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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.11.2009

Langhammer sieht "Autoritätsverlust" der WTO

Kieler Institut für Weltwirtschaft kritisiert Welthandelsorganisation

Rolf Langhammer im Gespräch mit Marcus Pindur

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Sitz der WTO in Genf (AP)
Sitz der WTO in Genf (AP)

Der Ökonom Rolf Langhammer ist wenig optimistisch, dass die WTO-Ministerkonferenz weiterführende Schritte zu einer Liberalisierung des Welthandels bringen wird. Wenn Länder liberalisierten, dann außerhalb der WTO. So könnten die Staaten diese Maßnahmen leicht wieder zurücknehmen, sagte der Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

Marcus Pindur: Die Weltwirtschaft ist von der Finanzkrise und ihren Ausläufern schwer in Mitleidenschaft gezogen worden – das gilt nicht nur für die Binnenkonjunktur in vielen Ländern, sondern auch für den Welthandel. Heute tritt die Ministerrunde der Welthandelsorganisation, der WTO, in Genf zusammen, um über Strategien zur Belebung des Welthandels zu beraten, und ich begrüße jetzt Professor Rolf Langhammer, er ist der Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Guten Morgen, Herr Langhammer!

Rolf Langhammer: Guten Morgen!

Pindur: Zunächst mal ganz direkt gefragt: Was sollten die Minister in Genf denn Ihrer Ansicht nach am dringlichsten beschließen?

Langhammer: Sie sollten einen Fahrplan für den Abschluss der Doha-Runde beschließen und zwar unwiderruflich. Seit über acht Jahren wird verhandelt, um eine Liberalisierung des Welthandels zu erreichen. Man war vor einem Jahr in Potsdam recht weit gekommen und dann gab es doch wieder einen Konflikt um das leidige Thema Landwirtschaft zwischen den USA und Indien. Man sollte daran anknüpfen und endlich versuchen, diese Runde irgendwie zu einem Abschluss zu bringen.

Pindur: Die Doha-Runde steht jetzt offiziell gar nicht auf der Tagesordnung der Beratungen in Genf, aber trotzdem die Einschätzung von Ihnen: Wie groß sind die Chancen, dass es denn im kommenden Jahr zu einem Abschluss kommt?

Langhammer: Das haben wir schon so häufig spekuliert und wir sind trotzdem immer wieder enttäuscht worden. Es ist sicherlich so, dass die Situation in der Krise nicht leichter geworden ist, um einen Abschluss zu erreichen. Das geht im Wesentlichen wieder um die Landwirtschaft, das alte Problem. Länder haben jetzt in der Landwirtschaft erhebliche Probleme, Stichwort sinkende Preise – das erhöht nicht gerade die Bereitschaft, die Märkte zu öffnen.

Auf der anderen Seite haben wir noch die ungelösten Probleme im Industriegüterbereich, Stichwort Zölle, und natürlich auch noch bei den Dienstleistungen, und ganz zuletzt kommt immer wieder das Thema arme Länder, das heißt, bevorzugen arme Länder ... auf die Tagesordnung, das heißt, hier beißen sich wieder die WTO fest in dem alten Konflikt: Sollen wir den Handel liberalisieren oder sollen wir eine Verteilungsgerechtigkeit zwischen armen und reichen Ländern herbeiführen? Das ist praktisch ein unauflösbarer Konflikt.

Pindur: Immer wieder wird ja gefordert, dass den Entwicklungsländern besserer Zugang für ihre Agrarprodukte zum gerade europäischen Markt auch gewährt wird. Ist das eine sinnvolle Forderung?

Langhammer: Das ist sicherlich eine sinnvolle Forderung, nur leider gibt es auch sehr viele Entwicklungsländer, die selber über eine recht schwache Landwirtschaft verfügen. Dazu gehört beispielsweise Indien, dazu gehören Indonesien, Südkorea auch. Das sind Länder, die sich dann eben nicht der Öffnung der Agrarmärkte verschreiben, sondern innerhalb der Reihen der Entwicklungsländer für weitere Verwirrung sorgen und von daher ist eben diese Gemengelage sehr kompliziert. Einige Länder, sicherlich, möchten den Agrarhandel liberalisieren, allen voran Brasilien, aber sie haben eben nicht die Mehrheit.

