KZ-Prozess in Brandenburg/Havel

    "Bis heute hat niemand sich bei uns entschuldigt"

    07:52 Minuten
    Häftlinge und Wärter stehen vor dem Eingang zum KZ Sachsenhausen. Über dem Tor der Schriftzug: Schutzhaftlager.
    KZ-Wachleute seien "Direkt-Täter im reinsten Sinne", sagt die Historikerin Astrid Ley. © picture alliance / arkivi
    Von Christoph Richter · 07.10.2021
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    In Brandenburg läuft ein Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann des KZ Sachsenhausen. Dem 100-jährigen wird Beihilfe zum Mord in 3518 Fällen vorgeworfen. Nachfahren der Ermordeten und Historiker erklären, warum juristische Aufarbeitung wichtig ist.
    Wer in einem "organisierten Tötungsapparat" mitwirkt, macht sich mitschuldig – seit dem Demjanjuk-Prozess 2009 arbeiten die Gerichte mit dieser Annahme. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Staatsanwaltschaft Neuruppin nun 76 Jahre nach Kriegsende einen hochbetagten Brandenburger der Beihilfe zum tausendfachen Mord beschuldigt.
    Wenn Christoffel Hejier von seinem Vater Johan Hedrik erzählt, hat er Tränen in den Augen. Nachdem die Deutschen im Mai 1940 Holland überfallen und besetzt hatten, gab der Widerstandskämpfer viele Monate lang Nachrichten an die Engländer weiter. Bis er denunziert und verhaftet wurde – und die Nazis ihn ins KZ Sachsenhausen deportierten. Kurz vor seiner Hinrichtung am 1. Mai 1942 durfte Johan Hendrik Heijer noch einen Abschiedsbrief an seine Frau schreiben, den sein Sohn jetzt zitternd in den Händen hält.
    "Das letzte Mal habe ich meinen Vater mit sechs Jahren lebend gesehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich ihn nie wiedersehen werde. Der Schock über den Verlust, an dem leide ich heute immer noch."
    Neben dem 84-Jährigen Christoffel Hejier sitzt seine Frau Anja. Sie hat Tränen in den Augen, streicht ihrem Mann zart über den Rücken: "Bis heute hat niemand sich bei uns entschuldigt. Niemand." Sie könne nicht verstehen, wie man nach all diesen Gräueln sein Leben jahrzehntelang ruhig weiter leben konnte. Und meint damit auch Josef S., der als Wachmann im KZ Sachsenhausen gearbeitet hat.

    Es geht um Gerechtigkeit

    Die Nachfahren der Ermordeten wollen Gerechtigkeit, nicht Rache. Sie wollen erfahren, was damals passiert ist. Damit sie der Öffentlichkeit erzählen können, was ihren Familienmitgliedern damals zugestoßen ist. Es sind schreckliche Schicksale, unter denen sie bis heute leiden.
    In dem Prozess gegen den früheren Wachmann des KZ Sachsenhausen gibt es vierzehn Nebenkläger. Einer der Anwälte ist Thomas Walther. Der frühere Ermittler der Ludwigsburger zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen geht mit der deutschen Justiz hart ins Gericht. Sie habe die Aufarbeitung jahrzehntelang vernachlässigt, weshalb dieser Prozess erst heute, 76 Jahre nach Kriegsende, beginnen kann.
    Walther, der in der Presse oft "Nazi-Jäger" genannt wird, hat von 2009 bis 2011 den Prozess gegen John Demjanjuk geführt, den einstigen Wachmann des deutschen Vernichtungslagers Sobibor im besetzten Polen.
    Damals kam das Gericht zu dem Schluss, dass auch einfache Gehilfen bei Tötungsaktionen mitschuldig sein können. In der bundesrepublikanischen Rechtsgeschichte eine Kehrtwende. Denn bis dahin konnten nur Ermittlungen eingeleitet werden, wenn Täterinnen oder Tätern die direkte und unmittelbare Beteiligung nachgewiesen werden konnte.
    "Wir denken, dass das ein großer Fehler der deutschen Justiz war, in all den Jahrzehnten davor. Und in all den Jahrzehnten der Begriff der Beihilfe zu einem Verbrechen vollkommen verkannt wurde", so Walther.

