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Nachspiel | Beitrag vom 17.01.2021

Kunstschneepiste wird 20 Jahre altAbfahrt unterm Hallendach

Von Eduard Hoffmann

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Eine Skispringerin fährt auf einer Piste, die sich in einer Halle befindet. Im Hintergrund sind weitere Skifahrerinnen zu sehen. Auf den Wänden sind Berge gemalt. (Picture Alliance / dpa / picture alliance / Sven Simon / Malte Ossowski)
Schneesicher auch im August: Im Sommer 2014 trainierten die Skispring-Nationalteam der Frauen in der Kunstschneehalle in Neuss. (Picture Alliance / dpa / picture alliance / Sven Simon / Malte Ossowski)

In Neuss steht die älteste Kunstschneepiste des Landes. Mittlerweile gibt es insgesamt fünf solcher Indoor-Skianlagen, in denen sich Snowboarder und Skifahrer fit für den nächsten Urlaub halten. Was viele Menschen freut, belastet jedoch die Umwelt.

"Wir möchten Euch bitten, den Sicherheitsbügel über Kopf zu schließen und bis zur Ankunft an der Bergstation geschlossen zu halten. Danke."

Bergstation, das ist der 110 Meter hohe "Gipfel" in der Skihalle Neuss. Hier endet der Vierer-Sessellift, der am rechten Rand Skiläufer und Snowboarder nach oben befördert. Die Abfahrt ist 300 Meter lang und bis zu 100 Meter breit. Im oberen Teil beträgt das Gefälle 28 Prozent, für Ungeübte durchaus eine Herausforderung. Von der Hauptpiste abgetrennt, können Anfänger auf einem sanften Hang das Skifahren und Snowboarden erlernen.

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Die fensterlosen Betonwände in der Halle wirken ziemlich trist. Auch wenn darauf Riesenposter mit verschneiten Bergpanoramen aus der österreichischen Partnerregion, dem Salzburger Land, kleben. Der Schnee ist schön pulvrig. Jede Nacht beschneien zwölf Schneekanonen die Piste. Aus reinem Trinkwasser entsteht so an 365 Tagen im Jahr neues fluffiges Weiß. Die Sicht ist gut. Ausgeleuchtet mit energiesparenden LED-Systemen wirkt die Halle angenehm hell.

Verleih von Skiausrüstung

Die Temperatur auf dem "Neusser Gletscher", wie der künstliche Indoor-Schneehügel augenzwinkernd genannt wird, bleibt konstant bei minus drei Grad. Sonne und Wind, frische Luft und Natur sind ausgesperrt. Die Skihalle bietet den Besuchern eine nahezu laborähnliche Komfortzone. Ein großer Verleihservice hält unzählige Skier, Snowboards und Schuhe bereit sowie zusätzlich Jacken, Hosen und Helme.

Zu Beginn der Herbstferien im vergangenen Jahr tummeln sich in der gut besuchten Skihalle Familien, Schüler und Paare:

"Ein ganz guter Ersatz, wenn man nicht in die Alpen kommt. Wir kommen immer ganz gern her, das ist für uns auch eine der schöneren Skihallen", sagt einer.

"Ich bin mit der Familie da, mit meinem Bruder, meinem Neffen und seiner Frau. Das zweite Mal, weil ich erst seit drei Wochen snowboarde. Für einen Anfänger, da reicht das vollkommen aus. Immer wieder kurze Stücke, man kann immer wieder ausprobieren. Hier kann man mal eben so vorbeifahren, wir kommen jetzt aus der Region Bonn/Köln. Da ist man innerhalb von einer Stunde hier", meint ein anderer.

Es waren die schneearmen Winter der 1990er-Jahre, die an vielen Orten in Deutschland zu Überlegungen und Plänen für überdachte Skipisten führten. In den Mittelgebirgen Harz, Schwarzwald und Hunsrück, aber auch in Ballungsgebieten und Städten wie Berlin, wo Investoren zum Beispiel in Adlershof und Mariendorf Schneehallen errichten wollten.

