Folien in der Landwirtschaft

Gut für die Ernte, schlecht für die Umwelt?

06:28 Minuten
Mit Folien bedecktes Spargelfeld soweit das Auge reicht.
Auch der Spargel, beliebtes Gemüse in Deutschland, wächst früher und schneller unter Folien. Dafür ist dann wie hier in Brandenburg außer Folien aber auch nicht mehr viel anderes zu sehen. © picture alliance/dpa/Jens Kalaene
Von Isabel Röder · 10.05.2022
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Spargel, Erdbeeren, Salate – ohne Folien geht in der Landwirtschaft schon lange nichts mehr. Selbst der Ökolandbau setzt darauf. Die Plastikplanen werden aber zunehmend zum Problem.
Es klappert und flattert rund um die Gemüsegärtnerei "Piluweri" im südbadischen Müllheim – ein Frühjahrssturm zieht durch den Oberrheingraben. Horst Ritter, Mitgründer der Gärtnerei, zieht die Kapuze tiefer in die Stirn, prüft die Metallbügel, die ein Abdeckvlies aus Kunststoff am Rand eines Salatfeldes im Boden halten.
„Wir haben im Lauf der Jahre viel dazugelernt, wie sorgfältig man mit diesem Material umgehen muss und wie gut man das befestigen muss.“
Ein Mann steht in einem Gewächshaus mit Tomatenpflanzen.
Auch im Ökolandbau wie in der Gärtnerei von Horst Ritter sind Folien kaum mehr wegzudenken.© Deutschlandradio / Isabel Röder
Abdeckvliese, Folien und Kunststoffgewebe sollen die Pflanzen schützen. Doch Wind sei tückisch, sagt Ritter. Zweimal hingen Vliese bereits in der Oberleitung der Bahnstrecke. Trotzdem kommt an den hauchdünnen Helfern kaum ein Landwirtschaftsbetrieb in Deutschland mehr vorbei – auch nicht im ökologischen Gemüseanbau.
„Wir fangen an mit den Aussaaten und Pflanzungen Ende Februar, Anfang März, und Frostgefahr besteht theoretisch bis zu den Eisheiligen Mitte Mai. Und dadurch haben wir zum einen eine Ernteverfrühung, aber auch einen Frostschutz.“

Die Vorteile von Folien

Folien und Vliese schützen den Boden vor dem Austrocknen, vor Starkregen und Hagel. Das feuchte Mikroklima darunter lässt die Pflanzen schneller wachsen. In einem begehbaren Folientunnel wächst Petersilie aus den Löchern eines schwarzen Kunsttoffgewebes heraus. Hier unterdrückt die Bodenbedeckung Unkraut.
„Pestizide oder Herbizide kommen bei uns nicht infrage, weil wir das als Demeterbetrieb grundsätzlich nicht einsetzen, und dann müssen wir überlegen, wie können wir entsprechende Ergebnisse erwirtschaften.“
In einem Gewächshaus wächst Petersilie.
Ohne Pestizide und mit Kunststoffgewebe: Die Petersilie in der Gärtnerei von Horst Ritter.© Deutschlandradio / Isabel Röder
Die zahlreichen Vorteile lassen Landwirte in Deutschland seit Jahren zu mehr Folien und damit zu mehr Plastik greifen. Nach Angaben des Verbandes "Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer" hat sich die Folie im Spargelanbau seit Mitte der 1990er-Jahre zum Standard entwickelt.
Minitunnel und Kunststoffgewebe kommen seit 15 Jahren im Erdbeer- und Gemüseanbau hinzu. Nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Umwelt, Sicherheit- und Energietechnik, kurz „Umsicht“, liegt die Hälfte der Fläche, auf der Spargel, Obst und Gemüse angebaut werden, heute zeitweise unter Folien – insgesamt rund 1000 Quadratkilometer - ein Bereich so groß wie die Insel Rügen.

