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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.05.2019

Kunst mit OpferbildernDer Streit um Beate Passows Triptychon im Kloster Irsee

Von Michael Watzke

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Zu sehen ist die sogenannte „Prosektur“ in der Bildungsstätte Kloster Irsee. Im Hintergrund: das Triptychon. (Archiv Studio Bayern, Dlf-Kultur)
Zu sehen ist die sogenannte „Prosektur“ in der Bildungsstätte Kloster Irsee - im Hintergrund das umstrittene Triptychon. (Archiv Studio Bayern, Dlf-Kultur)

Im Kloster Irsee töteten NS-Ärzte viele Kleinkinder bei grausamen Impfversuchen mit Tuberkulose-Bakterien. Daran erinnerte ein Kunstwerk von Beate Passow – bis es abgehängt wurde. Nun gibt es Streit über Fragen der Kunstfreiheit und Gedenkkultur.

Ein Triptychon ist ein dreiflügeliges Gemälde, das in vielen mittelalterlichen Kirchen hängt. Meistens ist darauf der gekreuzigte und gepeinigte Jesus zu sehen. Auf dem Triptychon von Kloster Irsee bei Kaufbeuren in Bayern sind auch gepeinigte Menschen zu sehen – aber nicht Jesus, sondern zwei kleine, nackte Kinder. Auch sie sehen wie Gekreuzigte aus.

Um dieses Triptychon ist ein heftiger Streit ausgebrochen. Denn die Regierung von Schwaben hat das Kunstwerk abgehängt. Eine Entscheidung, die nicht nur in Künstlerkreisen bitteren Protest auslöst. Denn sie berührt grundlegende Fragen von Kunst und Erinnerungskultur. Die beiden Kinder auf dem Triptychon in Irsee sind 1944 in einer sogenannten "Heil- und Pflegeanstalt" der Nazis gequält und getötet worden. Das Gemälde zeigt bedrückende Schwarz-Weiß-Fotos dieser leidenden Kinder kurz vor ihrem Tod.

Bezirksregierung hat Triptychon abgehängt

Es ist ein Kunstwerk von Beate Passow. Die Münchner Künstlerin will damit an die Euthanasie-Opfer der Nationalsozialisten erinnern. Und zwar am Ort des Geschehens, in der sogenannten "Prosektur" des Klosters Irsee. Dort töteten Ärzte in den 40er-Jahren viele Kleinkinder bei grausamen Impfversuchen mit Tuberkulose-Bakterien.

Die zuständige Bezirksregierung von Schwaben hat das Triptychon abgehängt, weil sie nach einer aufwändigen Recherche Verwandte von einem der beiden kleinen Jungen gefunden hat, die 1944 unter grausamen Bedingungen von den Nazis getötet wurden. Der damals fünf Jahre alte Erwin M. aus Schwaben starb im sogenannten "Kinderpflegeheim" der Nazis. Sein Bruder und seine Nichte leben heute noch – sie haben erst vor kurzem bei einem Besuch im Kloster Irsee das Bild gesehen, auf dem ihr nächster Verwandter abgebildet ist.

Wunsch der Verwandten des dargestellten Kindes

Das Triptychon zeigt den kleinen Erwin einige Zeit vor seinem Tod in einer Schwarz-Weiß-Fotografie. Der Junge ist völlig abgemagert. Zwei Hände packen ihn grob von der Seite an seinen dünnen Ärmchen. Seine Körperhaltung ist die eines Gekreuzigten. Es ist ein schockierendes Bild. Und die Verwandten möchten nicht, dass die Bildungsstätte Kloster Irsee ihren Bruder und Onkel so zeigt.

Hinzu kommt: Die abgebildeten Kinder sind nicht im Kloster Irsee getötet worden, sondern im nahegelegenen Kaufbeuren. Irsee war nur eine Dependance der dortigen "Kinderpflege-Anstalt". Der Leiter der Bildungsstätte Kloster Irsee, Stefan Raueiser, erklärt im Deutschlandfunk-Kultur-Interview:

"Wenn wir diese Bilder weiter zeigen, müssen wir der Öffentlichkeit wie auch den Verwandten gegenüber sagen, warum wir das hier zeigen, obwohl es nach dem jetzigen Wissensstand nichts mit Irsee zu tun hat. Es geht mir nicht darum, irgendetwas zu beschweigen. Sondern, es geht mir darum, zu zeigen und zu informieren, was an diesem Ort Kloster Irsee passiert ist."

