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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.06.2017

Kunstwerke des griechischen Nationalmuseums in Kassel "Die Kooperation mit der documenta ist enorm wichtig"

Katerina Koskina im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Documenta-Leiter Adam Szymczyk und Katerina Koskina, Leiterin des Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen, auf einer Pressekonferenz im Fridericianum in Kassel (Hessen). Die beiden stellten ein gemeinsames Projekt für die documenta 14 vor, das am 8. April in Athen und am 10. Juni in Kassel eröffnet wird. (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)
Documenta-Leiter Adam Szymczyk und Katerina Koskina, Leiterin des Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen, auf einer Pressekonferenz im Fridericianum in Kassel (Hessen). (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)

Während der documenta wird eine kuratierte Auswahl aus Griechenlands National Museum of Contemporary Art in Kassel im dortigen Fridericianum zu sehen sein - eine einzigartige Kooperation. Katerina Koskina, die Leiterin des Museums im Athen, verrät, nach welchen Kriterien sie Künstler und Kunstwerke aussuchte.

Deutschlandfunk Kultur: Ist das Fridericianum ein guter Platz für Ihre Sammlung?

Katarina Koskina: Ich glaube, das ist ein idealer Ort, um unsere Sammlung auszustellen. Wir befinden uns an einem sehr geschichtsträchtigen Ort. Es ist für uns eine große Chance, um Kooperationen einzugehen und die Sammlung des Museums einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Deutschlandfunk Kultur: Nach welchen Kriterien haben Sie denn aus ihrer Sammlung ausgewählt, was Sie hier nach Kassel bringen?

Katerina Koskina: Die Auswahl habe ich vor einem Jahr auf der Grundlage einer museumswissenschaftlichen Untersuchung getroffen. In deren Folge wurde dann das Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst in Athen eröffnet. Unsere Idee ist es, nicht nur einfach eine Ausstellung ins Fridericianum nach Kassel zu bringen, sondern die Geschichte des Fridericianum nutzbar zu machen - die Ausstellung an diese Geschichte anzupassen. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf griechischen Künstlern, was aber nicht bedeutet, dass wir keine wichtigen ausländischen Künstler in unserer Sammlung haben.

Verflechtungen von Geschichte, Kunst und Gegenwart

Deutschlandfunk Kultur: Da gibt es zwei Dinge, die man vom Ausland aus mit der griechischen Kunstszene verbindet, und zwar fragt man sich wie die Zeit der Militärdiktatur zum Beispiel aufgearbeitet worden ist und zum anderen die Arbeitsbedingungen von zeitgenössischen Künstlern seit der Krise und ihre Themen, das sind ja zwei Dinge, die das internationale Publikum stark interessieren. Wie zeigt sich das hier?

Katerina Koskina: Tatsächlich sind wir der Meinung, dass sich ein Museum, das nach so langer Zeit endlich öffnet, nicht außerhalb des aktuellen internationalen und nationalen Geschehens bewegen kann. Wir wollen Werke von den 1960er Jahren bis in die heutige Gegenwart zeigen, auch Arbeiten, die sich mit den politischen und gesellschaftlichen Zuständen auseinandersetzen, die Griechenland in den letzten Jahren brandmarken. Wir beginnen also in der Zeit der Diktatur, des Obristenregimes, und enden in der Gegenwart. Das Fridericianum war – wenn auch nur kurz – das erste deutsche Parlamentsgebäude. Das macht die Kooperation für uns besonders interessant.

Stacheldraht-Akroplois des südafrikanischen Künstlers Kendell Geers (Deutschlandradio / Britta Bürger)Stacheldraht-Akroplois des südafrikanischen Künstlers Kendell Geers (Deutschlandradio / Britta Bürger)

Es bietet einen absolut geeigneten Kontext für die Verflechtungen zwischen Geschichte, Kunst und Gegenwart. Die Kunstwerke sind Zeugen eines Zustands, denn was in Griechenland passierte und aufgrund der Diktatur gerade auch nicht passierte, ist hier ziemlich sichtbar. Dazu haben wir eine Reihe junger Künstler ausgewählt, die die gegenwärtige Situation in Griechenland – also die Finanzkrise und die Flüchtlingskrise – kommentieren. Wir präsentieren sie gemeinsam mit Werken älterer, hauptsächlich griechischer Künstler, denn wenn man diese Werke neu definiert, spricht man ihnen aufgrund der gegenwärtigen Situation und des Ortes an dem wir uns befinden, eine neue Rolle zu.

