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Studio 9 | Beitrag vom 28.07.2016

KunstraubRom präsentiert geklaute Kunstwerke

Von Thomas Migge

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1998 wurdeVincent van Goghs "L’Arlesienne" (r.) zusammen mit drei weiteren Gemälden gestohlen - und nur dank der Kunstraub-Experten wiedergefunden. (B2800_epa_Ansa)
1998 wurde Vincent van Goghs "L’Arlesienne" (r.) zusammen mit drei weiteren Gemälden gestohlen - und nur dank der Kunstraub-Experten wiedergefunden. Das Gemälde zeigen sie nun in einer Ausstellung im Palazzo Barberini. (B2800_epa_Ansa)

Einmal im Jahr zeigt die Kunstdiebstahlpolizei in Rom in einer Ausstellung Werke, die mithilfe der Experten wieder an die Eigentümer zurückgegeben werden konnten. Sie reichen von antiken Urnen bis zu Bildern von Van Gogh. Besonders fällt auf, wie groß die gestohlenen Werke teilweise sind.

Der Kylix ist in seiner in die Breite gezogenen und schmalen Form ungemein elegant. Kylix, so nannten die alten Griechen kunstvoll bemalte Trinkschalen. Der jetzt im Palazzo Barberini ausgestellte Kylix wird dem attischen Vasenmaler Andokides zugeschrieben. Der lebte im frühen 6. Jahrhundert vor Christus. Die Trinkschale ist also ein besonders kostbares Stück.

Eines von vielen, die widerrechtlich gestohlen und illegal ins Ausland verkauft wurden: In München wurden die Beamten der italienischen Kunstdiebstahlpolizei fündig. Inzwischen wird in diesem Fall gegen 27 Personen ermittelt: vom Grabräuber in Mittelitalien, der den Kylix aus dem Erdreich holte, ohne die Altertümerbehörde zu informieren, über Zwischenhändler bis hin zum Galeristen in Deutschland.

Die Trinkschale ist in der Ausstellung nur eines von zahlreichen sehr kostbaren Kunstwerken aus rund 2000 Jahren Kultur- und Kunstgeschichte. Dazu Tullio del Sette, Generalkommandat der italienischen Carabinierieinheit gegen Kunstdiebstahl:

"210 Objekte zeigen wir hier in der Ausstellung. Wir haben sogar einen Van Gogh, eine Version seines Bildes 'Die Arlesienne'. Dann die hellenistischen Keramiken. Aus dem siebten bis zweiten Jahrhundert vor Christus. Diese Ausstellung zeichnet sich anderen gegenüber aus, die wir bisher organisiert haben. Zu jedem einzelnen Objekt gibt es eine Beschreibung, synthetisch, mit nur einigen Sätzen, die die Geschichte des Diebstahls und des Wiederauffindens zusammenfasst."

Nur dank der Kunstraub-Experten gefunden

Van Goghs "L’Arlesienne" etwa. Dieses Gemälde aus dem Jahr 1890 war in der römischen Nationalgalerie für moderne Kunst untergebracht. Bis 1998. In jenem Jahr wurde es gestohlen, und nur dank der Kunstraub-Experten wieder gefunden. Bei einem Kunsthändler, der es ins Ausland verkaufen wollte. Van Goghs Gemälde hängt heute wieder in der Nationalgalerie. Für die Ausstellung wurde es in den Palazzo Barberini entliehen.

Oder etwa das Ölbild "Bacchus mit einer Weinschale" des aus Bayern stammenden Barockmalers Johann Carl Loth, der 1698 in Venedig starb. Das Gemälde entdeckten die Ermittler im Fernsehen: Im Privatfernsehen, in einer der zahlreichen Sendungen, in der Kunst verkauft wird. Diese Verkaufssendungen sind ein italienisches Unikum. Es gibt etwa zehn davon. Ausgestrahlt werden sie über kleine lokale Privatsender. Immer wieder tauchen darin gestohlene Kunstwerke auf, weshalb die Carrabinieri sich diese Sendungen rund um die Uhr anschauen.

Eine erstaunlich gut erhaltene antike Skulptur zeigt den Gott Mithras. Glücklicherweise griffen die Kunst-Carabinieri rechtzeitig zu, bevor das Objekt nach Zürich gebracht werden konnte – einem der immer noch wichtigsten Umschlagplätze für in Italien gestohlene Kunst.

"Eine weltweit einzigartige Datenbank"

Italiens amtierender Kulturminister Dario Franceschini:

"Wir bekämpfen den Kunstdiebstahl mit der konzertierten Aktion von Polizei und der Sondereinheit der Carabinieri. Sie haben eine weltweit einzigartige Datenbank, mit Informationen zu allen gestohlen Kunstwerken. Und: sie haben die Bestandsverzeichnisse aller italienischen Museen und Sammlungen, privat wie öffentlich. Nur so kann man schnell fündig werden."

Was der Kulturminister verschweigt: es gibt immer noch hunderte italienischer Museen, die noch nicht ihre sämtlichen Bestände erfasst haben. Hinzu kommt, dass der Kunstdiebstahl in Italien ungebremst weitergeht. Immer noch werden vor allem in ländlichen Regionen und Kleinstädten Museen zum Ziel von Kunstdieben.

Immer noch werden Kirchen geplündert, vor allem in Neapel. Und immer noch graben so genannte "Tombaroli", Grabräuber, nach antiken Kunstwerken, und das nicht nur in etruskischen Gräbern in Mittel- und Süditalien. Vorsichtigen Schätzungen zufolge werden pro Jahr in Italien zwischen 5.000 und 10.000 Kunstwerke gestohlen. Das meiste davon geht über Zwischenhändler ins Ausland.

Fast soviel Geld wie beim Drogenhandel

Die Kunstdiebstahlpolizei in Rom ist bei ihrer Arbeit zwar sehr erfolgreich, doch auch sie kann nicht überall präsent sein. Das gibt selbst General Mariano Mossa von den Carabinieri zu:

"Unsere Arbeit wird uns nicht leicht gemacht, denn, wenn es um richtig wertvolle Kunstgegenstände geht, sind Fachleute am Werk, die genau wissen, wie man Ermittlungsbehörden an der Nase herumführen kann. Es geht ja um viel Geld. Der Handel mit gestohlener Kunst setzt fast soviel Geld um wie der Handel mit Drogen, also knapp zwei Milliarden Euro pro Jahr."

Schaut man sich die Kunstobjekte in der Ausstellung im Palazzo Barberini an, wundert man sich nicht über solche Zahlen. Die ausgestellten mehrere Quadratmeter großen Wandmalereien der Antike zum Beispiel: sie erreichen auf dem illegalen Kunstmarkt zweistellige Millionensummen. Man staunt immer wieder, dass auch so große Kunstwerke gestohlen werden können. Die antiken Fresken stammen aus Pompeji. Dort machen es zu wenige Wachleute und das Fehlen von Alarmanlagen Kunstdieben leicht, auch bei großen Exponaten zu Werke zu gehen.

Alle in der Ausstellung gezeigten Kunstwerke wurden nach ihrem Wiederauffinden umgehend an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben. Für die Kunstschau in Rom wurden sie - aus Dankbarkeit den Carabinieri gegenüber - freundlicherweise ausgeliehen.

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