Kurt Becks erstes Machtwort

Von Frank Capellan |
Respekt Herr Beck! Dass Sie mal so heftig auf den Tisch hauen würden, das haben Ihnen viele nicht zugetraut, nicht in unserer Zunft, aber auch nicht in Ihrer Partei. Jedenfalls lassen das die heutigen Reaktionen vermuten. Zustimmung auf allen Seiten und Flügeln. Ein Aufatmen geht durch die SPD, so hat es den Anschein.
Endlich: Der Vorsitzende nimmt seine Führung ernst, spricht ein Machtwort, sagt den Genossen, wo es lang geht. Zwischenrufe von denen, die hinter den Büschen sitzen, will er sich nicht länger bieten lassen. Denen, die hinten herum die Qualitäten des Chefs und seine Eignung als Kanzlerkandidat in Frage stellen, hat er die Rote Karte gezeigt: So nicht! Wer Angela Merkel herausfordern soll, liegt in seiner Hand. "Frühestens Ende nächsten Jahres mache ich einen Vorschlag", bekräftigt Kurt Beck und weiter: "So wird es sein, nicht anders!" Das sitzt. Das klingt fast wie ein Schröder-Basta, das die Sozialdemokraten in rot-grünen Jahren so fürchteten, ohne dass der Alt-Kanzler aber seine Reform-Agenda niemals durchgebracht hätte. Jetzt also beweist auch Kurt Beck Führungsstärke. Schluss mit lustig – die Zeit des väterlichen Moderierens ist vorbei. Die Partei applaudiert.

Ein bisschen verlogen ist es natürlich schon. Erst wird heimlich über den Vorsitzenden gemeckert, dann scharen sich plötzlich alle um ihn herum. Angesprochen fühlt sich niemand. Kurt Beck hat allerdings auch im Unklaren gelassen, wen er mit seiner Kritik wirklich meinte. Dass es tatsächlich nur die Hinterbänkler aus der dritten und vierten Reihe waren, mag man ihm nicht abnehmen. Auch das Spitzenpersonal macht ihm das Leben nicht gerade leicht. Ein Peer Steinbrück, der alle, die sich um sozialdemokratisches Profil sorgen, als "Heulsusen" diffamiert oder ein Franz Müntefering, der anders als Beck Koalitionen mit der Linkspartei ohne Not zur Sache der Landesverbände erklärt - auch sie tragen nicht gerade zu einem Bild der Geschlossenheit bei. Und ein Frank-Walter Steinmeier, der ganz unverhohlen als möglicher Kanzlerkandidat aufgebaut wird und zugleich ein Buch mit herausgibt, das Schröders Agenda 2010 zum Maß aller Lösungen erklärt, hilft auch nicht gerade, die Gräben zwischen den Flügeln der Partei zu schließen. Da wird dann eben doch wieder der moderierende Kurt Beck gefragt sein, der sich bisher ganz bewusst aus den programmatischen Diskussionen herausgehalten hat und sich nicht für eine Seite vereinnahmen ließ.

Da kommt also noch einiges auf den Parteivorsitzenden zu, und ob er tatsächlich das Zeug zum Kanzlerkandidaten haben sollte, wird ganz entscheidend davon abhängen, inwieweit es ihm gelingt, die SPD auf eine einheitliche Linie zu trimmen. Das gestrige Machtwort kann also nur ein Anfang gewesen sein: der Parteichef wird noch starke Nerven brauchen – aber trotzdem: Respekt, Herr Beck!