Junge Autisten finden ihren Weg

Kurs aufs eigene Leben

28:33 Minuten
Eine Segeljacht auf dem Meer mit jungen Menschen an Bord .
"Irgendwann musst du lernen, das Steuer anzupacken und das Ruder zu reißen": Für die jungen Autisten hat die Segeltour auch therapeutische Wirkung. © NDR / Hermannfilm / Till Vielrose
Von Anna Goretzki  · 25.12.2021
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Für fünf junge Menschen mit Autismus ist ein Segeltörn auf der dänischen Südsee das Highlight, zugleich aber auch die Herausforderung des Jahres. Denn auf engem Raum im Schiff geht ohne Kommunikation und soziales Miteinander nichts.
In der Kajüte mit dem Doppelstockbett ist es eng und stickig. Robert und Sören quetschen sich auf der Suche nach einer Socke von Sören aneinander vorbei. Sören stehen Sorgenfalten auf der gebräunten Stirn unter den blond gewellten kurzen Haaren.
Die 46-Fuß-Segeljacht "Intention" ankert in einer kleinen Bucht in der dänischen Südsee. Schon seit mehreren Tagen begleite ich fünf junge Menschen mit Autismus auf ihrem sommerlichen Segeltörn. Der 30-jährige Sören ist einer von ihnen. Seine Socke ist vom Schrank seiner Kajüte heruntergefallen. Robert, der mit ihm das enge Zimmer teilt, hilft bei der Suche. Sören ist verzweifelt, dass die Socke weg ist. Ich versuche, die Situation zu entspannen. 
„Und wenn wir die später finden, Sören?“
„Wie denn?“
„Einfach, dass die wieder auftauchen?“
„Wie können die denn auftauchen?“
Jetzt verstehe ich, dass Sören das wörtlich nimmt und sich vorstellt, wie die Socke draußen aus dem Meer auftaucht.

Sören ist entspannt, die Socke ist wieder da

An diesem Juliabend sitzt die Crew an Deck. Graue Wolken ziehen auf, es nieselt. Zum Schutz vor der Nässe haben sie das Bimini-Verdeck aufgespannt. Darunter ist es trocken. Die Socke liegt nun dort, wo sie hingehört: statt in der dunklen Kajütenecke, in die sie gerutscht war, in Sörens Tasche. Sören ist entspannt. Und auch der Rest der Crew genießt zufrieden den Nachtisch: rote Früchte mit Vanillesoße.
Eine Woche lang werden Charlotte, Sebastian, Sören, Robert und Daniel mit dem Skipper Rollo und der Co-Skipperin Corinna in der dänischen Südsee unterwegs sein. Jeden Sommer findet der Törn für junge Menschen mit Autismus statt. Die 26-jährige Charlotte ist schon mehrere Male mit dabei gewesen.
„Ich war ja davor schon in einem Berufsbildungswerk und da war ich in einem Wohnhaus, in dem nur Autisten waren. Da habe ich gemerkt, wie entspannend es ist, wenn man nicht immer versuchen muss, so zu kompensieren, dass man ‚normal‘ erscheint. Denn normal ist auch eine Definitionssache, aber das, was der Großteil der Gesellschaft gern von einem hätte. Danach habe ich das hier gefunden und gemerkt: Das funktioniert ja noch besser, weil ich mich auch mit den einzelnen Leuten gut verstehe und weil man, obwohl jeder seine Einschränkungen hat, trotzdem irgendwie so normal und nett miteinander umgeht und nicht immer irgendwelche Sachen erwartet, die jemand nicht kann.“

"I am not normal" steht auf Charlottes Anstecker

Rückblick. Ein paar Monate vorher bei Charlotte zu Hause. Noch lebt sie bei ihren Eltern in Frankfurt am Main. Ein loftähnlicher Raum mit bodentiefen großen Fenstern, die den Blick in einen kleinen, sehr grünen Garten lenken. Charlotte trägt wie immer schwarz und sitzt zusammen mit ihrer Mutter Bettina vor einer Nähmaschine. Charlotte will ihre schwarze Weste ausbessern und neue Bandpatches anbringen, also Aufnäher, die Auskunft über ihre liebsten Gothic Bands geben. Charlotte hat seit ihrer Teenagerzeit eine große Leidenschaft für diesen Musikstil.

