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Zeitfragen | Beitrag vom 25.02.2021

Kunst und Grenzen des VerzeihensWenn die Zeit nicht alle Wunden heilt

Von Susanne Billig und Petra Geist

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Eine Illustration zeigt eine Frauensilouette auf grünem Hintergrund, die einem einer Männersilouette auf orangenem Hintergrund einen Olivenzweig reicht. Zwischen den beiden liegt ein Riss. (imago images / Ikon Images)
Wer mit dem Wunsch nach Vergeben ringt, ist zunächst einem emotionalen Wechselbad ausgesetzt, belegt eine Studie. (imago images / Ikon Images)

Wie umgehen mit seelischen Verletzungen und Belastungen? Viele sagen: Am besten verzeihen! Es gibt aber auch so schwerwiegende Verletzungen, dass Betroffene den Weg des Vergebens nicht gehen möchten. Wie kann gutes Verzeihen also gelingen?

"Das Thema beschäftigt mich ungefähr seit drei Jahren. Und zwar geht es hauptsächlich um Familiensachen. Ich habe wie viele andere in meiner Generation sehr viele unschöne Sachen in der Familie erlebt. Die mich dann so beschäftigt haben, weil ich einfach gemerkt habe, dass ich da einen großen Vorwurf in mir trage", erzählt Hildegard Hantel.

Vergeben ist schwer, wenn die Wunden tief gehen. Und je tiefer sie gehen und je länger sie zugefügt wurden, umso schwerer wird das Verzeihen. 

"Mein Vater war gewalttätig und wirklich ein psychopathischer Narzisst. Der wirklich den Menschen um sich herum das Leben schwer gemacht hat. Und jeder, mit dem ich gesprochen habe nach seinem Tod – es gibt niemanden, der gut von ihm spricht. Zumindest die Menschen, die ich kenne. Ich habe immer das Gefühl bekommen von ihm, ich bin scheiße, so wie ich bin, und ich kann sowieso nichts, und mein Vater hat Freude daran gehabt, Menschen wehzutun. Das macht in der jungen Seele was. Bei mir hat es wahnsinnig viele Wunden geschlagen", sagt Sven Fechner.

Ein zweiter, weniger offensichtlicher, aber gewichtiger Aspekt macht das Vergeben so schwer: Es setzt ein grundlegendes Prinzip des sozialen Zusammenlebens außer Kraft – die Gerechtigkeit. 

"Im Kinderheim bin ich groß geworden. Da war ich die ersten neun Jahre, und das ist zu einer Zeit gewesen, bei der Kinder sozusagen Freiwild waren. Ich war noch gar nicht richtig auf der Welt, da hatte ich schon die Schuld auf meine Schultern laden müssen, weil ich eben ein uneheliches Kind, eine Brut war – die Vokabeln, die uns kleinen Wesen auferlegt waren, waren nicht ohne. Das war 59. Und das heißt: Man konnte mit Kindern tun und lassen, was man wollte. Es ist viel Gewalt gewesen, emotionaler Missbrauch, die Schwestern der Barmherzigkeit, so heißen sie; ich habe sie immer die Unbarmherzigen genannt", berichtet Romy Kämper.

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Wer vergibt oder um Verzeihung bittet, kehrt der Fairness und Gegenseitigkeit, dem sozialen Geben und Nehmen den Rücken. Gerechtigkeit gehört zum Grundbestand menschlicher Kulturen weltweit. Zoologen können sie inzwischen sogar in Tier-Gesellschaften ausfindig machen: Wer anderen etwas antut, kommt nicht ungeschoren davon – eigentlich. Denn auch Rache-Tabu und Verzeihen sind universal verankert. Die Soziologin Sonja Fücker von der der Universität Hannover hat sich in ihrem Buch "Vergebung" mit der Alltagskultur des Verzeihens befasst.

"Deswegen sagt man halt in der Soziologie ganz oft, dass in der Verzeihung oder in der Vergebung etwas Irrationales liegt. Hannah Arendt hat das sehr schön gesagt, dass das Vergeben ein unverzichtbarer Bestandteil auch des menschlichen Lebens ist, weil das Leben gar nicht weitergehen könnte, wenn Menschen sich nicht ständig auch davon befreien würden, was sie einander antun – und das ist wirklich schön auf den Punkt gebracht, weil wir das ja auch alle erfahren."

