Kurvige Formen für Potsdam
Potsdam bekommt eine neue Attraktion. In der brandenburgischen Landeshauptstadt soll ein Freizeitbad nach den Plänen des brasilianischen Stararchitekten Oscar Niemeyer entstehen. Typisch für die Arbeiten des 97-Jährigen sind die kurvenreichen und weichen Konturen.
"Mich ziehen nicht die rechten Winkel an oder die gerade Linie, hart und unbeweglich, geschaffen vom Menschen. Was mich betört, sind die weichen, sinnlichen Rundungen, die ich in den Bergen meines Landes finde. In den verschlungenen Biegungen seiner Flüsse, in den Wellen des Ozeans und am Körper der geliebten Frau."
Der erste Satz aus Oscar Niemeyers Memoiren erklärt sein ganzes Werk. Von seiner Liebe zu den Kurven weiß jeder Brasilianer, der eine Schule besucht hat.
Von seinem Büro aus sieht Niemeyer das Meer an die Copacabana schlagen. Kraftvoll und schön. Seine größte Leidenschaft galt nie der Architektur, sondern immer dem Leben. Natürlich, wer mit 97 Jahren jeden Tag um neun zur Arbeit kommt, der muss besessen sein. Doch Niemeyers liebster Termin ist sein Philosophiekreis, einmal pro Woche im Büro.
Niemeyer: "Morgen geht es um Aufklärung. Wir hatten schon Kant, wir gehen jetzt noch weiter zurück. Ein deutscher Philosoph, den ich sehr mag. Ich habe seinen Namen vergessen. Heidegger. Er hat mal gesagt, und das hat mir gefallen: Der Verstand ist der Gegner der Vorstellungskraft. "
Architektur kann wunderschön sein, findet Niemeyer, doch sie kann die Welt nicht verändern. Das weiß der überzeugte Kommunist, seit er Brasília erschuf, die Hauptstadt vom Reißbrett.
Im Wirtschaftswachstum der 50er sah Brasilien sich als kommende Weltmacht und wollte eine stolze Hauptstadt. Der Präsident sagte zu seinem Freund Niemeyer: Du hast vier Jahre Zeit. Bau uns eine Stadt.
Niemeyer: "In Brasília herrschte Enthusiasmus. Ich weiß noch, wie wir mit dem Auto dorthin fuhren. Wir trafen Lkw voller Bauarbeiter, die aus dem ganzen Land kamen. Sie dachten, sie würden hier besser arbeiten und leben können. Brasília erschien wie ein Versprechen, die Armut hinter sich zu lassen."
40.000 kamen und bauten Tag und Nacht. Manche von ihnen hatte der Architekt selbst angeheuert, wie den Torwart des Fußballvereins von Botafogo. Ein Bekannter von Niemeyer, der grad pleite war.
Niemeyer: "Er hat gut unterhalten, Witze gemacht, uns bei der Arbeit geholfen. Als ich nach Brasilien fuhr, habe ich nicht nur Architekten mitgebracht. Auch einen Journalisten, einen Freund, der Arbeit brauchte, Leute, die noch nie was mit Architektur zu tun hatten, aber intelligent waren. Mit ihnen konnte ich in der Freizeit reden."
Es gab viel zu reden auf der Baustelle für Brasília - reden über die Technik und über den Traum.
Die Vision einer Stadt der Zukunft. In der alle Bürger in gleichen Häusern wohnen - der Taxifahrer neben dem Minister. Das tägliche Leben sollte in der Stadt in Sektoren eingeteilt sein. Ein Viertel zum Wohnen, eines zum Arbeiten, eines zum Einkaufen. Getrennt durch Straßen breit wie Autobahnen.
Zu Fuß sollte in Brasílias Zukunft niemand mehr gehen müssen. Selbst der Friedhof ist mit dem Auto befahrbar.
Doch als Stadt fertig war, bezog nur die Oberschicht die Häuser. Die Arbeiter und die Armen mussten sich ihre Verschläge außerhalb bauen. Architektur hatte die Welt nicht verändert.
