Kunst für alle
Helio Oiticica ist eine der großen, aber auch tragischen Figuren der brasilianischen Kunst im zwanzigsten Jahrhundert. Er war einer der führenden Köpfe in der großen kulturellen Aufbruchsbewegung, die das Land Ende der fünfziger Jahre erfaßte und eine jener Perioden einleitete, von denen Künstler so oft und gern nur träumen.
Eine Periode, in der Kunst soziale Veränderungen anstößt und zuweilen sogar zur tragenden gesellschaftlichen Kraft wird. Das war auch Oiticicas Traum. Dora Correa, Co-Kuratorin der Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt:
"'Tropicalia' ist der Titel einer Installation von Helio Oiticica, die er 1967 in der großen Gemeinschaftsausstellung 'New Brazilian Objectivity' (Neue Brasilianische Objektivität) im Museum of Modern Art von Rio de Janeiro gezeigt, und die zunächst große Bedeutung für die damalige Künstlerbewegung bekommen hat. 'Tropicalia' ist aber auch der Titel eines Musikalbums, das 1968 von Gilberto Gil, Gaetano Veloso und einigen anderen Musikern aufgenommen wurde und das für die Musikszene sehr einflußreich war. Die Verbindungen zwischen den verschiedenen kulturellen Bereichen in Brasilien während dieser 'Tropicalistischen Periode' waren überaus vielfältig, und sie sind das eigentliche Thema dieser Ausstellung."
Bereits an dieser Beschreibung zeigt sich das Phänomen, aber auch die Gefahr dieser Kulturbewegung, die in den siebziger Jahren einer gnadenlosen Kommerzialisierung anheimfiel, von der sie sich nie mehr erholt hat. Oiticica, der 1980 im Alter von nur 43 Jahren starb, war selber ein Multitalent: Tänzer, Musiker, Dichter, Philosoph und bildender Künstler. Er war ein großer Kommunikator, der unterschiedlichste kulturelle Bereiche zusammenbrachte, und dem auch daran lag, die Grenzen der einzelnen Disziplinen zu überschreiten.
Doch dabei ging es ihm immer genau um das Gegenteil von konsumierbarer Kunst, sogar um das Gegenteil des klassischen europäischen Kunstbegriffs selbst. Kunst sollte sich öffnen für alle möglichen gesellschaftlichen Schichten. Sie verkörperte die Utopie einer freien Gesellschaft, die nicht mehr, wie Brasilien damals, unter den autokratischen Zwängen der Diktatur zu leiden hatte. Oiticicas eigene, begehbare Großinstallationen, die so genannten "Pénétrables", zu denen auch die "Tropicalia"-Installation gehört, wirken von außen wie die schlichten Hütten der brasilianischen Armenviertel, den Favelas. Doch wer hineingeht, sieht sich mit einem Labyrinth aus Farben und Formen konfrontiert, mit dem Oiticica die Wahrnehmung seines Publikums erweitern möchte. Dora Correa:
"Im historischen Teil der Ausstellung haben wir einige der Werke zusammengetragen, die damals auf der berühmten Schau 'New Brazilian Objecitivity' in Rio de Janeiro zu sehen waren, nicht nur die Installation von Helio Oiticica, sondern auch zum Beispiel von Nelson Leirner, Rubens Gerchman oder Lygia Pape. Oiticica, der die Ausstellung mitorganisiert hatte, nannte in seinem Text folgende Eigenschaften dieser Kunst: Kunst verhält sich konstruktiv zur Gesellschaft, sie versucht, in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen; sie wendet sich den Objekten zu und von der traditionellen Tafelmalerei und Skulptur ab und: Sie ermöglicht die Partizipation des Publikums und engagiert sich bei politischen, sozialen und kulturellen Problemen. Sie fördert künstlerische Arbeit im Kollektiv und die Wiederbelebung der Anti-Kunst, die man schon aus dem Europa des frühen 20. Jahrhundert kannte."
Die Vorbilder für dieses Konzept der Antikunst bezogen die "Tropicalisten" aus Europa, etwa mit Marcel Duchamp und Dada, vor allem aber durch die Studentenproteste in den USA seit Mitte der sechziger Jahre. Fluxus entwickelte sich zu einer internationalen Anti-Kunst-Bewegung, zu der auf spezielle Weise auch der Tropicalismus zu rechnen ist. In der Musik wurden experimentelle und kommerzielle Strömungen aus den USA aufgenommen und mit brasilianischen Einflüssen versetzt.
Viel blieb von dem inhaltlichen Kern der Bewegung nicht übrig, sie wurde alsbald tatsächlich populär und kommerziell. Noch heute inspiriert der Geist des "Tropicalismus" ein breites Netzwerk sozialer Aktivitäten von Künstlern vor allem in Brasiliens Megastädten. Doch als treibende gesellschaftliche Kraft hat Kunst in Brasilien nie mehr die Kraft dieser fünf Jahre zwischen 1967 und 1972 erreicht.
