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Kompressor | Beitrag vom 13.03.2019

Kunstprojekt "Eternal Employment"Ein Job ohne Pflichten

Carsten Probst im Gespräch mit Gesa Ufer

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Ein Mann liegt in einer Hängematte auf einem Hügel über einem Kiefernwald. Seine Hände hinter seinem Kopf. (EyeEm / Happyphotons)
Geld verdienen mit Nichtstun: Ein entsprechendes Jobangebot lockt in Schweden. (EyeEm / Happyphotons)

Eine unbefristete Arbeitsstelle, bei der der Arbeitnehmer selbst entscheidet, was überhaupt sein Job ist – etwa flanieren. Oder lesen. Oder schlafen. Zu schön, um wahr zu sein? Nein. Im schwedischen Göteborg kann man sich jetzt auf einen solchen Job bewerben.

Es gibt so viel Wichtigeres, Schöneres und Spannenderes, als die Aufgaben, die Sie bei Ihrer Arbeit erledigen müssen? Dann bewerben Sie sich doch einfach am U-Bahnhof Korsvägen in der schwedischen Stadt Göteborg.

Dort wird eine Stelle geschaffen, bei der der Angestellte selbst entscheidet, was er unter Arbeit versteht: durch die Stadt flanieren, eine neue Sprache lernen, schlafen, träumen, Serien gucken.

Der Mitarbeiter entscheidet, was zu tun ist

"Die Arbeitsposition beinhaltet keine Pflichten oder Verantwortlichkeiten", heißt es in der Stellenanzeige. "Der Mitarbeiter entscheidet selbst, was seine Arbeit ist." Und das bei voller Bezahlung und lebenslanger Jobgarantie, inklusive Urlaubsanspruch, Altersvorsorge und jährlicher Lohnerhöhung, die sich an Tarifverhandlungen orientiert.

Einen kleinen Haken gibt es dann doch in der Stellenausschreibung: Der Mitarbeiter muss bei Arbeitsbeginn an einer Stechuhr an der Station in Korsvägen einchecken und abends auschecken. Wo er seine Arbeitszeit dann verbringt, bleibt aber ihm überlassen.

Hinter dem ungewöhnlichen Jobangebot steckt das Kunstprojekt "Eternal Employment" ("Anstellung für die Ewigkeit") des schwedischen Künstlerduos Goldin+Senneby, die einen Ideenwettbewerb der schwedischen Behörde für Kunst im öffentlichen Raum und des schwedischen Verkehrsministeriums gewonnen haben.

"Bei großen öffentlichen Projekten ist es so, dass eine gewisse Summe in Kunst im öffentlichen Raum gesteckt wird", sagte unser Kunstkritiker Carsten Probst im Deutschlandfunk Kultur: "Statt eine ordinäre Plastik aufzustellen" gebe es jetzt eben eher eine Art "soziale Plastik".

Ein anderes Verständnis von Arbeit

Das Kunstprojekt versteht sich als eine Art Reminiszenz an möglicherweise bald vergangene Arbeitswelten. Mit der Stechuhr als "trauriges Symbol", so Probst.

Eine dauerhafte Arbeitsstelle, dauerhafte Beschäftigung überhaupt könnte bald zu einer "nostalgischen Erinnerung" werden, schreiben die Künstler in der Beschreibung ihres Projekts. Schließlich werden Automatisierung und Künstliche Intelligenz viele Jobs in der Zukunft vermutlich überflüssig machen.
 
Insofern projiziere das Kunstprojekt die "historische spezifische Arbeitsvertragsform" in die Zukunft und biete ein anderes Verständnis von der Arbeit eines Arbeitnehmers und Arbeit generell, betonte Probst. Auf diese Weise stelle es "die Vorstellung von Wachstum, Produktivität und Fortschritt infrage".
 
Sieben Jahre dauert es noch, bis die Arbeit fast ohne Verpflichtungen beginnt: Aber 2026, wenn die U-Bahn-Station Korvägen fertiggestellt ist, geht es los. Das monatliche Einstieggehalt beträgt 2046 Euro brutto.

(lkn)

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