Ein bisher wenig bearbeitetes Forschungsgebiet

Erstaunlicherweise ist vergeben in der Soziologie bis heute – trotz der Allgegenwart von Konflikten weltweit – ein wenig bearbeitetes Forschungsgebiet. Sonja Fücker hat Neuland betreten, als sie zu erkunden begann, mit welchen Gefühlen das Verzeihen Menschen konfrontiert. Für qualitative, also ausführliche Forschungsgespräche hat sie aus einer Gruppe von 121 Teilnehmenden 33 Menschen ausgesucht, die in Gruppendiskussionen und Interviews über verzeihen, noch nicht verzeihen können oder wollen berichteten. 
                      
"Es haben sich Menschen für diese Interviews angemeldet, die Konflikte in Arbeitsbeziehungen haben, zwischen Familienmitgliedern, in Liebesbeziehungen, aber auch im Bereich des Rechts, also Opfer von Stalkingfällen oder auch Missbrauchsopfer haben sich gemeldet und haben diese Interviews mitgemacht."

In ihrer Studie konnte die Forscherin zunächst zeigen: Wer mit dem Wunsch nach Vergeben ringt, ist zunächst einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt. Traurigkeit, Wut, Empörung, Sehnsucht nach Rache – ein breites Gefühlsspektrum in unterschiedlicher Intensität. 

"Genauso wichtig sind aber auch sogenannte Hintergrundgefühle, Ausgrenzungsgefühle, die sich dann breitmachen, wenn man Konflikte erlebt oder halt konkrete Verletzungen von Mitmenschen, Gefühle von entzogener Anerkennung oder der Verlust von Zuneigung und Wertschätzung. Und andererseits ist es natürlich so: Man möchte dem anderen wieder Zuneigung entgegenbringen, man möchte mitfühlend sein und irgendwie verstehen können, was da passiert ist; das sind so unterschiedliche Gefühlswelten, die irgendwie bewältigt werden müssen."

Diese Empfindungen kommen nicht allein aus der persönlichen Erfahrung, sondern sind gesellschaftlich gerahmt. Zum Beispiel ist der Druck, anderen zu verzeihen, stark und allgegenwärtig. Sonja Fücker konnte bei ihrer Recherche deutlich spüren, wie sehr gekränkte Menschen damit ringen.

"Diesen Spagat halt, man fühlt sich ärgerlich, man hat Wut, man ist zornig – und gleichzeitig ist man aber auch so in dieser Bereitschaft, dem anderen sich wieder hinzuwenden, also positive Gefühle haben zu wollen. Und dass da auch gesellschaftliche Erwartungen mit verbunden sind, die anstrengend sind und die man halt nicht so einfach bewältigen kann."

Wechselbad der Gefühle

In diesem emotionalen Wechselbad das innere Gleichgewicht wiederzufinden, braucht viel Gedankenarbeit. Deshalb grübeln Betroffene intensiv, erklärt der Psychologe Mathias Allemand.

"Verzeihen ist so spannend, weil es ein absolut kontraintuitiver Veränderungsprozess ist. Jemand tut mir etwas Schlechtes und mit der Zeit reagiere ich positiv darauf. Es geht ein Stück weit um das Umschreiben der Geschichte. Ich integriere das in meine Lebensgeschichte und sage: Es ist zwar eine schwierige Geschichte, sehr schmerzhaft, aber es gehört zu mir." 

Der Assistenzprofessor an der Universität Zürich erforscht, wie Menschen im Laufe ihres Lebens mit dem Wunsch zu verzeihen umgehen. Und bezieht sich dabei gerne auf den US-Psychologen Robert D. Enright. Dieser unterscheidet in seinem viel beachteten Modell des Verzeihens vier Phasen.