Insgesamt fünf alpine Indoor-Pisten sind bis heute gebaut worden. Zwei an Rhein und Ruhr in Nordrhein-Westfalen, eine kleine in Senftenberg in der Lausitz, eine im Mecklenburgischen Wittenburg und eine weitere in der Lüneburger Heide, im Städtedreieck Hannover, Bremen und Hamburg.

Die Alpen im rheinischen Flachland

Die Neusser Skihalle an der Autobahn 46 war die erste überdachte und allwettertaugliche Kunstschneepiste in Deutschland. Am 4. Januar 2001 wurde sie auf einer alten Müllhalde, nicht weit entfernt von der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf, eröffnet.

"Hier war ein Riesenverkehrschaos, viele Leute wollten natürlich einfach nur schauen, was haben die da gemacht, wie sieht das aus, was heißt das: Skihalle. Aber auch ganz viele kamen mit ihren Schlitten, mit ihren Skiern, mit Pudelmütze bewaffnet und haben einen Riesenspaß gehabt und das direkt angenommen", erinnern sich die Gründer.

Die beiden ski- und bergverrückten Unternehmer August Pollen und sein Freund und Kompagnon Johannes Janz erfüllten sich einen Traum: alpenländisches Schneevergnügen im rheinischen Flachland. Als Skilehrer und Bergführer hatten sich die beiden bereits ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre finanziert. Anschließend eröffneten sie mitten in Nordrhein-Westfalen ein kleines Reisebüro speziell für Winterurlauber, Skischule inklusive. Dann kam 1997 der Synchro-Skiweltcup in Mönchengladbach, erinnert sich Pollen:

"Da haben wir wirklich die ganze Fußgängerzone beschneit, ein Riesenevent. Wir sind völlig überlaufen worden, die Zeitungen schrieben, dass 250.000 Leute am Wochenende da waren. Das hat uns natürlich so fasziniert, dass der Schnee die Leute so fasziniert und elektrisiert, dass wir gesagt haben, wir müssen da was schaffen, was das ganze Jahr funktioniert. So kam die Idee mit der Skihalle. Es gibt so viele Skifahrer, gerade hier in Nordrhein-Westfalen, man muss sich vorstellen, über ein Fünftel der Skifahrer, die in Österreich Skiurlaub machen, die kommen aus Nordrhein-Westfalen. Für uns war das kein großes Risiko, das wir da eingingen."

Johannes Janz (re.) und August Pollen mit einem Zimmermann bei der Eröffnung ihres Hochseilgartens. (picture-alliance/ dpa | David Ebener)Lustige Gesellen: Johannes Janz (re.) und August Pollen mit einem Zimmermann bei der Eröffnung ihres Hochseilgartens. (picture-alliance/ dpa | David Ebener)

Für die Banken aber schon. Keine Erfahrungswerte, kein Businessplan und kein bisschen Eigenkapital – an einen Kredit war nicht zu denken. Doch die schneesportbesessenen Freunde fanden in ihrer Heimatstadt Mönchengladbach die Milliarden schwere Vibro-Beteiligungsgesellschaft, die das gut 40 Millionen Euro teure Projekt Skihalle ermöglichte. Fehlte nur noch der Schnee.

"Da haben wir uns mit einem Kältetechniker, der aus Belgien kommt, der in seinem Leben noch nie Ski gefahren ist, aber ein sensationeller Tüftler ist. Mit ihm haben wir uns über zig Monate immer hingesetzt. Der hat probiert, gemacht, was gebastelt, wieder was gebaut, bis wir dann eine Schneemaschine zusammen haben, die wir mittlerweile auch patentiert haben. Ein Gebrauchsmuster haben wir da drauf und schon einige Male weltweit verkauft. Das hat sich dann alles auch so ergeben, so quasi als Abfallprodukt, dass wir Entwickler von Schneemaschinen wurden."