Normal ist eine Definitionssache.
(Charlotte, 26)

Die Kutte erzählt viel über Charlotte. Dass sie gegen Rassismus ist, auf die deutsche Hardrockband „Lord of the lost“ steht und man niemals zu viel schwarz tragen kann. Und auf einem der Buttons steht in weißen Buchstaben auf lila Grund „I’m not normal.“
„Bevor ich meine Diagnose hatte, die habe ich ja erst mit 17, fast 18, bekommen, so, dass davor halt viele andere auf mein Verhalten komisch reagiert haben und ich nicht verstanden habe, warum und mich dann halt scheiße dabei gefühlt habe wie die anderen sich mir gegenüber verhalten haben in der Schule. Um es mal kurz zu fassen. Und dass ich davor halt nicht so einen großen Freundeskreis hatte und auch nicht verstanden hatte warum, weil alle anderen haben es ja irgendwie hingekriegt.“

Anschluss in der Gothic-Szene

In der Schule erlebt sie Mobbing, hat kaum Freunde. In der Gothic-Szene Frankfurts Anschluss zu finden, fällt ihr hingegen vergleichsweise leicht. Sie geht in Clubs, lernt Freunde kennen und fährt mit ihnen im Sommer auf Musikfestivals zelten. Für Charlotte ist die Erfahrung neu und ungewohnt.
 „Natürlich ist es ja am Ende doch eine soziale Störung. Und es gibt dann am Ende immer mal wieder Situationen, in denen die Charlotte überfordert ist und sich dann vielleicht nicht ganz angemessen verhält“, sagt Bettina.
Zwar mögen soziale Situationen für Charlotte und andere Menschen mit Autismus eine Herausforderung sein. Aber Bettina ist es wichtig, auch Charlottes Fähigkeiten herauszustellen und nicht nur über Defizite zu sprechen, wenn es um Autismus geht. Denn das passiere viel zu häufig.
„Sie hat eine sehr soziale Haltung. Das ist auch ein großes Missverständnis, das viele Autisten gegenüber haben, dass sie denken, die wären nicht sozial oder die würden nichts fühlen oder so. Das ist absolut verkehrt. Es ist in der sozialen Interaktion in dem Moment für sie oft schwierig, sich aufs Gegenüber einzustellen, aber sie ist absolut mitfühlend. Gerechtigkeit ist ein Riesenthema!“

Seit vier Jahren sind Charlotte und Patrick ein Paar

„Das ist jetzt kacke, Mama!“ Charlotte findet die Naht zu schief. „Willst du mal reinschlüpfen?“
Charlotte streift die Weste über und ist dann doch zufrieden mit dem Ergebnis. Einem Besuch beim nächsten Gothic-Festival stünde jetzt nichts mehr im Wege - wäre da nicht Corona. Alle Festivals, auf die sie sich zusammen mit ihrem Freund Patrick gefreut hatte, sind abgesagt. Er ist zu Besuch. Seit vier Jahren sind Charlotte und Patrick ein Paar. Die beiden verziehen sich in Charlottes Zimmer. Ein Fußabtreter am Eingang stellt klar: „Schwarz ist hier bunt genug“. Sie setzen sich aufs Bett, machen ihre Musik an.
Eine junge Frau mit Brille und schwarzem T-Shirt sitzt an Bord einer Segeljacht.
Die 26-jährige Charlotte war schon einige Mal bei diesem Segeltörn dabei.© Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki
Das Zimmer ist geschmückt mit schwarzen Kunstrosen, silbernen und schwarzen Totenköpfen, einem großen gerahmten Foto, auf dem sich Charlotte lächelnd in Patricks Arme schmiegt. Kennengelernt haben sie sich in einem Gothic-Musikclub. Patrick hat sie angesprochen. Die beiden halten sich an den Händen. Patrick, kurze Igelfrisur, Brille, hat ADHS.
Über Autismus wusste er so gut wie nichts, als er Charlotte kennenlernte. Mittlerweile ist das anders. Er hat gelernt, dass man von Autismus-Spektrum-Störung spricht, dass das Wort „Störung“ aber auch von vielen kritisiert wird. Und dass „Spektrum“ bedeutet, dass Autismus so vielfältig in seinen Erscheinungsformen ist wie die Menschen, die mit ihm leben. Menschen mit Autismus nehmen anders wahr, denken anders, lernen anders, interagieren und kommunizieren oft auf ihre ganz eigene Art.

