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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.06.2018

Kunstunterricht in der Schule"Den Kindern beibringen, wie sie mit ihren eigenen Sinnen umgehen"

Martin Klinkner im Gespräch mit Ute Welty

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Kinder einer Frankfurter Grundschulklasse nehmen im Museum Städel in Frankfurt am Main (Hessen) an einer "Bildungswoche im Museum" teil. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Grundschulklasse im Frankfurter Städel: Sie sehen, wie die Kinder wirklich glühen (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Unterricht von vollausgebildeten Lehrern und nicht nur am Nachmittag, genug Werkstätten und genug Zeit – das fordert der Pädagoge Martin Klinkner für sein Fach Kunst. Kunstunterricht solle nicht länger als "Reparaturveranstaltung für Verschleiß herhalten".

Ute Welty: "Die Künste, die Politik und die allgemeine Bildung" – allgemeiner hätte man die Tagung wohl kaum überschreiben können, die heute an der Universität der Künste in Berlin zu Ende geht. Viel direkter wäre die Frage gewesen, ist das Kunstunterricht oder kann das weg?

Gefühlt fällt Kunstunterricht besonders häufig aus, und tatsächlich werden Lehrer in keinem Fach von Fachfremden häufiger vertreten als in Kunst. Das alles gefällt Martin Klinkner natürlich gar nicht als Bundesvorsitzender des BDK, das ist der Fachverband für Kunstpädagogik. Guten Morgen!

Martin Klinkner: Guten Morgen!

Welty: Sie sind ja nicht nur Bundesvorsitzender, sondern unterrichten auch selbst in Passau. Was sind Ihre Erfahrungen? Wie stiefmütterlich wird Kunstunterricht an deutschen Schulen tatsächlich behandelt?

Klinkner: Das kommt natürlich drauf an, auf welche Schulform Sie schauen und in welche Bundesländer. Also, es steht bei den einen schlechter als bei den anderen. Aber insgesamt haben Sie schon Recht, es müsste eigentlich viel, viel durchgängiger unterrichtet werden und eben auch von vollausgebildeten Kunstlehrern in allen Jahrgangsstufen, nicht nur ganz unten oder ganz oben und dazwischen kaum noch was.

Und wir fordern deswegen schon sehr lange, dass mindestens zwei Stunden pro Woche kontinuierlich Kunstunterricht stattfindet. Das macht nicht nur Spaß, sondern man kann davon eine Menge lernen.

Lernen, kritisch mit Bildern umzugehen

Die Situation ist insbesondere in Berlin zurzeit sehr, sehr schlecht. Wir haben da nur noch 18 Prozent fachlich ausgebildete Lehrkräfte im Primarbereich, der besonders wichtig ist für die Entfaltung der Persönlichkeit und so weiter.

Also, ich könnte jetzt sehr, sehr lange über dieses Problem sprechen, aber ich meine, das zeigt halt, dass man wahrscheinlich glaubt, dass die Prozesse und die Verstehensprozesse und auch die natürlich handläufigen Prozesse, die man im Kunstunterricht lernen kann, dass die nicht so wichtig sind. Wir sehen da eine Generation von Leuten, die noch auf dem Handy rumswitchen können, aber kaum noch einen Nagel in die Wand kriegen.

Welty: Dann lassen Sie mich die ketzerische Frage doch stellen: Wozu ist der Kunstunterricht denn gut?

Klinkner: Der Kunstunterricht ist zunächst einmal gut für sich selbst, also im Sinne von, was kann das Kind für sich selbst lernen über seine Fähigkeiten zum Beispiel, mit der Hand etwas zu tun, Materialbegegnung, also überhaupt mit Stoffen umzugehen. Das brauchen wir später im Leben nicht nur als Bauherr und als Ausstatter unserer Wohnungen, das brauchen wir in allen Begegnungen.

Er ist gut dafür, dass man auch vielleicht ein bisschen kritischer hinguckt, was mit den Bildern los ist, ob die nicht auch manipulieren und lügen können, dass man vielleicht auch wertschätzt, dass es den Kölner Dom gibt, zum Beispiel, dass man überhaupt weiß, dass er noch da steht und nicht nur zum Fußballgucken geht.

Welty: Und was ein Dom ist.

