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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.01.2016

Labiche-Stück am Deutschen Theater Intellektuell der Blick - derb der Humor

Von Irene Bazinger

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Deutsches Theater Berlin (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Deutsches Theater Berlin (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Karin Henkel hat am Deutschen Theater in Berlin mit sicherem Gespür für Timing, Rhythmus und die Absurditäten der condition humaine "Die Affäre Rue de Lourcine" des französischen Komödiendichters Eugène Labiche inszeniert. Vor allem ist die Inszenierung eines: richtig komisch.

Paris an einem Sonntag Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein Mann war am Vorabend beim Klassentreffen und hat sich entsetzlich betrunken. Jetzt wacht er auf und hat völlig den Überblick verloren. Mit schmerzendem Kopf und schwerer Zunge fragt er sich, wo er ist und wozu, wer er ist und warum. Außerdem hört er noch jemanden in seinem Bett schnarchen und da gerät der brave Familienvater erst recht aus der Fassung: Wen hat er da bloß abgeschleppt?

Der französische Komödiendichter Eugène Labiche setzt in "Die Affäre Rue de Lourcine" alle herkömmlichen Orientierungskategorien und Sicherheiten außer Kraft: Raum, Zeit, Logik, Identität, sogar Leben und Tod. Für die Regisseurin Karin Henkel, die Grenzüberschreitungen liebt und schon Macbeth oder den Major Tellheim mit einer Schauspielerin besetzt hat, ist dieses Verwirrspiel eine wunderbare Gelegenheit, die Zuschauer im Deutschen Theater Berlin mit Witz und Schwung hinter die Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit blicken zu lassen.

Ein Verwirrspiel mit Witz und Schwung

Allerdings hat die Bühnenbildnerin Henrike Engel dafür nicht den klassischen Salon der Boulevardkomödie entworfen, sondern einen hohen, hellen Raum, der wie eine surreale Mischung aus Aufbahrungshalle und Krematorium mit gewagtem Schöner-Wohnen-Flair aussieht. Er steht auf der Drehbühne, die, wenn sie in Bewegung gerät, verschiedene Perspektiven auf dieselbe Örtlichkeit erlaubt. Das zeigt den Knick in der Optik von Lenglumé, dem verkaterten Herrn des Hauses, der mühsam seinen Restalkohol verarbeitet. Er hält sich und seinen Kumpel Mistingue für die Mörder an einer jungen Kohlehändlerin, weil er darüber in einer Zeitung liest, die allerdings bereits zwanzig Jahre alt ist, was er lange nicht mitkriegt.

Verzweifelt versuchen die beiden dann, sich von der vermeintlichen Alkohol-Bluttat freizuwaschen. Sie bedauern dabei vor allem sich selbst und ihre Unachtsamkeit, nicht die - fiktive - Tote. Michael Goldberg als Lenglumé und Felix Goeser als Mistingue sind zwei sehr seriöse Komödianten, die den Klamauk, den Slapstick und die Turbulenzen um Identität und Verbrechen ernst nehmen – und dadurch richtig komisch machen.

Lustbarkeiten mit formaler Präzision inszeniert

Karin Henkel inszeniert die Lustbarkeiten mit formaler Präzision und mit sicherem Gespür für Timing, Rhythmus und die Absurditäten der condition humaine. So intellektuell ihr Blick auf diese Komödie, so derb meist der Humor: Aufgeklebte große Nasen, künstliche Gebisse, schrille Töne, Männer in Röcken, Frauen in Schockstarre, eine Welt aus den Fugen. Alle zusammen fügen sich am Schluss freilich zu einem kleinen Chor der Unverdrossenen zusammen, der in der Übersetzung von Elfriede Jelinek ein versöhnliches Ende formuliert: "Ist's vorüber, lacht man drüber / Lachen ist gesund!"

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