Eine Illustration zeigt eine Frau und einen Mann. Zwischen Ihnen fliegt eine Sprechblase, die sich wie ein Puzzle zusammensetzt.  (imago images / Ikon Images)Verzeihen: "Es geht wirklich um eine Knochenarbeit und auch um den Perspektivenwechsel." (imago images / Ikon Images)
In Phase eins muss ein Mensch erst einmal begreifen, dass überhaupt eine Verletzung vorliegt – denn viele Menschen erstarren nach einem traumatisierenden Angriff. In der zweiten Phase folgt die Entscheidung – verzeihen, ja oder nein? Wer sich für Ja entscheidet, muss in der dritten Phase in die harte Auseinandersetzung mit all den damit verbundenen aufgewühlten Gefühlen und Gedanken einsteigen. Und in der vierten verzeihen.

"Es geht wirklich um eine Knochenarbeit und auch um den Perspektivenwechsel. Ich muss verstehen und vielleicht realisiere ich dann im Prozess, dass die Person möglicherweise das gar nicht absichtlich gemacht hat."

In seinen Studien hat Mathias Allemand untersucht, wie Psychotherapeutinnen und -therapeuten insbesondere älteren Menschen dabei helfen können. 

"Es gibt theoretische Hinweise und auch Studienbefunde, die gezeigt haben, dass das ein Bedürfnis ist im hohen Alter: Situationen, die nicht gelöst sind, als Teil der Lebensgeschichte aufzufassen. Gerade im Interventionsbereich gibt es ein paar Metaanalysen, die gezeigt haben, dass Interventionen hilfreich sind und dass das Wohlbefinden wirklich verbessert werden kann und die Belastung massiv abnimmt."

Verzeihen braucht Zeit und Energie

Tagebuchschreiben ist hilfreich. Andere therapeutischen Übungen bestehen darin, die eigenen Glaubenssätze über Vergebung zu reflektieren oder auch die erlebte Verletzung symbolisch als Stein in einem See zu versenken. Alles, das hilft, das Ruder wieder in eigene Hände zu bekommen, wissen die Forschenden. In der vierten und abschließenden "Vertiefungsphase" muss ein Mensch klären, ob und wie es mit der Beziehung zum Verursacher der Verletzung weitergehen kann. Verzeihen ist keine Schnellreparatur, sondern mit hohen inneren Kosten verbunden, braucht Zeit und Energie – das weiß der Schauspieler Sven Fechner und beschreibt seinen inneren Aufruhr, als er vom Tod seines Vaters erfuhr.
 
"Ich bekam eine E-Mail von meiner Stiefmutter, wirklich zwei Zeilen: ´Dein Vater ist letzte Woche verstorben und er wurde gestern beerdigt, Punkt.` Mein Vater hat meiner Stiefmutter noch vorher gesagt: ´Sag meinen Söhnen erst Bescheid, wenn ich wirklich beerdigt bin, damit klar ist, dass die nicht zu meiner Beerdigung kommen.` Und ich bin echt zusammengebrochen, bin hier total zusammengebrochen und mein ganzer Körper war voll Schmerzen. Ich habe gedacht, ich muss da irgendwie eine Lösung finden. Aber was das Thema Vergebung und Verzeihen betrifft, das war einfach überhaupt nicht möglich, da ist sofort so viel Wut und so viel Verletzung hochgekommen, dass das einfach nicht möglich war."

Manche Menschen können leichter vergeben

Die verfließende Zeit macht es keineswegs leichter. Denn der ringende Mensch muss sich innerlich weiten – von der Vergangenheit mit der Verletzung über die Gegenwart mit den vielen Gefühlen bis in eine Zukunft mit einer, vielleicht erneuerten menschlichen Beziehung.

"Das ist so ein Spagat, den Vergeberinnen und Vergeber zu leisten haben und das ist natürlich eine große Herausforderung." 

Es gibt Menschen, denen vergeben können leichter fällt: Ihre Persönlichkeit macht sie weniger nachtragend. Darum können sie kleinere Kränkungen schneller loslassen und grübeln weniger über die Vergangenheit nach. Die Psychologie weiß auch, dass ältere Menschen leichter vergeben können als jüngere – warum, das ist derzeit noch unbekannt. Mathias Allemand. 

