Kurier des polnischen Widerstands

US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Jahr 1937. © AP Archiv
31.03.2011
Im Juli 1943 hat US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Kurier des polnischen Widerstands, Jan Karski, empfangen. Die Begegnung hat tatsächlich stattgefunden, aber Roosevelts Verhalten in "Das Schweigen des Jan Karski" entspringt der Fantasie des französischen Schriftstellers Yannick Haenel.
Am 28. Juli 1943 empfängt Franklin D. Roosevelt den Kurier der polnischen Exilregierung Jan Karski im Weißen Haus. Karski hat sich auf geheimen Wegen in das Warschauer Ghetto und das Konzentrationslager Izbica Lubelska einschleusen lassen, um sich ein genaues Bild von der Lage der Juden im von den Deutschen besetzten Polen zu verschaffen.

Dem Präsidenten der Vereinigten Staaten überbringt er Nachrichten aus erster Hand über das wahre Ausmaß des Völkermords. Roosevelt hat nach dem Abendessen seine Weste aufgeknöpft, versinkt in seinem Sessel, schaut auf die Beine der jungen Stenotypistin und kann nur schwerlich ein gelangweiltes Gähnen unterdrücken.

Karskis Begegnung mit Roosevelt hat tatsächlich stattgefunden. Roosevelts Verhalten aber entspringt der Phantasie des französischen Schriftstellers Yannick Haenel, dessen Roman "Das Schweigen des Jan Karski" bei Rowohlt auf Deutsch erschienen ist. Das 2009 veröffentlichte Original eroberte die französischen Bestsellerlisten, erhielt einige Literaturpreise und wurde zugleich heftig attackiert. Vor allem kritisierte man Haenels Vermengung von historisch verbürgten Tatsachen, eigener Meinung und Fiktion.

Im ersten der drei Romanteile beschreibt der Autor, wie sich Jan Karski 1978 an seinen Versuch erinnert, die westlichen Alliierten über den Holocaust zu informieren. Auslöser dieses schmerzlichen Prozesses ist ein achtstündiges Interview, das Claude Lanzmann mit ihm für den Mammutdokumentarfilm "Shoah" führt. Der Karski-Bewunderer Haenel prangert an, dass Lanzmann im Film nur einen Bruchteil des Interviews zeigt und alle Versuche Karskis, Hilfe für die Juden zu organisieren, unter den Schneidetisch hat fallen lassen.

Im zweiten Teil, dem mit Abstand umfangreichsten des 190 Seiten umfassenden Buchs, erzählt Haenel Jan Karskis "Mein Bericht an die Welt", 1944 in den USA erschienen und seit kurzem auch auf Deutsch vorliegend (Kunstmann Verlag 2011), mit eigenen Worten nach. Im dritten und letzten Teil leiht Haenel Karski seine literarische Stimme. Er konstruiert einen inneren Monolog des großen alten Mannes. Dieser literarische Held namens Karski glorifiziert Polen als Inbegriff edlen Außenseitertums in der Weltgeschichte.

Er geht mit der zynischen Machtpolitik von Roosevelt und Churchill beinah so scharf ins Gericht wie mit Hitlerdeutschland oder Sowjetrussland. Er seziert voller Zorn die Fadenscheinigkeit von Begriffen wie Menschheit oder Menschlichkeit und beschwört immer wieder den Untergang aller zivilisatorischen Werte im Holocaust.

Liest man das Buch als politische Streitschrift, muss man Haenel wohl dankbar sein, dass er an den über lange Zeit außerhalb Polens vergessenen Jan Karski erinnert. Problematisch ist die literarische Form: Je weiter sich Haenel von den historischen Quellen entfernt und seinen Helden so sprechen lässt, wie er ihn sich am liebsten vorstellt, desto stärker treten Pathos und Larmoyanz hervor. Das stört die Lektüre nachhaltig, und dem Zeit seines Lebens zurückhaltenden, bei allem Engagement vorsichtig formulierenden Untergrundkurier wird es kaum gerecht. "Das Schweigen des Jan Karski" gerät zu einer eher peinlichen Liebeserklärung.

Besprochen von Martin Sander

Yannick Haenel: Das Schweigen des Jan Karski
Roman
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Rowohlt Verlag, Hamburg 201
188 Seiten, 18,95 Euro