Service:
Die Ausstellung "Tropicália - Eine brasilianische Kulturrevolution" ist bis zum 9. Juli 2006 im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen.
"'Tropicalia' ist der Titel einer Installation von Helio Oiticica, die er 1967 in der großen Gemeinschaftsausstellung 'New Brazilian Objectivity' (Neue Brasilianische Objektivität) im Museum of Modern Art von Rio de Janeiro gezeigt, und die zunächst große Bedeutung für die damalige Künstlerbewegung bekommen hat. 'Tropicalia' ist aber auch der Titel eines Musikalbums, das 1968 von Gilberto Gil, Gaetano Veloso und einigen anderen Musikern aufgenommen wurde und das für die Musikszene sehr einflußreich war. Die Verbindungen zwischen den verschiedenen kulturellen Bereichen in Brasilien während dieser 'Tropicalistischen Periode' waren überaus vielfältig, und sie sind das eigentliche Thema dieser Ausstellung."
Bereits an dieser Beschreibung zeigt sich das Phänomen, aber auch die Gefahr dieser Kulturbewegung, die in den siebziger Jahren einer gnadenlosen Kommerzialisierung anheimfiel, von der sie sich nie mehr erholt hat. Oiticica, der 1980 im Alter von nur 43 Jahren starb, war selber ein Multitalent: Tänzer, Musiker, Dichter, Philosoph und bildender Künstler. Er war ein großer Kommunikator, der unterschiedlichste kulturelle Bereiche zusammenbrachte, und dem auch daran lag, die Grenzen der einzelnen Disziplinen zu überschreiten.
Doch dabei ging es ihm immer genau um das Gegenteil von konsumierbarer Kunst, sogar um das Gegenteil des klassischen europäischen Kunstbegriffs selbst. Kunst sollte sich öffnen für alle möglichen gesellschaftlichen Schichten. Sie verkörperte die Utopie einer freien Gesellschaft, die nicht mehr, wie Brasilien damals, unter den autokratischen Zwängen der Diktatur zu leiden hatte. Oiticicas eigene, begehbare Großinstallationen, die so genannten "Pénétrables", zu denen auch die "Tropicalia"-Installation gehört, wirken von außen wie die schlichten Hütten der brasilianischen Armenviertel, den Favelas. Doch wer hineingeht, sieht sich mit einem Labyrinth aus Farben und Formen konfrontiert, mit dem Oiticica die Wahrnehmung seines Publikums erweitern möchte. Dora Correa:
"Im historischen Teil der Ausstellung haben wir einige der Werke zusammengetragen, die damals auf der berühmten Schau 'New Brazilian Objecitivity' in Rio de Janeiro zu sehen waren, nicht nur die Installation von Helio Oiticica, sondern auch zum Beispiel von Nelson Leirner, Rubens Gerchman oder Lygia Pape. Oiticica, der die Ausstellung mitorganisiert hatte, nannte in seinem Text folgende Eigenschaften dieser Kunst: Kunst verhält sich konstruktiv zur Gesellschaft, sie versucht, in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen; sie wendet sich den Objekten zu und von der traditionellen Tafelmalerei und Skulptur ab und: Sie ermöglicht die Partizipation des Publikums und engagiert sich bei politischen, sozialen und kulturellen Problemen. Sie fördert künstlerische Arbeit im Kollektiv und die Wiederbelebung der Anti-Kunst, die man schon aus dem Europa des frühen 20. Jahrhundert kannte."
Die Vorbilder für dieses Konzept der Antikunst bezogen die "Tropicalisten" aus Europa, etwa mit Marcel Duchamp und Dada, vor allem aber durch die Studentenproteste in den USA seit Mitte der sechziger Jahre. Fluxus entwickelte sich zu einer internationalen Anti-Kunst-Bewegung, zu der auf spezielle Weise auch der Tropicalismus zu rechnen ist. In der Musik wurden experimentelle und kommerzielle Strömungen aus den USA aufgenommen und mit brasilianischen Einflüssen versetzt.
Viel blieb von dem inhaltlichen Kern der Bewegung nicht übrig, sie wurde alsbald tatsächlich populär und kommerziell. Noch heute inspiriert der Geist des "Tropicalismus" ein breites Netzwerk sozialer Aktivitäten von Künstlern vor allem in Brasiliens Megastädten. Doch als treibende gesellschaftliche Kraft hat Kunst in Brasilien nie mehr die Kraft dieser fünf Jahre zwischen 1967 und 1972 erreicht.
Service:
Die Ausstellung "Tropicália - Eine brasilianische Kulturrevolution" ist bis zum 9. Juli 2006 im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen.