"Da wissen wir noch extrem wenig darüber. Zum Beispiel gibt es die Überlegung: Ältere Menschen haben mehr Expertise im Umgang mit zwischenmenschlichen Kränkungen. Wenn ich schon viel die Erfahrung gemacht habe, dass ich mit Kränkungen umgehen kann, führt das wahrscheinlich dazu, dass ich auch Bewältigungsstrategien habe, wie ich damit besser umgehen kann. Eine andere Erklärung ist: Ältere Menschen haben in der Tendenz eine eingeschränkte Zukunftsperspektive. Man weiß, man hat nicht mehr lange zu leben, und das könnte ein Motivator sein, um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen." 

Eine Frau und Mann umarmen sich. (Unsplash/Gus Moretta )Frauen verzeihen keineswegs sehr viel häufiger als Männer. (Unsplash/Gus Moretta )
Geschlechtsspezifische Unterschiede konnte die psychologische Verzeihens-Forschung bislang übrigens nicht ausmachen. Frauen verzeihen keineswegs sehr viel häufiger als Männer. Verzeihen wird leichter, wenn die andere Person bereut; denn Reue stimmt versöhnlich.

"Aus meiner Sicht ist das, und das konnte ich mit meiner Forschung auch zeigen, immer ein kommunikativer Prozess, der findet zwischen Konfliktpartnern statt. Damit ist es ganz essenziell, wie derjenige, der sozusagen in der Rolle des Täters oder des Übeltäters, des Verfehlenden ist, aktiv daran mitwirkt." 

Allerdings hat Sonja Fücker in ihren Interviews auch festgestellt, wie zweischneidig Reue ist. Täterinnen und Täter können sie als Machtmittel einsetzen, indem sie Reue verweigern. 

"Wenn das Reuebekunden oder die Übernahme von Verantwortung für das Geschehene ausbleibt, dann ist man ja nicht mehr in der Rolle desjenigen, der da irgendwas anbieten kann. Das wird dann gleichgültig. Und mit dieser Gleichgültigkeit ist man als Opfer natürlich noch mehr in dieser Opferposition. Und das ist ein wirkliches Machtgefälle, was dann entsteht und für Opfer ist das natürlich so ein Worst-Case-Szenario."

Wenn Reue ausbleibt

Mit mangelnder Reue war Romy Kämper konfrontiert, die Jahre ihrer Kindheit in der körperlichen und seelischen Grausamkeit der katholischen Barmherzigen Schwestern verbringen musste. Was sie gebraucht hätte, weiß sie genau. 

"Ich glaube erst mal wirklich, ein Eingeständnis dessen, was sie gemacht haben. Ein Aufdecken dessen. Und ein ehrliches Mitgefühl, mit der entsprechenden Entschuldigung dafür, was nicht zu entschuldigen ist, also das ist nicht zu entschuldigen: Gewalt an Kindern ist nicht zu entschuldigen. Und dieses Geschachere darum, wie viel Geld sie jetzt da locker machen, ob sie überhaupt was dafür lockermachen, wie viele Jahre hat es gedauert an dem Runden Tisch, bis da überhaupt mal die Bereitschaft dafür da war, wirklich diesen Teil der Schuld zu sich zu nehmen. Vonseiten der Kirche! Und es ist für mich nie wirklich glaubhaft gewesen." 

Für neun Jahre gequälte Kindheit hat Romy Kämper, die heute unter anderem als Systemische Therapeutin arbeitet, 10.000 Euro Entschädigung erhalten. Damit konnte sie die Kosten ihrer zwölf Jahre dauernden Therapie nicht decken – einer Therapie, ohne die der 62-Jährigen das selbstbewusste, aktive Leben von heute nicht möglich gewesen wäre.

Persönlich bei ihr entschuldigt hat sich keine ihrer Peinigerinnen. Mühsam abgerungenes Geld und Lippenbekenntnisse von Kirchenvertretern für schwerste Verletzungen – wenn ein Opfer die Reue nicht ernst nehmen kann, gibt es keinen Raum für Vergebung.
 
"Nö. Ganz klar, nein. Es gab ja nie einen direkten Kontakt, der mir gesagt hätte, okay, lass uns darüber reden, lass uns klären, was da alles schief gegangen ist. Das geht nur im Dialog, das geht nur in der Beziehungsarbeit. Wieso soll ich das alleine machen? Das war mir befremdlich."