Bewegungsmöglichkeit für Kinder

Insbesondere Tourismus- und Liftunternehmen aus den österreichischen Alpen investierten in die überdachten Pisten, um die Skihallenbesucher zu sich in die Berge zu locken. Bis zum heutigen Tag unterstützt die Salzburger Land Tourismus GmbH die Neusser Skihalle. Bei einem Besuch erklärte Geschäftsführer Leo Bauernberger:

"Wir haben diese Skihalle mitaufgebaut, wir waren für den kompletten Schneebereich hier zuständig und die Partnerschaft läuft sehr gut. Mittlerweile gibt es ein großes Hotel, einen Kongressbereich, einen großen Kindergarten, es wird ständig expandiert. Was uns besonders am Herzen liegt, ist einfach der Skinachwuchs. In dieser Skihalle lernen jedes Jahr bis zu 20.000 Kinder das Skifahren. Das ist für uns das Wichtigste, im größten Bundesland Deutschlands unseren wichtigsten Herkunftsmarkt so stark vertreten zu sein."

Umtriebiger Botschafter: Leo Bauernberger bei einem Mediengespräch in Hamburg. (picture alliance / Geisler-Fotopress | gbrci/Geisler-Fotopress)Umtriebiger Botschafter: Leo Bauernberger bei einem Mediengespräch in Hamburg. (picture alliance / Geisler-Fotopress | gbrci/Geisler-Fotopress)

Die Skischulen sind in allen Schneehallen das Kerngeschäft. In Neuss nehmen jährlich bis zu 50.000 Besucher an Kursen teil. Seit der Eröffnung arbeiten viele Schulen mit der Skihalle zusammen.

Eine durchaus bedeutende Aufgabe, meint Professor Ralf Roth von der Deutschen Sporthochschule Köln:

"Wir müssen und haben die Verpflichtung, den Kindern möglichst viele unterschiedliche Bewegungserlebnisse zu ermöglichen, damit sie auch ihren Sport und auch ihren Bewegungsbereich behalten. Skisport nordisch, aber auch alpin, hat einfach eine extrem hohe Gesundheitsbedeutung. Da haben Skihallen durchaus auch eine Funktion: Das Thema Bewegungserlebnis, das Gleichgewicht und Koordination schulen, das In-der-Gruppe-Erleben, all diese Dinge, das sind auch Bewegungsangebote, die wir dringend brauchen."

Der Leiter des Instituts für Outdoor-Sport und Umweltforschung weiß aus Untersuchungen:

"Geschwindigkeit und Körperlage auf Schnee zu erleben, in der schrägen Ebene wirklich diese Dinge auch in der Gruppe zu erleben, das ist bei über 60, 70 Prozent der Jugendlichen im Kopf, und insofern ist die Nachfrage zumindest im Jugendbereich für eintägige Dinge, zum Reinschnuppern und Ausprobieren, enorm groß."

Für einen nachhaltigen Lernort hält der Kölner Wissenschaftler die Skihallen jedoch nicht:

"Uns fehlt die wirkliche Natur, die Auseinandersetzung mit dem Wetter, der Bewegungsraum ist nicht so vielfältig wie draußen in diesem Bereich. Wir haben auch in der Gestaltung nicht so viele Möglichkeiten. Letztendlich sind Skihallen 100 Prozent Komfort."

Die Gestaltung der Skihallen ist überall ähnlich. Alle haben eine eigene Ski- und Snowboardschule. Hinzu kommen ein gut sortierter Verleihservice sowie Restaurants, Bistros und Bars, alles in alpenländischem Stil und Flair.

Kombination an Freizeitangeboten

Das ist im sogenannten Snow-Dome Bispingen in der Lüneburger Heide nicht anders. Für zünftige Feiern hat man dort sogar eine Almhütte aus dem Tiroler Ötztal originalgetreu wiederaufbauen lassen. Die Skihalle wurde im Herbst 2006 eröffnet, mit einer knapp 300 Meter langen und bis zu 100 Meter breiten Piste. Mehr als 60 Millionen Euro investierten die Söldener Bergbahnen um Jakob "Jack" Falkner, den "König des Ötztals", wie ihn "Die Zeit" einmal nannte. Die Halle sollte norddeutsche Schneetouristen in die Tiroler Berge locken.

