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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.08.2013

Kunstförderung statt Künstlerförderung?

Der Berliner "Preis der Nationalgalerie" ist mit einer Ausstellung dotiert

Von Jochen Stöckmann

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Im Museum Hamburger Bahnhof werden die Arbeiten der nominierten Künstler gezeigt. (Staatliche Museen zu Berlin - Maximilian Meisse)
Im Museum Hamburger Bahnhof werden die Arbeiten der nominierten Künstler gezeigt. (Staatliche Museen zu Berlin - Maximilian Meisse)

Beim "Preis der Nationalgalerie" soll es nicht mehr ums Geld gehen – der Gewinner wird mit einer Ausstellung geehrt. Davon profitiert nicht zuletzt auch das Museum: Es bekommt eine Ausstellung, ohne dass es seinen Etat belasten muss. Die Nominierten werden gerade in Berlin ausgestellt.

"Wir hätten auch sagen können, wir nehmen zu den 50.000 Euro sicherlich noch einmal leicht 150.000 Euro dazu, was eben ein mittleres Format an Ausstellung heute kostet. Wow, 200.000 Euro Geldpreis – die Medien wären voll des Lobes gewesen, sie hätten sofort eine Schlagzeile gebracht. Aber das ist nur Geld."

Kittelmann dagegen geht es um "Investment". Das bedeutet ganz konkret, dass seinem Haus mit der vom Verein der Freunde der Nationalgalerie anstelle eines Geldpreises finanzierten Künstlerpräsentation eine veritable Ausstellung zuwächst, ohne dass der Direktor seinen Etat belasten müsste. Aber solche Schlitzohrigkeit sieht man einem Museumsmanager nach, der so uneigennützig auf Schlagzeilen verzichtet – und stattdessen Schlagworte bemüht:

"Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde zunächst in den Kulturkreisen erdacht, bevor die Wirtschaft ihn auch sehr erfolgreich aufgenommen hat. Der Begriff der Nachhaltigkeit, der löste den Begriff der Innovation ab. Das sind interessante Parallelstrukturen, die glaube ich auch den Status quo des Verständnisses unserer Welt bezeichnen."

Der Sponsor BMW, nicht nur in seiner Werbung angewiesen auf technische Innovationen, dürfte da anderer Meinung sein. Und ob sich ein größeres Publikum ganz ohne künstlerische "Innovation" locken lässt, muss sich zeigen. Im öffentlichen Zuspruch aber liegt für Christina Weiss, Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, der entscheidende Grund für die Änderungen im Preisverfahren:

"Das Ziel ist die Öffnung des Weges in die Öffentlichkeit. Zunächst ins Museum, aber es geht natürlich auch um den Weg in die öffentliche Debatte."

Wann aber ist zuletzt über eine Kunstausstellung wirklich debattiert worden? Blockbuster ziehen die Massen an, lösen aber kaum Diskussionen aus. Den engeren Kreis der Galeriengänger oder die Leser von angesagten Magazinen wie "frieze" oder "Mousse" aber dürften die jetzt im Hamburger Bahnhof mit einer Sammelschau präsentierten vier Kandidaten der "short list" kaum noch interessieren. Entdeckungen sind für sie jedenfalls nicht zu machen – was Kurator Joachim Jäger die Vorstellung erleichterte:

"Ich werde nur ein paar Stichworte aufrufen zu den Künstlerinnen und Künstlern, die ja in der Kunstszene bereits weitgehend bekannt sind. Etwa Simon Denny, geboren in Neuseeland und seit vielen Jahren hier in Berlin lebend ist ein Künstler, der sich mit den Informationsstrukturen, den Kommunikationsstrukturen der medialen Gesellschaft beschäftigt hat."

Viel mehr als die Illustration von Stichworten birgt auch die aufwendige Installation von Simon Denny nicht. Von der Münchner Konferenz "Digital Life Design" 2012, besetzt mit allerlei Experten aus und für Digitalkultur, bringt der Künstler auf große Leinwände, was bereits damals jeder Durchschnittsblogger aktuell aneinandergereiht hätte: beliebig herausgepickte Informationshäppchen, Zitate zwischen Fotos, das Ganze nicht an die Wand gehängt, sondern rechtwinklig in den Raum ragend. Sehr sperrig, aber ohne jeden Stolperstein.

Zurück zum klassischen Medium der Malerei geht es dann bei Kerstin Bärtsch, einer Pendlerin zwischen New York und Berlin. Sie bezieht sich mit farbigen Glasobjekten auf Sigmar Polke, dekliniert vor allem mit großformatigen, wie flüchtige Notizen ausgeführten Papierarbeiten Positionen der Kunstgeschichte durch von Chagall bis Malewitsch.

Für eine kulturwissenschaftliche Studie ist Mariana Castillo Deball in ihre Heimat Mexiko zurückgekehrt und hat nach Berlin Kostüme und Masken mitgebracht, wie sie von den Ureinwohnern im Karneval getragen werden. An schwarzen Metallstangen befestigt stehen diese exotischen Gestalten jetzt auf einem begehbaren, den ganzen Raum ausfüllenden Holzschnitt, einer Darstellung von Tenochtitlan, jener Vorgängerstadt Mexiko Citys, die der Eroberer Cortés 1524 aus seiner Sicht kartieren ließ.

Und schließlich lässt die aus Zypern stammende Haris Epaminonda in einer Filminstallation archaische Figuren stumm durch karge Landschaften schreiten oder vor antiken Ruinen Aufstellung nehmen. Schwer zu sagen, ob es da um die Erkundung von Erinnerungsräumen geht oder nicht doch nur um die Inszenierung privater Mythen. Nach den kunsthistorisch bemühten oder das Modethema "Wissenschaft und Kunst" elegant streifenden Beiträgen wirft Epaminondas Filmarbeit immerhin die Frage auf, warum neben einem Kunst-Preis, der eigentlich für "hohes kreatives Potential" und "neuartige Ansätze" vorgesehen ist, zusätzlich ein Preis der Nationalgalerie für junge Filmkunst vergeben wird.

Christina Weiss: "Es gibt einfach unglaublich viele Berührungspunkte. Die einen sind bildende Künstler, produzieren Filme, die anderen sagen, ich bin Filmemacher, wollen aber in den Bereich Kunst. Diese beiden Sparten finden nicht ohne Weiteres zusammen, aber wir geben ihnen nun diese Plattform."

Das sind 10.000, statt wie ehedem beim Kunstpreis 50.000 Euro. Diese eher bescheidene Summe allerdings wird wie gehabt an den Preisträger ausgezahlt. Und es bleibt allein ihm überlassen, was davon dem Künstler und was der Kunst zugute kommt.

Kulturpresseschau

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