"Verzeihen ist kein Entschuldigen"

Im öffentlichen Diskurs neigen Menschen dazu, Verzeihen mit Entschuldigen zu verwechseln. Als der amerikanische Ex-Präsident Donald Trump etwa für seine frauenfeindlichen Bemerkungen formal um Verzeihung bat, erklärte er gleichzeitig, es sei doch alles harmloses Männergeschwätz in der Umkleidekabine gewesen. Er wollte damit zu verstehen geben, sein Verhalten sei allein durch diesen Umstand eigentlich schon verziehen. Professor Oliver Hallich von der Universität Duisburg-Essen, Experte für die Philosophie des Verzeihens.
 
"Verzeihen ist kein Entschuldigen. Für Entschuldigen gibt es Gründe. Etwa Gründe derart, dass jemand unter Zwang gehandelt hat, dass er andere Motive hatte, als man mutmaßt. Für Verzeihen gibt es keine Gründe dieser Art. Verzeihen ist gerade nicht Schuld aufhebend und trotzdem scheint es irgendwelche Gründe dafür zu geben. Und das macht Verzeihen philosophisch interessant." 

"Ich bin noch nicht draufgekommen, was einen wirklich im Innersten dazu bringt, diesen Verzeihensprozess überhaupt in Gang zu bringen. Bei mir ist es jedenfalls was ganz, ganz Tiefgehendes, was gar nichts mit moralischen oder religiösen Vorgaben oder so zu tun hat."

Regina Simon ist Rechtsanwältin, hat viel mit Gewaltopfern zu tun und sie ist selbst Opfer häuslicher Gewalt geworden. Im Laufe der Zeit hat die Mutter eines Sohnes ihrem Peiniger verziehen; das sei ihr, wie sie sagt, einfach "passiert" – ohne dem Täter die Schuld zu nehmen. 

"Wir haben ein gemeinsames Kind und als wir getrennt waren, und Gott sei Dank musste ich nicht mehr mit ihm persönlich umgehen, da habe ich über, ich glaube, sicher zwei bis drei Jahre hinweg – eigentlich dadurch, dass ich meinen Sohn so sehr liebe, also mein Kind – habe ich in meinem Sohn eine bestimmte Mimik, Aussehen, die Art zu gehen, die Art zu schlafen, eigentlich diesen Mann gesehen, wie er wahrscheinlich als kleiner Junge war. Und da ist mein Herz aufgegangen und da habe ich dann nicht mehr das gesehen, was er mir angetan hat, sondern eigentlich das, wie er als Mensch aus meiner Sicht war oder vielleicht sogar noch innen drin ist."

Die Folgen von schweren Verletzungen

Nach einer traumatisierenden schweren Verletzung ziehen sich Menschen nicht selten von ihrer Umwelt ganz zurück. Kinder hören auf zu sprechen. Erwachsene sinnen lebenslang auf Rache oder betäuben ihren Schmerz mit Drogen. Wenn Menschen nach Jahren solcher Qualen ihre Wut endlich beiseitelegen möchten, vielleicht sogar, obwohl jede Reue ausbleibt, praktizieren sie Selbstschutz. Wer viel Zeit damit verbringt zu hadern, verliert ja diese Zeit für alles andere, was gut tun und Freude machen könnte. Das kann auf Dauer krank machen, warnt der Psychologe Mathias Allemand.

"Eine Kränkung und die damit verbundenen Reaktionen, die führen zu Stress und man ist diesem Stress permanent ausgeliefert. Das kann zu nicht nur psychischen Belastungen führen, sondern auch körperlichen Belastungen. Zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und in meinen Studien mit älteren Menschen hat mich immer wieder überrascht, dass ältere Menschen, auch nach Jahren, wenn sie von dieser Kränkung erzählen – das war so, wie wenn sie es gerade erlebt haben, gestern! Hoch emotional, die negativen Gefühle waren da, negative Rachegedanken und so weiter."