Nach neun Jahren mit vielen Aufs und Abs, vorübergehenden Schließungen und wechselnden Geschäftsführern, zogen die Tiroler Investoren 2015 die Reißleine und stiegen aus. Die notwendigen, umfassenden Sanierungsarbeiten übernahm das Söldener Unternehmen noch, bevor "Jack" Falkner resigniert erklärte: "Wir haben in den sechseinhalb Betriebsjahren keinen Gewinn gemacht, bestenfalls eine rote Null".

Drei Investoren übernahmen die Indoor-Piste, zwei Unternehmensberatungsfirmen und Frank Blin, der mehrere große Hofbräu-Häuser in Hamburg und Berlin besaß. 2018 verkaufte Blin seine Gastrobetriebe, zahlte seine Mitstreiter in Bispingen aus – die Chemie stimmte nicht – und übernahm den Snow-Dome in Eigenregie. Seither ist der 54-Jährige alleiniger Chef des "Berg & Tal Abenteuer Resorts Bispingen", wie das Freizeitzentrum im kleinen Gewerbegebiet an der Autobahn 7 nun heißt.

"Skihalle alleine in der Gegend hier würde ich als nicht rentabel sehen", sagt Blin, "da muss man wirklich extrem aufpassen, wie man die Kosten in den Griff kriegt. Wir haben schon sehr viel gemacht von den Kosten her, vom Stromverbrauch, von allem her, aber irgendwie ist halt sechs Monate Sommerflaute."

Für Blin ist die Skihalle nur als Teil eines großen familienfreundlichen Erlebnisparks sinnvoll. Mit Outdoor-Spiel- und Bewegungsangeboten für Groß und Klein, mit Modelleisenbahn-Welten, Oldtimer-Museum sowie einem Viersternehotel zum Übernachten vor Ort.

"Wenn man sich mal anguckt, was wir für ein Potenzial hier in der Lüneburger Heide haben, wir haben hier 14 Freizeitparks, wir haben inzwischen siebeneinhalb Millionen Übernachtungen im nahen Umkreis. Dieser Snow-Dome alleine ist schlecht zu regeln, aber als ganzheitlicher Freizeitpark ist es eine sehr sinnvolle Sache."

Im Winter kommen täglich etwa 2.500 Besucher in den Snow-Dome, sagt Blin, im Sommer sind es gerade mal 200. Der bodenständige Hanseat bleibt aber optimistisch:

"Wir sind jetzt knapp bei bis zu 230.000 Besuchern, insgesamt haben wir hier 400.000 Besucher im Jahr. Durch das, was wir alles neu gemacht haben, erwarten wir für die nächsten Jahre mindestens eine Million Besucher."

Geschlossene Energiesysteme

Dazu sollen Skivereine und Spitzensportler mit beitragen, die im Sommer gerne die Laborbedingungen der Halle für Materialtests und Techniktraining nutzen. Die besessenen Snowboarder, die auch bei Außentemperaturen von 30 Grad auf der Piste Spaß haben und im gut ausgebauten "Fun Park" ihre Sprünge und Kunststückchen ausprobieren.

Den meist jungen Snowboardern in Norddeutschland bis hin nach Dänemark und Schweden gefällt das. Der 22-jährige Matz aus Schleswig-Holstein, der mit Freund und Schwester in den Snow-Dome gekommen ist, nimmt die anderthalb Stunden Anfahrt gern in Kauf:

"Weil das bei uns die kürzeste Strecke ist, um Snowboard fahren zu können, die einzige Möglichkeit in der Nähe. Dann haben wir gesagt, fahren wir jetzt hier hin, in der Woche ist hier wahrscheinlich nicht so viel los, und du kommst keinen Leuten in die Quere, in der Umkleide ist genug Platz, alles super geregelt hier."

"Wenn wir unseren Fun Park nicht hätten, würden viele diese Funsportart nicht mehr durchführen können", sagt Snow-Dome-Skilehrerin Regina. Anstatt draußen künstlich Schnee vorzuhalten, sei es doch sinnvoller, in die Hallen zu gehen, "wo wir die Energie dosieren können, weil durch das geschlossene System der Energieaufwand zum Glück nicht so hoch ist, dass man da sagen muss: Oh nee, das macht keinen Sinn."