Klinkner: Was ein Dom ist zum Beispiel. Also wir sehen ja auch einen Verfall der Allgemeinbildung in diesen Bereichen, und wir sind keineswegs das Fach, das jetzt keine Kunstgeschichte vermitteln würde wollen, aber wir haben eben so wenig Stunden, um das alles eben umzusetzen.

Aber vielleicht noch das eine: Also wenn Sie mal eine fünfte Klasse gehabt haben und haben mit denen zum Beispiel sich steinzeitliche Höhlen angeschaut und haben selbst Pigmente angerührt und haben mit den Kindern eben dann natürlich aus ihrer Zeit heraus Symbole entworfen, die für sie wichtig sind und eben diesen Zeitstrahl geöffnet, wir schauen mal, wir sind jetzt sozusagen die Vergangenheit in der Zukunft und arbeiten, und Sie sehen, wie die Kinder wirklich glühen und wie die wirklich Lust haben darauf, auf diese Weise sich selbst zu erfinden und neue Bilder aus sich herauszuschöpfen. Und das kann ihnen halt kein noch so gut gemachter Marvel-Comicfilm im Kino bringen.

Welty: Herr Klinkner, man spürt Ihre Begeisterung, wirklich!

Klinkner: Ich bin halt Lehrer!

Kunst als Spaßfaktor in der Schule

Welty: Aber Sie müssen doch vielleicht einräumen, dass der Gebrauchswert von Kunstunterricht, rein praktisch gesehen, nicht ganz so hoch ist wie der von Englisch und Mathematik.

Klinkner: Jetzt sprechen Sie mit einem Englischlehrer, –

Welty: Ach so.

Klinkner: – der ich auch bin … Ich sage es mal so: Wie viel jemand durch vier Stunden Englischunterricht in der Woche wirklich fürs Leben an Englisch lernt, das ist nur mal so dahingestellt, und wie wichtig oder wie viel man vom Mathematikunterricht außer dem Dreisatz ins Leben mitnimmt, ist das andere.

Also, ich glaube, wenn man mal da ganz ehrlich ist und guckt, wie zum Beispiel die MINT-Fächer oder eben auch andere Grundlagenfächer in der Schule wöchentlich eingeprügelt werden und versucht wird, da möglichst viel, fast schon hysterisch, an Stoff anzubringen und nachher dann halt sieht, wie die Leute reden im Urlaub oder wofür sie dann die Dinge wirklich im Baumarkt brauchen. Weiß ich nicht so recht, ob das so die allerletzte Beweiskette ist für die Relevanz eines Faches.

Ich meine, dass Kunst ganz, ganz wichtig ist, weil es eben auch ein Selbstbehalt für die Jugendlichen und Kinder hat. Also stellen Sie sich mal vor, es heißt Anwendungsbezug und Nützlichkeit.

Wir sind nützlich, weil wir eben sozusagen den Kindern beibringen, wie sie mit ihren eigenen Sinnen umgehen. Wir sind nützlich, weil wir den Kindern überhaupt die Motivation erhalten in der Schule, weil es Spaß macht, um überhaupt diesen wahnsinnigen, ich sage jetzt mal, Alltag im G8-Gymnasium zum Beispiel durchzustehen.

Wenn es uns nicht gäbe, wäre die Motivation wirklich schnell im Keller und nicht erst in der fünften Stunde, und das merken wir wirklich jeden Tag. Das ist natürlich ein bisschen ärgerlich für uns, dass wir als Reparaturveranstaltung hier für Verschleiß und auf Kinder-Burnout-programmierte Schule herhalten sollen. Aber es ist zumindest mal so, dass wir in der Hinsicht auch noch nützliche Idioten sind. Entschuldigen Sie die Wortwahl.

Welty: Na ja, Sie sprechen ja so von sich, von sich selber. Sie haben auch angesprochen, die Stoffsammlungen, die Lehrpläne, die gibt es natürlich auch für den Kunstunterricht. Wie weit sind die vom Ideal entfernt?

Klinkner: Vom welchen Ideal, frage ich dann zurück.

Welty: Von Ihrem Ideal.