Heute wirkt das Zentrum der Stadt leblos, alles ist zu groß geraten. Ein Thema, über das Niemeyer nicht gern redet.
Niemeyer: "Es gibt keine Stadt, die nicht Probleme bekommt mit der Zeit. Es sind zu viele Leute dorthin gezogen. Und alle Städte haben Probleme mit dem Verkehr, müssen sich anpassen. Brasília geht es genauso."
Doch immer noch atemberaubend schön ragen Niemeyers Bauwerke in den Himmel über Brasília, schon jetzt sind sie Kulturerbe der Welt: der Parlamentssitz rund wie eine Schale, die Kathedrale einer Krone gleich, und alles scheint zu schweben. Seine Verliebtheit in die Form hat Niemeyer auch immer Kritik eingebracht. Er ignoriere den Zweck seiner Bauten. Das lässt der Architekt nicht auf sich sitzen.
Niemeyer: "Die Architektur, die wir machen, ist anders. Aber sie ist funktional. Das Verlagsgebäude von Mondadori in Milano zum Beispiel, es ist ein Palast geworden. Jahre später haben sie mich angerufen, damit ich Ihnen noch ein Gebäude entwerfe. Weil es gut funktioniert hat. Es hat sich unterschieden von anderen, und das war es, was sie wollten."
Den Puristen der europäischen Moderne schienen Niemeyers schwungvolle Bauten purer Hedonismus zu sein. Nichts daran war praktisch, systematisch, oder hätte sich irgendwie in Masse produzieren lassen. Als das Bauhaus den strengen rechten Winkel feierte, hat Niemeyer sich in die Kurve verliebt.
Wolfgang Kil: "Er hat die Moderne um eine ungeheure Formfreiheit bereichert. er ist alles andere als streng. Es gibt ja genug ausgesprochen strenge und beeindruckende Kollegen, vor deren Leistung man dann eher in die Knie geht, und vor Niemeyer geht man nicht in die Knie, da tanzt man mit."
Der deutsche Kritiker Wolfgang Kil sieht Niemeyer schon heute in der Weltgeschichte der Architektur. In Paris und Mailand stehen seine weich geformten Bauten, und bald auch in Potsdam. Damit Niemeyer eine Idee davon bekam, in welchen Ort er sein Schwimmbad bettet, haben die Brandenburger ihm Fotos und Filme nach Rio mitgebracht. Denn Niemeyer misstraut aus tiefster Überzeugung der Flugtechnik. Mit dem Schiff, wie früher, wär’s zu anstrengend. Aber Fotos vom Bauplatz reichen ihm völlig aus.
Niemeyer: "Wir erkundigen uns nach dem Ort, dem Klima, aber eigentlich löst die Technik alle Probleme. Ich habe in Frankreich, in Italien und in Algerien entworfen. Meine Architektur habe ich nie angepasst.
Sie ist die gleiche geblieben. Die gleiche Suche nach der anderen Gestalt, nach der neuen Lösung.
Wenn es möglich ist, versuchen wir, mit immer weniger Stützen zu bauen, noch leichter, wie: losgelöst. Architektur ist Erfindung."
Und Niemeyers Ausdrucksform ist der Stahlbeton. Ohne diesen Werkstoff könnte er seine Bögen nicht spannen. Nicht diese Bauwerke erschaffen, die mal aussehen wie begehbare Skulpturen, mal so wirken, als wollten sie überhaupt jeden Moment abheben. Niemeyer hat nie eine Schule gegründet, keine Theorien über seine Bautechnik verfasst, wie viele andere. Er möchte nur verstanden werden.
Niemeyer: "Wenn ich einen Entwurf erstellt habe, der klar und deutlich ist, das ist wichtiger. "
Seine Landsleute verehren Niemeyer, heute wie vor 50 Jahren. Gegenüber der Bucht von Rio baut er gerade wieder - eine Kapelle, ein Theater, ein Kulturzentrum. Solange er kann, wölbt und biegt Niemeyer weiter Beton als sei er Knetmasse. Einfach, weil es schön aussieht.