Mit moderner Technik haben alle Skihallen in den vergangenen Jahren den enormen Energieverbrauch stark reduziert. Frank Blin rechnet vor:

"Wir sind bei wirklich 2,4 Millionen Kilowattstunden für die Skihalle. Das hört sich jetzt sehr viel an, aber wenn man das aber auf einen Gast runterrechnet, sind wir im Grunde genommen bei 15 Kilowattstunden pro Gast. In jedem normalen Hotel haben Sie weitaus höhere Energiekosten als das, was wir jetzt hier haben."

"Wenn man es auch mal mit anderen Freizeiteinrichtungen oder anderen Sportstätten vergleicht, nehmen wir nur mal ein beheiztes Hallenbad, was vielleicht auch nicht solar beheizt ist, sondern ganz konventionell, und man hat die Besucherzahl und schaut, wie viel an Material, Wasser und Energie es bedarf, um so ein Hallenbad zu betreiben, dann steht möglicherweise so eine Skihalle gar nicht schlecht da", sagt Holger Rohn. Das gelte natürlich nur bei entsprechend vielen Besuchern. Rohn ist Professor an der Technischen Hochschule Mittelhessen und Mitarbeiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Entscheidend für die CO2-Bilanz sind Anreise und Unterkunft. Da schneiden die Skihallen mit ihren Hotels und der schlechten Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr nicht allzu gut ab. Und dann werde hier eine saisonal begrenzte Freizeitaktivität künstlich verlängert.

"Vor diesem Hintergrund ist das, was in der Skihalle passiert, eine saisonale Tätigkeit auf ein ganzes Jahresevent auszudehnen, vom Grundsatz her erst mal sehr fraglich und unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nicht positiv zu bewerten."

Besucher sollen in die Alpen gelockt werden

Dirk Jansen, Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen Landesverbandes vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), mahnt, dass Skihallen nicht als Ersatz für den Winterurlaub in den Alpen oder in den deutschen Mittelgebirgen dienen, sondern als zusätzliches Angebot, das möglicherweise den ein oder anderen erst richtig auf den Geschmack bringt.

"Unsere Befürchtung war immer, und ich glaub, die ist auch berechtigt, dass, wenn ich die Sporttreibenden mit dem Ziel heranzüchte, sie in Massen in die freie Natur zu entlassen, dann hat das, über die ganze Wirkungskette betrachtet, natürlich nicht gerade einen umweltschonenden Impact."

So gesehen, erklärt Experte Rohn, könne bei Skihallen keineswegs von ökologisch unbedenklichen und zeitgemäßen Freizeiteinrichtungen die Rede sein:

"Dann haben wir natürlich einen kontraproduktiven Effekt. Wir haben zum einen das Anlockmittel Skihalle, was erst mal per se die Umweltauswirkungen hat. Und ich hab zusätzlich auch noch mal den Urlaub, der den Druck auf die Alpen, auf die Alpenregion, auf Beschneiung der Alpen et cetera erhöht, mit all den Umwelteffekten und Belastungen, die damit verbunden sind; nicht nur die Anreise, sondern auch in sensiblen Gebieten Massentourismus zu betreiben."

Der passionierte ehemalige Skifahrer Dirk Jansen vom BUND ist kein Freund der schillernden Skihallen-Kunstwelt. Er gibt allerdings zu bedenken:

"Auch die Open-Air-Skigebiete sind hoch technisiert, da sind Beschneiungsanlagen, da ist eine enorme Infrastruktur mit den ganzen Aufstiegshilfen, Liften, Gondeln et cetera, die ganze Wasserversorgung für die Beschneiungsanlagen. Das heißt, der Umweltimpact vor Ort im richtigen Skitourismus ist auch enorm. Dem gegenüber fällt wahrscheinlich so eine Skihalle kaum ins Gewicht."

