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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.05.2014

KunstIm Westen was Neues

Walter Grasskamp: "André Malraux und das imaginäre Museum"

Von Ingo Arend

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Der französische Schriftsteller und Politiker André Malraux (2.v.l.) betrachtet während eines Kunstfestivals im April 1966 in Dakar (Senegal) Trommeln. (dpa / picture alliance / AFP)
Der französische Schriftsteller und Politiker André Malraux (2.v.l.) fühlte sich in der Welt zu Hause. (dpa / picture alliance / AFP)

André Malraux war eine der schillerndsten Figuren im kulturellen Leben Frankreichs. Welche Auswirkung sein Schaffen auf den westlichen Kulturbegriff hatte, beschreibt der Kunsthistoriker Walter Grasskamp in seinem neuen Buch.

Von "Weltkunst" reden in Zeiten der Globalisierung viele. Doch dass der Begriff älter ist, zeigt das neue Buch des Münchener Kunsthistorikers Walter Grasskamp. An André Malraux' berühmtem "Musée imaginaire" zeigt der 1950 geborene Kunsthistoriker, der seit 1995 an der Akademie der Bildenden Künste in München lehrt, wie der Bildband des französischen Schriftstellers und Kulturpolitikers den exklusiv europäischen Kunstbegriff zu überwinden half.

Mit Malraux' "Musée" wird meist undifferenziert ein Mythos beschworen. Er zerfällt bei näherem Hinsehen in verschiedene, zwischen 1947 bis 1974 erschienene Werke. Grasskamp konzentriert sich in seiner skrupulösen Editionsgeschichte auf das 1952 bis '54 konzipierte Zentralwerk "Le Musée imaginaire de la sculpture mondiale". Den Untertitel hat das Buch von der berühmten Aufnahme des französischen Fotografen Maurice Jarnoux in der Zeitschrift "Paris Match" aus dem Jahr 1954. Meisterhaft dechiffriert Grasskamp an dem Bild, das Malraux vor seinem Werk auf dem Boden des häuslichen Salons zeigt, dessen Selbstinszenierungsstrategien.

Er weist nach, wie kreativ Malraux die Arbeit anderer benutzte. Die Bilder eines ähnlichen Buchs, aufgenommen von dem französischen Fotografen André Vigneau, übernahm er fast vollständig, ohne dessen Namen zu nennen. "Appropriation art der Buchkunst" nennt das Grasskamp gewohnt sarkastisch. Und entreißt dieses "Phantom der Mediengeschichte" mit einem eigenen Kapitel der unverdienten Vergessenheit.

Europäische Kunst neben prähistorischen Objekten

Die Bedeutung von Malraux' Bildband liegt darin, dass er europäische Kunst der nahen Vergangenheit und außereuropäische, prähistorische Objekte nebeneinanderstellte. So universalisierte und entgrenzte er den westlichen Kunstbegriff. Akribisch legt Grasskamp Malraux' Inspirationsquellen frei. Und er bettet dessen Pionierprojekt in den Kontext vieler ähnlicher zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, etwa der Zeitschrift "Blauer Reiter" oder die "Propyläen Kunstgeschichte". So gelingt es ihm, eine spannende Entwicklungsgeschichte des Weltkunstgedankens zu schreiben.

Dieser konnte sich mit Hilfe von Reproduktionen im Bildband und in der Fotografie verbreiten. Die Kunstgeschichte wurde zu einer "Geschichte des Photographierbaren" (Malraux) virtualisiert. Für Grasskamp markiert Malraux' Werk eine mediengeschichtliche Zäsur: den Umschlag vom Text- zum Bildband und die "Emanzipation der Bilder" von den Artefakten. Wie die Idee vom "Musée Imaginaire" das Denken der Zeit als Projekt wie als Metapher beeinflusste, verfolgt er von dem Fotoarrangement, mit dem Arnold Bode die erste Documenta 1955 einleitete, bis zu Dennis Adams' Film "Malraux' Shoes" von 2012. Auch den Vorsatz, eine Medien- und Wirkungsgeschichte des Imaginären Museums im weiteren Sinne zu schreiben, löst Grasskamp überzeugend ein.

So wie der Münchener Ordinarius in einer Fallstudie systematische Fragen von Kunst und Kunsthistorie auffächert, ist sein Buch eine Sternstunde seines Fachs: quellensicher, kontextbewusst, sprachmächtig und mythenresistent. Leider fehlt ihm ein Register. Und womöglich ist Malraux doch aktueller, als Grasskamp am Ende meint - so ahistorisch, eklektisch und suggestiv, wie er sein bildhaftes Museum zusammenpuzzelte, wirkt er wie der Vorläufer eines Zeitalters, in dem sich mit der global art eine neue, nun digital reproduzierte "Weltkunst" herausbildet. Sie fordert die Kunstgeschichte damit heraus, dass sie alle Bilder gleich wichtig nimmt.

Walter Grasskamp: André Malraux und das imaginäre Museum. Die Weltkunst im Salon.
C. H. Beck, München 2014
231 Seiten, 29,95 Euro
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