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Studio 9 | Beitrag vom 05.02.2020

Kunst in Burkina FasoSchlingensiefs Traum vom Operndorf lebt

Von Stefan Ehlert

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Das am Computer generierte Bild zeigt das Opernhaus "Remdoogo" im afrikanischen Ouagadougou in Burkina Faso. (picture alliance / dpa / Kere architecture)
So sollte das Opernhaus 2010 irgendwann mal aussehen. (picture alliance / dpa / Kere architecture)

Vor seinem Tod träumte Theaterregisseur Christoph Schlingensief von einem Operndorf im Nirgendwo Burkina Fasos. Zehn Jahre später steht das als Zentrum gedachte Opernhaus zwar noch nicht, das "Village Opera" ist dennoch gefüllt mit Leben und Kunst.

Um die Frage gleich zu beantworten: Nein, es steht noch kein Opernhaus in Christoph Schlingensiefs "Village Opera" in Burkina Faso. Die bereits bestehenden Steingebäude wickeln sich im Kreis um den zentralen Platz, der dafür vorgesehen ist - wenn die Zeit reif ist, wenn das Geld da ist.

Koordinator Sévérin Sobgo erklärt: "Sie werden in der Architektur erkennen, dass das Dorf einer Schnecke gleicht. Sie kommt langsam voran, erreicht aber ihr Ziel." Es sei ein "work in progress", sagt er dem ARD-Studio Nordwestafrika bei einem Besuch.

Wie andere Führungskräfte im Dorf  spricht Sobgo von dem deutschen Theatermacher Schlingensief, als sei der gestern noch da gewesen, um ihm seine Idee von einem Zentrum der Kunst mitten im Busch persönlich zu erklären. "Das war immer sein Leitmotiv, eine Oper zu schaffen, aber nicht im Sinne von Richard Wagner, sondern als Ort der Begegnung und des Austausches von Kulturen und Personen mit unterschiedlichen Horizonten", so Sobgo.

Deswegen gibt es "Artists in Residence", Gastkünstler, und Regisseure aus dem Ausland geben Workshops im Operndorf - immer im Austausch mit den afrikanischen Kolleginnen und Kollegen. Im März steht dann das Kinderfilmfestival an. Auf Flyern wird in der nahegelegenen Hauptstadt dafür geworben.

Der Regisseur Christoph Schlingensief (r) fotografiert in Burkina Faso neben Francis Kere, dem Architekten des "Operndorfes". ( Michael Bogar)Christoph Schlingensief und der Architekt des Operndorfes Francis Kere. ( Michael Bogar)

Vom hohen C zum Urschrei

Aber vor der hohen Kunst stehen die Mühen der Ebene. Das war auch dem damals bereits totkranken Schlingensief bewusst, der dabei war, als vor zehn Jahren die Bauarbeiten begannen. "Unsere Oper ist ein Dorf", sagte er, "ein Experimentierdorf, ja. Aber bitte kein Fremdkörper in einem der ärmsten Länder der Welt." Das Naheliegende musste zuerst geschaffen werden: Schulgebäude für bislang 300 Kinder sowie eine kleine Klinik, damit dort beispielsweise Kinder auf die Welt kommen können. " Das ist immer so ein kleiner Gedanke gewesen: Man fährt ins Operndorf, um vielleicht eine Sängerin zu hören und denkt, das hohe C kommt gleich, und man hört plötzlich den Urschrei eines geborenen Kindes", erzählte Schlingensief.

Die Dresdner Musikdozentin Sylke Täubrich kam vor einigen Wochen als Freiwillige ins Dorf und kümmert sich in den Unterrichtspausen um eine Gruppe Kinder. Während sie mit den Kindern malt, erzählt sie: "Für mich ist das so, dass ich zum ersten Mal hier bin und erstmal etwas Einfaches machen möchte mit den Kindern." Später wolle sie vielleicht auch noch etwas Musikalisches machen.

Musikdozentin Sylke Täubrich malt mit mehreren Kindern an einem Tisch im Außenbereich des Operndorfes. (Stefan Ehlert)Sylke Täubrich malt mit den Kindern im Dorf. Sie arbeitet erst seit wenigen Wochen dort. (Stefan Ehlert)

Kunst als Weg zum Selbstbewusstsein

Der künstlerische Schwerpunkt verändere die Kinder, hat Schuldirektor Abdoulay Ouedrogo beobachtet. Zugang zum einem eigenen Ton- und Filmstudio, eine Bühne für eigene Inszenierungen, Malerei und Musik: Das zahle sich unbedingt aus, sagt der Pädagoge. "Diese Kinder haben wirklich ein Plus, das viele Kinder in Burkina leider nicht erfahren. Auf der einen Seite sind sie viel aufgeweckter. Und auf der anderen Seite erfahren sie etwas über die äußere Welt, über die künstlerischen Disziplinen." Daher würden sie nicht nur leichter in der Klasse lernen, sie könnten sich auch in ihrer Gesellschaft besser ausdrücken, so Ouedrogo.

Hier funktioniert Kunst als Weg zum Selbstbewusstsein. Dazu gibt es täglich eine warme Mahlzeit. Das Personal zahlt der Staat Burkina Faso, teilt die Opendorf-Leitung in Berlin mit. Für das Kulturprogramm und die Kunst kommen Spender auf - die Summe liegt unter einer halben Million Euro im Jahr. Sorgen macht man sich um die Sicherheit in Burkina Faso, aber die Terrorkrise des Nordens hat das Gebiet der Hauptstadt noch nicht erreicht. Hunderte Tote, bald 600.000 Vertriebene, sagen Ärzte ohne Grenzen. In Schlingensiefs Operndorf 300  Kilometer südlich ist davon wenig zu spüren. Aber, so heißt es bei der Leitung in Berlin, man habe die Lage sehr genau im Blick.

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