Niemeyer: "Wenn man sich zum Himmel wendet, sieht man, dass wir alle klein sind. Wer sich für wichtig hält, ist ein Esel. Wir haben die Frauen, die Freunde, wir sind fröhlich. Aber wir wissen: das Leben dauert nur eine Minute."
Der erste Satz aus Oscar Niemeyers Memoiren erklärt sein ganzes Werk. Von seiner Liebe zu den Kurven weiß jeder Brasilianer, der eine Schule besucht hat.
Von seinem Büro aus sieht Niemeyer das Meer an die Copacabana schlagen. Kraftvoll und schön. Seine größte Leidenschaft galt nie der Architektur, sondern immer dem Leben. Natürlich, wer mit 97 Jahren jeden Tag um neun zur Arbeit kommt, der muss besessen sein. Doch Niemeyers liebster Termin ist sein Philosophiekreis, einmal pro Woche im Büro.
Niemeyer: "Morgen geht es um Aufklärung. Wir hatten schon Kant, wir gehen jetzt noch weiter zurück. Ein deutscher Philosoph, den ich sehr mag. Ich habe seinen Namen vergessen. Heidegger. Er hat mal gesagt, und das hat mir gefallen: Der Verstand ist der Gegner der Vorstellungskraft. "
Architektur kann wunderschön sein, findet Niemeyer, doch sie kann die Welt nicht verändern. Das weiß der überzeugte Kommunist, seit er Brasília erschuf, die Hauptstadt vom Reißbrett.
Im Wirtschaftswachstum der 50er sah Brasilien sich als kommende Weltmacht und wollte eine stolze Hauptstadt. Der Präsident sagte zu seinem Freund Niemeyer: Du hast vier Jahre Zeit. Bau uns eine Stadt.
Niemeyer: "In Brasília herrschte Enthusiasmus. Ich weiß noch, wie wir mit dem Auto dorthin fuhren. Wir trafen Lkw voller Bauarbeiter, die aus dem ganzen Land kamen. Sie dachten, sie würden hier besser arbeiten und leben können. Brasília erschien wie ein Versprechen, die Armut hinter sich zu lassen."
40.000 kamen und bauten Tag und Nacht. Manche von ihnen hatte der Architekt selbst angeheuert, wie den Torwart des Fußballvereins von Botafogo. Ein Bekannter von Niemeyer, der grad pleite war.
Niemeyer: "Er hat gut unterhalten, Witze gemacht, uns bei der Arbeit geholfen. Als ich nach Brasilien fuhr, habe ich nicht nur Architekten mitgebracht. Auch einen Journalisten, einen Freund, der Arbeit brauchte, Leute, die noch nie was mit Architektur zu tun hatten, aber intelligent waren. Mit ihnen konnte ich in der Freizeit reden."
Es gab viel zu reden auf der Baustelle für Brasília - reden über die Technik und über den Traum.
Die Vision einer Stadt der Zukunft. In der alle Bürger in gleichen Häusern wohnen - der Taxifahrer neben dem Minister. Das tägliche Leben sollte in der Stadt in Sektoren eingeteilt sein. Ein Viertel zum Wohnen, eines zum Arbeiten, eines zum Einkaufen. Getrennt durch Straßen breit wie Autobahnen.
Zu Fuß sollte in Brasílias Zukunft niemand mehr gehen müssen. Selbst der Friedhof ist mit dem Auto befahrbar.
Doch als Stadt fertig war, bezog nur die Oberschicht die Häuser. Die Arbeiter und die Armen mussten sich ihre Verschläge außerhalb bauen. Architektur hatte die Welt nicht verändert.
Heute wirkt das Zentrum der Stadt leblos, alles ist zu groß geraten. Ein Thema, über das Niemeyer nicht gern redet.
Niemeyer: "Es gibt keine Stadt, die nicht Probleme bekommt mit der Zeit. Es sind zu viele Leute dorthin gezogen. Und alle Städte haben Probleme mit dem Verkehr, müssen sich anpassen. Brasília geht es genauso."
