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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 03.09.2019

Kyffhäuser in ThüringenBarbarossa als Touristenmagnet und Mythos der extremen Rechten

Von Henry Bernhard

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Die Skulptur am Kyffhäuser-Denkmal zeigt Kaiser Friedrich I. Barbarossa. (akg / Bildarchiv Steffens)
Die Skulptur am Kyffhäuser-Denkmal zeigt Kaiser Friedrich I. Barbarossa. (akg / Bildarchiv Steffens)

Der Sage nach schläft seit mehr als 800 Jahren Kaiser Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser, einem Berg im Norden Thüringens. Der Mythos zieht viele Touristen in die Höhle, wird aber auch gern missbraucht von Rechtsaußen.

160 Meter lang ist der Gang in den Berg, schnurgerade und abschüssig. Anke Schreyer führt eine Gruppe von gut 30 Besuchern in die Barbarossa-Höhle. Meter für Meter wird es kälter. Der schmale, gemauerte Gang öffnet sich in eine luftige Höhle, etwa zehn Meter hoch. Neun Grad herrschen hier, sommers wie winters. Von der Decke hängen graue Gesteinsfetzen.

"Unser Höhlengestein, Anhydrit, enthält überhaupt kein Wasser. Aber Anhydrit kann Wasser aufnehmen. Also, das quillt enorm auf, wie ein Hefeteig."

Aber wohl die wenigsten Besucher sind wegen des grauen Anhydrits hier. Der Ort heißt nicht umsonst "Barbarossa-Höhle" – und das schon seit seiner Entdeckung.

"Barbarossa, das war ein Stauferkaiser. Er hatte wirklich einen roten Bart und rot gelockte Haare. Barbarossa lebte von 1122 bis 1190. Und manchmal hat er sich hier, in der Kyffhäuser-Region, aufgehalten. Vom dritten Kreuzzug ins Heilige Land ist Barbarossa nicht zurückgekommen. Er war im Fluss Saleph in Kleinasien ertrunken. Das Volk bekam Sehnsucht nach dem Kaiser und dann haben die Leute sich erzählt, dass der Kaiser vielleicht nicht gestorben ist, sondern, dass der nur verzaubert sei. Sie glaubten, er würde in einem unterirdischen Schloss im Kyffhäuser schlafen und wiederkommen."

Romantisch verklärt und verspottet

Die Sage überlebte. Da passte die märchenhafte Höhle schon 1865 ganz wunderbar ins Tourismuskonzept. 200.000 Besucher pro Jahr kamen in den frühen 90ern, heute ist man hier im Kyffhäuserkreis froh, wenn es noch 85.000 sind.

Immer wieder haben Dichter den Rotbart besungen. Sie haben ihn romantisch verklärt oder verspottet wie Heinrich Heine 1844 in seinem Reisegedicht "Deutschland, ein Wintermärchen".

"Herr Rotbart" – rief ich laut –, "du bist ein altes Fabelwesen. Geh, leg dich schlafen, wir werden uns auch ohne dich erlösen."

Auch der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke bedient sich gern am Barbarossa-Mythos – wenn auch weniger belustigt.

"In der Höhle des Kyffhäuserberges schläft ein Kaiser, um eines Tages mit seinen Getreuen zu erwachen, und wenn die Not am Größten ist, des Reiches Herrlichkeit wiederherzustellen. Liebe Freunde, innere Kraft aus Mythen zu schöpfen, ist in Wendezeiten immer hilfreich gewesen. Und wir leben zweifellos wieder in einer Wendezeit."

Seit ein paar Jahren versammelt sich Höckes völkischer bis rechtsextremer "Flügel" der AfD immer Anfang Juli zum Kyffhäusertreffen. Höcke spricht gern über den schlafenden Kaiser als Erlöserfigur und lässt dabei recht deutlich mitschwingen, wen er in Nachfolge Barbarossas für den möglichen Erlöser hält.

"Und dieser neue Mythos, der wird darüber entscheiden, ob wir diese Wendezeit nicht nur erleben und erleiden, sondern tatkräftig gestalten!"

Höcke verdirbt das Geschäft

"Ja, der Herr Höcke als Lehrer, als Geschichtslehrer – das ist schon interessant, wie jemand, der die Geschichte eigentlich... der das studiert hat, wie der dazu steht. Also, da ist bemerkenswert, muss ich mal sagen."

