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Zeitfragen | Beitrag vom 16.02.2021

Langzeitarbeitslose in der CoronakriseKein Job, wenig Hoffnung

Von Axel Schröder

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Ein Mann steht vor dem Briefkasten der Freiburger Agentur für Arbeit, 2020. (Symbolbild) (imago images/Eibner-Pressefoto/Fleig)
Wegen Pandemie geschlossen: In der Coronakrise bleiben viele Jobcenter und Arbeitsämter zu (Symbolbild). (imago images/Eibner-Pressefoto/Fleig)

In der Krise einen Job finden? Für Langzeitarbeitslose ist das derzeit oft aussichtslos. Weil sie pandemiebedingt weniger Betreuung und Qualifizierungsangebote von den Jobcentern bekommen. Und weil die ganze Aufmerksamkeit der Kurzarbeit gilt.

Vier Stufen führen herunter in den "Möbelkeller" in Hamburg-Eimsbüttel. Es geht vorbei an Zwei- und Dreisitzer-Sofas, an Küchen- und Wohnzimmerecken.

"Wir sind jetzt hier Bereich ‚Wohnzimmer, Wohnmöbel‘ und versuchen, dass da Wohnwelten geschaffen werden – da haben wir dann auch Kolleginnen und Kollegen, die das ein bisschen schön dekorieren", erklärt André Jühnke. "Wir versuchen, dass es schön aussieht. Die Möbel nicht übereinander zu stapeln, sondern jemand kann sich vorstellen, wie das Sofa in seinem Wohnzimmer aussieht."

Früher hat Jühnke als gelernter Bankkaufmann Immobilien verkauft. Er war lange Jahre arbeitslos und hat dann über das "Möbelkeller"-Projekt wieder eine feste Anstellung gefunden. Und zwar direkt im "Möbelkeller", einem Sozialkaufhaus. Hier sind gespendete Schrankwände, Küchen- und Couchtische, alle erdenklichen Einrichtungsgegenstände ausgestellt, um sie dann an Menschen mit sehr niedrigem Einkommen weiterzugeben. Seit Anfang der Achtzigerjahre gibt es den "Möbelkeller".

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Seitdem werden hier Langzeitarbeitslose auf den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben vorbereitet, erzählt der "Möbelkeller"-Chef Kersten Tormin:

"Langzeitarbeitslosigkeit macht etwas mit den Menschen. Der Ärger steigt, das Selbstbewusstsein, die Fähigkeiten nehmen ab und so weiter. Und es klappt meistens nicht, wenn dann jemand durch Langzeitarbeitslosigkeit zermürbt ist, dass er so einfach einen normalen Job anfangen kann. Es muss ganz viel aufgeräumt werden im Leben dieser Menschen."

Zumindest bei jenen, die sich nach Jahren in der Arbeitslosigkeit nicht mehr gebraucht fühlen, bei denen die zähe Suche nach einer Arbeit trotz unzähliger Bewerbungen erfolglos bleibt.

Keine Kurzarbeit für Langzeitarbeitslose im Projekt

Wie so viele Unternehmungen musste auch das "Möbelkeller"-Projekt mit Beginn der Corona-Pandemie den Betrieb herunterfahren, erzählt Kersten Tormin. Ganz dicht gemacht wurde aber nicht.

"Auch der ‚Möbelkeller‘, obwohl er für den Publikumsverkehr geschlossen ist, arbeitet im Moment, weil wir doch sehr enge Geschäftsbeziehungen mit diversen Hilfsorganisationen haben, insbesondere weil wir dafür sorgen, dass vormals Wohnungslose, die jetzt eine Wohnung gefunden haben, über uns eine sehr kostengünstige Ersteinrichtung erhalten. Und insofern holen wir auch noch Möbel ab. Aber der Betrieb ist gedämpft."

Zeitweise musste auch der "Möbelkeller" im letzten Jahr Kurzarbeit anmelden. Für die zwölf Langzeitarbeitslosen, die dort arbeiten, war das nicht möglich. Denn ihre Arbeit ist von der Arbeitsagentur gefördert.

52,2 Prozent mehr Langzeitarbeitslose durch Corona

Wie stark die Zahl der Langzeitarbeitslosen in der Coronakrise angestiegen ist, erklärt Knut Böhrnsen, der Sprecher der Hamburger Arbeitsagentur:

"In Hamburg ist die Arbeitslosigkeit grundsätzlich um 18.000 Menschen im Jahresverlauf gestiegen. Das ist ein Zuwachs von 27,5 Prozent, also schon sehr deutlich. Die Betroffenheit bei den Langzeitarbeitslosen fällt aber noch höher aus. Dort verzeichnen wir ein Plus von fast 8.900 Menschen. Und das ist ein Zuwachs von 52,5 Prozent."

Auch die Arbeitsagentur und die Jobcenter selbst mussten erst lernen, unter Pandemiebedingungen zu arbeiten, erzählt Knut Böhrnsen. Als im letzten Frühjahr der erste Lockdown weite Teile der Arbeitswelt lahmlegte und die Bundesregierung die Regelungen zur Kurzarbeit ausgeweitet hatte, brach unter der Flut von Anrufen aus den betroffenen Unternehmen die Telefonanlage zusammen. Das 25-köpfige Team, das sich bis dahin um Kurzarbeitsregelungen gekümmert hatte, wurde durch 800 Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter aus anderen Bereichen verstärkt, auch aus der Arbeitsvermittlung für Langzeitarbeitslose.

