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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.03.2012

Lausbuben im Turbinenraum

Buchempfehlung März - Michael Ondaatje: "Katzentisch”, Hanser Verlag, München 2012, 302 Seiten, 19,90 Euro

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Der Schriftsteller Michael Ondaatje (picture alliance / dpa /Bruno-Garcin-Gasser)
Der Schriftsteller Michael Ondaatje (picture alliance / dpa /Bruno-Garcin-Gasser)

Mit seinem Bestseller "Der englische Patient" kam der kanadische Autor Michael Ondaatje zu Weltruhm. In seinem neuen, autobiografisch geprägten Roman schickt er nun einen Elfjährigen auf eine märchenhaft-abenteuerliche Schiffsreise von Sri Lanka nach England.

Der kanadische Autor Michael Ondaatje, 1943 in Ceylon (Sri Lanka) geboren, wurde als Elfjähriger per Schiff zu seiner Mutter nach London verfrachtet und auf ein englisches Internat geschickt. Diese dreiwöchige Schiffsreise bildet den biografischen Kern des neuen Romans Ondaatjes, der mit seinem verfilmten Bestseller "Der englische Patient" (1992) zu Weltruhm kam. Im Nachwort kokettiert der Autor mit dem Autobiografischen: Er nennt "Katzentisch" ein Werk der Fiktion – auch wenn der Roman "Kolorit und Örtlichkeiten" aus seiner realen Lebensgeschichte borge. Er schickt seinen elfjährigen Romanhelden Michael im gleichen Jahr (1954) und auf dem gleichen Schiff (dem Ozeanriesen "Oronsay") von Colombo aus auf die gleiche Reise, doch trägt "Katzentisch" eher Züge einer märchenhaften Abenteuerfahrt, einer fantastischen Expedition in die verwirrende Welt der Erwachsenen.

An Bord der "Oronsay" wird der Ich-Erzähler Michael mit zwei gleichaltrigen, ebenfalls allein reisenden Jungen an den Katzentisch des Speisesaals verwiesen. Dieser markiert das untere Ende der sozialen Skala der Schiffsgesellschaft und ist denkbar weit vom Kapitänstisch entfernt, an dem die Gäste "ununterbrochen auf ihre Wichtigkeit anstießen". Dafür findet sich der Held in der buntscheckigen Gesellschaft aufregend schrulliger Leute, darunter ein Schiffsabwracker im Ruhestand, ein Botaniker, der im Schiffsbauch einen geheimen Garten mit exotischen Gift- und Rauschpflanzen unterhält, ein Bar-Pianist, von dem sich obszöne Lieder lernen lassen, und die rätselhafte Miss Lasqueti, die in den Taschen ihrer Jacke lebende Brieftauben verwahrt.

Am Katzentisch, das merken die drei Lausbuben sofort, sind sie für die Obrigkeiten des Schiffes so gut wie unsichtbar. Ohne Aufsicht können sie sich "wie ausgelaufenes Quecksilber" über das ganze Schiff verteilen. Drei Wochen lang frönen sie in Freiheit und Anarchie ihrer neugierigen (Schiffs)-Welterkundung, machen Bekanntschaften und Entdeckungen, stöbern und schnüffeln – in der Oberwelt des Schiffes, versteckt in einem Rettungsboot (wo sie die geklauten Delikatessen vom Frühstücksbüffet der Ersten Klasse verputzen), und in der Unterwelt unter dem Wasserspiegel, wo sie im Turbinenraum ihr geheimes Hauptquartier aufschlagen – im Zentrum des Unbewussten, der Träume, Alpträume, Sehnsüchte und Ahnungen. Die oberste Regel, die sie sich selbst geben: "Jeden Tag mussten wir mindestens ein Verbot übertreten." Der Held lernt: "Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten."

In diesem zauberhaften Roman vergnügt sich Ondaatje mit skurrilen Episoden und einer Fauna faszinierender Passagiere, von einem tollwutkranken Millionär bis zu einem geheimnisvollen Häftling, der nachts in Handschellen übers Promenadendeck geführt wird. Der Gefahr, dass ihm "Katzentisch" zur bloßen Abenteuergeschichte über Lausbubenstreiche auf hoher See geraten könnte, entgeht Ondaatje schon durch den Blickwinkel: Aus dem melancholischen Abstand eines halben Jahrhunderts blickt er auf den Übergangsritus zurück, durch den das Kind von damals so subtil wie dramatisch verwandelt wurde.

Besprochen von Sigrid Löffler

Michael Ondaatje: Katzentisch
Roman
Aus dem Englischen von Melanie Walz
Hanser Verlag, München 2012
302 Seiten, Euro 19,90

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