Für die Tierwelt geht Lebensraum verloren

„Das Problem ist, dass quasi der ganze Bereich, also die ganze Fläche geht dann als Lebensraum und Futterquelle verloren“, erklärt Katharina Istel, Referentin für Ressourcenpolitik in der Bundesgeschäftsstelle des Naturschutzbundes "Nabu".
„Einmal zum Beispiel für die Vögel, das können entweder bodenbrütende Vögel sein, die dadurch ihre Brutplätze verlieren. Oder Greifvögel finden dadurch keine Nahrung, weil halt unter der Folie das Leben viel eingeschränkter ist."
Folien über einem Spargelfeld im Land Brandenburg.
Durch den flächendeckenden Einsatz der Folien müssen Vögel immer weiter für Nahrung fliegen, kritisiert der Nabu.© Deutschlandradio / Isabel Röder
Lebensbedrohlich wird das für die Vögel, wenn das Meer aus Folien flächendeckend ist, wie zum Beispiel in Brandenburg. Im Kreis Oberhavel baut ein Landwirt im Vogelschutzgebiet Spargel auf rund 460 Hektar an, eine Fläche, die so groß ist wie 650 Fußballfelder.
„Greifvögel müssen dadurch immer weiter fliegen, um Nahrung zu finden, und das ist auch sehr energieintensiv. Auch der Nachwuchs stirbt häufiger, denn in der Zeit, in der die Eltern unterwegs sind, ist es wahrscheinlicher, dass der Nachwuchs aufgefressen wird oder verhungert“, sagt Katharina Istel.
Doch der Verlust von Lebensraum und Nahrung ist nur eine negative Seite der Folien. Auch bei großer Sorgfalt reißen Schnipsel und Fäden ab. Das Fraunhofer-Institut „Umsicht“ schätzt, dass 556 Tonnen Plastik pro Jahr auf diese Weise in Deutschlands Böden gelangen.
„Es gibt im Labor schon Untersuchungen, das Zellwände von Pilzen durchwandert werden können, dass Wurzeln von Pflanzen Nano-Kunststoffpartikel aufnehmen können oder dass größere Organismen wie Erdwürmer und Springschwänze das Mikroplastik aufnehmen und im Magen verkleinern und wieder ausscheiden“, erklärt Katharina Istel.  

Was wird aus den gebrauchten Folien?

Die Rücknahme der Folien sollte nach Ansicht des "Nabu" daher besser kontrolliert werden; vor allem, damit sie nicht zu lange auf den Feldern liegen und brüchig werden. Die freiwillige Rücknahme- und Recyclinginitiative „ERDE“, initiiert unter anderem von Herstellern von Agrarfolien, macht hier einen Anfang. Nach eigenen Angaben hat "ERDE" im letzten Jahr rund 30.000 Tonnen eingesammelt und recycelt. Eine weitere Möglichkeit wäre, kompostierbare Folie zu nutzen; z.B. aus Papier.
„Unsere Beschichtungsmaterialien sind hybride Materialien. Das heißt, sie bestehen aus einem anorganischen Anteil, der ein bisschen ist wie Glas und einem organischen Anteil, der sie flexibel macht.“
Ferdinand Somorowsky forscht am Würzburger Fraunhofer Institut für Silicatforschung an Mulchpapieren, die zum Beispiel auf Erdbeerbeeten genutzt werden können. Herkömmliches Papier aus Zellulose wird hier hauchdünn mit einem Lack mit Siliciumanteil beschichtet.
„So ein Mulchpapier ist stark mechanisch beansprucht - einerseits beim Ausbringen, das wird mit großen Maschinen gemacht. Später werden solche Papier auch befahren. Es wird aber auch nass, es wird von der Sonne beschienen.“
All dem soll das Papier am Ende des Forschungsprojektes sechs Monate lang standhalten – und dann im Boden verrotten.
„Bei den Proben, die wir momentan beschichten, sind wir im Bereich von drei bis vier Monaten, bis das gesamte Material zersetzt ist.“
Zusammengerollte Folien liegen in einem Folienzelt.
Für seine Bio-Gärtnerei benötigt Horst Ritter große Mengen an Abdeck-Vlies© Deutschlandradio / Isabel Röder
Gemüsegärtner Horst Ritter ist von den Muchlfolien aus nachwachsenden Rohstoffen, die es bereits auf dem Markt gibt, bisher nicht überzeugt. Zu lange blieben Folienreste im Boden. Wenn möglich verzichtet er auf künstliche Folien.
Tomaten, Gurken und Rhabarber werden daher mit Kleegras gemulcht. Wie eine Folie unterdrückt es Unkraut. Doch ob Gemüsebetriebe auf natürliche Methoden ausweichen können, sei am Ende auch eine finanzielle Frage, sagt Ritter.
„Das ist natürlich auch mit hohen Kosten verbunden, ich denke, die Kosten sind eher noch höher, als wenn wir dort ein Mulchgewebe oder einen Vlies hineinlegen würden.“

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