    Wachleute waren willige Täter

    Für Historikerin Astrid Ley, die stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Sachsenhausen, ist am Ende das Urteil gar nicht ausschlaggebend:
    "Es geht darum, dass die Opfer das Gefühl erhalten, dass sie das nochmal äußern können, was ihnen angetan worden ist. Und dass das zur Kenntnis genommen wird von der Gesellschaft. Und tatsächlich ist dieser Angeklagte einer der ersten Wachmänner des KZ Sachsenhausen. Die Verfahren bisher haben eher Mitglieder des Kommandanturstabes, also die Verwaltung, die SS, die das Lager betrieben hat, betroffen. Jetzt geht es um einen Wachmann. Dahinter stehen ja immer ganz umfangreiche Ermittlungen, die auch durch historische Gutachten gestützt werden. Da kommen jetzt schon noch einige neue Fakten auf den Tisch, die für Historiker zur Aufarbeitung später interessant sind."
    Die Wachleute waren ein wichtiger Baustein im System der Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes. Nicht irgendwelche Mitläufer, sondern willige Täter, erklärt Ley:
    "Die Rolle der Wachmannschaften ist die, das Lager nach außen abzuschirmen. Diese Wachtruppen sind an Mordaktionen, an Exekutionen, an Massenerschießungen, an Massenmordaktionen beteiligt. Das sind Direkt-Täter im reinsten Sinne."

    Sieben weitere Verfahren gegen Wachpersonal

    Der jetzt 100-jährige in Brandenburg an der Havel lebende Angeklagte Josef S. war laut Anklage von Januar 1942 bis Februar 1945 Wachmann im Hauptlager des KZ Sachsenhausen.
    Nach Angaben der zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg laufen bundesweit noch sieben weitere Verfahren gegen KZ-Wachpersonal. Darunter ein Prozess gegen einen weiteren ehemaligen Wachmann des KZ Sachsenhausen, sowie zwei Verfahren gegen zwei frühere Wachleute des KZ Ravensbrück, darunter auch eine Frau.

    Ob solche späten Verfahren wie das gegen Josef S. überhaupt noch Sinn ergeben, daran zweifelt der Arzt Richard Fagot [AUDIO] , der zusammen mit seiner Mutter das KZ Ravensbrück und das KZ Sachsenhausen überlebte. "Welchen erzieherischen Wert kann so ein Prozess nach mehr als 75 Jahren haben?", fragt Fagot. "Und was für eine Strafe kann er schon bekommen? Lebenslänglich? Ein Jahr und zwei, drei, vier Monate Haft?" Der Holocaust-Überlebende plädiert für mehr Aufklärung in Schulen.

    Zum Prozessauftakt in Brandenburg an der Havel ist auch José Trauffler anwesend, die Tochter eines luxemburgischen, mittlerweile verstorbenen Überlebenden des KZ Sachsenhausen: René Trauffler, ein Widerstandskämpfer. Sie will an die Freunde ihres Vaters erinnern: eine Gruppe von 19 Luxemburgern, die am 2. Februar 1945 im KZ Sachsenhausen hingerichtet wurden.

    Ein dringend notwendiger Prozess

    Wichtig ist der heute 66-jährigen Luxemburgerin, die Wahrheit zu erfahren, was im KZ Sachsenhausen damals genau passiert ist. Und sie wolle dem Täter in die Augen schauen. Dass Deutschland so lange gebraucht hat, den Mittätern jetzt erst den Prozess zu machen, kann Trauffler nicht nachvollziehen:
    "Was mit all diesen Tätern da passiert ist, dass die keinen Prozess bekommen haben, das verstehe ich nicht. Da ist so viel schief gelaufen."
    Auch für Brandenburgs Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke kommt der Prozess zu spät. Aber dennoch sei er ein Beleg dafür, dass der Rechtsstaat funktioniere. Auch wenn die Sozialdemokratin sich gewünscht hätte, dass die Verfahren gegen NS-Mittäter schon viel früher stattgefunden hätten:
    "Der Angeklagte hat sein Leben leben können, hat es genießen können, hat es gestalten können. Und die Opfer können das alles nicht. Insofern finde ich es nur richtig und auch dringend notwendig für die Überlebenden der Konzentrationslager und für deren Angehörige, dass sie einen Anspruch darauf haben, dass erlittenes Leid anerkannt wird. Und dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden."
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