Allemands Studien konnten zeigen: Ältere Menschen, die ihre Kränkung auch nach Jahren nicht beiseitelegen können, leiden stärker als andere an Depressionen. Gerade für sie, die älteren Menschen, kann Verzeihen zu einem Durchbruch werden, der ihre Lebensqualität erheblich steigert.

"Für diese Menschen könnte Verzeihen wirklich eine große Geschichte sein. Wenn man auch nach 20, 30 Jahren nicht loslassen kann – und plötzlich gelingt es einem, das loszulassen. Dann ist es wirklich eine große Geschichte." 

Im Stillen Verzeihen

Es ist dieser Selbstschutz, der Menschen manchmal sogar im Stillen vergeben lässt, ohne in einen Dialog mit der Täterin oder dem Täter zu treten. Sie tun es, um sich selbst zu befreien. Davon erzählt Hildegard Hantel, Sekretärin an der Technischen Universität Berlin.

"Dieses stille Verzeihen, das habe ich mit meinem Ex-Mann gemacht, ganz aktiv, mit dem man sowieso nicht sprechen kann, dem ich wirklich auch jahrelang gegrollt habe und irgendwann gemerkt habe: Allein für mich selber ist es besser, wenn ich das mal versuche, zu verzeihen oder zu vergeben."  

Es kann sogar möglich werden, einem Menschen zu verzeihen, der für einen Dialog prinzipiell nicht mehr zu Verfügung steht. Sven Fechner wurde von seiner Therapeutin in einer entscheidenden Therapiestunde gebeten, mit seinem verstorbenen Vater zu sprechen.

"Ich glaube, es kommt aus der Gestalttherapie und das war ganz spannend, weil da kamen sehr viele Emotionen hoch und ich konnte ihm einfach sagen, wie es mir ging, als Kind, als Jugendlicher, und dass ich wahnsinnig traurig bin, dass wir das nicht klären konnten. Und ich verstehe bis heute nicht, warum er sich mir gegenüber so verhalten hat."  

Anschließend bat ihn die Therapeutin, die Rollen zu wechseln und als sein eigener Vater über die Vergangenheit zu sprechen.

"Das war wirklich so heftig, weil da so viel eigener Schmerz von ihm hochkam. Und es kamen auch Entschuldigungen. Ich weiß nicht, ob ich mir das eingebildet habe, oder was da durch mich floss. Ich kann ja nicht in die Seele meines verstorbenen Vaters gucken. Er hat dann aber das genommen, das Kaputte zwischen uns, und hat gesagt: ´Okay, ich nehme das jetzt zurück. Das ist nicht deins und das tut mir leid, dass ich dir das quasi zugemutet und dir das übergestülpt habe und dich damit verletzt habe.` Und ich merke halt einfach: Ja, ich kann vergeben – und zwar nicht, weil ich ihm seine Taten vergebe und verziehen habe, sondern in erster Linie, weil ich damit Frieden bekomme."

Die Ambivalenz des Vergebens

Wann aber wird vergeben schädlich, statt befreiend und hilfreich zu wirken? Diese Frage stellt die Psychologie heute verstärkt, nachdem sie vergeben können lange vorwiegend positiv bewertet hat. Denn eine dauerhafte Befreiung kann beispielsweise nicht gelingen, wenn die verletzende Situation anhält und sich immer wieder erneuert.

 "Zum Beispiel Verzeihen in einer Beziehung, wo man immer wieder ständig gekränkt wird durch die gleiche Person. Da gibt es Grenzen, weil wenn ich immer wieder verzeihe, dann setze ich mich der Kränkung wieder aus. Oder auch sehr schwierige Kränkungen und Verletzungen: Da ist diese Perspektivenübernahme, das Verstehen-Wollen, gar nicht so hilfreich", sagt Mathias Allemand.

Gerade vor dem Hintergrund fehlender Reue und Einsicht und wenn die Verletzung schwer in das eigene Leben eingegriffen hat, kann es ein Mensch brauchen, unversöhnlich zu bleiben. Auch um die eigene Integrität zu wahren. Romy Kämper. 

