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Fazit | Beitrag vom 15.07.2020

Kunsthalle MannheimStraßentänzer, Papierarbeiten und deutsche Auslegware

Von Rudolf Schmitz

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Johan Holten, Direktor der Kunsthalle Mannheim, steht in der Sonderausstellung "Umbruch" der Kunsthalle Mannheim vor Werken der Künstlerin Anita Ree. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)
Johan Holten will in Mannheim den Umbruch zu einer noch nicht festgeschriebenen Geschichte zeigen. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

Die erste Ausstellung des neuen Direktors der Kunsthalle Mannheim, Johan Holten, heißt "Umbruch". Die Ausstellungsarchitektur ist provisorisch gehalten, die Themenpalette breit gefächert. Man bekommt einen guten Eindruck, wohin die Kunsthalle in Zukunft will.

Sicherlich ist es das aufschlussreichste Werk dieser Ausstellung: ein Video von Clément Cogitore. Auf Einladung der elitären Pariser Oper inszenierte er ein barockes Singspiel und brachte dabei einen ganz neuen Typus von Tänzer auf die Bühne.

"Das sind Straßentänzer aus den Banlieues, aus dem Hip-Hop-Milieu, und diese Tänzer mit dem Krumping-Tanzstil haben mitten auf der Bühne der Pariser Oper zu einer Barock-Oper Musik inszeniert. Und dann entsteht eben ganz plötzlich etwas Magisches. Indem er anderen die Bühne überlässt, mischen sich zwei soziale Sphären, die schon existierten in der Stadt, aber eigentlich fast nie miteinander in Berührung kamen. Und daraus entstand dieser magische Moment des Neuen", sagt der neue Leiter der Kunsthalle Mannheim, Johan Holten.

Hip-Hoper aus den Banlieues tanzen in einem Video von Clément Cogitore. (VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy of the artist, Eva Hober Gallery (FR) and Reinhard Hauff Gallery (DE))Video-Still aus Clément Cogitores "Les Indes Galantes". (VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy of the artist, Eva Hober Gallery (FR) and Reinhard Hauff Gallery (DE))

Ein Clash of Cultures. Die Tänzer agieren in und mit ihren Körpern die Gewalt aus, die sie in den Pariser Vorstädten erleben. Und sie erfinden eine eigene Sprache, um sich zu behaupten. Vielleicht kein Zufall, dass Johan Holten ausgerechnet dieses Video gewählt hat. Der temperamentvolle, schlanke Mann möchte allerdings nicht auf seine Tänzervergangenheit festgelegt werden.

Dass er sich für Performance, für Körperkunst interessiert – selbstverständlich. Aber das heißt noch nicht, dass damit die Neuausrichtung der Kunsthalle beschrieben ist: "Ich sehe das nicht als einen besonderen Schwerpunkt von mir, es ist ein Ausdrucksmittel unter vielen und ich möchte diese Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksmittel noch stärker in unserer Sammlung, unserem Ausstellungsprogramm in der Zukunft verankern - und da ist Tanz eben eins von diesen Ausdrucksmitteln", so der 44-Jährige.

Die Geräuschkulisse von Mannheim wachrufen

Dass Johan Holten die von Migration bestimmte Stadtgesellschaft von Mannheim im Auge hat, wird im Laufe der Ausstellung zunehmend deutlich. Nevin Aladag, eine in Deutschland aufgewachsene Künstlerin mit türkischen Wurzeln, präsentiert einen "Mannheimer Resonanzraum". Instrumentenobjekte, eingefügt in die vier Raumecken, sollen, von Musikern gespielt, die Geräuschkulisse von Mannheim wachrufen. Glockenspiel zum Beispiel.

"Und besonders über den Teppichteil auf dem Boden bin ich sehr glücklich, eine sogenannte social fabric Arbeit von Nevin Aladag, in der sich orientalische mit normaler deutscher Auslegeware verknüpft. Bei dieser Arbeit ist es per Zufall dazu gekommen, dass es in Quadraten ausliegt. Was für die Quadratestadt Mannheim nicht unerheblich wichtig ist", begeistert sich Holten.

Orientalische Teppiche und deutsche Auslegeware in Quadraten im "Mannheimer Resonanzraum" von Nevin Aladag. (Rainer Diehl)Orientalische Teppiche und deutsche Auslegeware im "Mannheimer Resonanzraum" von Nevin Aladag. (Rainer Diehl)

Wegen der geometrischen Häuserblockbebauung der Innenstadt wird Mannheim auch "Quadratestadt" genannt. Mit einer berühmten Ausstellung nüchtern realistischer Malerei der 1920er Jahre wurde hier, in der Kunsthalle, der Begriff der "Neuen Sachlichkeit" geprägt. Auch auf diese große Tradition hat Johan Holten reagiert. Die Ausstellung zeigt drei Künstlerinnen, die in der männerdominierten Schau von 1925 nicht vorkamen: die Berlinerin Jeanne Mammen, die Hamburgerin Anita Rée, die Heidelbergerin Hanna Nagel.

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Das will der Kunsthallendirektor nicht als besserwisserische Kritik der damaligen Ausstellung verstanden wissen. Aber heute, so Johan Holten, fragen wir eben: Wer wurde ausgewählt, wer wurde vergessen?

In Hanna Nagels eindrucksvollen Papierarbeiten jedenfalls ist vor allem das Thema der Gleichberechtigung zentral. "Sie hat aus Wut über die ausbleibende Karriere nach dem Krieg, nachdem es ihr in den Zwanzigerjahren gut gegangen war, dann auch viele, viele Werke zerstört. So gibt es heute überhaupt nur zwei Leinwandarbeiten von ihr, der Rest sind Papierarbeiten, von denen wir einige in der Sammlung haben", berichtet der Kunsthallenleiter.

Spaß und Augenmaß in unfertigen Räumen

"Umbruch" ist eine Ausstellung, die Spaß macht, die Augenmaß verrät, die ein spannendes Zukunftsbild der Kunsthalle Mannheim entwirft. Die Ausstellungsarchitektur ist provisorisch: eine Art Baugerüst, das unfertige Räume schafft, auf der Rückseite seine Metallstreben zeigt. "Die Ausstellungsarchitektur ist vielleicht etwas ungewöhnlich. Ich wollte zeigen, dass alles ja ein Aufbruch, ein Umbruch zu einer noch nicht festgeschriebenen Geschichte ist", meint Johan Holten.

"Umbruch"
Kunsthalle Mannheim
17.7 - 18.10 2020

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