Der Segeltörn ist wie Medizin für Sebastian

Skipper Rollo, Ende 60, steht am Steuerrad des Segelschiffs "Intention". Gerade hat die Crew in Flensburg die Leinen losgemacht. Die Sonne scheint, eine leichte Brise weht, weiße Segel sprenkeln die Förde. Co-Skipperin Corinna, die auch als Betreuerin für die Crew an Bord ist, hilft am Mast beim Segelsetzen.
Rollo, wettergegerbtes Gesicht, breite Schultern, bietet Törns für autistische Menschen schon seit vielen Jahren an. Sobald das Großsegel oben ist, löst der blonde Sebastian Rollo am Steuerrad ab. Er trägt Seglerhandschuhe, ein weiß-blau kariertes Hemd mit Kragen, rotes Käppi und eine große verspiegelte Sonnenbrille.

Hier kann ich einfach mal alles vergessen, womit ich mit sonst rumschlag. Am Ende der Reise bin ich wirklich zu 100 Prozent authentisch.
(Sebastian, 25)

Mit 12 Jahren bekommt Sebastian die Diagnose Autismus. Seine Schulzeit ist für ihn der reinste Spießrutenlauf: Er wird so schlimm gemobbt, dass er wegen Depressionen in Kliniken behandelt werden muss. Immer wieder ausgegrenzt zu sein, hat Wunden gerissen, die nur schwer heilen. Der Segeltörn jeden Sommer war und ist für ihn wie Medizin. Verantwortungsvoll ein großes Schiff mitzusteuern, sich in einer Gruppe akzeptiert und geborgen zu fühlen, sich nicht verstellen zu müssen - das tut ihm gut, erzählt er abends, als das Schiff an seinem Ankerplatz für die Nacht liegt.
Er hat es sich vorne am Bug mit einer Dose gesalzener Nüsse bequem gemacht und schaut der Sonne beim Untergehen zu. Die anderen sind mit dem Beiboot in den Hafen gefahren, um ein Fußballspiel zu schauen.
„Hier denke ich einfach nur noch: Wo segeln wir morgen hin, welche Action machen wir morgen? Also hier kann ich einfach mal alles vergessen, womit ich mich sonst so rumschlage. Das ist sehr viel Entspannung. Und das hat zur Auswirkung: Am Ende der Reise bin ich wirklich zu 100 Prozent authentisch. Da ist meine Fassade dann komplett weg.“

