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Fazit | Beitrag vom 21.07.2020

Kundgebung vor dem Landgericht MagdeburgCzollek beklagt Tatenlosigkeit beim Kampf gegen rechte Gewalt

Max Czollek im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Porträt des Schriftstellers Max Czollek, aufgenommen 2019 im Haus für Poesie in Berlin (imago/gezett)
Der Schriftsteller Max Czollek wirft den staatlichen Institutionen Tatenlosigkeit angesichts rechter Gewalt vor. (imago/gezett)

Ein zivilgesellschaftliches Bündnis hat vor dem Landgericht in Magdeburg die Opfer rechter Gewalt in den Fokus gerückt. Anlass war der Prozessauftakt zum Anschlag auf die Synagoge in Halle. Der Schriftsteller Max Czollek war unter den Rednern.

Neun Monate nach seinem mutmaßlich rechtsextremistischen und antisemitischen Anschlag in Halle/Saale hat sich der Angeklagte beim Prozessauftakt in Magdeburg zu den Tatvorwürfen geäußert und eine stramm-ideologische Haltung an den Tag gelegt.

Der Schriftsteller Max Czollek hat - am selben Tag und ebenfalls in Magdeburg - vor dem Landgericht eine Rede gehalten, die unter anderem von der Initiative 9. Oktober Halle und dem antirassistischen Netzwerk Sachsen-Anhalt unterstützt wurde. Damit schloss sich Czollek dem Motto des Bündnisses - "Keine Bühne für die Attentäter, sondern eine Bühne für die Opfer" - an, wie er sagt.

Die Kontinuität rechter Gewalt

"Ich glaube, das ist eine sinnvolle Taktik, um den Fokus zu verschieben auf diejenigen, die heute noch unter den Spätfolgen und unter Traumata leiden, darunter Bekannte von mir, die in der Synagoge in Halle waren und die eben vor dem Landgericht zu Wort gekommen sind, während drinnen der Attentäter seine ideologischen Botschaften stundenlang verbreiten konnte."

Nebenklägerinnen und Nebenkläger schilderten bei der Kundgebung ihre Eindrücke im Prozessraum. Dabei sei es um die schockierende Kaltblütigkeit und "Normalität" des Angeklagten gegangen. 

Rechte Gewalt habe in Deutschland auch nach 1945 nie aufgehört, sagt Czollek. Man müsse in diesem Zusammenhang darüber nachdenken und verstehen lernen, warum es eine "Erzählung vom Ende rechter Gewalt" gebe und warum diese so stark geworden sei.

"Nur über die Stärke dieser Erzählung, dass wir alle anders geworden sind, also nicht mehr so sind wie die Nazis, lässt sich erklären, warum rechte Gewalt systematisch die ganze Zeit bagatellisiert wird - weil es eben nicht ins Selbstbild passt", so Czollek. Dies stehe einer Analyse des Problemfeldes im Weg.

Hoffnung auf die Zivilgesellschaft

So sei nach dem Anschlag in Halle von einem "Alarmzeichen" gesprochen worden, obwohl seit Jahrzehnten antisemitische Gewalt in Deutschland stattfinde.

Czollek wirft den staatlichen Institutionen Tatenlosigkeit und mangelnden Willen vor. Gerade die Pandemie habe gezeigt, was alles möglich sei, wenn es den Willen zum Handeln gebe. Wenn man die Maßnahmen gegen die linksterroristische RAF zum Vergleich nehme, könne man sehen, wie tatenlos der Staat der heutigen rechten Gewalt gegenüberstehe.

Die Politik hinke der gesellschaftlichen Realität hinterher. Das Wirken von Zivilgesellschaft und Kulturinstitutionen sei daher entscheidend. Deswegen sei er heute nach Magdeburg*) gefahren, um ein Zeichen für die Zivilgesellschaft zu setzen.

*) Redaktioneller Hinweis: Anders als im Audio gesagt, handelt es sich um den Ort Magdeburg. Wir haben das korrigiert.

(rja/huc)

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