"Die Kirche hat es ja damit begründet, dass wir als Kinder die Schuld auf uns geladen haben. Wieso lade ich als Kind überhaupt die Schuld auf mich? Nur weil ich auf der Welt bin? Und dementsprechend waren wir auch das Freiwild. Meinerseits gibt es da drin keine Vergebung. Es ist passiert und es hängt an mir zu sagen: Okay, ich habe überlebt, aber ich vergebe Euch nicht. Das kann ich ganz klar und deutlich sagen."
 
Unversöhnlichkeit steht allerdings heute ein starker gesellschaftlicher Druck entgegen. Die monotheistischen Religionskulturen, insbesondere das Christentum, betonen die Nächsten- und sogar die Feindesliebe, machen das Vergeben beinahe zur Pflicht. Selbst wer heute keinerlei Verbindung zur Religion mehr empfindet, spürt den langen Arm dieses moralischen Drucks. Den findet die Soziologin Sonja Fücker auch in der psychologischen Ratgeberliteratur, die – mit Argumenten aus dem Wellness-Diskurs – anhaltende Wut zu einem Fehler erklärt. 

"Ich finde das total problematisch, weil das ganz menschliche Bedürfnisse und Gefühle sind, die eine Entwicklung auch haben, und ich finde das auch ein bisschen gefährlich. Die Rache ist etwas per se Schambehaftetes dann auch, man schämt sich, solche Gefühle zu haben, und muss eher den Blick auf den anderen dann richten, um sich selber wieder in eine gute Gefühlslage bringen zu können." 

Grafik: Eine Frau und ein Mann schreien sich an. (imago images/Gary Waters)Wut zu- und rauslassen, kann Betroffenen auch helfen. (imago images/Gary Waters)
"Aug um Auge, Zahn um Zahn" heißt es im Alten Testament und eigentlich war damit ein Fairness- und Gerechtigkeitsprinzip formuliert. Man wollte von der Täterin, dem Täter nicht mehr, aber auch nicht weniger verlangen, als das herzugeben, was diese Verursacher selbst an sich gerissen hatten. Der Philosoph Oliver Hallich möchte das Übelnehmen rehabilitieren.

"Auf jeden Fall ist es ein Motiv, das auch in der Philosophie eine Rolle spielt, dass das Übelnehmen etwas ist, was man nicht zu früh als rein anachronistisch und als etwas, dessen wir uns schämen müssten und das wir möglichst zu überwinden hätten, diskreditieren sollte. Übelnehmen ist ja gerade eine Weise, jemanden ernst zu nehmen. Es heißt auch, ihm zu signalisieren, dass man ihn für einen Menschen hält, der moralischen Standards entsprechen kann und von dem man das auch erwartet."

Dieser Auffassung schließen sich Philosophinnen und Philosophen in jüngerer Zeit vermehrt an. So hat der US-Amerikaner Jeffrie G. Murphy ein einflussreiches Buch geschrieben, "Getting Even: Forgiveness and Its Limits", was auf Deutsch so viel heißt wie "Gleichheit wiederherstellen. Verzeihen und seine Grenzen".

Wut, Empörung, Übelnehmen, so betont er darin, zeugen von der gesunden Selbstachtung einer verletzten Person. Außerdem habe das Übelnehmen eine wichtige soziale Steuerungsfunktion, das sagt auch Oliver Hallich: Es ist eine informelle Strafe, die hilft, eine moralbasierte Ordnung aufrecht zu halten. 

"Wenn wir zum Beispiel hören wir von dem Fall von Josef Fritzl in Österreich, der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller eingesperrt und Hunderte von Malen vergewaltigt hat und Ähnliches, werden wir darauf sicherlich mit negativen Emotionen, Empörung und Ähnlichem reagieren. Und das ist Ausdruck der Solidarität mit der moralischen Ordnung, wie Murphy sagen würde und als solches löblich und nicht zu verurteilen."

Das Verzeihen wird zweifelhafter als die Unversöhnlichkeit

Kann es also auch eine Pflicht geben, nicht zu verzeihen? Solidarität mit der moralischen Ordnung und mit Opfern, die selbst nichts mehr zu entscheiden vermögen, kann so weit gehen, dass das Verzeihen zweifelhafter wird als die Unversöhnlichkeit.

