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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.10.2007

Kunst am Limit

Zwei Monologe von Dea Loher an den Münchner Kammerspielen

Von Christoph Leibold

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Ein Eselskarren in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die Eindrücke in Afghanistan hat Dea Loher jetzt in einem Monolog verarbeitet. (AP)
Ein Eselskarren in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die Eindrücke in Afghanistan hat Dea Loher jetzt in einem Monolog verarbeitet. (AP)

Zwei Jahre ist es her, dass Dea Loher nach Afghanistan reiste, um dort einen Schreibworkshop zu geben. Beinahe wäre ihr über diese Erfahrung die <em>eigene</em> Fähigkeit zu schreiben abhanden gekommen: Die Eindrücke von Armut und Gewalt in dem kriegsgeschüttelten Land verstörten die 43-jährige Dramatikerin so nachhaltig, dass sie den Sinn jedweder künstlerischer Aktivität im Angesicht der grausamen Wirklichkeit zu bezweifeln begann.

Aber dann hat Dea Loher ihre Zweifel doch produktiv genutzt und "Land ohne Worte" geschrieben.

Das klingt ein bisschen nach Selbst-Therapie, ist es aber nicht im Geringsten. Dea Loher ist ein Monolog geglückt, der klug die Möglichkeiten von Kunst und vor allem ihre Grenzen reflektiert. Dazu hat sie die nagenden Zweifel einer Malerin in den Mund gelegt, die eine zeitlang in der Stadt K. verbracht hat - K wie Kabul - und dort zur Erkenntnis gelangt ist, bisher nur Oberflächen gemalt zu haben und nie zum schmerzlichen Kern der Dinge vorgedrungen zu sein.

Im Werkraum der Münchner Kammerspiele hat Regisseur Andreas Kriegenburg, der schon viele Loher-Stücke uraufgeführt hat, die Ausnahmeschauspielerin Wiebke Puls in einen gläsernen Schaukasten gesperrt: ein Kunstgefängnis, ein Elfenbeinturm, aus dem es kein Herauskommen gibt.

Wiebke Puls wirft sich mit einer radikalen, fast schon naturalistisch zu nennenden Emotionalität in die Rolle, die besticht und sich aufs Großartigste reibt mit der artifiziellen Situation, die Kriegenburg geschaffen hat.

Bewaffnet mit einem Pinsel und einem Kübel schwarzer Farbe übersetzt Puls die Verstörung ihrer Figur in wüste Angriffe auf die Scheiben, die sie umgeben. Mit Pinselstrichen, fast Pinsel-Hieben wischt sie Linien, Schmierer, Kreise und Kringel aufs Glas. Immer begleitet von der ernüchternden Erkenntnis, dass der Welt so eigentlich nicht beizukommen ist. Allenfalls der Blick auf die Welt wird auf diese Weise verändert, je nachdem wie stark die Glasscheiben gerade im Prozess des permanenten Be- und Übermalens oder Wiederwegwischens einfärbt sind.

Warum aber überhaupt noch malen? Warum noch Theaterspielen, Theaterstücke schreiben, wie Dea Loher es ja trotzdem noch tut. In eben diesem "Trotzdem" liegt der Schlüssel: denn nur eine Kunst, die ihre eigene Limitierung erkennt, kann überhaupt Kraft entwickeln. Kunst, die sich absolut setzt, die beansprucht, die Wahrheit zu kennen, genügt sich selbst, hört auf, Fragen zu stellen. Fragen, wie sie sich die Malerin in "Land ohne Worte" stellt.

Das Erstaunliche an Dea Lohers Text ist, dass sie - indem sie bekennt, Kunst müsse eigentlich vor der Realität kapitulieren - dieser Realität am nächsten kommt. Indem sie die Erfahrungen von Leid und Elend als unaussprechlich benennt, zwingt sie ihre Zuschauer darüber nachzudenken, was das ist: dieses Unaussprechliche. Ein Stück, indem sie Taliban, US-Soldaten und einfache Menschen aus Afghanistan auf die Bühne gebracht hätte, hätte das vermutlich gar nicht leisten können.

Dea Lohers neuem Text "Land ohne Worte" haben die Münchner Kammerspiele noch einen zweiten schon älteren Monolog der Autorin gegenübergestellt. "Berliner Geschichte" war schon in Hamburg zu sehen, gleichfalls inszeniert von Andreas Kriegenburg, gespielt von Wiebke Puls, die hier als ein Mann zu erleben ist, der die Welt als Zumutung erlebt. Wo die Malerin in "Land ohne Worte" aus dem Gefängnis einer künstlerischen Ich-Bezogenheit auszubrechen versucht, hat sich dieser Großstadtbewohner in sein eigenes Ich samt Wahnvorstellungen vor der Welt zurückgezogen.

"Land ohne Worte" und "Berliner Geschichte" - zwei Texte, die sich perfekt ergänzen. Und zwei Texte, die eindrucksvoll die große darstellerischen Bandbreite der Schauspielerin Wiebke Puls demonstrierten, die im zweiten Monolog so ganz anders agierte, schuf sie doch in der "Berliner Geschichte" mit kehlig-heiserer Stimme, eckigen Bewegungen und Mut zu grotesk verzerrtem Gesichtsausdruck eine beeindruckende Kunstfigur.

Und so war dieses Dea-Loher-Doppel an den Münchner Kammerspielen nicht zuletzt der Abend einer großartigen Schauspielerin.

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