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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.01.2015

Kunst aus AfghanistanDer Krieg bleibt auf dem Teppich

Von Henry Bernhard

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Ein junger Afghane produziert Teppiche. (picture alliance / dpa)
Ein junger Afghane produziert Teppiche und pflegt damit eine alte Tradition des Landes. (picture alliance / dpa)

Das Alternative Culturcentrum in Weimar befasst sich in der Ausstellung "Wartifacts" mit den Spuren des Krieges im Leben afghanischer Menschen. Sichtbar werden sie unter anderem in Wandteppichen, die Panzer und Explosionen verbildlichen.

Der 42-jährige Künstler Till Ansgar Baumhauer war in den vergangenen Jahren mehrfach über Monate in Afghanistan und hat sich dort Fragen gewidmet, die der Leiter der Galerie ACC, Frank Motz, so zusammenfaßt:

"Wie schreibt sich kriegerische Auseinandersetzung in die Seele, in den Alltag, in die Kultur eines Volkes ein? Und wie – umgekehrt – geht dadurch das Andere, das an Kultur da ist, wird umgeschrieben, wird verfremdet, geht vielleicht verloren, gerät in Vergessenheit?"

Baumhauer interessiert ein ganz spezielles Kriegsphänomen - der "Langzeitkonflikt", der eine Generation überdauert.

"Also ein Konflikt, in dem es Jugendliche gibt, junge Erwachsene gibt, die keine Erinnerungen mehr an Friedenssituationen haben, die komplett in Konflikt sozialisiert worden sind und bei denen sich sicherlich die Auffassungen davon, wie eigene Existenz sein kann und was für einen Sinn sie in der Gesellschaft hat, einfach verschiebt."

Im Fokus stehen Kriegsteppiche

Nur gut die Hälfte der gezeigten Werke – Bilder, Fotos, Wandteppiche, Installationen – sind von ihm selbst; dazu kommen Werke anderer Künstler und Objekte aus Afghanistan, die den kulturellen Hintergrund von Baumhauers Werken erklären, die den Kontext zum Verständnis bilden und die in anderen Ausstellungen dem Besucher so oft fehlen.

"Ich halte nichts davon, als Künstler im Alleingang zu arbeiten, sondern ich denke, dass eigentlich nur im Diskurs, dass da eigentlich die Dinge passieren, die dann wirklich auch relevant sind."

Inhaltlicher wie auch raumgreifender Kern von Baumhauers Ausstellung ist die Beschäftigung mit afghanischen Teppichen. Man sieht traditionelle Teppiche aus dem Afghanistan vor 1979, mit abstrakten Mustern, daneben ...

"... sogenannte Kriegsteppiche, wo sich in traditionelle Teppichornamente und –Motive sukzessive Kriegselemente einschleichen. Und wir haben hier einen Teppich, der ganz konkret realistisch eine Kriegsszene abbildet, die im Endeffekt propagandistische Merkmale trägt schon."

Panzer, Maschinengewehre, Explosionen, Männer in heldenhaften Posen – all dies auf einem Teppich, das wirkt sehr befremdlich. Eine fast dokumentarische Abbildung –deren Herstellung aber mehrere Männer über Monate beschäftigt hat.

"Das ist natürlich eine ganz faszinierende Gegendarstellungsform zu dem, was wir von der Pressefotografie her kennen, die flüchtig ist und flüchtig bleibt und flüchtig wahrgenommen wird. In dieser knüpfenden, vielleicht sogar meditativen Arbeit ist es etwas ganz Erstaunliches, so eine Momentaufnahme über Monate auszudehnen und dann so eine Visualisierung zu geben."

Osama Bin Ladin im Fadenkreuz

Andere Teppiche zeigen die brennenden Zwillingstürme in New York. Bilder, so Till Ansgar Baumhauer, die auf Flugblättern abgebildet waren, die Amerikaner vor ihrer Invasion in Afghanistan abgeworfen haben. Diese Bilder fielen auch in Gebiete äußerster Bilderarmut – ohne Presse, Internet, Fotografie. Und Baumhauer spinnt den Teppichfaden in seinem eigenen Werk weiter. Er hat sich der Bilderwelt der ausländischen Truppen in Afghanistan bedient. Deren Soldaten tragen sogenannte Patches auf ihren Uniformen, das sind Zeichen des Ranges, der Truppenzugehörigkeit, oder aber auch ein Osama Bin Ladin im Fadenkreuz.

"Und ich habe angefangen, diese Zeichen aus bereits existierenden afghanischen Teppichen zu löschen, in dem Sinne, dass ich mit der Feinmechaniker-Zange mich hingesetzt habe und Knoten für Knoten für Knoten für Knoten das Ganze reduziert habe, bis die Patches als Negativform stehenblieben; und daraus entsteht eine Bildergalerie, in der sie das Logo von "Enduring Freedom" neben dem Bundesadler finden und in dem quasi die Interferenz zwischen traditioneller Kultur und deren Überprägung bzw. auch durchaus Löschung durch kriegerische Konflikte visualisiert wird."

Und in noch einen anderen Kontext stellt Baumhauer die Teppiche. Er vergleicht den seit der sowjetischen Aggression 1979 nahezu ununterbrochen andauernden Krieg in Afghanistan mit dem 30-jährigen Krieg. So hat er Afghanen historische Darstellungen aus dem 17. Jahrhundert auf Teppiche knüpfen lassen. Ein ganzes Dutzend Bauern, erhängt an einem Baum. Darüber der zynische Spruch aus der US Army: "Der Herr wird unsere Feinde richten. Wir arrangieren das Treffen." Hier läßt Baumhauer sehr raffiniert die zeitlichen, räumlichen und kulturellen Grenzen verschwimmen.

"Es verschneidet sich so schlüssig ineinander, dass die Selbstdistanzierung, die man so gerne vornimmt, um die kulturelle Überlegenheit sich selbst zu bestätigen, dass die nicht mehr funktioniert. Das war mein Anliegen."

Und das ist ihm gelungen. Till Ansgar Baumhauers WARTIFACTS sind ein sehr aktueller Beitrag zur Welt des 21. Jahrhunderts, eben weil er so weit zurückblickt, weil er das Eigene im Fremden und das Befremdliche im Eigenen bloßlegt.

Mehr zum Thema:

Traumatherapie - Ein Veteran kämpft sich zurück ins Leben
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 04.01.2015)

Bundeswehr in Afghanistan - "Die sind nicht dort gewesen, um Blümchen zu pflücken"
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