Skispringerin Katharina Althaus auf der Piste in Neuss. (picture alliance / Sven Simon | Malte Ossowski/SVEN SIMON)Fast wie in echt: Skispringerin Katharina Althaus auf der Piste in Neuss. (picture alliance / Sven Simon | Malte Ossowski/SVEN SIMON)

Deutschlands erste Skihalle in Neuss kann als einzige eine finanziell relativ stabile Entwicklung verzeichnen. 2018 zog sich der langjährige Investor, die Vibro-Beteiligungsgesellschaft, zurück. Seither kooperieren Johannes Janz und August Pollen als alleinige Besitzer mit der niederländischen Snowworld, die in Holland fünf Schneehallen betreibt. Davon profitieren die Stammkunden, denen jetzt alle Pisten beider Unternehmen offenstehen – und natürlich die Firmen selbst.

"Wenn wir zum Beispiel für eine Skihalle die ganzen Testski kaufen oder ob wir die für sechs Skihallen kaufen, das sind einfach Mengeneffekte, die hast du sonst nicht. Das gleiche gilt mit Versicherungen oder andere Dinge, ich sag mal Bier- und Gastronomieeinkauf, einen Pistenbully und, und, und. Sonst kauft kein Mensch einen Pistenbully, da wären wir der einzige, wenn man aber sechs kauft, dann ist das einfach ein Effekt."

Events und Tagungen

Die Neusser Skihalle nennt sich heute Alpenpark Neuss. Auch am Niederrhein musste man früh erkennen, dass sich eine Indoor-Schneepiste alleine nicht rechnet. Ein großer Freizeitpark ist entstanden, mit Kletter- und Biergarten, Almgolfen und Fun-Fußball sowie mit einem Viersternehotel inklusive 13 moderner Tagungsräume.

"Mittlerweile ist das Businessangebot kaufmännisch unser wichtigstes", erklärt August Pollen und verweist auf die gerade für Firmenevents günstige Lage in unmittelbarer Nähe der Messestädte Düsseldorf und Köln.

"Wenn man sein neues Allradfahrzeug vorstellen möchte, kann man auch demonstrieren, dass das funktioniert oder die neuesten Winterreifen, das haben wir alles schon gehabt. Dass man einen Winterreifentest bei uns machen kann oder auch mal mit einem Allradfahrzeug die Piste rauffährt und sieht, wie sich das verhält, wirklich unter Extrembedingungen."

Kultige Wochenendpartys nach Pistenschluss locken in normalen Zeiten bis zu 2.500 Feierlustige in die Hochalm- oder Hasenstalldisco und lassen die Kassen kräftig klingeln. Auch der Schneeverkauf für einen Weihnachtsmarkt oder Kindergeburtstag bringt Einnahmen, insbesondere aber beim Biathlon auf Schalke oder bei Schneemangel während der Vierschanzen-Tournee.

Pollen zieht für Deutschlands erste Indoor-Schneepiste eine insgesamt positive Bilanz. Über die 20 Jahre habe sich eine attraktive Freizeiteinrichtung mit viele Stammkunden entwickelt:

"Corona müssen wir da bitte ein bisschen rausnehmen, aber ansonsten sind wir sehr happy mit der Entwicklung des Unternehmens. Vor allen Dingen, dass wir hier in Nordrhein-Westfalen und gerade hier im Rheinkreis Neuss von der Bevölkerung so sensationell angenommen werden. Wenn jemand aus Neuss Besuch von Verwandten und Bekannten aus ferneren Regionen bekommt, man fährt dann in die Skihalle und zeigt das."

Ungewisse Zeiten

Die Pandemie hat das bis März 2020 gut laufende Geschäft gründlich verhagelt. Etwa 50 Prozent Umsatzeinbußen hat der Alpenpark-Geschäftsführer errechnet. Dabei keimte zu Beginn der Hauptsaison mit den Herbstferien noch einmal Hoffnung auf.

"Ich habe durchaus das Gefühl, dass das bewusster wahrgenommen und auch angenommen wird. Mehr Umsatz machen wir jetzt nicht, weil zum Beispiel Partys und die Tagungen, die ganzen geselligen Dinge, wegfallen. Wenn man Rücklagen hat und wenn man Investitionen nicht macht oder aufschiebt, dann geht das eine gewisse Zeit. Aber das geht nicht auf Dauer."

Das war vor dem zweiten Lockdown im November, bevor alles geschlossen wurde. Wie bei vielen Sport- und Freizeiteinrichtungen geht es inzwischen ums nackte Überleben.

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