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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.09.2018

Kurt Andersen: "Fantasyland"Amerikaner liebten Fake News schon immer

Von Nana Brink

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Goldschürfer in Alaska (ca. 1910), Cover: Kurt Andersen, "Fantasyland"  (Frölich & Kaufmann / picture alliance/Glasshouse Images)
Auf der Suche nach Gold - und dem American Dream: Goldschürfer (1910) (Frölich & Kaufmann / picture alliance/Glasshouse Images)

Traumfabriken und Wunderwelten entsprechen der amerikanischen Mentalität eher als Zahlen und harte Fakten. Dieser These folgt Kurt Andersen in dem Sachbuch "Fantasyland" und findet Belege schon in den Gründerjahren der Vereinigten Staaten.

Nicht nur Millionen Europäer sind bis heute verwirrt, wie es dazu kommen konnte, dass die USA von einem Mann namens Donald Trump regiert werden. Millionen Amerikaner sind es auch. Bei ihrer Suche nach einer Antwort könnte ihnen das neue Buch des renommierten Kulturjournalisten Kurt Andersen helfen: "Fantasyland – 500 Jahre Realitätsverlust" ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Andersen, Mitbegründer des legendären Spy-Magazins und Moderator der in Amerika sehr populären Radiosendung "Studio 360", hält sein Land für "übergeschnappt". Und das nicht erst seit der Wahl von Trump.

Zwar scheinen gerade jetzt die Grenzen zwischen Illusion und Realität in gefährlicher Weise verrutscht. Das Land, das an den unentwegten Fortschritt glaubte, an Demokratie und Freiheit, sei jetzt kurz davor, in einem Strudel von Fake News und Post-Wahrheiten zu versinken. Aber der Glaube an "alternative Fakten" sei kein neues Phänomen, sondern Teil der amerikanischen DNA.

Amerikaner glauben an Engel und Dämonen

Um das zu belegen, geht Andersen weit zurück zu den Anfängen der amerikanischen Geschichte. Schon die ersten Siedler kamen Anfang des 17. Jahrhunderts, weil sie auf ein Wunder hofften, nämlich in Virginia Gold zu finden, was es dort allerdings nur in geringen Mengen gab. Was sie schufen, war ihre "Neue Welt", befördert von puritanischem Durchhaltewillen und einer sehr amerikanischen Vorstellung von Freiheit:

"Millionen von Menschen beschlossen, dass jeder das Recht habe, für sich zu entscheiden, was wahr oder falsch war, egal was irgendwelche hochtrabenden Experten dazu sagten. Und obendrein waren sie davon überzeugt, dass ein leidenschaftlicher, für Wunder offener Glaube der Schlüssel zu allem sei. Der Grundstein für Fantasyland war gelegt."

Selbst die amerikanische Verfassung – die älteste demokratische überhaupt – fügt sich nach Andersen in dieses Muster. Der erste Zusatzartikel verbietet eine Staatsreligion und garantiert Religionsfreiheit:

"All das bedeutete tatsächlich großen Fortschritt. Auch Unglaube wurde, zumindest von rechtlicher Seite, schließlich erlaubt."

Die Dominanz des Religiösen hält freilich bis heute an. Zwei Drittel der Amerikaner glauben, dass Engel und Dämonen über ihr Leben bestimmen. Ebenfalls zwei Drittel halten die Bibel für einen Faktenbericht über die Entstehung der Welt, weshalb bis heute in einigen Schulen die Evolutionstheorie als Teufelswerk bezeichnet wird. Dass Barack Obama ein "Antichrist" sei, war eine beliebte These rechter Talkradio-Moderatoren.

Eine der genialsten Erfindungen im "Fantasyland" Amerika ist die Traumfabrik Hollywood Anfang des 20. Jahrhunderts. Eine ganze Stadt, die sich nur um eines dreht: Traumwelten zu erschaffen. Natürlich ist die Filmindustrie kein ausschließlich amerikanisches Geschäft, aber Hollywood entwickelt sich zu ihrem Hauptstandort. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden 90 Prozent aller Filme in Amerika produziert.

Anekdoten halten den Leser bei Laune

Wer bei Hollywood angekommen ist, hat gerade mal ein Drittel des Buches geschafft – in kurzer Zeit, denn Andersen schafft es, seine Leser mit vielen Anekdoten bei Laune zu halten, die sich immer wieder zu der These fügen:

"Wir Amerikaner glauben – und ich meine wirklich glauben – in größerem Maße als alle anderen ein oder zwei Milliarden Menschen der reichen Welt an das Übernatürliche und Rätselhafte. (...) Wir glauben, dass die Regierung und ihre Mitverschwörer alle möglichen entsetzlichen Wahrheiten vor uns geheim halten – etwa was Mordanschläge betrifft."

Gerade da hat das 20. Jahrhundert laut Andersen viel zu bieten: die Ermordung Kennedys und die Entstehung von abenteuerlichen Verschwörungstheorien, die New-Age-Apostel um Timothy Leary, die sich jeder Rationalität verweigern, der Aufstieg von Scientology – bis zum "ultimativen Phantasie-Industrie-Komplex" aus Film, Fernsehen, Werbung, Glücks- und Computerspielen. Insofern ist der "Trump Moment" für Andersen nur ein "logischer Ausdruck" dessen, "zu was unsere Phantasie fähig ist".

Aber Kurt Andersen wäre nicht Amerikaner, wenn sein Abgesang nicht auch optimistisch enden würde. Er sieht ein "realitätsbasiertes Amerika", eine Art neue Bürgerbewegung:

"Wir müssen entschlossener werden, weniger Weichei sein. Der Versuch, Amerika wieder tatsachenbasiert hinzubekommen, wird allerdings definitiv anstrengend."

Kurt Andersen: Fantasyland – 500 Jahre Realitätsverlust
Aus dem Amerikanischen von Kristin Lohmann, Johanna Ott, Claudia Amor 
Wilhelm Goldmann Verlag, München 2018
736 Seiten, 18 Euro

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