Pindur: Kommen wir mal zur Rolle des Welthandels. In den 30er-Jahren betrieben viele Länder im Zuge der großen Depression eine wirtschaftliche Abschottungsstrategie, man nannte das die Beggar-thy-Neighbour-Politik, mit der der eigene Markt eben geschützt werden sollte. Besteht diese Gefahr auch heute wieder?

Langhammer: Nein, Gott sei Dank eben nicht. Natürlich kann man den G-20-Ländern vorwerfen, dass sie praktisch jeden Tag irgendeine protektionistische Maßnahme ergreifen, aber von einem Flächenbrand wie in den 30er-Jahren kann man nicht sprechen. Die Staaten sind eben nicht bereit, weiter zu liberalisieren, so bleibt das Protektionsniveau in etwa auf dem Niveau, wie wir es jetzt haben. Und das größte Problem für die WTO ist natürlich, dass sie einen Autoritätsverlust hat und zwar deshalb, weil: Wenn die Länder liberalisieren, dann tun sie es außerhalb der WTO, das heißt, außerhalb der Regeln, sodass sie diese Maßnahmen auch leicht wieder zurücknehmen können.

Pindur: Wo sehen Sie denn derzeit überhaupt protektionistische Gefahren?

Langhammer: Ich sehe sie natürlich direkt im Bereich dessen, was Sie angesprochen haben, die berühmte Beggar-my-neighbour-Policy, also eine Art Wechselkurs-Protektionismus, dass Länder – natürlich getrieben von dem Vorbild Chinas – anfangen, versuchen, ihren Wechselkurs unterzubewerten, um dadurch einen expliziten Exportvorteil zu bekommen. Das ist ein Problem, und das andere Problem ist die leidige Frage Landwirtschaft. Wir haben hier ein neues Moment, nämlich, dass Länder Exportrestriktionen eröffnen, um ihren eigenen Agrarsektor zu schützen und damit natürlich Länder benachteiligen, die auf den Zugang zu Nahrungsmitteln angewiesen sind, und das ist ein ganz erhebliches Problem.

Pindur: Sie haben das Thema Wechselkurse angesprochen. Was wird es bedeuten, wenn der Euro auf absehbare Zeit so stark bleibt gegenüber dem Dollar?

Langhammer: Ja, das ist vielleicht nicht das größte Problem. Die Handelsbeziehungen zwischen der Europäischen Union und den USA sind nicht so dynamisch wie gegenüber China, also, vor allen Dingen hat die Europäische Union aufzupassen, dass sie keinen Wettbewerbsvorteil gegenüber asiatischen Anbietern einbüßt. Der größte Teil des Handels Europas oder der europäischen Länder ist natürlich innerhalb der Europäischen Union, also, da ist man auch ein bisschen geschützt, aber es gibt sicherlich eine Schmerzgrenze, wenn die überschritten wird bei der Euro-Aufwertung, da wird es auch den exportstarken Nationen wie Deutschland mit ihrem sehr preisrobusten Exportangebot sehr, sehr viel schwerer werden.

Pindur: Aber sehen Sie die Gefahr, dass, wie jetzt bei Daimler-Benz, dass dort Produktion in die USA verlagert wird, um diesen Wechselkursschwierigkeiten zu entgehen?

Langhammer: Das wäre sicherlich eine sehr kurzfristige Entscheidung. Insgesamt geht man natürlich bei der Automobilindustrie dahin, wo die Märkte sind, und man hofft natürlich, dass auch in den USA wieder die Inlandsnachfrage anspringt, obwohl sie es nicht in dem Maße tun wird, wie es noch vor der Krise der Fall war. Insgesamt ist es so, dass gerade der Automobilsektor durch eine enorme internationale [unverständlich] der Produktion bezeichnet werden kann und das bedeutet eben einfach, dass man in die Märkte geht, wo die Märkte als Nachfrager zu orten sind und das in Asien der Fall, das ist in den USA der Fall. Das ist nicht ein spezifisches USA-Problem.

Pindur: Herr Langhammer, vielen Dank für das Gespräch!

Langhammer: Ich danke Ihnen!

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