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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2013

Läuterungsberater im Himmel

Leon de Winter: "Ein gutes Herz“, Diogenes Verlag, Zürich 2013, 504 Seiten

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Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter versteht die Kunst literarischer Satire. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter versteht die Kunst literarischer Satire. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Der jüdische Autor de Winter kannte die Provokationen des ermordeten Filmemachers Theo van Gogh nur zu gut - war oft selbst Opfer seines Hohns. In seinem Buch spielt van Gogh nun eine Hauptrolle, es ist dennoch keine Abrechnung, sondern ein glänzendes Schelmenstück geworden.

Sie waren ziemlich beste Feinde: Der holländische Schriftsteller Leon de Winter und der holländische Filmemacher und Provokateur Theo van Gogh, der 2004 von einem islamischen Fundamentalisten auf offener Straße ermordet wurde. Der Fall sorgte in den Niederlanden, die sich bis dahin zugute hielt, die Spannungen einer Einwanderungs- und Multikultigesellschaft toleranter zu bewältigen als die europäischen Nachbarn, für tiefe Verunsicherung und politisch bizarre Frontstellungen. Über Jahre hinweg hatte Theo van Gogh diese Spannungen provoziert. Er verhöhnte Moslems ebenso wie Christen und Juden, ließ keine Gelegenheit aus, sie mit geschmacklosen Invektiven und paranoiden Ungeheuerlichkeiten zu überziehen. Das Lieblingsobjekt des Enfant Terrible aber war der Jude Leon de Winter. In einer Talk-Show behauptete van Gogh einmal, de Winter rufe beim Geschlechtsverkehr mit seiner Frau regelmäßig "Treblinka, Treblinka" und besitze eine Privatsammlung von Stacheldrahtresten aus Konzentrationslagern.

Nur vor diesem Hintergrund ist der literarische Coup des neuen Romans von Leon de Winter umfänglich zu begreifen. Denn eine der Hauptfiguren dieses Romans ist kein anderer als Theo van Gogh. Anders als vielleicht zu erwarten gewesen wäre, nutzt Leon de Winter diesen Roman nun aber keineswegs für eine Abrechnung mit dem ehemaligen Intimfeind. Im Gegenteil: In bester satirischer Manier macht er aus Theo van Gogh, der sich im ersten Romankapitel bereits im Himmel und in der Gesellschaft von Engeln und Läuterungsberatern, sogenannten "Bewährungshelfern" befindet, einen gütigen, um sein altes Heimatland liebevoll besorgten Menschen. Van Gogh erhält die Chance, vom Jenseits aus in Terroranschläge einzugreifen, die eine Gruppe radikal-islamischer Jungendlicher auf einen Amsterdamer Kindergarten und auf die Amsterdamer Oper verüben. Der Verlauf dieser Anschläge und das Soziogramm der Terroristen bilden den Kern des thrillerhaften Handlungsverlaufs.

Um diesen Kern herum gruppiert Leon de Winter eine illustre literarische Gesellschaft, die zum Teil der Realität entspricht. Der Amsterdamer Bürgermeister taucht unter seinem echten Namen ebenso auf wie hochrangige Regierungspolitiker. Das ironische Meisterstück der Mischung aus dokumentarischer und fiktiver Wirklichkeit aber ist Leon de Winters Selbstporträt. Der Schriftsteller eben dieses Namens erscheint als mittelmäßiger, opportunistischer Schreiberling, der mit seinem Übergewicht kämpft und mit der Trauer um seine Frau Jessica Durlacher, die ihn wegen einem erfolgreichen amerikanischen Architekten verlässt. Leon de Winters Frau ist tatsächlich die Schriftstellerin Jessica Durlacher. Nur ist das Paar, anders als im Roman, nach wie vor glücklich verheiratet.

Mitreißend, amüsant und hoch unterhaltsam zu lesen ist Leon de Winters neuer Roman "Ein gutes Herz", ein kolportagehaftes Schelmen- und ein Glanzstück literarischer Phantasie, das die Kernkonflikte europäischer Gegenwartsgesellschaften komödiantisch gestaltet, ohne im Geringsten ihren dringlichen Ernst zu verleugnen. Dem destruktiven Satiriker Theo van Gogh antwortet Leon de Winter mit der Kunst produktiver literarischer Satire.

Besprochen von Ursula März

Leon de Winter, "Ein gutes Herz"
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Diogenes Verlag, Zürich 2013
504 Seiten, 22,90 Euro

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