Nivellierungsansatz "war sicherlich ein Fehler"

Klinkner: Ja, Gott, wir hatten halt eine Entwicklung, das ist geschuldet diesen, sagen wir mal: turbokapitalistischen, ökonomistischen Jahren nach 2000. Wir haben 15 Jahre eigentlich eine Richtung verfolgt in allen Fächern, als Bildungsaufrag formuliert in den Lehrplänen, die Richtung Kompetenzorientierung, und dieser Begriff der Kompetenzorientierung wurde halt etwas eng ausgelegt.

Und dabei wäre nix dagegen zu sagen, man sagt, das, was man halt eben vorabringen kann und dann wegen mir auch messen kann, soll man halt tun, aber es kann nicht alles sozusagen unter den Vorbehalt einer Messbarkeit gestellt werden.

Wir haben angeblich ja überall die Lehrpläne entschlackt, leider ein bisschen viel, auch zum Beispiel an kulturellen und an geschichtlichen Dimensionen rausgeschmissen. Es ist halt doch ein Unterschied, ob ich einen Shakespeare-Text lesen kann oder auch eine Aufführung verfolgen kann oder eine Gebrauchsanweisung lesen kann und dazu was im Abitur machen.

Dieser, ich sage jetzt mal: leichte Nivellierungsansatz bei der Kompetenzorientierung, der war sicherlich ein Fehler, haben aber auch mittlerweile alle erkannt, nur schämen sie sich jetzt eben. Man stiehlt sich so ein bisschen davon.

Welty: Aber es passiert nix.

Klinkner: Es sitzt halt immer noch eine ganz bestimmte Generation in den Behörden, in den Planungsstäben, auch politisch natürlich sind die insofern geeicht, dass die da noch nicht so zurückgehen können. Es gibt ja diesen berühmten Spruch der Concorde-Falle: Einmal so ein Ding konstruiert, muss es fliegen, und egal, was dabei rauskommt, auch wenn es nachher eben zu Schande geht. Also, da wieder sich aus der Nummer rauszustehlen, ist bestimmt nicht leicht. Nur: Eine Rückkehr zu irgendwelchen Zeiten davor ist auch natürlich fraglich.

Ich finde, man sollte jetzt das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, aber wir haben weniger ein Problem damit gehabt, jetzt einen kompetenzorientierten Ansatz in unserem Fach durchzuführen. Ich würde sogar behaupten, das fällt uns ganz leicht, weil wir ständig den Anwendungsbezug suchen, aber wir haben festgestellt, dass jenseits der Kompetenzorientierung eben auch sehr viel verloren gegangen ist, und vor allem Zeit und Muße.

Das brauchen nicht nur Kinder, das brauchen wir alle, sonst würden ja nicht so viele Männer und Frauen fortgeschrittenen Alters plötzlich mit Buntstiften irgendwelche Sachen ausmalen.

Kunstunterricht nicht nur am Nachmittag

Welty: Mit einem Wort: Was wünschen Sie sich für den Kunstunterricht von morgen beziehungsweise von Montag?

Klinkner: Sehr gut! Ich würde mir wünschen, dass der Kunstunterricht von vollausgebildeten Lehrern erteilt wird, dass es genug Werkstätten gibt, dass es genug Zeit gibt, dass der Unterricht eben nicht nur am Nachmittag stattfindet, um angeblich eben ganztagsrhythmisiert den Kindern ein Ausgleiten aus dem Alltag zu verschaffen.

Das ist sicherlich der falsche Ansatz. Er müsste genauso eben auch an den Vormittagen stattfinden. Es bräuchte meiner Meinung nach eher projekt- und werkstattähnliche Zeiträume, anstatt diesen 45-Minuten-Takt, aber es sind oft wirklich nur diese 45 Minuten, und Sie räumen ein und aus, dann waren es 35.

Welty: Interessante Auslegung von "mit einem Wort"!

Klinkner: Bitte?

Welty: Interessante Auslegung von "mit einem Wort"!

Klinkner: Mit einem Wort: mehr Muße, mehr Zeit und mehr auch mal Gewährenlassen.

Welty: Martin Klinkner vom Fachverband für Kunstpädagogik, und er bricht natürlich eine Lanze für den Kunstunterricht, über den beraten wird auf der Tagung in der Berliner Universität der Künste. Herr Klinkner, herzlichen Dank!

Klinkner: Danke schön, gern geschehen! Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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