Ein Coach fürs Kochen

Wochenmarkt in Hamburg Fuhlsbüttel ein paar Monate vor der Segelreise. Sebastian steht mit Tael in der Aprilsonne vor einem Gemüsestand. Sebastian möchte besser darin werden, einzukaufen, mit Geld umzugehen, zu kochen, für sich selbst zu sorgen. Autismus-Spektrum bedeutet bei ihm, diese Dinge nicht so gut zu können wie vielleicht die meisten anderen 25-Jährigen.
Tael ist so eine Art Coach für ihn, er hilft Sebastian, fit in diesen Dingen zu werden. Denn Sebastian wird bald bei seinen Eltern ausziehen. Nach langer Suche hat Sebastian ganz in der Nähe seiner Eltern eine kleine Wohnung in Aussicht. Ein Zimmer, Küche, Bad. Kochen wird er also demnächst öfter. Als das Essen fertig ist, kommt Sebastians Mutter Antje in die Küche.
„Mensch, Sebastian!“, sagt sie. „Mein Sohn kann doch kochen!“
Sie begleite den bevorstehenden Umzug ihres Sohnes mit einem weinenden und einem lachenden Auge, erzählt sie nach dem Essen.
„Wir wissen, dass er irgendwann, vielleicht in ein paar Jahren, da sein wird, wo andere schon mit 18 sind. Aber diese Geduld müssen wir einfach aufbringen, weil wir durch diese ganzen auch depressiven Phasen mit ihm gegangen sind. Und wenn wir eins wollen, dann ist es eigentlich nur einen glücklichen jungen Mann, der seine Berufung gefunden hat, der in seinem Leben klarkommt und der nicht mehr so leidet. Aber ich glaube, es wird Zeit, dass er sich verselbständigt und dass wir auch als Paar, mein Mann und ich, auch wieder ein bisschen mehr Raum bekommen.“

Sebastian will DJ werden

Eine Berufung gefunden hat Sebastian schon. Zum Erstaunen seiner Mutter will er als DJ sein Geld verdienen. „Früher war er so geräuschempfindlich, dass er, ich glaube bis er 12 oder 13 war, nur mit Händen an den Ohren an der Straße entlang gegangen ist.“
Bevor Corona kam, war er gerade dabei, als DJ durchzustarten.
„Unglaublich! Ich habe ihn auch mal gefragt, wie er das aushält. Und dann hat er gesagt: ‚Weißt du was, Mama? Ich bestimme ja den Takt und die Musik und was die da unten machen, und so lange ich das in der Hand habe, geht’s mir gut und dann kann ich das aushalten.’ Wir sind mal vor anderthalb Jahren mit auf ein Festival gefahren, das war die Nature One. Das ist unglaublich, wie er da diese Menschen fasziniert und bewegt hat und animiert hat und wie sie ihm gefolgt sind und wie toll sie ihn fanden. Das war uns vorher auch nicht so klar.“

Schwierige Jobsuche

Bei Charlotte und Patrick ist es schon so weit. Gerade sind sie in ihre erste gemeinsame Wohnung gezogen. In der Nähe von Frankfurt bewohnen sie jetzt eine Zweizimmerwohnung in einem ehemaligen Bauernhof. Der Blick aus der Küche, in der sie gemeinsam das Abendessen vorbereiten, fällt auf einen Kopfsteinpflasterhof, in dem eine ausladende Linde steht.
Patrick war den ganzen Tag arbeiten. Charlotte sucht noch einen Job. Sie ist Kauffrau für Büromanagement und wünscht sich sehr, wieder eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Ihre letzte Anstellung als Datenerfasserin hat sie wegen Corona nach nur wenigen Monaten wieder verloren.
Die Jobsuche ist schwierig. Viele Arbeitgeber sind skeptisch, eine Autistin einzustellen. Und Charlotte kann nicht jeden Job machen: In Großraumbüros droht Reizüberflutung, es müsste ein festes Team sein, in dem sie arbeitet, weil es ihr schwerfällt, sich ständig auf neue Menschen einzustellen.
„Dieses Nichtstun ist ein bisschen doof. Ich will halt wieder auch was machen, wo ich am Ende sehen kann, was ich für die jeweilige Firma oder für die jeweilige Tätigkeit geleistet habe und da so ein bisschen auch stolz drauf sein kann, dass ich jetzt nicht meine Schulabschlüsse oder meine Ausbildungsabschlüsse sozusagen umsonst gemacht habe, weil nichts dabei rauskommt.“

"Die sind hier im Urlaub"

