Kunst der Reduktion

Von Adolf Stock |
Das 1995 gegründete Tokioter Architekturbüro SANAA hat einen internationalen Ruf. Ende Juli wurde sein erster Bau in Deutschland, die Zollverein School of Management and Design in Essen eröffnet. Außerdem hat SANAA auch den Wettbewerb für die Erweiterung des Berliner Bauhaus-Archivs gewonnen. Aus diesem Anlass präsentiert das Bauhaus-Archiv eine Sonderausstellung in Anwesenheit der Mitbegründerin Kazuyo Sejima.
Die "School of Management and Design" ist ein milchig-weißer Würfel mit 35 Metern Kantenlänge und unregelmäßig verteilten großen und kleinen Quadraten als Fensterflächen, die dem Essener Hochschulbau eine spielerische Transparenz verleihen.

Und schon bald wird am Berliner Landwehrkanal der nächste Würfel entstehen, denn im vergangenen Jahr hat SANAA den Wettbewerb für den Erweiterungsbau des Bauhaus-Archivs gewonnen. Das Bauhaus-Archiv - ein Spätwerk von Walter Gropius - ist längst zu klein für den tagtäglichen Museums- und Archivbetrieb. Sechs internationale Büros haben sich der Jury gestellt. Annemarie Jaeggi, Leiterin des Berliner Bauhaus-Archivs.

"Wir haben also eine Lösung, die die Sicht auf uns so wenig wie möglich versperrt. Wir haben ein Bauhaus Archiv, das keine baulichen Anbauten hat, weil mit der eigentlichen Erweiterung für unser Haus SANAA unterirdisch geht. Und mit der Erweiterung bekommen wir jetzt die wunderbare Chance, unseren Altbau freizumachen, das heißt, dass wir so etwas wie ein Studienzentrum machen wollen, und das Museum für Gestaltung wird sich darunter im Kellergeschoss befinden."

An der Oberfläche ist später nur ein gläserner Würfel zu sehen. Auf den ersten Blick eine eher schlichte Angelegenheit. Minimalistisch nennt man gemeinhin solche Bauten, die sich konsequent auf das Wesentliche konzentrieren. Meisterhaft beherrscht das japanische Architektenduo die Kunst der Reduktion.

In der Werkschau sind vor allem Modelle zu sehen. Große und kleine, manche sind bescheiden aus ein paar Stück Pappe, andere sind richtige Präsentationsmodelle, die wegen ihrer Größe gleich auf dem Fußboden stehen, während an den Wänden computergenerierte Pläne hängen.

Die Bauten und Projekte werden in der Ausstellung wie Kunstwerke vorgestellt. Das ist für diesmal kein billiger Trick, sondern hilft tatsächlich, den architektonischen Gehalt dieser subtilen, leicht schwebenden Raumkunst besser zu verstehen. Ausstellungskurator Sam Chermayeff:

"Ich glaube, bei den Entwürfen unseres Büros soll weniger die Materialität im Vordergrund stehen als die Formensprache und die Haltung des Gebäudes. Die Materialität ist eher immanent, denn wir versuchen, die Dinge auf das zu reduzieren, was sie wirklich sind: Eine Wand ist also eine Wand. Wir wollen es nicht zu kompliziert machen. Manchmal verwenden wir Stahl und extrem dünne Wände. Wenn wir eine Wand nur 16 Millimeter stark bauen, dann geht es uns nicht um den Stahl oder um besonders dünne Wände, sondern um die Wahrnehmung des Raums und um die Verbindung zwischen den einzelnen Räumen."

Mit fernöstlicher Gelassenheit begegnet SANAA der europäischen Moderne, wobei Mies van der Rohe und Le Corbusier die möglichen Vorbilder sind. Vor allem der offene Grundriss erinnert an Mies, wie wir ihn vom Barcelona Pavillon her kennen. Doch die Gebäude von SANAA kommen mit ihren streng geometrischen Formen noch weitaus radikaler daher. Das Museum of Art in Toledo, Ohio, steht auf einem quadratischen Grundriss in einem gepflegten Park. Wie bei Mies wird zwischen Innen- und Außenraum nicht wirklich getrennt, doch das ist SANAA längst nicht genug, bei ihnen wird die Verwischung der Gegensätze bis ins Extrem getrieben.

"So sind auch ihre Zeichnungen angelegt. Sie sehen eigentlich gar keine Konturen mehr. Boden, Wände und Decke sind voneinander gar nicht mehr richtig abgesetzt. Was sie versuchen ist, im Grunde genommen eine Art Verunklärung des Raumes, ein Kontinuum darzustellen. Dadurch bekommt es einen Eindruck vielleicht auch etwas des Unbestimmten im Vergleich mit dem, was die alte Moderne gemacht hat."

Inmitten der Stadt geht so etwas nicht. Schon gar nicht in New York. In der Stadt der Wolkenkratzer haben die Architekten für ein Kunstmuseum riesige Boxen wild übereinander gestapelt. Ein wenig gefährlich sieht das aus, zumal die Außenhaut aus einer Art Aluminium-Gewebe besteht.

SANAA baut jetzt auch verstärkt in Europa. 2005 wurde der Wettbewerb für die neue Dependance des Louvre in der nordfranzösischen Stadt Lens gewonnen. Auch Schulen, Universitäts- und Verwaltungsgebäude stehen auf der Agenda. Und wer sich über fernöstliche Lebensart freut, hat sicher Spaß an den zahlreichen Café-Pavillons - oder sind es Teehäuser? - die SANAA als kleine kommunikative Inseln über die Kontinente verstreut. Ausstellungskurator Sam Chermayeff.

"Ich glaube, japanisch ist die Einfachheit und die Klarheit, aber nicht in einem formalen Sinn. Sie ist da, um verwendet zu werden. Es geht um den Umgang damit. Aber ich glaube, Sejima und Nishizawa bringen sich mit dem Japanischen überhaupt nicht in Verbindung, denn für sie ist es einfach so. Ich selbst empfinde schon das Japanische, sie aber eben nicht."

Schon in den 30er Jahren war Bruno Taut von der japanischen Architektur fasziniert. Er schrieb damals ein Buch über das japanische Haus. In der nächsten Woche wird das neue Theater in Potsdam eröffnet. Ein Spätwerk des Kölner Architekten Gottfried Böhm. Die Idee für die roten, übereinander gestapelten Schalengewölbe ist ihm beim Besuch eines japanischen Tempels gekommen. Bei SANAA ist es nun umgekehrt. Annemarie Jaeggi:

"Es ist eben auch zutiefst etwas Modernes und Europäisches. Und da liegen natürlich die Berührungspunkte zwischen der reduzierten Ästhetik des alten Japan und dem Bauhaus. Und nicht umsonst sind ja gerade in Japan unglaublich viele Liebhaber des Bauhauses anzutreffen."

Die Japaner bezeugen der europäischen Moderne ihren Respekt, ohne die eigene Tradition und die eigenen Ansprüche aufzugeben. Diese Symbiose ist nicht nur spannend, sie ist auch ein Erfolgsrezept für eine globale Moderne, die regionale Impulse längst nicht mehr verschmäht.