"Das ist tatsächlich so. Der ganze Arbeitsmarkt ist ja dann sowieso runtergefahren. Das heißt, wir kriegten in dieser Zeit keine oder kaum Arbeitsstellen reingemeldet. Alle Leute haben da nur auf Kurzarbeit geguckt. Und dann war alles andere nebensächlich, das muss man ganz klar sagen."

Weniger Sanktionen, aber auch weniger Weiterbildungsangebote

Barbara Hermann hat ihre Stelle als Wirtschaftsprüferin in einer Unternehmensberatung 2017 verloren. Danach kümmerte sie sich um ihren Vater, heute ist sie auf der Suche nach einer neuen Stelle. In Pandemiezeiten sei das gar nicht so einfach, sagt Barbara Hermann. Ihre Sachbearbeiterin im Jobcenter sei sich der schwierigen Situation aber bewusst, sagt sie.

"Von Druck vom Jobcenter kann ich überhaupt nicht reden. Nee, Druck habe ich nicht verspürt. Die sehen das natürlich auch. Ich habe ja meine Sachbearbeiterin jetzt auch seit fast einem Jahr nicht gesehen, weil die Jobcenter zu sind. Man spürt schon, dass die natürlich auch sehen, dass es im Moment ziemlich aussichtslos ist."

Erst Ende letzter Woche hatte Barbara Hermann ein Bewerbungsgespräch. Ganz ohne Druck von außen, aus dem Jobcenter. Sie hält selbst die Augen offen, will endlich wieder arbeiten. Normalerweise müssen Menschen wie Barbara Hermann regelmäßig nachweisen, dass sie sich auf freie Stellen bewerben, müssen zu Beratungsgesprächen ins Jobcenter kommen oder an Qualifizierungsangeboten teilnehmen. Sonst wird ihnen ein Teil der staatlichen Unterstützung gestrichen. Aber auch diese Weiterbildungsangebote wurden in der Pandemie stark zurückgefahren, sagt Knut Böhrnsen, Sprecher der Hamburger Arbeitsagentur.

"In Hamburg haben wir etwa 400 Weiterbildungsinstitutionen. Die mussten ihr Geschäft komplett umstellen. Und – auch das gehört dazu – wir hatten in den Monaten April, Mai, Juni kaum berufliche Weiterbildung auf den Weg bringen können. Wir wollten schon, konnten es aber nicht."

In der Krise wird nicht eingestellt

Viel zu viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren mit der Bewilligung von Kurzarbeitsanträgen beschäftigt. Und auch viele Bildungseinrichtungen mussten zeitweise wegen der Hygieneregeln schließen und konnten erst nach und nach Teile ihres Angebots online anbieten. Schon deshalb sei der Druck der Jobcenter auf Langzeitarbeitslose gesunken.

Porträtaufnahme von Inge Hannemann. (imago / Willi Schewski)Die bekannte Hartz-IV-Kritikerin Inge Hannemann war früher selbst Arbeitsvermittlerin. Sie engagiert sich in der Partei "Die Linke". (imago / Willi Schewski)
Beide Elemente des Prinzips "Fördern und Fordern" sind durch die Pandemie zumindest zeitweise aufgehoben worden, zumindest für die meisten Langzeitarbeitslosen. Das erklärt auch Inge Hannemann. Die einstige Jobcenter-Mitarbeiterin berät Arbeitssuchende bei besonders schwierigen Verhandlungen mit der Arbeitsagentur. Seit Jahren kämpft sie gegen die in ihren Augen menschenunwürdigen "Hartz IV"-Bestimmungen, schreibt Bücher darüber oder begleitet Betroffene zu Gerichtsterminen.

"Für die Erwerbslosen ist das positiv zu sehen. Die Sanktionen im Bereich für Terminvereinbarungen sind um 90 Prozent zurückgegangen. Das sieht man an der Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Und die Sanktionen in dem Bereich, dass ich mich nicht bewerbe, sind auch deutlich zurückgegangen, weil die Jobcenter kaum Vermittlungsvorschläge schicken. Denn es hat keinen Sinn, sich jetzt zu bewerben, denn die Firmen stellen ja nicht ein. Wir haben Kurzarbeit, wir haben Entlassungen. Was soll ich mich da jetzt bewerben? Das ist ja schwierig!"

Jobs nur mit Fördergeldern?

Nach der Krise werden die Chancen auf eine feste Stelle auch für Langzeitarbeitslose wieder steigen, schätzt Inge Hannemann. Immerhin sei eine Rückkehr zum alten Produktionsniveau nicht mit weniger Personal möglich.

"Was ich aber befürchte ist, dass, wenn sie neu einstellen, wieder in der untersten Tarifzone anfangen. Mit neuem Personal, also: unterste Tarifzone. Die Chance werden die Arbeitgeber sich natürlich nicht entgehen lassen. Oder sie fangen wieder an und sagen: ‚Wir stellen ein, dann aber nur mit Fördergeldern!‘"

Wenn es so kommt, so Inge Hannemann, müsse sich die Bundesagentur für Arbeit solchen Forderungen entschlossen entgegenstellen. Das hätten auch die Langzeitarbeitslosen, also Menschen mit viel Berufserfahrungen, einfach verdient.

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