Die "Intention" hat Schräglage. Die Wellen heben weiße Gischt rauf und runter. Immer wieder peitschen Windböen in die Segel. An Deck kämpft man gegen die Seekrankheit. Heute muss die Crew trotz beachtlichem Wind eine breite Meerpassage kreuzen. Sebastians Haare zausen die Böen. Er genießt als einer der wenigen die rasante Fahrt sichtlich. Charlotte sitzt als einzige unter Deck, obwohl das Auf und Ab dort besonders schlimm ist. Von Wind und Wetter zeigt sie sich völlig unbeeindruckt. Nach mehreren Stunden ist die Küste erreicht. Es ist ruhiger und Skipper Rollo hat Zeit, zu sprechen.
„Was man nicht gut kann, ist eine lange Strecke unter schlechten Bedingungen fahren. Also ich würde bei einem Ausbildungstörn auch bei acht Windstärken rausgehen und die Leute dann einfach fordern, aber das kann man eben hier nicht machen. Das würde auch zu einer totalen Überforderung führen. Von daher muss man schon so ein bisschen die Routen anpassen. Und es kommt ja noch eins hinzu: Es geht hier primär nicht darum, dass wir eine lange Strecke segeln, sondern die sind hier im Urlaub, die sollen sich wohl fühlen, das ist mir viel wichtiger als alles andere.“
Ein junger Mann mit Baseballkappe beugt sich mit einem Bleistift in der Hand über einen Zeichenblock.
Daniel genießt es, sich manchmal aus der Gruppe zurückzuziehen und beim Zeichnen "aufzutanken".© Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki
Am Abend, als das Schiff wieder sicher vor Anker liegt, gehen alle ihren Beschäftigungen nach. Charlotte chattet mit Patrick zu Hause, Sebastian schaut mit Daniel und Robert in der Sitzecke unten im Schiff einen Film. Sören beschäftigt sich an Deck mit einer App, auf der eine Weltkugel den Echtstand von Sonne und Mond an jedem Tag des Jahres simuliert. Er redet leise mit sich. Das Programm ist wie für ihn gemacht. Er liebt es, zu reisen, auch virtuell, und sich mit Daten und Zahlen zu beschäftigen.
„Das ist ja eine Erde. Und jetzt stellen wir das richtige Datum ein: wir haben Sommer. Also müsste die so stehen, oben ist dunkel, so hoch und runter. Dann ist es im Norden hell.“ Mit dem Finger fährt er die Tag-und-Nachtgrenze auf seiner virtuellen Weltkugel nach. Dann zeigt er ins dunkle Wasser an Backbord. „Der Mond, der wäre hier!“

Von sehr präsent bis still und verschlossen

Das bunte Spektrum von Autismus zeigt sich auch bei den Crewmitgliedern. Während Charlotte, Sebastian und Sören - alle auf ihre Art - sehr präsent sind, haben sich Robert und Daniel bisher zurückgehalten, sind still und wirken teils verschlossen. An diesem Abend aber kommt Daniel auf mich zu. Er will etwas loswerden. Anders als die letzten Tage trägt der 34-Jährige heute sein Herz auf der Zunge.
„Es tut einem auch schon weh, wenn der letzte Tag immer näher rückt. Man kriegt dann schon immer Heulattacken. Ist schon so wie eine Familie. Das sind halt immer wieder sehr emotionale Zeiten. Aber auch Abenteuer. Ich bin auch durch diese ganzen Erfahrungen durch Rollo und Corinna sehr dankbar, dass man wieder so zurück ins Leben gefunden hat, auch diese Selbständigkeit und so. Ohne die wäre man heute nicht der, der man ist.“

Ich habe, glaube ich, Angst vor mir selber. Das ist so die größte Angst, die ich habe. Dass ich allein bin, in Dunkelheit, vom Weg abkomme, dass ich verliere. Irgendwie nicht Teil der Gesellschaft.
(Daniel, 34)