Künstlerin Beate Passow ist wütend

Beate Passow dagegen, die Künstlerin des Triptychons, ist wütend, dass das Triptychon nicht mehr zu sehen ist. Sie kann nicht nachvollziehen, dass die Hinterbliebenen die Abbildung der Kinder als "unwürdig" bezeichnet haben.

"Man müsste doch als Familie stolz sein, dass diese Kinder, die so gequält wurden, weiterleben und betrachtet werden von Menschen mit großer Anteilnahme. Also, es ist mir unverständlich, wie man das als unwürdig empfinden kann. Da müssten sich ja die Verwandten von Jesus heute noch dagegen wehren, dass man den gekreuzigten Heiland zeigt."

Beate Passow hat die Bilder der Kinder damals gewählt, ohne zu wissen, wer genau das ist. Aber sie sagt: "Es ging nicht um genau diese Kinder. Sondern es ging um Euthanasie in Irsee und in Kaufbeuren." Die beiden Kinder seien ein Symbol für das Leid, das ein menschenverachtendes Regime wie das der Nazis verursacht hat.

Schwierige Frage des Persönlichkeitsrechts

Die Diskussion über das Triptychon von Irsee wirft zwei Fragen auf, die über den Einzelfall hinausgehen. Zum einen die Frage der Persönlichkeitsrechte in einem Kunstwerk: Darf man ein Kind abbilden, wenn die Verwandten damit nicht einverstanden sind? Und zum anderen die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Gedenkkultur.

Zwei spannende Fragen. Von juristischer, historischer und ethischer Tragweite. Die erste nach dem Persönlichkeitsrecht ist juristisch wohl noch am einfachsten zu beantworten. Mehr als 70 Jahre nach dem Tod der Kinder wären Ansprüche der Hinterbliebenen wahrscheinlich verjährt.

Beate Passow fragt, wie man denn mit Bildern von Ausschwitz-Opfern umgehen solle, wenn dort Verwandte sagen, wir möchten nicht, dass diese Bilder gezeigt werden. Der zuständige Bezirkstag dagegen sagt: "Das Gedenken an die Opfer der NS-Patientenmorde ohne oder gar gegen den erklärten Willen der nächsten Angehörigen kommt für uns nicht infrage."

Plädoyer für emotionsbasierte Erinnerungskultur

Die zweite Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Gedenkkultur ist extrem spannend. Beate Passow plädiert für eine emotionsbasierte Erinnerungskultur, in der Kunst auf den Bauch zielt und nicht auf den Kopf:

"Ich habe ein Triptychon hergestellt, das wie eine Kreuzabnahme funktioniert. Ich will Emotionen wecken. Man liest Kunst ja nicht wie ein Verkehrsschild: 'Aha, rechts abbiegen!' Man sieht ja jetzt zum Beispiel im NS-Dokuzentrum, dass das reine Zeigen von Dokumenten längst überholt ist. Nur authentisches Material? Völliger Quatsch. Man muss die Leute doch beim Gefühl packen!"

Das sehen nicht alle so. So plädiert beispielsweise der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Dr. Jörg Skriebeleit, für eine faktenbasierte, historisch absolut korrekte Erinnerungskultur.

Was passiert mit dem Triptychon?

Die zuständige Bezirksregierung von Schwaben hat im Triptychon-Streit von Kloster Irsee angekündigt, ein Expertengremium einzuberufen. Dieser Fachbeirat aus Gedenkstätten-Experten, Denkmalpflegern, Medizin-Historikern und Kunstgeschichtlern soll Vorschläge für eine Neugestaltung der Gedenkstätte im Kloster Irsee machen. Die Gedenkstätte, die sogenannte Prosektur, soll bleiben. Aber es zeichnet sich schon jetzt ab, dass das Triptychon in Zukunft wohl nicht mehr im Kloster Irsee hängen wird.

Beate Passow, die Künstlerin, will dagegen zwar nicht juristisch vorgehen. Aber sie kündigt Widerstand aus Künstlerkreisen und Unterstützern an. Sie habe viel Zuspruch von Bürgern erfahren, die fordern, dass ihr Kunstwerk wieder aufgehängt wird.

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