Vor einigen Jahren wurde dem KZ-Aufseher Oskar Gröning in Lüneburg der Prozess gemacht. Eva Kor, eine Holocaust-Überlebende, ging auf den 93-jährigen Angeklagten zu, reichte ihm die Hand und erklärte: "Ich habe den Nazis vergeben." Obgleich Eva Kor hinzufügte, sie sei von Grönings nichts sagender Einlassung vor Gericht enttäuscht und "Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei", folgten ihrer Geste kritische Stimmen.

"Man kann sehr wohl argumentieren, dass das Verzeihen auf problematische Weise in eine Nähe geraten kann zu einer Trivialisierung von Unrecht, zu einem mangelnden Respekt gegenüber dem Opfer oder zu einem Vergessen von Normverstößen, von denen man glaubt, dass sie weiter im kollektiven Bewusstsein gehalten werden sollten."

Anders reagierte Simon Wiesenthal, der österreichisch-jüdische Überlebende der Shoah, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, versteckte Nazi-Täter aufzuspüren und der Justiz zuzuführen. Nach dem Krieg rief ihn ein SS-Offizier an sein Sterbebett, bekundete Reue und bat um Vergebung für die Gräueltaten, die er Juden zugefügt hatte. 

"Und Wiesenthal schildert, wie er dieser Bitte nicht nachkommt, sondern diesen Raum schweigend verlässt. Er fragt sich aber danach, ob es richtig war, das zu tun. Die Ursache dafür, dass er hier nicht verziehen hat, ist offenbar, dass er sich nicht autorisiert fühlte, die Verbrechen, die an anderen begangen wurden, selbst zu verzeihen. Das macht sehr deutlich, dass die Möglichkeit zu verzeihen, doch gekoppelt zu sein scheint an diesen Opferstatus. Und wenn es keine Opfer mehr gibt, die verzeihen können, dann ist es eben auch nicht mehr möglich, von Verzeihen zu sprechen. Dann ist Verzeihen nicht mehr möglich."

Ist Verzeihen für eine Gesellschaft wichtig?

Ob in Soziologie, Psychologie oder Philosophie – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen heute, Verzeihen realistisch zu bewerten. Einerseits hat es die Kraft, beschädigte menschliche Beziehungen wieder herzustellen und Opfer von schwierigen Erfahrungen insoweit zu heilen, als sie aus dem ständigen Grübeln und den Gefühlen einer anhaltenden Kränkung in eine neue Lebensphase eintreten können. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die genau das auch können, ohne zu verzeihen. Und es steht die Frage im Raum, ob verzeihen können immer der beste Weg ist, die moralische Basis des Zusammenlebens intakt zu halten.                       

"Ich kann heute da stehen und sagen: Okay, ja, das ist meine Geschichte, die ist nicht topp gelaufen, aber ich bin im Frieden mit mir. Und das habe ich nicht, weil ich verziehen habe, sondern das habe ich, weil ich gelernt habe, mit mir auch gut zu sein. Das ist das Maß der Selbstliebe – und ich glaube, vor zehn Jahren, 15, 20 Jahren hätte ich dieses Gespräch so nicht führen können, sondern das ist wirklich ein weiter, langer Weg", sagt Romy Kämper.
                      
"Ich habe gemerkt, dass das mit einer unglaublichen Befreiung einhergehen kann. Der Konflikt bleibt bestehen, da ändert sich nichts. Ich sehe auch inzwischen: Konflikte sind wirklich wie lebendige Wesen, die weiterleben – und je nachdem, wie wir die behandeln, so leben die weiter. Entweder zerstörerisch – oder kreativ. Dann kann was Neues draus entstehen", so Hildegard Hantel.

"Ich heiße es nicht gut und es ist immer noch so, dass er sich scheiße verhalten hat, aber meine Seele nagt da nicht mehr dran und sie kann heilen seitdem. Meine Therapeutin hat am Schluss dann gesagt, und das ist ein Satz, den ich wirklich sehr liebe: ´Frieden heißt, es darf gewesen sein`", sagt Sven Fechner.

Regie: Roman Neumann
Technik: Herman Leppich
Redaktion: Kim Kindermann
Autorinnen: Susanne Billig und Petra Geist

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