Deutschlandfunk Kultur: Gibt es das Beispiel eines Künstlers, der oder die besonders exemplarisch steht für die Aufarbeitung der Militär-Diktatur – gibt’s da ein Beispiel?

Katerina Koskina: Wenn ich exemplarisch etwas nennen müsste, dann wäre es die Installation des "Hopsespiels" von Vlassis Caniaris, das große Werk ganz am Anfang der Ausstellung. Caniaris arbeitete lange Zeit in Deutschland und hat sich intensiv mit Fragen der Migration auseinandergesetzt, insbesondere mit der Massenmigration der Griechen in den 60er und 70er Jahren nach Deutschland. Das bekannte Hopse-Spiel hat bei Caniaris keine Zahlen, über die Kinder hüpfen. Stattdessen schreibt er zentrale Botschaften auf den Boden, die Migranten mit ihrem Verlust oder ihrer Erwartung verbinden. Drumherum befinden sich Puppen mit Koffern in der Hand. Am Ende des Raumes gibt es ein weiteres Werk von Caniaris, das ebenfalls sehr wichtig ist. Es handelt sich dabei um eine Flagge, die aus der deutschen und der griechischen gemacht worden ist.

Eine wichtige Rolle in Griechenland gespielt 

Deutschlandfunk Kultur: Das zeigt ja auch, dass viele Werke im Exil entstanden sind – damals wie heute noch. Ist griechische Kunst stark davon geprägt, dass sie nicht in der Heimat entsteht?

Katerina Koskina: Wir müssen zwischen zwei Κünstlergruppen unterscheiden. Die zeitgenössische Kunst Griechenlands ist in Europa nicht sonderlich bekannt. Sie ist den meisten unbekannt. Ende der 50er- und in den 60er Jahren haben einige namhafte Künstler Griechenland verlassen, darunter Iannis Kounellis, Vlassis Caniáris, Gaitis, Takis, Chryssa, etwas früher Lucas Samarás. Diese Künstler haben einen ganz eigenen Weg eingeschlagen, mit dem sie internationale Bekanntheit erlangt haben. Griechenland blieb dabei stets ein Bezugsrahmen - aber zwar nicht emotional. Vielmehr als Maßstab, als Verbindung zur eigenen DNA. Auf der anderen Seite gab es Künstler, die Griechenland nicht verlassen wollten oder nicht verlassen konnten. Aber auch sie haben während der Militärdiktatur und unmittelbar nach der Wiederherstellung der Demokratie eine wichtige Rolle im Land gespielt. Allerdings haben sie die Chance verpasst, sich auf der internationalen Bühne zu etablieren, obwohl sie - künstlerisch gesehen - alles mitgebracht haben. Genau das versuchen wir gegenwärtig zu korrigieren. Das sind wir diesen Künstlern schuldig.

Katerina Koskina auf einem der Kunstwerke, das sie in Kassel anlässlich der documenta zeigt: Zersplitterte EU-Flaggen (Deutschlandradio / Britta Bürger)Katerina Koskina auf einem der Kunstwerke, das sie in Kassel anlässlich der documenta zeigt: Zersplitterte EU-Flaggen (Deutschlandradio / Britta Bürger)

Deutschlandfunk Kultur: Wenn die documenta vorbei ist - nach den Erfahrungen mit dem EMST in Athen und dem EMST in Kassel: Sie gehen dann zurück und werden die alltägliche Wirklichkeit ihres Museums erleben – wie wird die documenta-Erfahrung Ihr Museum verändern?

Katerina Koskina: Ich denke, dass sich das Museum schon jetzt und insbesondere durch die letzten Monate in einer Umbruchphase befindet. Während des langen Wartens, bedingt durch die Umbauten und die Finanzkrise, war das Museum "in sich gekehrt". Nun ist die Zeit gekommen, wo wir die Öffentlichkeit suchen. Die Kooperation mit der documenta ist zweifellos enorm wichtig. Durch die Zusammenarbeit haben wir die Arbeit des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk und seiner Kuratoren besser kennengelernt. Ich glaube, dass wir ziemlich viel von Kassel und der documenta gelernt haben. Es kann auch riskant sein, wenn ein Museum im Rahmen dieser Weltkunstausstellung seine ersten Schritte wagt und dabei gleich im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht – zumal im Fridericianum. Doch Adam Szymczyk und sein Team nähern sich der zeitgenössischen Kunst, in dem sie die sozialen Aspekte der Kunst in den Vordergrund rücken. Das ist auch für das EMST von großer Bedeutung. Wir sind sehr froh über die Kooperation. Jetzt liegt es an den Menschen darüber zu urteilen, ob wir richtig oder falsch gehandelt haben.

 

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