaut und vor zehn Jahren die Gemeindevertreter von seinem größten Coup überzeugt – dem Kauf eines Steinbruchs, der für viele nicht mehr als ein mit Wasser vollgelaufenes Loch  war….

Zschornack:"Weil wir damals schon gesehen haben, dass man diese sensible Landschaft auch schützen soll, weil auch um einen Steinbruch Biotope sich organisiert haben. Und hier entwickelt sich auf 20 Hektar seit zehn Jahren ein soziokulturelles Zentrum."

Zschornack begriff, wenn Natur und Kultur eine Symbiose eingehen, wird Kultur tatsächlich zu einem harten Standortfaktor. Und er konnte es sehen: wie die ersten Jugendlichen, die in der Fremde lernten, zurückkehrten. Wie junge Familien sich nicht mehr mit dem Gedanken trugen, fortzuziehen und seine Gemeinde plötzlich die geburtenstärkste in Deutschland war.

Zschornack:"Silbermedaille im Bundeswettbewerb und 2009 den Europäischen Dorferneuerungspreis."

Und in diesem Jahre Austragungsort der Europeada, der Fußball-Europameisterschaft der Europäischen Minderheiten.

Musik:"Die Leutchen würden auf die Tischtuchfalten
Von selbst schon achten und im bunten Schein
der Lampenschirme gut sich unterhalten
und mit dem Ganzen recht zufrieden sein"

Und auch der Steinbruch ist längst kein vollgelaufenes Loch mehr. Seit Jahren treffen sich hier jeden August Bildhauer zu Internationalen Symposien. Ihre Kunstwerke haben längst ihren Platz in der Landschaft gefunden und ziehen Jahr für Jahr mehr Touristen an. Im See lockt eine Unterwasser-Galerie eine ganze neue Zielgruppe – Taucher aus ganz Deutschland. Manchmal muss man sie eben suchen, die Nebelschützer Kunstwerke. Und Zschornack sitzt, groß und breitschultrig, auf dem Gelände des Steinbruchs, in einem von einem niederländischen Künstler geschaffenen Granitsessel, als säße er schon mal Modell für‘s eigene Denkmal. Aber nichts wäre ihm fremder als das. Das Wort „ich“ kommt ihm nicht über die Lippen:

"Das, was man hier sieht, auch die schönen Wiesen und Wälder, sind wir immer noch dabei zu entwickeln. Also das, was man der Mutter Erde genommen hat, in den Steinbrüchen, möchten wir mit Kunst in der Landschaft der Natur wieder zurückgeben. Es war klar für uns, wenn wir so ein Territorium gestalten wollen, muss es mit Leben erfüllt sein."

Musik:"Und manchmal, wann es aus den Schattenfetzen 
Warm kommen würde und mir zwei zu sacht
Sein würden, würd ich mich zu ihnen setzen
und singen, bis nach Mitternacht."
 

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