Doch immer noch atemberaubend schön ragen Niemeyers Bauwerke in den Himmel über Brasília, schon jetzt sind sie Kulturerbe der Welt: der Parlamentssitz rund wie eine Schale, die Kathedrale einer Krone gleich, und alles scheint zu schweben. Seine Verliebtheit in die Form hat Niemeyer auch immer Kritik eingebracht. Er ignoriere den Zweck seiner Bauten. Das lässt der Architekt nicht auf sich sitzen.
Niemeyer: "Die Architektur, die wir machen, ist anders. Aber sie ist funktional. Das Verlagsgebäude von Mondadori in Milano zum Beispiel, es ist ein Palast geworden. Jahre später haben sie mich angerufen, damit ich Ihnen noch ein Gebäude entwerfe. Weil es gut funktioniert hat. Es hat sich unterschieden von anderen, und das war es, was sie wollten."
Den Puristen der europäischen Moderne schienen Niemeyers schwungvolle Bauten purer Hedonismus zu sein. Nichts daran war praktisch, systematisch, oder hätte sich irgendwie in Masse produzieren lassen. Als das Bauhaus den strengen rechten Winkel feierte, hat Niemeyer sich in die Kurve verliebt.
Wolfgang Kil: "Er hat die Moderne um eine ungeheure Formfreiheit bereichert. er ist alles andere als streng. Es gibt ja genug ausgesprochen strenge und beeindruckende Kollegen, vor deren Leistung man dann eher in die Knie geht, und vor Niemeyer geht man nicht in die Knie, da tanzt man mit."
Der deutsche Kritiker Wolfgang Kil sieht Niemeyer schon heute in der Weltgeschichte der Architektur. In Paris und Mailand stehen seine weich geformten Bauten, und bald auch in Potsdam. Damit Niemeyer eine Idee davon bekam, in welchen Ort er sein Schwimmbad bettet, haben die Brandenburger ihm Fotos und Filme nach Rio mitgebracht. Denn Niemeyer misstraut aus tiefster Überzeugung der Flugtechnik. Mit dem Schiff, wie früher, wär’s zu anstrengend. Aber Fotos vom Bauplatz reichen ihm völlig aus.
Niemeyer: "Wir erkundigen uns nach dem Ort, dem Klima, aber eigentlich löst die Technik alle Probleme. Ich habe in Frankreich, in Italien und in Algerien entworfen. Meine Architektur habe ich nie angepasst.
Sie ist die gleiche geblieben. Die gleiche Suche nach der anderen Gestalt, nach der neuen Lösung.
Wenn es möglich ist, versuchen wir, mit immer weniger Stützen zu bauen, noch leichter, wie: losgelöst. Architektur ist Erfindung."
Und Niemeyers Ausdrucksform ist der Stahlbeton. Ohne diesen Werkstoff könnte er seine Bögen nicht spannen. Nicht diese Bauwerke erschaffen, die mal aussehen wie begehbare Skulpturen, mal so wirken, als wollten sie überhaupt jeden Moment abheben. Niemeyer hat nie eine Schule gegründet, keine Theorien über seine Bautechnik verfasst, wie viele andere. Er möchte nur verstanden werden.
Niemeyer: "Wenn ich einen Entwurf erstellt habe, der klar und deutlich ist, das ist wichtiger. "
Seine Landsleute verehren Niemeyer, heute wie vor 50 Jahren. Gegenüber der Bucht von Rio baut er gerade wieder - eine Kapelle, ein Theater, ein Kulturzentrum. Solange er kann, wölbt und biegt Niemeyer weiter Beton als sei er Knetmasse. Einfach, weil es schön aussieht.
Niemeyer: "Wenn man sich zum Himmel wendet, sieht man, dass wir alle klein sind. Wer sich für wichtig hält, ist ein Esel. Wir haben die Frauen, die Freunde, wir sind fröhlich. Aber wir wissen: das Leben dauert nur eine Minute."

Die Kathedrale in Brasilia© AP Archiv