Catrin Auerbach führt das Hotel und riesige Ausflugslokal "Burghof" unterhalb des Kyffhäuser-Denkmals. In ihrem Hotel hat sich Höckes Flügel drei Mal versammelt, bis es ihr und ihrer Familie reichte. Die Angriffe, Pöbeleien, Drohungen von außen, weil sie den Rechtsextremen Raum gibt, bedrohten die Familie und mittelfristig auch das Geschäft.

"Das erste Mal war es ein Sommerfest. Beim zweiten Mal wurde das ja schon ziemlich krass, weil ganz verrückte Leute hier auftauchten, und das dritte Mal war es dann so, dass ich wirklich gesagt habe: Jede Rede findet nur drinnen statt. Und ich möchte bitte die Fenster geschlossen haben und Ende! Wir haben es dann tatsächlich abgesagt. Dann bin ich von denen wieder beschimpft worden, weil ich kein Kreuz hätte! Bitte, ich kann es mir mit der Region hier nicht verscherzen. Das ist mir einfach zu wichtig."

Dabei habe der Flügel wirklich für guten Umsatz gesorgt, erzählt sie. Und es gibt auch gar keine Nachbarn, die sich beschweren könnten. Aber dank der neuen Medien weiß inzwischen jeder, dass Höcke & Co hier nicht nur vom Kaiser Barbarossa, sondern auch vom Umsturz geträumt haben. Nun gibt es gar keine politischen Veranstaltungen mehr bei Catrin Auerbach.

"Wir haben Gott sei Dank genug Gäste hier. Viele Deutsche besuchen wieder Kultur- und Kultstätten und sind in Deutschland unterwegs. Das merken wir ganz deutlich. Auch diese außenpolitische Lage in den preiswerten Urlaubsländern. Es ist ja auch schön bei uns, gar keine Frage. Aber man kommt an seine Grenzen. Das ist so. Es sind unglaublich viele Leute hier und wollen alle essen. Das ist ja schön, ja!"

Wehe, wenn der Adler kreist

Hinter ihr, um einen neoromanischen Torbogen am "Burghof" angeordnet, hocken seltsame Vögel aus Stein.

"Das sind die Raben! Sieht aus wie Frosch mit der Maske, das sollen aber die Rabenköpfe sein! Also tatsächlich so wie der Bogen oben, unter ihm sitzend der Kaiser…"

Die Raben, die um den Kyffhäuser fliegen. Und solange sie fliegen, muss der greise Barbarossa schlafen. Erst, wenn der Adler kreist, darf er mit seinen Getreuen aufstehen und Deutschland befrieden. "Zu spät!", meint Heiko Kolbe, Chef des Kyffhäuserdenkmals oben auf dem Berg.

"Stellen sie sich vor: 1190 ist Barbarossa verschwunden auf dem Kreuzzug. Und man sagt: Alle 100 Jahre käme er in die Gelegenheit wiederzukommen. Es dürfen aber die schwarzen Raben nicht fliegen. Und 1990 einigen wir dieses Land durch die friedliche Revolution in der DDR. Genau nach 800 Jahren! Das war eine Punktlandung! Kein Jahr früher, keins später. Also, das war kein Zufall!"

Als "Gerwig von Kyffhausen", geharnischt und mit Schwert bewaffnet, führt er Besucher zum Denkmal, erbaut 1896. Ein 57 Meter hoher Pyramidenstumpf aus rötlichem Sandstein, an seiner Spitze eine Kaiserkrone. In halber Höhe des Denkmals reitet dem Besucher Kaiser Wilhelm I. entgegen. Unter ihm aber, vor dem Sockel des Denkmals, sitzt Friedrich Barbarossa.

"Und da sitzt er in seiner überlebensgroßen Figur, 6,50 Meter, sehr brachial. Und im Moment des Erwachsens – man sieht es deutlich: Er greift sich mit der linken Hand in seinen stattlichen Bart, rechts nach seinem Schwert, er hat gleichzeitig seine Füße verschoben – ich würde sagen: Der steht jetzt gleich auf, kommt aus seinem unterirdischen Schloss hervor und regiert weiter. Ich, sein Diener und treuer Gefährte Gerwig von Kyffhausen, würde ihn dann über die Verhältnisse der jüngsten Vergangenheit informieren; und er würde wahrscheinlich kopfschüttelnd sagen: Ach Leute, lasst mich zurück in meinen Berg! Die deutsche Einheit, die habt ihr. Meine Aufgabe ist erledigt."

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