Der fast zwei Meter große Mann trägt sein "FC Bayern München"-Käppi mit dem Schirm im Nacken. Er genießt es, dass hier an Bord Verständnis füreinander herrscht, dass sich keiner wundert, dass eine verschwundene Socke ein Riesenproblem sein kann. Auch Daniel hat in seinem Leben immer wieder Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht:
„Man war so in sich gekehrt. Man hat sich sehr oft im Stich gelassen gefühlt. Man hatte halt nur sich selber, seine Eltern, vielleicht einen Betreuer und war meistens mehr für sich. Ich habe, glaube ich, Angst vor mir selber. Das ist so die größte Angst, die ich habe. Dass ich allein bin, in Dunkelheit, vom Weg abkomme, dass ich verliere. Irgendwie nicht Teil der Gesellschaft.“
Er wünscht sich sehr, dass die Gesellschaft mehr über Autismus weiß, dass sie Autismus als eine Variante von „normal“ betrachtet und alle wissen, dass viele Menschen mit Autismus dazu gehören wollen, es manchmal aber allein einfach nicht so richtig schaffen.

An Bord hängt der Haussegen schief

Am nächsten Morgen ist Sören wie immer als erster im Wasser. Schon über eine Stunde lang taucht er unter dem Rumpf durch und filmt mit seinem wasserdicht verpackten Handy alles, was ihm vor die Linse kommt: Quallen, Algen, den Kiel. An Bord hängt der Haussegen schief. Charlotte findet das Bad zu schmutzig, will es aber nicht saubermachen. Sie meint, jemand anderes sei dran. Für sie ist das eine Frage der Gerechtigkeit - und die ist ihr wichtig.
„Es ist nix, wo jetzt ein riesiger Streit entstanden wäre und auch nix, wo man am nächsten Tag sagt: Ich kann die Person nicht leiden, weil die war so doof zu mir. So schlimm ist es meistens nicht. Und man freut sich dann nächstes Jahr trotzdem, sich wieder zu sehen. So schlimm ist es meistens nicht. Das ist, glaube ich, ganz das Normale, was man mit Eltern, Verwandten oder Partnerschaft auch hätte, wenn man länger auf so einem kleinen Raum ist.“
Pflichtprogramm am letzten Törntag: klar Schiff machen. Robert und Daniel schrubben das Teakdeck, Sören putzt schwimmend - bewaffnet mit Schwamm und Schwimmbrille -  die Intention von außen, Sebastian reinigt am Heck Bänke und Klapptisch. Überall Rinnsale einer dunklen Brühe. Rollo schüttet große Eimer Seewasser aus - nicht nur über das Schiff, auch Sebastian wird nass. 

Die Crew ist zusammengewachsen

Am letzten Abend dreht sich das Gespräch nach dem Essen um ihre Zukunft. Sie alle beschäftigen gerade ähnliche Themen: Auszug von zu Hause, selbständiger leben, mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen. Daniel bringt es auf den Punkt:
„Da muss man auch schon zusehen, dass man sich auch irgendwann abnabelt. So wie beim Segeln quasi, ne? Irgendwann musst du auch lernen, das Steuer anzupacken und das Ruder auch zu reißen und das Boot selber zu steuern.“
Dann zaubert die Abendsonne ein üppiges Farbspiel aus Rot- und Lilatönen in die Bucht. Irgendjemand macht Musik an. Die dringt durch die Lautsprecher an Deck zur Crew, die auf dem vorderen Teil des Schiffes die Lichtspiele bewundert. Die Stimmung ist gelöst. Sören tanzt gekonnt mit Corinna.  
Ich kann sehen, wie die Crew während der Woche zusammengewachsen ist. Wie jeder und jede von ihnen wieder ein bisschen selbstbewusster geworden ist. Und sie bestätigen mir: Dieser Törn hat sie darin bestärkt, Kurs aufs eigene Leben zu halten.
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