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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.05.2019

Kunst-Biennale VenedigAlternative Perspektiven statt alternative Fakten

Claudia Wheeler im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Das Foto zeigt einen der Räume des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig. (dpa / picture alliance / Felix Hörhager)
Karg: ein Raum des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig. (dpa / picture alliance / Felix Hörhager)

Bevor die Biennale in Venedig für das Publikum öffnet, dürfen Journalisten schon mal einen Blick auf die Ausstellung werfen. Unsere Reporterin Claudia Wheeler über den deutschen Pavillon, das Biennale-Motto und einen Kurator, der Künstlern ihre Freiheit lässt.

"May You Live in Interesting Times": "Mögest Du in interessanten Zeiten leben" ist das Motto der Kunstbiennale von Venedig.

Interessant sei im Kontext dieser Biennale allerdings nicht als spannend zu verstehen, sagt unsere Reporterin Claudia Wheeler, die noch vor dem Öffnen der Pforten für das Publikum erste Eindrücke gesammelt hat. Interessant bedeute hier vielmehr "unruhig".

Krisenhafte Zeiten also. Und die sehe der Kurator der Biennale, Ralph Rugoff, vor allem im Digitalen, sagte Wheeler im Deutschlandfunk Kultur.

Zum Beispiel in der Verbreitung von Fake-News, und in der daraus resultierenden Spaltung der Gesellschaft. Rugoff wolle zeigen, dass nicht immer eine Lösung die richtige sei, sagte Wheeler: "Sondern dass man unterschiedliche und widersprüchliche Blicke auf Themen und Fragen haben kann. Also: Alternative Perspektiven statt alternative Fakten."

Ohne kuratorische Zwangsjacke

Kuratorische Oberthemen seien für Rugoff eher eine Zwangsjacke, betonte sie. Deshalb habe er sich für ein eher allgemeines Motto entschieden, das den Künstlern viel Freiraum lasse.

Ein Freiraum, der auch im deutschen Pavillon genutzt wird. Hier stellt Natascha Sadr Haghighian aus, die sich zur Biennale in Natascha Süder Happelmann umgetauft hat.

Helene Duldung verliest etwas von einem Stück Papier, während die Künstlerin Natscha Süder Happelmann, die eine Steinmaske über ihrem Kopf trägt, neben ihr steht. (imago images / Manfred Segerer)Künstlersprecherin Helene Duldung und die mit einer Steinmaske verkleidete Künstlerin Natscha Süder Happelmann (eigentlich: Natascha Sadr): die Mechanismen des Kunstmarktes aushebeln. (imago images / Manfred Segerer)

Happelmann trägt bei Interviews einen Stein aus Pappmaché auf dem Kopf und lässt Fragen nur von ihrer Sprecherin beantworten. So wehre sie sich gegen die Mechanismen des Kunstmarktes, sagte Wheeler: "Sie möchte den Blick hin zur Kunst, weg von ihrer Person lenken."

Vielleicht bricht der Damm

Im Gegensatz zu diesem spielerischen Rahmen sei die Arbeit von Happelmann im Pavillon sehr karg und reduziert, betonte Wheeler:

"Es gibt zwei Haupträume. In dem einen hat sie einen riesigen Staudamm aus Beton aufgebaut. Und unten ist eine Öffnung, wo schmutziges Wasser aus Latex rausläuft." Auch seien überall im Raum Steinskulpturen verteilt. "Man hat den Eindruck, als würde dieser Staudamm brechen und der ganze Pavillon würde von Wasser überflutet werden."

Im anderen Raum gibt es eine große Klanginstallation an einem Gerüst. "Kabel sind zu sehen, Festplatten hängen runter. Man hört eine mehrkanalige Installation, die heißt 'Tribut to whistles'. Sechs Musiker und Komponisten haben mitgearbeitet. Und da zirpt es und zwitschert und trillert es. Manchmal hat man das Gefühl, man steht in einem Wald und es regnet, und dann mischen sich heitere Beats darunter."

Die Trillerpfeife steht für Geflüchtete

Aber das eigentlich Leitmotiv sei hier die Trillerpfeife, berichtete Wheeler. Diese steht für Geflüchtete, die sich damit warnen, wenn sie abgeschoben werden sollen. Das Werk setzt sich im Internet fort - dort finden sich Videos, auf denen Haghighian durch die karge apulische Landschaft läuft. Im Hintergrund sieht man Geflüchtete bei der Tomaten-Ernte.

(beb)

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